Klara Stöcker
20.03.26
Kriegsende und Auflösung der Diakonie in Rumänien
Schon in den ersten Monaten des Jahres 1944 blickt Klara Stöcker in großer Sorge auf die Entwicklung des Krieges, mit dessen ruhmreichen Ende sie entgegen aller Beteuerungen der Behörden nicht rechnet.
Am 23. August 1944 marschieren sowjetische Truppen ein, über Nacht löst sich die bisherige Ordnung auf. Drei Tage lang wird Bukarest bombardiert – doch das Mutterhaus bleibt wie durch ein Wunder unversehrt. Die Patienten fliehen, die reichsdeutschen Schwestern werden interniert, allerdings im Mutterhaus, so dass die Arbeit eingeschränkt fortgesetzt werden kann. Die Leitung übernimmt der Kronstädter Stadtpfarrer Dr. Möckel, bis auch er verhaftet wird.
1945 folgt die Enteignung. Sowohl russische als auch rumänische Behörden beanspruchen die Gebäude, die Sanatorien werden geplündert. Die Schwestern müssen ihre Tracht ablegen, werden auf staatliche Krankenhäuser verteilt oder arbeiten in der privaten Pflege. Vielen gelingt die Flucht nach Deutschland, eine wird nach Russland deportiert und kommt erst Jahre später wieder zurück.
Einige reichsdeutsche Schwestern halten vorerst die Stellung in Rumänien: Neben Klara Stöcker sind das Thilte Steinke, Margarete Schaal, Ida Sauter, Klara Dittus und Ottilie Jassmann. In einem Brief von 1946 an den mittlerweile internierten Wehrmachtspfarrer Hans Christpoh von Hase schreibt Klara: „Wie unsere Zukunft sich gestaltet, ist uns noch unklar. Eins habe ich gelernt: mich führen zu lassen. (…) Sie würden unser Haus nicht wiedererkennen – so durcheinander und schmutzig ist es. Und doch geht es uns noch gut. Die zehn Betten, die man uns gelassen hat, werden nicht leer. So halten wir uns über Wasser und können noch so vielen Menschen helfen. Das Herrlichste ist, dass man die Wirklichkeit Gottes so erleben darf.“
Doch 1950 ist endgültig Schluss. Klara Stöcker verlässt im November Rumänien. Zurück bleiben nur wenige Schwestern mit rumänischer Staatsangehörigkeit – unter ihnen Therese und Katharina Baldinger, Elise Adami, Olga Roth, Elisabeth Scheiber in Kronstadt und Johanna Adami, die in Bukarest weiter in einem Krankenhaus arbeitet. Dass alles ganz zu Ende sein soll, kann Klara Stöcker noch nicht glauben: „Wir scheiden in der Hoffnung auf ein Wiedersehen und einen Neuanfang nach seiner Verheißung. 54 Jahre hat das Werk hier in Segen arbeiten dürfen; nach Gottes Ratschluss muss die Arbeit nun ruhen.“
Zurück in Deutschland
Bereits 1946 hatte Klara Stöcker geschrieben: „Wo mich Gott hinstellen wird, da will ich dienen mit den Gaben, die er mir geschenkt hat.“ Dass Klara Stöckers Lebensweg nach der Rückkehr nach Deutschland bekannt ist, ist dem pensionierten Pfarrer Gert Pfeiffer zu verdanken. Er recherchierte 2005 ihre beruflichen Stationen und sprach mit Menschen, die sie noch persönlich gekannt hatten.
Klara Stöcker hat Glück: Im August 1951 tritt sie in Berlin die Nachfolge der Oberin des Lazarus-Diakonissenhauses an. Zuvor hatte sie in Stuttgart eine Einführung in die Arbeit der Kaiserswerther Mutterhäuser erhalten. Doch schon nach anderthalb Jahren legt sie das Amt nieder. Vermutlich konnte sie sich nach der freien, herzlichen und von Vertrauen geprägten Arbeit in Rumänien nur schwer an die strengen Strukturen der Berliner Einrichtung gewöhnen. In Berlin begegnet Klara Stöcker einer alten Weggefährtin aus der Malche-Zeit wieder, Gerda Röske. Diese vermittelt Klara Stöcker eine neue Stelle als Leiterin der Evangelischen Stiftung Gotteshütte in Kleinenbremen ab 1. Oktober 1953.
