Die letzte Entscheidung von heute (II)
03.07.26
Im Frühling dieses Jahres hat in Kronstadt die Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache stattgefunden. Die Karpatenrundschau in den nächsten Nummern die Aufsätze der Schüler, die bei der Deutscholympiade mit Preisen ausgezeichnet wurden.
In dieser Nummer lesen Sie den zweiten Teil des Aufsatzes von Noah Nistolescu aus der XII. Klasse des Lenau-Nationalkollegs in Temeswar, der den 1. Platz erhielt. Thema war: „Was wir heute tun entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“.
„Aber etwas stimmt nicht“, brummte Konrad, während er auf die Papiere auf seinem Bürotisch schaute.
„Es ist nicht unser Job, sicherzustellen, dass alles stimmt. Wir müssen den Täter finden. Das sagt das Gesetz. Das ist alles, was wir machen müssen. Warum der Dieb dies oder das tut, geht uns nichts an. Oder was mit ihm in der Zukunft passiert. Alles ist die Gegenwart. Jeden Tag, den Täter finden, die Diebe entlarven. Was am nächsten Tag passiert, ist egal. Darüber müssen wir nicht nachdenken. Heute den Dieb finden und festnehmen, morgen wieder dasselbe, und so weiter. Wir sind Polizisten, Konrad! Das ist unser Job. Also guck nicht mehr so düster, und geh, entspann dich ein bisschen. In ein paar Stunden haben wir den Verbrecher. Und denk nicht mehr so viel nach, du verdirbst dir nur den Spaß. Lebe in der Gegenwart, lebe heute, und denk nicht mehr an morgen!“
„Aber was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“, erwiderte der alte Kommissar flüsternd, doch Viktor hörte nicht mehr zu. Er hatte das irgendwo gelesen, aber er wusste nicht mehr, wo.
„He, alter Falke, hier bin ich!“
Konrad war so in Gedanken versunken, dass er Magnus erst mal gar nicht bemerkte. Er wartete schon am Schachtisch, mit den Schachfiguren schon fertig aufgestellt. Magnus war ein kleiner Mann, mit einem runden Gesicht, warmen Augen und einem breiten Lächeln. Als Konrad ihn sah, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Magnus war nicht älter als 25 und redete sehr viel. Er nannte sich Schriftsteller, hatte aber noch kein Buch veröffentlicht. Konrad hatte keine Ahnung, wie er genug Geld fürs Leben hatte – er vermutete, dass er noch Geld von seinen Eltern bekam, aber falls das wirklich stimmte, war Magnus zu stolz, um es zuzugeben.
„Fortschritt mit dem Buch?“, fragte Konrad, als er sich zum Tisch setzte.
„Mh... na ja. Weißt du, man muss wirklich eine brillante Idee finden, um zu beginnen. Sonst wird man als Schriftsteller nicht erfolgreich.“
Der alte Kommissar musste lachen, und Magnus lachte mit.
„Na, wenn du so meinst“, erwiderte Konrad.
Sie begannen zu spielen, doch Konrad konnte sich nicht konzentrieren. Obwohl Magnus fast nie gewann, schaffte er es irgendwie, die Schachpartie zu gewinnen.
„Du siehst müde aus, alter Falke. Und nicht gut gelaunt. Was ist?“
„Ach, nur so ein merkwürdiger Fall. Keine Ahnung...“
Schweigend sah sich Magnus eine davonfliegende Taube an.
„Na, ich weiß nicht was genau passiert ist“, begann er. „Aber als Schriftsteller muss man immer sicher sein, dass das, was bleibt, gut ist. Auch nachdem man tot ist. Deswegen wird man Schriftsteller. Weil das, was man schreibt, bleibt. Aber nicht nur das, was geschrieben wird, sondern alles. Alles was wir tun, bleibt irgendwie. Es verändert die Welt, auch wenn man es nicht merkt. Ich denke, bei den Polizisten ist es genauso.“
Konrad wirkte nachdenklich. So hatte er Magnus noch nie reden gehört. Sie verabschiedeten sich nach einer Weile, und der Kommissar ging langsam nach Hause. Es war wirklich kalt.
Auf der Brücke blieb er stehen, und schaute den Fluss hinunter. Er spuckte über das rostige Geländer, wie er es immer tat. Magnus war weise, das wusste er. Er dachte nach, und wurde sich bewusst, dass sein „heute“ bald zu Ende sein würde. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Ja, wichtig war, was er heute tat, weil es die Welt veränderte und bestimmte, wie sie morgen aussehen würde. Nicht weil es sein Job war, oder weil es das Gesetz so sagte. Dann ging er weiter.
