Ein Kunstwerk mit theologischer Botschaft
26.06.26
Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche
Vor zahlreichen Interessierten, darunter auch zwei Gruppen deutscher Touristen, bot Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche A. B. in Kronstadt, am 9. Juni eine Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche an. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kulturerbe hautnah“ stellte er die Geschichte, Gestaltung und theologische Aussage des bedeutenden neugotischen Kunstwerks vor. Im Anschluss erhielten die Teilnehmer Gelegenheit, selten gezeigte Ausstattungsstücke aus dem Besitz der Honterusgemeinde zu besichtigen, darunter eine prachtvoll gedruckte Bibel sowie zwei silberne Altarleuchter.
Für seinen Vortrag stützte sich Ziegler vor allem auf die Sitzungsprotokolle des Presbyteriums aus den Jahren 1862 bis 1866 sowie auf Verträge mit den am Altarbau beteiligten Künstlern. Ziel seiner Ausführungen war es, den Altar als „ein anspruchsvolles, durchdachtes, in seiner theologischen Argumentation sehr konsequentes Kunstwerk“ vorzustellen.
Von der Idee zum neugotischen Altar
Die Entstehung des heutigen Altars reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Nach den Quellen spielte die Kirchengemeinde bereits um 1850 mit dem Gedanken, einen neuen Altar zu errichten. Dieser sollte den barocken Vorgängeraltar ersetzen, der in den 1720er- und 1730er-Jahren entstanden war und sich heute in der evangelischen Kirche der Oberen Vorstadt befindet.
Der Bau des neuen Altars stand am Ende einer jahrhundertelangen Entwicklung, die von den religiösen und baulichen Veränderungen der Schwarzen Kirche geprägt war. In der vorreformatorischen Marienkirche befanden sich neben dem Marienaltar mehrere Nebenaltäre, die jedoch im Zuge der Reformation 1544 entfernt wurden. Nachdem ein im 17. Jahrhundert errichteter Altar dem verheerenden Stadtbrand vom 21. April 1689 zum Opfer fiel, erhielt die Kirche zwei Jahre später eine neue Altaranlage.
Anfang des Jahres 1864 wurde auf Beschluss des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Kronstadt eine „Altarbaukommission“ eingesetzt, die gemeinsam mit den beauftragten Künstlern die Gestaltung eines neuen Altars entwickelte und weitere Umgestaltungsmaßnahmen im Chor festlegte. Die Gestaltung des Altars wurde dabei nicht in einem einzigen Entwurf festgelegt, sondern entwickelte sich schrittweise in einem intensiven Abstimmungsprozess.
An der Ausführung waren drei Fachleute beteiligt: der Kronstädter Architekt Peter Bartesch, der Wiener Bildhauer Franz Schönthaler und Historienmaler Friedrich Martersteig aus Weimar. Die feierliche Einweihung des Altars erfolgte am ersten Pfingsttag, dem 20. Mai 1866.
Christus als Mittelpunkt des Bildprogramms
Im Zentrum des Altars steht ein großformatiges Gemälde von Jesus Christus als Ganzfigur, geschaffen von Friedrich Martersteig. Es zeigt den Erlöser auf einer Anhöhe inmitten einer Hügellandschaft. „Die Bergkuppe steht als Verlängerung der Treppen, die zum Altar führen“, sagte Ziegler. Jesus trägt ein rotes Gewand, das in der Taille von einem weißen Band zusammengehalten wird, sowie einen blauen Mantel. Mit weit geöffneten Armen wendet er sich den Menschen zu, die ihn umgeben, darunter Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen: ein Geistlicher, ein alter Gelehrter, eine Mutter mit Kind, ein Hirte, ein verwundeter Krieger sowie weitere Männer und Frauen. Besonders hob der Referent ein Detail hervor, das oft übersehen wird. Zu Füßen des Gelehrten liegt eine gesprengte Eisenfessel mit Kette. Sie kann als Symbol der Freiheit verstanden werden und ergänzt die zentrale Aussage des Bildes. Die Darstellung Jesus Christi bildet den theologischen Mittelpunkt des gesamten Altars. Christus soll ausdrücklich als Mittler zwischen Gott und den Menschen dargestellt werden. Diese Botschaft wird durch die übrigen Figuren des Altars weitergeführt. Das Gemälde wird von vier überlebensgroßen Skulpturen der Evangelisten flankiert. Darüber befinden sich die Apostel Petrus und Paulus, die anhand ihrer Attribute – Schlüssel bzw. Schwert – erkennbar sind.
