„Die größte Aufgabe des Jugendforums ist, identitätsstiftend zu wirken“
28.03.25
Interview mit der Kulturmanagerin Petra A. Binder
Das Demokratische Forum der Deutschen in Kronstadt hat seit Januar eine neue Jugendreferentin. Petra A. Binder, die unseren Lesern durch ihre vielen Projekte im Bereich Jugendarbeit bekannt ist, kommt mit einem beeindruckenden Lebenslauf, der von viel Hingabe und Erfahrung zeugt. Über die persönlichen Hintergründe zu diesem neuen Anfang als Leiterin des Jugendforums sprach sie mit der KR-Redakteurin Cristina Ciubotaru.
Was begleitet Dich heute aus den Kindheits- und Schuljahren in Deiner Arbeit?
Alles hat bei mir mit dem Tanzen angefangen: Ballettunterricht, rhythmische Gymnastik, Canzonetta-Ensemble. Die Kronstädter Choreographin Iolanda Popescu hat früh angefangen, mich in die Aufführungen als Solotänzerin einzubringen. Spätestens ab dann waren die Bühne und die Arbeit dahinter immer mein Begleiter.
Dazu sind meine Familie, mein geistlicher und geschichtlicher Hintergrund sehr wichtig. In diesem Bereich spielt Geschichte eine große Rolle. Ich bin zum ersten Mal ins Honterus-Archiv gegangen, als ich mich auf meine Arbeit für das Deutsche Sprachdiplom vorbereitete. Viele Türen haben sich für mich durch die Begegnungen im Archiv geöffnet - mit Inhalt und Ideen aber auch mit den Menschen von dort.
Springe bitte direkt von diesen Anfangsjahren bis zur neuesten Aufführung des Jugendforums – die Interpretation zu den Schildbürger-Texten.
Alles was ich in den Anfangsjahren erlebt und gearbeitet habe, hat sich natürlich und schön während der Studienzeit mit Literatur und dann - dank meiner Schwedisch-Professorin an der Germanistik Abteilung der Philologischen Fakultät in Bukarest, Carmen Vioreanu - auch mit Theater verknüpft.
Deshalb folgte dann auch ein Masterstudium für Szenisches Schreiben an der Bukarester Theater- und Filmuniversität und eine Doktorarbeit, die Theater und Literatur verbindet.
Alles bewegt sich bei mir nun im kreativen Raum um Literatur, Geschichte und Theater. Und um meine multikulturelle Heimatstadt, in der ich weiterhin lebe und in der ich gerne wirke - übrigens eine Wirkung in der ich zur Zeit auch meinen Sinn sehe, denn meine Wurzeln sind hier.
Mit welchem Wort würdest Du “multikulturell” in Verbindung bringen?
Multi- und plurikulturell ist für mich gleich mit Musik. Viele Instrumente, viele Melodien, die getrennt nicht gleich wären, ergeben ein harmonisches Ganzes.
Wusstest Du schon immer, dass Dein Leben an Kultur anknüpfen wird?
Ja, alle Bereiche, die an die Wechselbeziehung zwischen Identität und Kultur angrenzen sind für mich interessant. Ich kam aber zu dem, was ich jetzt mache, eigentlich ganz natürlich. Meiner Ansicht nach kommt man immer dort an, wo man sein volles Potential auswerten kann, wenn man das, was jetzt einem gerade bevorsteht, so gut macht, wie man nur kann und ganz ehrlich im Prozess bleibt.
Wann bist Du in den Bereich Jugendarbeit eingestiegen?
Eigentlich während meiner Zeit als Mitglied der Honterusgemeinde. Hauptsächlich nahm ich an Projekten der Jugendarbeit teil und dort, nachdem ich selbst älter wurde, wirkte ich auch bei der Organisation und Durchführung von Aktivitäten mit. Ernster wurde es dann, als ich während des Lyzeums Chefredakteurin bei der Jugendzeitschrift des Forums wurde und während des Studiums, als ich im Kindergarten und Afterschool arbeitete.
