APOLLONIA-HIRSCHER-PREISVERLEIHUNG 2018

Laudatio

auf Frau Ingeborg Filipescu anlässlich der Verleihung des Apollonia-Hirscher-Preises für das Jahr 2018/Von Dieter Drotleff    

 


Zum 19. Mal wird heuer der Apollonia-Hirscher-Preis verliehen der den Namen dieser „klugen, verständigen Frau, welche gerne Almosen geben und der Armut viel Gutes erzeiget“, wie der Chronist 1547 nach ihrem Tod vermerkt, trägt. In diesem Sinn haben die Gründer vor 20 Jahren, das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt (DFDKK), die Heimatortsgemeinschaften Kronstadt und Bartholomae in Deutschland beschlossen, Personen damit zu würdigen, die sich besondere Verdiente im sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben an der Gemeinschaft erworben haben. Somit fiel berechtigt die Wahl im Vorstand des Kronstädter Ortsforums das nun gemeinsam mit der Heimatgemeinschaft der Kronstädter  in Deutschland den Preis verleiht, auf Ingeborg Filipescu, die mit ganzem Herzen sich in das soziale und kirchliche Leben seit vielen Jahren impliziert, als Seele der Gemeinschaft betrachtet werden kann, nachdem sie nun schon seit 47 Jahren Mitglied der Honterusgemeinde ist, seit 27 als ehrenamtliche Lektorin in Kronstadt und den Burzenländer Kirchengemeinden wirkt. „Lektoren im Sinne der Kirchenordnung sind vom Bischof oder dem zuständigen Dechanten  zum Predigerdienst bevollmächtige Gemeindeglieder“, heißt es in der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Innerhalb von Rüstzeiten werden die Lektoren  von Theologieprofessoren in Hermannstadt oder Michelsberg fortgebildet. Überzeugt als solche zu dienen wurde Ingeborg Filipescu vom Pfarrer Burkhard Morscher, als dieser erkrankte. Anfang natürlich auch mit etwas Lampenfieber, stellt sie sich längst selbstsicher vor den Altar und die Gottesdienstteilnehmer, bestreitet den liturgischen Teil und hält die Predigt, wenn sie Vertretungen in Gemeinden des Burzenlandes vornimmt. In Kronstadt tut sie das gemeinsam mit den anderen beiden Lektoren Uta Albert und Arthur Arvay. Dafür muss man sich vorbereiten und dokumentieren, die Predigt verfassen, und dass sind schon über 200 in ihrer diesbezüglich ehrenamtlichen Tätigkeit.  Dabei  versucht sie sich immer aus dem Leben dafür zu inspirieren. Sie hat es nicht gerne Predigten vorzulesen wenn es nicht die eigenen sind. Somit ist sie fast jeden Sonntag, und nicht nur, unterwegs, übernimmt Vertretungen vor wenn Pfarrer auf Urlaub, Dienstreisen oder sonst verhindert sind.  Fast ein ganzes Jahr hat sie die Gestaltung der Gottesdienste in Honigberg vorgenommen, sehr oft ist sie in Zeiden, Heldsdorf, Petersberg, Nussbach, Bartholome. Meist wird sie mit dem Wagen abgeholt  wenn sie außerhalb der Stadt Gottesdienste abhält, fährt aber auch mit dem Maxi-Taxi oder Bus wenn es sein muss, Gemeinsam mit ihrem Ehegatten wird sie zu den Gemeindefesten eingeladen da sie unter den Kirchengliedern auch viele Freundschaften geschlossen, Pfarrer, Kuratoren, Presbyter kennengelernt hat, bestens mit diesen zusammenarbeitet. Blickt sie zurück, sind es über 300 Vertretungen die sie vorgenommen hat. Sie ist immer da wenn sie benötigt wird, möchte aber nicht im Vordergrund stehen. Auch in die Diakonie ist sie impliziert, hat Hausbesuche als Zehntfrau vorgenommen, gestaltet seit Jahren die Seniorennachmittage im Altenheim Blumenau die sich besonderen Anklangs erfreuen, ist bei Veranstaltungen des Forums dabei auch wenn sie nicht direkt in dessen Aktivitäten impliziert ist. 