Die Reformation im Bildprogramm
Eine besondere Rolle kommt der Predella, dem Sockelbereich des Altars, zu. Ursprünglich war hier eine andere Gestaltung vorgesehen. Auf Wunsch der Gemeinde wurde das Konzept jedoch geändert und stärker auf die Reformation ausgerichtet. Die Predella zeigt in der Mittelachse, genau unter dem Bild mit Jesus Christus, den Reformator Johannes Honterus, der den Menschen das Wort Gottes verkündet. Zu seinen Seiten erscheinen Martin Luther und Philipp Melanchthon. Es ist auffällig, dass sowohl Christus im Hauptbild als auch Honterus in der Predella jeweils im Zentrum einer Menschenmenge dargestellt werden. Damit werde das öffentliche Wirken Jesu mit der reformatorischen Tätigkeit des Kronstädters in Beziehung gesetzt. Zugleich veranschauliche der Altar eine geistige Linie von Christus über die Apostel und Evangelisten bis hin zu den Reformatoren.Ergänzt wird das Bildprogramm durch mehrere Bibelverse und Schriftzüge, die vergoldet hervorgehoben sind. Gemeinsam vermitteln sie nach Zieglers Worten ein zentrales Grundprinzip der Reformation - durch den Glauben an Jesus Christus und das Wirken des Heiligen Geistes erlangen die Menschen Gottes Gnade. Durch die Darstellung von Jesu Christus, der vier Evangelisten, der beiden Apostelfürsten und der drei Reformatoren stelle der Altar der Schwarzen Kirche eine Genealogie der aus Sicht der Kronstädter Kirchengemeinde bedeutendsten Glaubenslehrer dar. Diese Genealogie sowie die Tradition der Wortkündigung würden während der Gottesdieenste durch den Liturgen erweitert und in die Gegenwart verlängert.
Neugestaltung des Chorraums
Mit der Errichtung des Altars beschränkten sich die Veränderungen nicht allein auf das Kunstwerk. Auch der Chorraum wurde umfassend umgestaltet, damit er stilistisch mit dem neugotischen Altar harmonierte.
Zu den von Peter Bartesch verantworteten Maßnahmen gehörten die Entfernung der Logen der Familien Schobeln und Tarteln, die Errichtung zweier gemauerter neugotischer Treppentürme anstelle der bisherigen Treppen zu den Emporen sowie das Versetzen der Sakristei nach Osten. Darüber hinaus erhielten die Chorfenster eine Verglasung aus weißem Glas und auf dem Boden wurde Parkett verlegt.
Nach der erfolgten Umgestaltung des Chorraums, schlug die Altarbaukommission vor, auch für das Langhaus einen langfristigen Gestaltungsplan zu entwickeln, an dem sich spätere Eingriffe in das Erscheinungsbild des Kirchenraums orientieren sollten.
Durch Spenden und Stiftungen finanziert
Finanziert wurde der neue Altar der Schwarzen Kirche großteils durch Legate, Stiftungen und Spendensammlungen. Ein Original des damaligen Spendenaufrufs wird bis heute im Archiv der Honterusgemeinde aufbewahrt und kann von Neugierigen bewundert werden.
Einige besondere Stücke, die den Altar schmückten und ebenfalls gestiftet wurden, konnten auch am Ende der Vorführung in der Kirche bewundert werden, etwa ein Altartuch aus rotem Seidensamt mit Goldborten und Goldquasten, das Louise von Brennerberg im Jahr 1866 gemeinsam mit einem neuen Teppich für die Altarstufen zum Gedenken an ihre „hingeschiedenen Kinder“ spendete.
Zum Abschluss der Führung wurden die Teilnehmer ins Kapitelzimmer zum Ausklang mit Erfrischungen eingeladen.
Die Vortragsreihe „Kulturerbe hautnah“ wurde 2024 von Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A. B. in Kronstadt, und Dr. Frank-Thomas Ziegler ins Leben gerufen. Ihr Ziel besteht darin, Kunstwerke und Archivbestände der Schwarzen Kirche, die normalerweise in Depots verwahrt werden, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der nächste Vortrag findet im September statt.
Laura Capatana Juller
Auf der Predella ist Johannes Honterus zu sehen, der einer Menschenmenge spricht. An seinen Seiten stehen Martin Luther (links) und Philipp Melanchton (rechts). Der Kronstädter ist genau auf der Mittelachse positioniert, unter dem Bild von Jesus. Dadurch wird Honters’ Wirken direkt mit Christus verbunden und als öffentliches, reformatorisches Handeln im Sinne Jesu dargestellt. Foto: Árpád Udvardi
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
26.06.26
Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche
[mehr...]
26.06.26
Ein gemeinsamer Ausflug ins Szeklerland
[mehr...]
26.06.26
Aufsatz von Olympiade-Gewinner Noah Nistolescu
[mehr...]



