„Ich habe das getan, was richtig war – auch wenn es mich viel gekostet hat“
17.04.26
Interview mit Nicolae Lițoiu
Im Februar rückte in Bukarest anlässlich des 36. Jahrestags der Gründung des Vereins „21 Decembrie 1989“ erneut das Schicksal jener Menschen in den Mittelpunkt, die die Repressionen des kommunistischen Regimes am eigenen Leib erfahren haben. Die Veranstaltung brachte ehemalige politische Gefangene und Zeitzeugen einer Epoche zusammen, in der Mangel, Angst und staatliche Kontrolle zum Alltag gehörten und jede Form von Opposition dramatische Konsequenzen haben konnte.
Einer dieser Zeitzeugen ist Nicolae Lițoiu, der 1981 im Alter von 22 Jahren verhaftet und wegen Handlungen verurteilt wurde, die vom Regime als „Attentat“ und „Propaganda gegen die sozialistische Ordnung“ eingestuft wurden. Seine Geschichte ist eine von vielen, die den Mut, aber auch den Preis zeigen, den diejenigen zahlten, die sich dem System widersetzten.
In einem Gespräch mit der KR-Redakteurin Bernice Krech-Lițoiu, die zugleich seine Schwiegertochter ist, spricht Nicolae Lițoiu über seinen Lebensweg und über die Bedeutung dieser Erfahrungen für die heutige rumänische Gesellschaft. Das vorliegende Interview bietet den Leserinnen und Lesern einen Einblick in eine Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf und die die Gegenwart weiterhin prägt.
Wie sah Ihr Leben vor der Verhaftung aus? Wer war Nicolae Lițoiu in jungen Jahren?
Nicu Lițoiu war ein junger Mensch mit mittlerer Schulbildung, Absolvent einer Berufsschule bei der mechanischen Fabrik in Plopeni und kurz zuvor auch Absolvent des Industrielyzeums in Plopeni.
Wie hat sich Ihr Leben so abrupt verändert, als Sie verhaftet wurden?
Um die Veränderung nach der Verhaftung zu verstehen, muss man zunächst begreifen, dass die Mangelwirtschaft und die falsche Richtung, in die die rumänische Wirtschaft gesteuert wurde, das Leben aller Bürger beeinflussten, nicht nur meines. Durch die Parteipropaganda sollte alles so erscheinen, als wäre das Leben gut, als ginge es der Bevölkerung bestens, als funktioniere die Landwirtschaft hervorragend und als sei die Politik der Kommunistischen Partei und Ceaușescus ideal.
In Wirklichkeit herrschte Mangel – an allen möglichen Dingen. Im Lebensmittelbereich fehlten Grundprodukte, Brot wurde rationiert, die Schlangen wurden länger. Die Menschen waren unzufrieden, schwiegen aber größtenteils aus Angst vor der Securitate und der Miliz.
Nach meiner Verhaftung war es, als wäre ich gegen eine sehr, sehr harte Wand gestoßen. Ich war daran gewöhnt, frei zu handeln, zu tun, was ich wollte. Ich war schließlich ein freier Mensch, nicht wahr? Plötzlich nahm mir die Untersuchungshaft jede persönliche Handlungsmöglichkeit. Es gab ein sehr strenges Programm – dazu gehörtem Schlafzeiten, Essenszeiten, Verhöre, die sehr belastend waren und oft auch zu unpassenden Zeiten, zum Beispiel nachts stattfanden. Dazu kamen Drohungen. Doch in den Jahren dort bin ich irgendwann an den Punkt gekommen, an dem mir klar wurde, dass ich nichts falsch gemacht hatte, indem ich mich einem solchen Regime widersetzt habe. Die Repression war real – ich spürte sie am eigenen Leib.
Wie sind Sie in diese Situation geraten? Welche Handlungen führten zu Ihrer Verhaftung?
Ich bin gemeinsam mit meinem Schwager, Nicolae Gheorghe, in diese Situation geraten. Sein Vater, Constantin Gheorghe, war im Zweiten Weltkrieg Kavalleriesergeant gewesen und hatte gegen die sowjetische Armee gekämpft. Durch seine Erzählungen verstand mein Schwager sehr gut, wie der Kommunismus zu Beginn in Rumänien eingeführt wurde und welche Repressionen gegen sogenannte „Volksfeinde“ oder Menschen mit „reaktionären Ideen“ gefolgt sind.
Vor diesem Hintergrund beschlossen wir zu handeln. Wir verfassten und verbreiteten mehrere hundert Flugblätter mit einfachen, aber direkten Botschaften wie: „Keine Arbeit ohne Brot, kein Brot ohne Arbeit“ sowie Parolen gegen das Regime und die Familie Ceaușescu: „Nieder mit dem Kommunismus“, „Nieder mit Ceaușescu“, „Nieder mit der Clique, die das Land zugrunde gerichtet hat“. Diese Flugblätter verteilten wir in der mechanischen Fabrik in Plopeni, in Ploiești und im Bereich des damaligen Omnia-Kaufhauses, wo wir sie von einer Terrasse aus verstreuten, sodass Passanten sie aufheben konnten.
Eine Aktion mit größerer Wirkung war das Platzieren eines improvisierten Sprengkörpers – im Grunde ein Knallkörper mit elektrischem Zeitzünder – in der Auslage des Mercur-Geschäfts. Dort wurden Propagandabücher ausgestellt, darunter von Nicolae Ceaușescu und seiner Frau unterschriebene Werke, die aber kaum jemand las. Die Explosion hat eine Scheibe zerstört und die Bücher auf die Straße geschleudert.
