Ein Fest zwischen Erinnerung und Zukunft
14.08.26
Die 14. Kulturwoche Haferland brachte rund 10.000 Menschen in die siebenbürgisch-sächsischen Dörfer
Schon einige Monate vor Beginn der Kulturwoche Haferland haben wir gemeinsam mit Freunden Plätze im Camping „Zori” aus Klosdorf gebucht. Aus Erfahrung wissen wir, dass Anfang August in der Repser Gegend kaum noch eine Unterkunft zu finden ist.
Tausende Menschen kommen dann aus Rumänien, Deutschland, Österreich, England und anderen Ländern in die siebenbürgisch-sächsischen Dörfer. Manche sind Touristen, andere Ehrengäste, andere kehren für einige Tage in die Dörfer ihrer Kindheit oder ihrer Vorfahren zurück. Die Kulturwoche Haferland, die von der Michael Schmidt Stiftung in Zusammenarbeit mit der Tabaluga/Peter Maffay Stiftung veranstaltet wird, will die Kultur und Traditionen der Siebenbürger-Sachsen erhalten und weiterführen und zugleich den Tourismus der Region zwischen Kronstadt und Schäßburg fördern.
In diesem Jahr fand das Festival zwischen dem 6. und dem 9. August in Arkeden, Keisd, Hamruden, Reps, Deutsch-Kreuz, Radeln, Meschendorf, Klosdorf, Bodendorf und Deutschweißkirch statt. Rund 10.000 Gäste besuchten, so die Organisatoren, die 60 Veranstaltungen, die unter dem Motto: „Sehnsucht nach Siebenbürgen“ standen.
Viele von ihnen sind Sommer-Sachsen, sie kehren regelmäßig zurück. Ihre Anwesenheit ist ein Teil dessen, was das Festival ausmacht. Geschäftsmann Michael Schmidt nannte diese Wiederkehr „eine dynamische Tradition, die das Leben der sächsischen Gemeinschaften im Haferland und darüber hinaus fortführt und das gemeinsame kulturelle Erbe bereichert“.
Haferlandwoche im Camping
Im Hof des ehemaligen evangelischen Pfarrhauses in Klosdorf, wo das Camping „Zori“ seit sechs Jahren funktioniert, stehen zwei Wohnmobile mit deutschen Kennzeichen.
Frau Renate lebt seit Jahrzehnten in Deutschland, kehrt mit ihrem Mann jedoch so oft sie kann in ihr Heimatdorf zurück. Die Haferlandwoche ist eine gute Gelegenheit dafür. Denn so hält sie die Beziehung zu ihrer Heimat aufrecht und trifft alte Bekannte: manche von ihnen sind geblieben, andere ausgewandert.
Auch Frau Caroline, gebürtig aus Bodendorf, hat es wieder zum Festival geschafft. Sie ist ebenfalls ausgewandert, lässt sich aber keine Gelegenheit entgehen, ins Dorf ihrer Großeltern zurückzukehren.
Die beiden Frauen und ihre Ehemänner sitzen zusammen auf dem Campingplatz und erinnern sich an alte Zeiten in Siebenbürgen, erzählen aber auch von ihrem Leben in Deutschland.
Andere Gäste stellen ihre Zelte auf. Kinder laufen durch den gepflegten Hof, während sich Eltern im kühlen Schatten unterhalten.
Einsatz für die Gemeinschaft
Florentina Călugăr, die den Campingplatz leitet, ist auch in der Frauennachbarschaft aus Keisd engagiert und fährt ins nahe gelegene Dorf, wo ein volles Programm im Rahmen der Haferlandwoche angeboten wird.
Dutzende Touristen steigen in der prallen Sonne den Weg zur restaurierten Burg aus dem 14. Jahrhundert hinauf. Schon von Weitem ertönen Musikklänge, die Band Original Karpaten-Express aus Deutschland spielt Blasmusik.
Jugendliche aus dem Dorf führen durch das Baudenkmal und zeigen Interessenten Schritte mittelalterlicher Tänze. Wir tanzen im Kreis mit vielen Touristen, drei Schritte nach rechts, drei nach links, drei nach vorne und drei nach hinten und kriegen einen Hauch von Vergangenheit mit. Auch beim Bogenschießen und Flechten von Blumenkränzen machen viele begeistert mit.
Zur Mittagszeit werden Decken im Schatten der Burgmauern ausgebreitet. Für das kulturelle Picknick haben Frauen aus Keisd Körbe mit Käse, Wurst, Zakuska, feiner Marmelade, die in Keisd oder der Umgebung hergestellt wurden, sowie Früchtekuchen vorbereitet. Mit dem Erlös wird die Frauennachbarschaft die Gemeinschaftskantine unterstützen, die den Dorfkindern während der Schulzeit eine warme Mahlzeit bietet.
Auch andere lokale Initiativen freuen sich während des Festivals auf mehr Kunden und Sichtbarkeit und werden zu Treffpunkten für Menschen, die sich sonst wahrscheinlich nie begegnen würden. So auch das Teehaus „Tei“ (Linde) am Fuße des Hügels in Keisd, wo das Paar Marianne Csakli und ihr Mann Hadrian Marcu erfrischende hausgemachte Sirupe, Spezialitätenkaffe und Hanklich anbieten. Eine Verschnaufpause in ihrem wunderschönen Garten ist immer eine gute Idee, vor allem, weil man dort immer interessante Leute aus aller Welt trifft.