Ein paar Straßen vor seiner Wohnung sah er etwas und blieb abrupt stehen. Könnte es wirklich dasselbe sein? Ein graues Moped, vor einem Wohnblock geparkt. Konrad musste es herausfinden. Er klingelte an der ersten Wohnung und die Tür öffnete sich. Nachdem er die alte Frau begrüßte, fragte er sie, zu welcher Nummer das Moped gehörte. „Nummer 8“, sagte sie, also ging Konrad zur Nummer 8.
Er klopfte mit pochendem Herzen an die Tür und lauschte. Dann hörte er ein paar Schritte, und die Tür öffnete sich.
Ein junger Mann, ungefähr 20, stand vor ihm. Wie ein Einbrecher sah er nicht aus.
„Konrad Falke, Polizei“, stellte er sich vor.
Der Junge sagte eine Weile nichts.
„Werde ich verhaftet?“
Der Kommissar räusperte sich.
„Gibt es einen Grund, Sie zu verhaften?“
Der Junge seufzte traurig.
„Ich sage ja schon alles...“, erwiderte er mit zitternder Stimme. „Wenn Sie wollen, können Sie hereinkommen.“
Der Junge hatte nur ein paar Stücke Möbel und ein paar Bücher.
„Ja, ich bin der Einbrecher, den Sie suchen“, gab der Junge einfach zu.
„In Herrn Sturms Antikladen?“
„Ja.“
Konrad wusste nicht, was er sagen sollte.
„Wa-... Warum?“, stotterte er.
„Ich brauchte das Geld. Drei Monate habe ich bei Herrn Sturm gearbeitet, aber ich hatte keine Dokumente. Er sagte, sie wären nicht nötig, und ich habe ihm geglaubt. 700 € pro Monat hat er mir versprochen. Was nicht viel ist, aber ich brauchte dringend Geld für meine Mutter. Sie wohnt in einer anderen Stadt und ist sehr krank. Als die Zeit kam, mich zu bezahlen, wollte es Herr Sturm einfach nicht tun. Ich konnte nicht beweisen, dass ich wirklich bei ihm gearbeitet habe, da mich keine Käufer sahen – ich arbeitete im Lager des Geschäfts. Ich war verzweifelt und dann habe ich mich entschieden, einfach einzubrechen. Den Code zur Kasse kannte ich, und ich wusste, dass die Alarmanlage kaputt war. Sehr schwer war es nicht. Ich habe nur das gestohlen, was er mir versprochen hat. Mehr nicht. Ich weiß, dass es eine schlechte Idee war.“
Konrad schwieg.
„Wie heißt du?“
„Max.“
Max's Augen waren nass. Fast weinte er.
Konrad dachte nach. Ja, der Bursche sagte tatsächlich die Wahrheit. Er konnte sie kaum glauben, aber es war die Wahrheit. Jetzt machte alles Sinn. Er wusste auch, dass er es nicht gesetzlich beweisen konnte, dass er die Wahrheit sagte. Was sollte er tun?
„Nun“, murmelte der alte Kommissar. „Geh schon. Nimm das Geld und geh zu deiner kranken Mutter. Mein Heute ist schon vorbei, aber das ist ja egal, weil mein Heute beeinflusst dein Morgen. Wie alt bist du? 20?“
„21“, sagte Max schluchzend.
„Na, geh schon. Nimm ein Taxi, nicht dein Moped. Auf Wiedersehen, Max.“
Konrad saß in Max's Sessel. Der Junge war schon weg. Er wusste, dass die Polizei bald da sein würde, und ihn verhaften würde, weil er einem Verbrecher geholfen hatte, zu fliehen. War es wirklich die richtige Wahl? Ja, Konrad spürte es. Weil das, was er tat, wichtig war, weil es darüber entschied, wie die Welt morgen aussehen würde, nicht aus anderen Gründen. Und was, wenn man heute beginnt an morgen zu denken? Sein Heute war zu Ende, aber Max's Heute begann erst. Er musste dafür sorgen, dass die Welt morgen besser aussieht, auch wenn es eine nicht bequeme Entscheidung war.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
03.07.26
Aufsatz von Olympiade-Gewinner Noah Nistolescu
[mehr...]
26.06.26
Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche
[mehr...]


