Ein Kronstädter Künstler
25.09.26
Über Hermann Morres
In der Burzenländer Kunstszene kommt der Name Morres gleich zweimal vor. Die Maler Eduard Morres und Hermann Morres waren Cousins.
Eduards Vater, führender Pädagoge des deutschen Volksschulwesens später Realschullehrer und Elementarschulleiter Dr. Eduard Morres (1851-1945) und Hermanns Vater, der Lehrer, Rektor und Bartholomäer Prediger Wilhelm Morres (1849-1936) waren Brüder.
Hermann Morres kommt am 22. Mai 1885 in Kronstadt, als erstes Kind und einziger Sohn des Lehrer-Predigers Wilhelm Morres und der Julie geb. Kertsch zur Welt. Den ersten Zeichenunterricht hat er an der Kgl. Ung. Staats-Oberrealschule von seinem Zeichenlehrer Alexander Raidl erhalten. Schon als Schüler genießt er eine gediegene musikalische Ausbildung bei Paul Richter und von 1904 bis 1908 studierte er in Budapest an der Ungarischen Akademie für Bildende Künste die Malerei auf Empfehlung seines Lehrers A. Raidl um Zeichenlehrer zu werden, aber sein Wunsch und Traum war es auch akademischer Maler zu sein.
Letztendlich war er 40 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung Zeichenlehrer an der Kronstädter Mädchenschule und auch an der Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt. Bei der ev. Mädchenschule lernte er auch seine Kollegin, die Mathe, Physik und Chemie-Lehrerin Alice Muray (1884-1972) kennen die er 1913 heiratet. Er hatte mit ihr zwei Kinder, die Tochter, Roswitha verh. Dr. Keul, ebenfalls Zeichenlehrerin für kurze Zeit am deutschen Lyzeum in Bukarest und den Sohn Ewald, der in München Architektur studiert hat. In den ersten Jahren wohnten sie, als Mieter der Honterusgemeinde, in der Waisenhausgasse Nr. 7.
1917 wird er zum Militär eingezogen, aber wegen einem Augenleiden musste er nicht an die Front und konnte nach kurzer Zeit wieder seinen Beruf als Zeichenlehrer ausüben.
Angeregt durch seinen guten Freund Hans Mattis-Teutsch (1884-1960) verbrachte er drei Sommer in den Jahren 1926 bis 1929 in der ungarischen Künstlerkolonie in Baia Mare um dort Aktstudien zu betreiben und später auch in Balcic. Der gleiche Freund gründete 1944 den Kronstädter Verband Bildender Künstler in dem natürlich auch sein Cousin Eduard Morres Mitglied war.
Laut dem letzten Adressenbuch von 1927 wohnten sie in diesem Jahr, vermutlich als Mieter, in der Purzengasse Nr. 5.
Seine Frau wollte 1944 ihre Kinder, die in Deutschland lebten besuchen und konnte anschließend Kriegsbedingt nicht heimkehren. Jahrelang war eine Familienzusammenführung nicht mehr möglich. Als überzeugter Heimatmaler wollte Hermann Morres seine Bilder und Kronstadt nicht verlassen. So kam es zur Trennung.
Die Scheidung von seiner ersten Frau Alice Muray wurde 1957 durchgeführt. Anschließend heiratete er noch einmal die Heldsdörferin Anna geb. Gross (1905-2002), genannt Punschi, “eine großartige Sängerin, welche in vielen Oratorien und öffentlichen Konzerten gesungen hat“. Anna Gross hatte aus einer ersten Ehe mit dem Hutmacher Bruno Walter Tischler zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Das Tischlerische Hutgeschäft war auf der Flachszeile Nr. 27.
Bis zu seinem Eintritt in die Rente, 1948 war er Zeichenlehrer an der Kronstädter Mädchenschule aber auch an anderen Schulen Kronstadts. Er wohnte bis zu seinem Lebensende mit seiner zweiten Frau im Schützenhausgässchen (heute Al. Petöfi) und hatte sein Atelier in der Michael Weiß-Gasse im Haus der ehemaligen Burzenländer Bank, heute Kultur-Bank Apollonia Hirscher. Die älteren Kronstädter erinnern sich bestimmt noch an das Schaufenster wo seine Bilder zum Verkauf geboten wurden. Gemalt hat er in den letzten Jahren nicht mehr viel, weil er anfing zu erblinden. Er nannte dieses Atelier, den Friedhof seiner Kunst.
Über sein Lebenswerk wäre natürlich viel zu schreiben. Etliches erfahren wir aus einem schönen Beitrag von Brigitte Nussbächer-Stephani in der Märzausgabe des Jahres 2003 der Neuen Kronstädter Zeitung über seine vier malerischen Schaffensperioden.