Autogrammstunde mit Nadia Comăneci
Eines der Highlights des Festivals war das Treffen mit Nadia Comăneci. Die ehemalige Kunstturnerin und weltweites Symbol des Spitzensports erlangte vor 50 Jahren bei den Olympischen Spielen in Montreal die erste 10 in der Geschichte des Kunstturnens.
In diesem Jahr war sie gemeinsam mit Mircea Abrudan, Senatspräsident Rumäniens, Schirmherrin der Haferlandwoche. Sie verbrachte einige Tage in den siebenbürgischen Dörfern und zeigte sich beeindruckt davon, wie hier die Wurzeln, Traditionen und das Kulturerbe der Siebenbürger-Sachsen respektiert und fortgeführt werden.
Bei ihren Treffen mit Fans aller Alterskategorien sprach sie über Leidenschaft, Ausdauer und Willenskraft: „Diese Leidenschaft, diesen Mut und die Motivation, zu wissen, dass man nicht an einem bestimmten Ort geboren sein muss, um der Beste zu sein, lernen unsere Kinder und geben sie weiter. So wird das Erbe bewahrt.“
Auch der kurze Ausschnitt aus Tudor Giurgius Dokumentarfilm „Nadia. The Perfect Ten“ (Nadia. Die perfekte Zehn) wirkte inspirierend auf die zahlreichen Zuschauer. Der Film ist noch in Arbeit und soll nächstes Jahr fertiggestellt werden.
Dutzende Fans standen geduldig Schlange für ein Autogramm und ein Foto mit der Sportlegende. Einige junge Fans ließen ihre T-Shirts oder Kappen unterschreiben und planen, das Erinnerungsstück einzurahmen.
Wiedereinweihung der Kirche in Deutsch-Kreuz
Am Sonntag, dem 9. August, stand Deutsch-Kreuz im Mittelpunkt der Kulturwoche. Zur Wiedereinweihung der Kirche kamen so viele Menschen zusammen, dass manche den Gottesdienst auf Bildschirmen im Innenhof der Kirchenburg verfolgen mussten. Unter den Anwesenden waren zahlreiche Siebenbürger-Sachsen aus dem In- und Ausland, Politiker aus unterschiedlichen Ländern, Vertreter bedeutender Institutionen, ein orthodoxer Pfarrer sowie Touristen und Einheimischer.
In seiner Predigt zeigte sich Bischof Rainhard Guib erfreut und dankbar darüber, dass die Kirche frisch renoviert wurde und dass Sachsen, Rumänen, Ungarn und Roma alle diesen Moment gemeinsam feiern.
Er wünscht sich weiterhin betende, singende, hoffende Menschen, die die Kirche lebendig erhalten. Der Gottesdienst wurde gemeinsam mit Bischofsvikar Daniel Zikeli und Pfarrerin Christian Schöll gestaltet.
Gerade diesen Reichtum an Vielfalt, das Zusammenkommen von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnien und Konfessionen in einem kulturellen Rahmen sei, besonders in Zeiten in denen sich die Welt polarisiert, eine der bedeutenden Errungenschaften der Kulturwoche Haferland - das betonten auch zahlreiche Ehrengäste, meist Politiker, in ihren Ansprachen.
Musik, Tanz und Handwerk
Während neben den Mauern der Kirchenburgen der zehn Dörfer Workshops mit Wolle, Ton oder Holz im vollen Gange waren, sammelten sich Besucher um die Blaskapellen Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen und Original Karpaten-Express aus Deutschland. Viele Besucher filmten die Musizierenden, sangen bekannte Lieder mit oder fotografierten die schönen Trachten der Bandmitglieder.
In Deutsch-Kreuz stellt Unterstaatssekretär Thomas Șindilariu die Ausstellung „Zeitwende 1526: Zäsur und Chance“ vor. Sie erzählt von der Schlacht von Mohács und ihren Folgen, bei der die Großmacht Österreich-Ungarn zusammengebrochen ist.
Vor der Abreise vom Campingplatz, sehen wir zwei kleine blonde Mädchen. Sie sind soeben mit den Eltern mit dem Wohnmobil angereist. Die deutsche Familie ist seit fast einem halben Jahr durch Europa unterwegs und erkundet nun Siebenbürgen. Für sie ist die Haferlandwoche eine Gelegenheit, mehr über das reiche und wertvolle Kulturerbe der Siebenbürger-Sachsen zu erfahren.
Vielleicht ist es genau das, was die Kulturwoche in diesen Tagen sichtbar macht – eine Gemeinschaft, die ihre Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch weitergeben möchte.
Laura Căpățână Juller
Das Gotteshaus in Deutsch-Kreuz erlebte umfassende Innen- und Außenreparaturen: der Boden musste wegen Schimmel und Pilzbefall neu verlegt und die Innenwände und Außenwände neu gestrichen werden. Des Weiteren wurden der Turm und das Dach restauriert und die Außendrainage erneuert. Die Kirche erstrahlt dank der Michael Schmidt Stiftung mit Beteiligung der Mihai Eminescu Trust in neuem Glanz. Foto: Kulturwoche Haferland
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