Die Jahre der Entbehrung und Verantwortung haben Spuren hinterlassen. Klara Stöckers Herzkrankheit verschlimmert sich, Sehkraft und Gehör lassen nach. Am 30. September 1959 muss sie in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Zwischen Klara Stöcker und der etwas jüngeren Gerda Röske ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Die beiden Frauen ziehen in eine gemeinsame Wohnung in Düsseldorf. Klara Stöckers Verbundenheit mit der Diakonie in Rumänien hat nicht nachgelassen. Sie schreibt Artikel über die Geschichte des Diakonissenhauses „Gottessegen“ in Bukarest, Constanta und Kronstadt, ohne die das meiste aus der Geschichte der Diakonissen in Rumänien vergessen wäre. Klara Stöcker ist immer mehr auf Pflege angewiesen. Gerda Röske berichtet, dass das Zusammenleben aufgrund gemeinsamer Interessen, durch gegenseitige Zuwendung und Dankbarkeit sehr schön gewesen sei. Sie begleitet Klara Stöcker bis zu ihrem Tod im Oktober 1995. „Der Traum, einmal wieder nach Rumänien zu kommen, die erfolgreiche Arbeit nach schlimmen Zeiten wieder wachsen zu sehen und dort in Dankbarkeit sein Leben zu beenden, ging nicht in Erfüllung“, berichtete sie später.
Klara Stöcker wird auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf beigesetzt.
Rückblick
1998 reist Gerda Röske nach Rumänien, wo sie einige Jahre zuvor schon einmal mit Klara Stöcker gewesen war. Auf dem Obervorstädter Friedhof in Kronstadt steht sie - jetzt allein - am Grab der ersten Oberin, Ida Tänzer. In einem Brief an Kläre Schönrock, die damalige Oberin der Malche, schreibt sie: „Seit ich voriges Jahr noch einmal und allein auf diesem Friedhof war, stand mir immer die leere Hälfte des Sockels vor Augen. Für wen war der Platz gelassen? Es wurde mir gewiss: Schwester Klara hatte gehofft, hier einmal beigesetzt zu werden. Sie selbst hatte wohl das weiße Marmorkreuz für ihre Vorgängerin bestellt!“
Gerda Röske sorgt dafür, dass die Inschrift auf diesem Kreuz mit dem Namen Klara Stöckers ergänzt wird. „Schwester Klara ist nun da, wo sie zuhause war auf der Erde, wo sie es vorbereitet hatte. Der Marmor leuchtet, und es verpflichtet beinahe: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“
Klara Ströckers Vermächtnis
„Wir Schwestern, die wir unsere Diakonissenarbeit in Rumänien aufgeben mussten, haben damit etwas verloren, das uns Heimat im vollen Sinne dieses Wortes bedeutete. Wir denken wehmütig an die reichen Jahre zurück, in denen uns der Dienst der Liebe an Volks- und Glaubensgenossen – und darüber hinaus an allen Menschen – möglich war. Unsere Arbeit auf Vorposten war echte missionarische Tätigkeit. Gott hat den Schlussstrich gezogen und uns alles aus der Hand genommen.“ Mit diesen Worten fasst Klara Stöcker ihr Lebenswerk zusammen. Sie hat erlebt, wie Glaube und Hingabe ein Werk aufbauen – und wie politische Gewalt es zerstören kann. Und doch bleibt ihr Blick hoffnungsvoll: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“
Anne Grupp
(Stuttgart)
Im Foto: Diakonissenhaus Gottessegen, Bukarest
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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