Ingeborg Filipescu ist in christlichem Glauben aufgewachsen  in der Familie des Prediger und Lehrers Georg Mitter und der Mutter Rosa in Petersberg, wo sie am 31. Oktober 1935 geboren wurde. Getauft und konfirmiert in der Heimatgemeinde, verbrachte sie da eine glückliche und unbeschwerte Kindheit wie sie selbst in ihrem verfassten Lebenslauf festhält. Ihre Eltern sind von schweren Schicksalsschlägen nicht verschont geblieben. Durch die 1934 verzeichnete Scharlachepidemie verloren sie zwei  Töchter im Alter von zwei bzw.  acht Jahren. Die schwer geprüfte Mutter konnte von den zwei älteren Söhnen Kurt und Heinz nicht getröstet werden. Die Folge war eine schwere Depression bis Ingeborg auf die Welt kam  und für die gesamte Familie zum Geschenk Gottes wurde.
Es folgten die Wirren des Zweiten Weltkrieges durch die auch Familie Mitter auch betroffen wurde. Die beiden erwachsenen Brüder wurden eingezogen, um für Deutschland zu kämpfen. Als Student in Berlin  musste der ältere Bruder sich dieser Maßnahme fügen und verlor leider sein Leben an der Front. Der andere Bruder geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte erst nach neun Jahren heim. So wie zehntausende unserer Mitmenschen, wurde auch der Vater 1945  nach Russland deportiert. Die Mutter mit der zehnjährigen Tochter und der Großmutter blieben da unter den schweren Lebensbedingungen zurück. Die ersten Grundschulklassen besuchte Ingeborg in Kronstadt, und anschließend das Mädchen-Gymnasium, wie es der Vater der Mutter ans Herz gelegt hatte, die Tochter nicht von der Schulausbildung in der Stadt unter der Zinne zurückzuziehen.  Die Mutter arbeitete in der Abwesenheit des Vaters, um die nötigsten Lebensvoraussetzungen zu schaffen.  Als todkranker Mensch kehrte der Vater nach zwei Jahren aus Russland zurück wo er schwer gearbeitet hatte. Somit konnte die Tochter nicht mehr ihrem Wunsch nachgehen , ein Medizinstudium zu beginnen, und war genötigt nach vier Jahren Honterusschule  eine praktische Ausbildung zu folgen, um auch zum Unterhalt der Familie beizutragen. Sie besuchte die Technische Schule für Architektur und Bauwesen und wurde 1953 als beste Absolventin  zum Kronstädter Projektionsinstitut zugeteilt. Hier lernte sie  auch Dipl.-Ing. Alexandru Filipescu kennen und heiratete ihn im Jahre 1963. Die langjährige Ehe steht nach über 50 Jahren, auch heute unter Gottes Segen.
Bis 1972 gehörte sie der Petersberger Kirchengemeinde an, dann wurde sie Mitglied der Honterusgemeinde, wo sie zahlreiche ehrenamtliche Aufgaben mit Hingabe erfüllt.  Anfangs im Kirchenrat der Blumenauer Kirche, dann in der Gemeindevertretung der Honterusgemeinde, im Presbyterium, als Kirchenmutter nach 2010, als Kirchenlektorin ab 1992 nachdem sie 1990 in den  Ruhestand von der Projektabteilung der Nationalen Straßenbaugesellschaft getreten war.
Mit Hingabe und Optimismus widmet sie sich seit Jahren nicht nur in der Honterusgemeinde allen geistlichen und sozialen Aufgaben, auch wenn sie selbst nicht Schicksalsschlägen verschont geblieben ist, hat besondere Freude an der Feier des Muttertages oder Erntedankfestes, besonderes wenn sie selbst diese gestaltet oder als Gast dazu eingeladen ist. Stets schweben ihr die Worte Dietrich Bonhöffers vor: „Und reichst du uns den schweren Kelch/den bitteren des Leides,/ gefüllt bis an den höchsten Rand,/ so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern,/aus der guten und geliebten Hand./Doch willst du uns noch einmal Freude schenken/an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,/dann wollen wir des Vergangenen gedenken,/und dann gehört dir unser Leben ganz.

Kronstadt, 6. Mai 2019