Handzeichnungen von Oskar Gerhard und Walther Netoliczka im Honterusarchiv
23.10.26
Bestandserschließung und Ausstellung/ Von Dr. Frank-Thomas Ziegler
Raluca Demetrescu ist Studentin der Germanistischen und Allgemeinen Literaturwissenschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Ihr vierwöchiges Praktikum am historischen Archiv der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt hat sie der Ersterschließung der mehr als 450 Handzeichnungen des Brüderpaars Oskar Gerhard und Walther Netoliczka gewidmet.
Die Handzeichnungen gelangten in den 1960er Jahren als Teil des Nachlasses ihres Vaters, des angesehenen Schulleiters und Historikers Dr. Oskar Franz Josef Netoliczka, in das Archiv der Honterusgemeinde. Als herausragender Fotograf der Zwischenkriegszeit genießt Oskar Gerhard Netoliczka in Kronstadt zwar bereits einige Bekanntheit, ebenso als Schöpfer des in Stein gearbeiteten Christuskopfes auf der in der Schwarzen Kirche angebrachten Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.
Seine Handzeichnungen und die seines früh verstorbenen Bruders Walther sind aber kaum bekannt. Zwischen etwa 1918 und 1930 in einer großen Bandbreite von Zeichentechniken – Bleistift, Tusche, Kohle, Rötel, Aquarell u. a. – entstanden, stellt der Bestand einen kunsthistorischen Sonderfall dar. Neben in Siebenbürgen gängigen Sujets wie Porträt und Landschaft, dazu auch Karikaturen aus der Schulzeit, Tierzeichnungen und Entwürfen für Gebrauchsgrafik, enthält das Konvolut bemerkenswerte Motive, die in Kunst und Literatur des Westens vorhanden, hierzulande aber rar sind. Einige Blätter geißeln die materiellen und seelischen Zerstörungen des 1. Weltkrieges. Andere wiederum führen die Gefühle von Vereinsamung und Ausgeliefertsein angesichts von Großstadt und Industrialisierung in der kräftigen Bildsprache des Expressionismus vor Augen.
Raluca Demetrescu hat die Zeichnungen nicht bloß fotografisch erfasst, sondern auch für einen Großteil von ihnen Datensätze in DOCPAT, dem Standard-Computerprogramm zur elektronischen Erfassung des beweglichen Kulturguts in Rumänien, angelegt. Als Summe des erworbenen Einblicks wird die gebürtige Kronstädterin einen wissenschaftlichen Aufsatz über eine besonders interessante Handzeichnungsgruppe, die der Industriebilder, verfassen. Der Beitrag wird bis zur Jahreswende im virtuellen Katalog der Kulturgüter der Honterusgemeinde „ViKtor“ (https://honterusgemeinde.ro/viktor/) publiziert werden.
Die Beschäftigung mit diesem Projekt bedeutet für Raluca Demetrescu nicht bloß die praktische Anwendung von im Studium erworbenen Kenntnissen und die Vertiefung ihres Arbeitsschwerpunktes, der deutschsprachigen Literatur der Zwischenkriegszeit, sondern auch die Fortführung von in Aachen bereits angegangenen interkulturellen Fragestellungen und besonders die Erweiterung ihrer Kompetenzen um Aspekte der Interdisziplinarität hin zu Bild- und Kunstwissenschaft.
Es ist inzwischen abzusehen, dass die Ergebnisse der Bearbeitung durch Raluca Demetrescu einen mehr als interessanten Beitrag zur Geschichte der Kronstädter Avantgarde darstellen. Die Fortführung des Erschließungsprojekts in Gestalt einer für Herbst 2027 geplanten Ausstellung mit Werken der drei Geschwister Luise, Oskar Gerhard und Walther Netoliczka in der gemeindeeigenen Kunstgalerie INSPIRATIO (Herbst 2027) hat bereits feste Konturen gewonnen.
Foto: Raluca Demetrescu und Praktikumsbetreuer Dr. Frank-Thomas Ziegler mit einer kolorierten Handzeichnung von Oskar Gerhard Netoliczka aus der Zeit um 1919-1921. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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