Bartholomäusfest 2026
11.09.26
Vortrag der Kunsthistorikerin Corina Dovids
Liebe Gemeinde,
heute richten wir unsere Blicke auf den Hochaltar unserer Kirche, in dem Versuch ein besseres Verständnis über die Aussage dieses auf uns gekommenen sakralen Vermächtnisses zu erlangen und über die Auswahl des zentralen Spruchs “Die Wahrheit wird euch frei machen” und der übermittelten Botschaft, zu erlangen. Wir versuchen die Absicht der Gemeinde als Auftraggeber zu verstehen, als sie 1791 Tischlermeister Biegler den Auftrag erteilte, einen neuen Altar für die Kirche zu errichten. Im Zuge der Umbaumaßnahmen im 18. Jahrhundert wurde die Orgel aus dem Altarraum entfernt und auf die neu errichtete Empore gebracht. Die Situation im Altarraum vor dem Umbau, können wir uns heute so ähnlich wie den Altarraum in Weisskirch vorstellen, wo die Orgel über dem Altar thront. In Bartholomae war es durch die Versetzung der Orgel auf die Empore möglich, mehr natürliches Licht im Altarbereich einströmen zu lassen. Es handelt sich um den Wandel von der seit dem Mittelalter bestehenden wichtigen Rolle der Musik in der Liturgie zum neu aufkommenden Illuminismus. Über der Altarmensa erhebt sich der Sockelbereich mit der Inschrift “Die Wahrheit wird euch frei machen" aus dem Johannesevangelium. Dadurch ist dem tragenden Sockel die zentrale Rolle als stützende Kraft für die freistehenden Säulen und Nischen zugeschrieben. Die seitlichen Enden des Sockels sind unter dem äußeren Säulenpaar als eingerollte Voluten einer antiken Schriftrolle nachempfunden. Sie verbildlichen damit die stützende Kraft und wortwörtlich tragende Rolle der Schrift. Im Gegensatz dazu sind die Postamente der inneren Säulen unter dem Gewicht der mittleren Nische mit der Kreuzigung Christi deutlich gestaucht. Die tragende Kraft und das Gewicht heben sich gegenseitig auf und betonen den transzendentalen Charakter des gesamten Altars, der als Ebenbild einer spirituellen Ebene hier als Darstellung geboten wird. Die freistehenden Säulen um die gerahmten Nischen zeigen eine an antike Triumphbögen angelehnte Formensprache. Es ist die Zeit, aus der uns die Texte und Berichte über das Leben Christi und seiner Jünger überliefert sind. Die vier lebensgroßen Figuren der Evangelisten treten aus diesen Nischen hervor und lassen uns an einer heiligen Szenerie um den Gekreuzigten Christus teilhaben. Sie erscheinen in langen Gewändern mit reich vergoldeten Umhängen. In den seitlichen Nischen wirken Lukas und Matthäus über die aufgeschlagene Schrift nachsinnend, während Johannes und Markus in der mittleren Nische in einem Dialog begriffen zu sein scheinen. Die Evangelisten sind von ihrem jeweiligen Symboltier begleitet. Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler. Johannes, der gleichzeitig Jünger und Apostel Jesu war, hält den Abendmahlskelch und das Evangelium. Der Abendmahlskelch symbolisiert ebenso wie die Darstellung des Christus am Kreuz, das dargebrachte Opfer für die Menschheit.