Warum hast Du den Job als Jugendreferentin beim Forum angenommen?
Ich war eigentlich schon immer im Forum. Durch Canzonetta habe ich von den Aktivitäten des Forums erfahren. Nach der ehrenamtlichen Arbeit als Chefredakteurin der Zeitschrift „Clique", war ich ehrenamtlich Stellvertretende des Jugendforums. 2016 war ich für sechs Monate, selbst IFA Kulturassistentin und habe dann ab 2017 die Theatergruppe der Honterianer übernommen, die sich PUN©HT nannte und vom Forum finanziert wurde. Diese Theatergruppe habe ich bis 2020 koordiniert.
2020 gründete ich meinen eigenen Verein „Zur Zeit : Kultur“/ „Cu timp pentru cultura", mit dem ich mich sowohl in die deutsche als auch in die rumänische Kultur einbringe. Ich schreibe hauptsächlich Bildungsprojekte, ersuche Finanzierungen und führe die Projekte dann selbst auch durch. Nun hat man den Belang solcher Arbeit mit der Jugend beim Forum prioritisiert und so ist das Angebot entstanden. Die Aktivitäten des Vereins und des Forums sind allerdings vom Profil her und vom Engagement der Teilnehmer unterschiedlich.
Ich stellte fest, dass es für mich die richtige Art ist, der Gemeinde etwas zurückzugeben. Manche sagten mir, es sei Idealismus; Ich denke, es könnte vielleicht einen Pluswert für die Gemeinschaft bringen.
Was für Projekte wurden vor Dir durchgeführt und was möchtest Du als Jugendreferentin leisten?
Vor mir gab es kurz eine Jugendreferentin und dann eine längere Pause. Ich musste jetzt im Januar alles von Null anfangen. Davor gab es Aktivität, aber nur ehrenamtlich koordiniert.
Was ich bringen möchte, sind die moralischen Werte, wie veraltet oder klischeehaft das auch klingen mag. Die deutsche und die rumänische Welt vertragen sich miteinander und können sehr gut verbunden werden. Das begleitet mich.
Immer steckt Absicht und Inhalt hinter dem, was ich tue. In der heutigen Kunst arbeitet man leider viel mit schockierenden Elementen. Ich wünsche mir aber soweit wie möglich authentische Katharsis.
Welches sind die größten Herausforderungen an Jugendarbeit im Forum?
Schwer ist es, etwas Anziehendes zu bieten, das von der üblichen Typologie abzuweichen wagt. Es soll Substanz zu den Anliegen der deutschen Minderheit bieten und trotzdem anziehend bleiben. Auch wenn es von den Teilnehmern ein bisschen mehr Arbeit verlangt und mit Geschichte, Kultur und Sprache verbunden ist (und nicht nur mit Pizza und Party), soll man gerne kommen. Da muss ich als Referent sehr einfühlsam sein und die entsprechende Vorarbeit leisten, um spontan bleiben zu können.
Was ich letztendlich will ist, die Jugendlichen zu überzeugen, dass man mit Gottesfurcht und Nächstenliebe auch heutzutage leben kann. Ich möchte ihnen beibringen, ihre Sensibilität kreativ zu pflegen und Werte, die sich eben auch aus der siebenbürgisch-deutschen Sittlichkeit ergeben, nicht zu verachten.
Wie viele Mitglieder hat das Jugendforum heute?
Wir haben erst angefangen. Vorläufig haben wir keine Mitglieder aus den Ortschaften in der Nähe Konstadts, keine Studenten und keine jungen Erwachsenen. Die meisten Jugendlichen kommen aus den Kronstädter Schulen. Es sind allerdings sehr gute Schüler.
Erst waren es neun Mitglieder und nun, nach dem Fasching, wollten sich auch andere einschreiben. In den nächsten Tagen werden wir sehen, wie viele auch wirklich kommen.