Es ist wichtig zu betonen, dass es keine menschlichen Opfer gab – weder drinnen noch draußen. Die Explosion beschädigte lediglich ein Schaufenster und ein Regal. Trotzdem wurde die Tat als Attentat und Terrorismus eingestuft.
Wurden Sie danach also wegen Attentats verhaftet?
Ja – uns wurden Anklagen wegen Verschwörung, Attentat und Propaganda gegen die sozialistische Ordnung vorgeworfen. Diese sollten erst einmal mit der Todesstrafe bestraft werden, nach einiger Zeit wurden daraus viele Jahre im Gefängnis, welche nach einigen Jahren gekürzt wurden und von welchen ich im Endeffekt sieben Jahre absitzen musste.
Hatten Sie das Gefühl, dass Ihnen die Zeit im Gefängnis vom Leben gestohlen hat, oder hat sie Sie eher geprägt?
Es war eine lange Zeit von meinem 22. bis zum 29. Lebensjahr – von Herbst 1981 bis Frühjahr 1989. Diese Jahre haben mich von der Realität abgeschnitten: vom gesellschaftlichen Leben, von Familie und Freunden. Gleichzeitig haben sie mir bestätigt, dass das, was ich getan habe, richtig war – auch wenn es mich viel gekostet hat.
Gibt es eine Erinnerung aus dem Gefängnis, vielleicht eine scheinbar kleine, die Ihre Sicht auf das Leben verändert hat?
Im Gefängnis traf ich Menschen, die sich gegen das Regime gestellt hatten – manche noch entschlossener als wir. Ich möchte hier an Radu Filipescu erinnern, der etwa 10.000 Flugblätter in Bukarest verbreitete und die Bevölkerung aufrief, sich an einem bestimmten Ort zu versammeln und ihre Meinung zur wirtschaftlichen Lage zu äußern. Mir wurde also klar, dass es viele Menschen gab, die Widerstand leisteten, und dass einige sogar mutiger gehandelt hatten als wir – auch wenn unser aller Aktionen schnell unterdrückt und verschwiegen wurden. Die Presse berichtete nicht darüber – sie durfte es nicht. So wurden abweichende Meinungen systematisch verborgen.
Welche Veränderung war für Sie die wichtigste in dieser Zeit?
Von einem „Rebellen“ wurde ich zu einem „Gehorsamen“ – aber nicht gegenüber einem Regime, sondern gegenüber dem, der aller Ehre würdig ist: Jesus Christus.
Wie kam es dazu?
Im Gefängnis war ich auch mit Menschen zusammen, die wegen ihres Glaubens inhaftiert waren – weil sie über Jahre hinweg große Mengen an Bibeln ins Land gebracht hatten. Es handelte sich um einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren, in dem sehr viele Bibeln in der Cornilescu-Übersetzung nach Rumänien geschmuggelt wurden, vor allem für die freikirchlichen Gemeinden. Erst nach so langer Zeit konnte die Geheimpolizei die „Schmuggler“ herausfinden und festnehmen. Einer von ihnen, Klaus Wagner aus Schäßburg, erklärte mir erstmals das Evangelium – so gut es eben in einem kommunistischen Gefängnis möglich war, ohne Zugang zur Bibel. Er sprach über das Opfer Christi und seine Bedeutung. Diese Gedanken haben mich nicht mehr losgelassen und führten dazu, dass ich nach meiner Entlassung einen Ort gesucht habe, an dem freie Anbetung stattfinden darf und an welchem das Evangelium unverfälscht verkündet wird - so wie es ist, ohne Traditionen und Bräuche.
Was versteht die heutige rumänische Gesellschaft Ihrer Meinung nach falsch über den Kommunismus?
Vor allem wird zu wenig darüber gesprochen. Die kommunistische Zeit wird nur oberflächlich behandelt, ohne Details, ohne echte Aufklärung über die Gefahren eines solchen Systems. Viele junge Menschen – unter 30 – neigen heute dazu, sozialistische Ideen wiederzubeleben, ohne zu verstehen, wie gefährlich das ist.
Können Sie etwas über die Veranstaltung im Februar sagen?
Ich wurde zum Verein „21 Decembrie 1989“ nach Bukarest eingeladen. Dort trafen sich Menschen, die während des Kommunismus verfolgt wurden. Wir haben Erfahrungen ausgetauscht und sind übereingekommen, regelmäßig öffentliche Vorträge zu organisieren, damit diese Zeit nicht vergessen wird - die Gesellschaft beschäftigt sich aktuell zu wenig mit diesen Themen.
Welche Rolle spielen solche Treffen?
Es wird sehr viel über den Holocaust gesprochen – unter dem Motto: „Nie wieder“. Ich denke, dasselbe sollte auch für den Kommunismus gelten. Ich glaube nicht, dass er weniger gefährlich wie der Nationalsozialismus ist – es sind beides extreme Systeme. Jedes davon mit seiner eigenen dunklen Seiten.
Was ist also wichtig für die Gesellschaft, was möchten Sie den Lesern mitgeben?
Eine demokratische Gesellschaft tut gut daran, Extreme zu vermeiden, sie nicht zu fördern und die Bevölkerung über die Gefahren beider Seiten aufzuklären!
Nicolae Lițoiu im Alter von 19 Jahren. Foto: privat
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