Kann aus zwei Richtungen eine einzige werden?
09.10.26
Neuer Vorstand des Kronstädter Ortsforums gewählt
Das Demokratische Forum der Deutschen in Kronstadt hat am 29. September einen neuen Vorstand gewählt, nachdem am 13. August Neuwahlen beschlossen wurden. 38 stimmberechtigte Mitglieder haben gewählt: der Vorsitzende bleibt Paul Binder, Vorstandsmitglieder sind Matthias Roos, Olivia Grigoriu, Paul Binder, Mihaela Litean, Anina Micleru-Șoană, Bernhard Heigl und Herwig Arvay.
Der alte Vorstand, der erst 2025 gewählt wurde und dessen Mandat eigentlich nur im Jahr 2029 hätte enden sollen, bestand aus Olivia Grigoriu, Andrei Ispas, Codruța Lazăr, Mihaela Litean, Claudia Șerbu, Uwe Simon, Miruna Szen und Raul Vintilă. Aus dem „alten“ Vorstand blieben also nur Grigoriu und Litean.
Die Tätigkeit des Forums wurde im letzten Mandat von zwei verschiedenen Richtungen bestimmt, die teilweise für Kommunikationsprobleme im Vorstand sorgten: die eine Richtung wird von der Allianz mit der USR im Stadtrat bestimmt, die andere versucht, von der Politik Abstand zu halten und den Fokus näher auf die Kulturarbeit zu rücken.
„Neuausrichtung auf Kulturarbeit“
Die Neuwahlen waren laut dem Vorsitzenden Paul Binder nützlich, „um das Ortsforum entsprechend seiner Grundaufgaben erneut auszurichten“. Binder kritisierte, dass es in den letzten anderthalb Jahren seitens des Vorstands keinen Andrang an der Durchführung oder Teilnahme an den Kulturveranstaltungen des Forums gab. „Die großen Kommunikationsprobleme, welche wir eigentlich haben, beziehen sich somit ausschließlich auf die USR-politischen Themen, welche schon 2025 angefangen haben, denen ich als Vorsitzender nicht die Bühne geben wollte bzw. nicht, ohne vorab zu verstehen, worin genau der Mehrwert für unsere Gemeinschaft darin liegt. Dieser rein politische Charakter, welcher für mich immer - gefühlt künstlich - dem Kronstädter Ortsforum gegeben wurde (…) hat in unserer eigenen lokalen Gemeinschaft immer dafür gesorgt, dass niemand mit dem Forum zu tun haben wollte. Die aktuelle Lage ist in dieser Hinsicht alles andere als rosig. Wir haben eine Stadträtin und einige Vorstandsmitglieder, die verkrampft mit den Zähnen an der USR-DFDR Wahlallianz festhalten und versuchen, uns diese als irgendwie relevant zu verkaufen. Gleichzeitig haben wir in Hermannstadt und Bukarest ein enormes Problem in dieser Hinsicht, auf welches forumsintern schon seit Jahresbeginn aufmerksam gemacht wurde, und welches die Forumsleitung inzwischen auch öffentlich dargebracht hat“, erläuterte Binder.
Er zitierte aus einem Bericht über die letzte Vorstandssitzung des Landesforums, der am 26. September auf Facebook veröffentlicht wurde, in dem der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganț seine Sorge betreffend des USR-Gesetzentwurfs äußert, das Parlament auf 300 Mitglieder zu reduzieren, wodurch die Minderheitenorganisationen ihre Vertretung verlieren würden.
Nach der Meinung von Binder gäbe es zwei Richtungen, in welche das Kronstädter Ortsforum aktuell gezogen wird: die eine Richtung wäre Lokalpolitik zusammen mit der USR in der Opposition zu betreiben, die andere Richtung der Erhalt und die Förderung der Kulturarbeit. Er erklärte, dass die Mitgliederversammlung entscheiden müsste, welche Richtung das Ortsforum weiterhin einschlagen soll. In seiner Überzeugung setzte sich Binder aufrichtig und konkret für die zweite Richtung ein. Außerdem meinte er, er selbst hätte einen blick für die Politik, „aber sicher nicht, um Politik der Politik zuliebe zu betreiben“.
„Nähe ist keine Abhängigkeit“
Olivia Grigoriu, Lokalrätin seitens des Demokratischen Forums der Deutschen, berichtete über ihre Arbeit im Vorstand und in der Stadtverwaltung. Sie erwähnte ihren Einsatz in der Kommission für auswärtige Beziehungen, Europastudien, Beziehungen zu internationalen Institutionen und Organisationen sowie zu Partnerstädten, Kooperations- oder Assoziierungsbeziehungen im Rahmen des Stadtrats, aber auch im Vorstand der Stiftung für Historische Monumente. Viele Sehenswürdigkeiten Kronstadts bleiben weiterhin geschlossen, wobei für 2026 außer der Restaurierung des Schnurgässchens keine Fördermittel für andere Sanierungsarbeiten vorgesehen. Höchste Priorität sollten aber auch die Renovierung der Zitadelle auf dem Schlossberg, des Weiße Turms und des Pulverturms sein.
Grigoriu setzte sich für eine transparente Vergabe des Ehrenbürgertitels ein- die Vorschläge der Lokalbehörden sollten vor der Abstimmung veröffentlicht werden, damit Institutionen und Vereine Stellung nehmen können. Das passierte nachdem bei der Rede, die der Historiker Ioan Vlad im November 2025 zum Anlass der Auszeichnung zum Ehrenbürger Kronstadts gehalten hat, dieser ein paar problematische Aussagen zur siebenbürgisch-säschischen Gemeinschaft machte. Die Stadtverwaltung lehnte den Antrag von Grigoriu ab. Ebenfalls abgelehnt wurden ihre Anträge von betreffend einer besseren Strategie für Städtepartnerschaften, der Verkehrsinfrastruktur auf der Mittelgasse und der Errichtung eines Denkmals für Apollonia Hirscher. Erfolgreich war aber ihr Einsatz für den Stadtteil Biengärten.
Auf den Vorwurf, dass es eine mangelnde Kommunikation mit dem Vorsitzenden des Ortsforums gegeben hätte, antwortete Grigoriu, dass der Vorstand seit Ende März 2026 nicht mehr getagt hat, obwohl es laut Satzung mindestens alle zwei Monate eine Sitzung geben sollte. Ebenfalls wies sie darauf hin, dass sie nach jeder Lokalratssitzung einen ausführlichen Bericht über ihre Tätigkeit in der Karpatenrundschau veröffentlicht.
Auf den anderen Vorwurf, und zwar dass das Forum zu nahe am Allianzpartner USR stehen würde, antwortete sie dass die Wahlallianz im Jahr 2024 gemeinsam in allen Gremien beschlossen wurde und es ohne diese Allianz keinen Forumsvertreter im Stadtrat geben würde. „Nähe ist keine Abhängigkeit. Ich vertrete im Stadtrat die Positionen des Forums, in einer Allianz, die wir selbst gewählt haben. Zu diesem Beschluss zu stehen , ist Loyalität“.
Am Ende bleibt die Frage: wieso müssen sich die beiden Richtungen, die im Ortsforum vertreten werden, gegenseitig ausschließen? Kann man nicht gleichzeitig eine effiziente Lokalpolitik betreiben, die im Interesse der siebenbürgisch-sächsichen Gemeinschaft ist, und auch Kulturarbeit leisten? Es bleibt zu hoffen, dass der neu gewählte Vorstand sich bemühen wird, aus diesen zwei Richtungen eine einzige zu machen.
Elise Wilk
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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