Kann sich die Jugend auch an Politik beteiligen?
Wir führen viele Gespräche zu diesem Thema. Vorkenntnisse und Meinungen gibt es natürlich und die Jugendlichen sind teilweise sehr informiert. Mit mir werden selbstverständlich vielfältige und auch komplizierte Aspekte aus der Politik vertieft und auch inhaltlich bearbeitet. Ich stehe aber dazu: ich mache keine Politik. Eventuell kann ich für die vermitteln, die das aus eigener Initiative beanspruchen, dass sie sich an die Wahlkampagnen beteiligen dürfen.
Woran arbeitet ihr jetzt und was steht für die weitere Zukunft an?
Unser Anliegen ist es, bereits vorhandene Veranstaltungen zu ergänzen. Vom Konzept her, wünschen wir uns nicht Konkurrenz zu sein und meiden stereotype Veranstaltungen, die eher schlechte Werbung für uns wären. Wichtig ist, dass die jungen Mitglieder ihre Initiativen durchzusetzen. Allerdings wünsche ich mit mehr als nur Filmabende, ich möchte Inhalt und ein bisschen Herausforderung.
Der Fasching war unser erstes Projekt, denn diese Feier hat mit Tradition zu tun. Wir haben hinsichtlich auch ein bisschen recherchiert. Andere Aktivitäten werden diskutiert. Im selben Trend (weniger akademisch, eher offen und einladend) stehen weitere drei Projekte fest: ein Schreibwettbewerb, eine Aktion für den Handarbeitskreis und fünf Interviews mit Persönlichkeiten aus der deutschsprachigen Gemeinschaft in Rumänien.
Die Projekte kommen meist mit ergänzenden Aktivitäten. Z.B. für die Interviews besuchen wir die Organisationen, die mit der deutschen Minderheit zu tun haben und werden mit einem Teambuilding abschließen.
Wofür soll das Jugendforum bekannt werden? Welche ist seine Aufgabe?
Weil wir uns an die deutschsprachige Gemeinschaft und ihren Sympathisanten wenden, wollen wir eine gute Beziehung zum deutschsprachigen Unterricht. Das ist ein wichtiges Anliegen des Forums.
Deshalb würde ich auf Anhieb zusammenfassen, dass das Forum dafür bekannt ist, dass man Sprache, Geschichte und Kultur in Gemeinschaft und im authentischen inhaltlichen Kontext erleben kann. Also nicht nur als ein Unterrichtsfach, sondern auch konkret, als Gemeinschaftsgefühl.
Junge Menschen sollen weitere Zusammenhänge selbst erleben, bzw. neue Interessen entdecken und Fähigkeiten entwickeln. In diesem Sinne ist die Hauptpflicht und die größte Aufgabe des Jugendforums, identitätsstiftend zu wirken.
Hol bitte drei Sachen aus Deiner Tasche heraus und sage, wie sie sich an Deine Aktivität anknüpfen.
Ein Foto von meinen Kindern, weil Familie und Identität für mich wichtig sind und weil ich mit Kindern arbeite, denen ich ein Zugehörigkeitsgefühl mitgeben will. Ein Kugelschreiber, der mich immer begleitet, denn Wörter sind mein Werkzeug. Ein Lippenstift, der zu mir gehört. Er steht für Farbe, für Inhalt, für Feingefühl. Und als Bonus: eine Nuss. Diese steht für die einfachen, konzentrierten Werte, für Ehrlichkeit und als Kern, für den Anfang.
Vielen Dank für das Gespräch!
Für mehr Informationen über die Projekte des Jugendforums, besuchen Sie die Facebook-Seite „Deutsches Jugendforum Kronstadt“ und www.cutimp.ro.
Petra A. Binder liebt ihre Heimatstadt Kronstadt. Foto: Cristina Ciubotariu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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