Durch das Abendmahl und den Kelch wird auf die Verbindung zwischen dem Gekreuzigten Christus und der Gemeinde eingegangen. So richtet Johannes seinen Blick nach unten in den Kirchenraum, in dem gemeinsam das Abendmahl gefeiert wird. In der zentralen Nische über dem Gekreuzigten wiederholen eingerollte Ranken das Motiv der seitlich tragenden Voluten des Altars und sind durch vergoldete Festons zu einer festlichen Schleife verbunden. Es handelt sich um eine Anlehnung an das antike Motiv des Siegesknoten und steht für Kraft, Schutz und eine unlösbare Verbindung. Die Dornenkrone schmückt den Bereich am Übergang der Säulen in die nächste, lichtdurchflutete Ebene, in der das wachsame Auge Gottes im Dreieck der heiligen Dreifaltigkeit schwebend erscheint. Sie symbolisiert die Allgegenwart Gottes und die Einheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist. Ein goldener Strahlenkranz umgibt das Auge Gottes und verkörpert das göttliche Licht, das durch die Lanzettfenster in den Chorraum einfällt und den Altar umhüllt. Die Goldfarbene Fassung der Säulenkapitelle, die vergoldeten Umhänge der Evangelisten das Lendentuchs Christi sowie die Vergoldung in der Girlanden und das Muschelwerk der Nischen setzen sich bis nach unten, im Bereich des tragenden Sockel fort, wo mit goldenen Buchstaben der Spruch “Die Wahrheit wird euch frei machen” erscheint. Diese Vergoldung veranschaulicht die Allgegenwart des göttlichen Lichts und ist nicht nur als reines Ornament zu verstehen. Sie ist eine Einladung dem Licht Gottes und somit der im Sockel zitierten Wahrheit zu folgen. Das Licht und die goldfarbene Fassung der Details können wir als Brücke zwischen Himmel und Erde verstehen. Die Farben der Gewänder der 4 Evangelisten strahlen wie ein Echo über und hinter dem Altar, wo sie die Säulen und Gewölbegrate des Chorraums einfärben. Diese Farben haben ebenfalls eine liturgische Bedeutung und werden vor uns durch das göttliche Licht sichtbar. Rot steht für das Blut, Grün für die Hoffnung, Violett für die Buße.
Ausgerichtet auf die Bedeutung des zentralen Spruchs “Die Wahrheit wird euch frei machen” wurde hier ein stimmiges Gesamtkonzept in Szene gesetzt. Das kostbare Wissen, das uns die Evangelien übermitteln, über ein gut geführtes Leben, frei von Schatten und Finsternis, wie durch Überwindung von Unwissen, Angst und Tod, der Bedeutungslosigkeit im Leben entkommen kann. Es ist eine Einladung zum vertrauensvollen Umgang miteinander, in Güte und Zuneigung einander zu begegnen und wahre Fülle gemeinsam zu kultivieren. Sich über den Reichtum der Gemeinde zu erfreuen, welches die Gemeindemitglieder selbst darstellen und durch Pflege und Sorge füreinander diesen Reichtum zu erhalten und über Generationen weiterzureichen. Dieser Gedanke wird in den reich mit Blumen geschmückten Vasen sichtbar, in denen der Altar gipfelt. Durch vergoldete Weinranken erinnert es erneut an das dargebrachte Opfer Christi und die Verbindung zur Gemeinde im heiligen Sakrament des Abendmahls, ein Zeichen von Gottes Liebe und Vergebung.
Auszug aus den Lübecker Christusklagen:
Ihr nennt mich Wahrheit und glaubt mir nicht
Ihr nennt mich Weg und geht mich nicht
Ihr nennt mich Meister, so fragt mich doch
Ihr nennt mich Licht so seht mich doch
Es muss erwähnt werden, dass die Bartholomäer Gemeinde erst 1862 die Abspaltung von der Schwarzen Kirche gelang, dadurch sind der Altar und das Bildprogramm vermutlich ein Ergebnis der Gemeinde um die Schwarze Kirche. Der leicht vorspringende Mittelteil und die dadurch geschwungene Linie im Grundriss sowie der Einsatz von Stuckmarmor und die Inszenierung der Figuren, die an ein Theatrum Sacrum erinnern, erlauben uns den Altar als ein spätbarockes Werk einzuordnen. Die Figuren der Evangelisten und des gekreuzigten
Christus zeigen eine grosse Nähe zu den Figuren in der Obervorstädter Kirche, die heute, laut Herrn Dr. Ziegler, die geschnitzten Figuren aus dem VorgängerAltar der Schwarzen Kirche beherbergen.
Foto: Der Hauptaltar der Bartholomäer Kirche in Kronstadt stammt aus dem Jahr 1791. Er wurde nach dem schweren Erdbeben von 1822 in seiner heutigen, klassizistischen Form umgestaltet.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
11.09.26
Interview mit Honterus-Absolventin Brunhilde Böhls
[mehr...]
11.09.26
Das Burzenland als Wiege des Baumstriezels (II)
[mehr...]