Von der gleichen Autorin gibt es ein Buch „Sie prägten unsere Kunst“ mit Studien und Aufsätzen, 1985. Hier gibt es den Aufsatz - “Zum 100. Geburtstag des Malers Hermann Morres“ von Horst Schuller in welchem er Hermann Morres zitiert “Mein Talent ist nicht groß, weil es sich nicht auf eine Kunst allein konzentriert”.
Eine gute Würdigung seiner pädagogischen Begabung finden wir in der Märzausgabe der NKZ von 2004 von Oswald Adler: „In seiner Unterrichts-Methode verband Professor Morres das Freihandzeichnen mit den Grundelementen der Gebrauchsgrafik, deren Bedeutung
in jenen Jahren im Aufstieg war. Er unterwies uns in der Konstruktion der Buchstaben und in Kalligrafie. Dank des Wissens, welches er uns
auf diesem Gebiet vermittelte, konnte ich, gleich nach Beendung der Schule meine Laufbahn als Grafiker beginnen. Zur Freien Kunst konnte ich erst viele Jahre später übergehen. Professor Morres verstand es so richtig, in seiner kraftvoll, dynamischen Art uns für das zu begeistern, was die Essenz seines Lebens ausmachte - die Liebe zur Bildenden Kunst“.
Was sein zweites Talent betrifft, nämlich die Musik erfahren wir im Beitrag “Eine Doppelbegabung“ von Kurt Philippi in der Märzausgabe der NKZ 2021.
Im Kunstmuseum von Kronstadt gibt es zurzeit eine Ausstellung mit dem Thema “Die Frau im kommunistischen Rumänien“. Sie enthält auch zwei schöne großformatige Bilder (ca. 120*180 cm) von Hermann Morres aus dem Bestand des Kunstmuseums. Die Bilder könnten zeitlos sein, denn Kartoffeln sammeln musste man zu allen Zeiten, wenn nicht auf dem Bild mit zwei Pferdewägen, welche die Ernte heimführen, jeweils eine Fahne dargestellt wäre, welche eindeutig auf den sozialistischen Realismus hinweisen.
Über diese Zeit schreibt Hermann Morres in seiner Autobiografie “Der geistige Arbeiter galt damals noch nicht als vollwertig, die Jury machte bei der Annahme erhebliche Schwierigkeiten. Dann verlegte ich mich mehr und mehr auf landwirtschaftliche Themen, ich malte aber nicht Szenen aus der Privatwirtschaft, wie in jungen Jahren, sondern Themen aus der Kollektivwirtschaft. Die Studien dazu machte ich in Heldsdorf, wozu ich von der Kronstädter Ortsgruppe des Fondul Plastic die Gelder erhielt. Aus diesen Studien im Kartoffelfeld im September 1957 entstanden dann im Atelier die Kompositionen „Mittagsrast des Kollektivs“. Das nächste große Bild war „Die Einbringung der Quote“. Es war nur zu natürlich, dass alle diese Bilder einen Rückfall in den Naturalismus bildeten, denn die Parole lautete eine Kunst zu schaffen, die auch den einfachen Menschen anspricht”
Hermann Morres schafft es, ein Jahr vor seinem Tod, ein große Retrospektive zu organisieren. Claus Werner schreibt gelegentlich dieser großen Ausstellung in Saal der Redoute zu seinem 85-sten Geburtstag folgendes: „Die große Kronstädter Retrospektiv-Ausstellung im Oktober dieses Jahres, die 112 Arbeiten (in Öl, Aquarell, Tempera, Pastell, außerdem eine Anzahl von Graphiken) umfasste, brachte in chronologischer Anordnung und nach Sujets gegliedert einen Eindruck in das reichhaltige Schaffen dieses siebenbürgischen Künstlers, dessen Werk in den letzten Jahren allzu oft übergangen oder ganz einfach als „Heimatmalerei“ abgetan wurde. … Hier wäre ein Ausgangspunkt für eine Neudeutung von Hermann Morres’ Kunst, wobei sich auch Tangenten zur Moderne ziehen ließen.”
Dies wäre auch der Moment gewesen zur Erstellung einer Monografie wie sie schon fast alle Kronstädter Künstler haben. Vielleicht regt dieser Beitrag einen Kunsthistoriker an, eine zu verfassen, denn er wäre mit Sicherheit einer würdig.
Hermann Morres stirbt am 1. April 1971 im 86-sten Lebensjahr und wird im Familiengrab Nummer 9 in der 8 Reihe links beerdigt, wo auch seine Eltern begraben wurden und auch sein älterer Halbbruder Wilhelm. Seine zweite Frau überlebt ihn um 31 Jahre und wohnte noch bis 1988 im Haus im Schützenhausgässchen. Im Herbst dieses Jahres kehrt sie von einer Besuchsreise zu ihren Kindern in Deutschland aus erster Ehe nicht mehr zurück. Sie stirbt 2002 in Marktoberdorf und wird in Offenburg beerdigt.
Peter Simon
Selbstbildnis als Komponist am Klavier, Öl auf Leinwand 100x80 cm, 1945
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
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