Künstlerisches Gepäck und siebenbürgische Heimat
08.05.26
Ein Abend über Identität und das Ankommen/ Vortrag von Dr. Heinke Fabritius über drei Generationen Künstlerinnen der Familie Zipser
Ein Koffer voller Ikonenmalerei aus Bukarest, eine Nixe als Grabstein im Donaudelta und die Suche nach einem neuen Leben in der Bundesrepublik. Was bedeutet es, Siebenbürgen nicht nur als geografische Herkunft, sondern als „künstlerisches Gepäck“ mit sich zu tragen? Dieser Frage ging die Kunsthistorikerin Dr. Heinke Fabritius am Donnerstag, dem 23. April, im Festsaal des Forums nach. Wo sonst in kürzester Vergangenheit über die schweren Akten der Zeit oder aber organisatorische Details der deutschen Minderheit in Kronstadt diskutiert wurde, öffnete sich diesmal ein Fenster zur künstlerischen Seele dreier Frauen: Katharina, Pomona und Elena Zipser – Großmutter, Mutter und Tochter.
Zwischen Tradition und Neuanfang
Dr. Heinke Fabritius, die seit 2017 als Kulturreferentin für Siebenbürgen, den Karpatenraum, Bessarabien und die Dobrudscha am Siebenbürgischen Museum auf Schloss Horneck wirkt, ist in Kronstadt keine Unbekannte. Seit sieben Jahren prägt sie die hiesige Jugendarbeit mit und versucht, jungen Menschen die Bedeutung von Gemeinschaft und Identität näherzubringen. An diesem Abend jedoch sprach sie in ihrer Rolle als Forscherin über ein Thema, das viele der Anwesenden im Kern berührte: das Schicksal der Aussiedler und ihrer „Ankommensgeschichten“ in der Bundesrepublik Deutschland. Nach einer kurzen Einführung zu ihrer Person und der Empfehlung einiger Bücher zu der Thematik der Aussiedler, ging es zum Hauptteil der Veranstaltung: den drei Zipser-Künstlerinnen. Obwohl sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder dort geboren wurden, bewahren alle drei eine besondere Verwurzelung zu Rumänien und damit der familiären Vergangenheit in ihrem Werk. Besonders eindrücklich schilderte Fabritius den Weg von Katharina Zipser (geb. 1931 in Hermannstadt). Als evangelische Christin erwarb sie in Bukarest die offizielle Legitimation als Ikonenmalerin – ein geistiger Raum der Freiheit inmitten der strengen Ausbildung der 50er Jahre. Diese dem orthodoxen Glauben zugehörigen Ikonen waren für sie eine formale Schule der Struktur und kommen auch in ihren späteren Werken aus der Bundesrepublik zum Vorschein.
Der Bruch von 1970
Denn im Jahr 1970 erfolgt mit der Ausreise von Rumänien nach München der tiefe Einschnitt. Fabritius zeichnete ein ungeschöntes Bild dieser Zeit: Eine alleinerziehende Mutter – durch den Verlust ihres Mannes bei einem Unfall im Donaudelta – in ihren 40ern, konfrontiert mit einer westdeutschen Kunstwelt, die für die „osteuropäische Ikonenästhetik“ kaum Verständnis aufbrachte. Katharina Zipser verdiente sich ihren Unterhalt mühsam als Zeichenlehrerin an Volkshochschulen, während sie gleichzeitig versuchte, ihre künstlerische Sprache neu zu definieren. In ihren Werken mischen sich nun Leda und der Schwan mit den starren Kompositionsregeln der Heiligenmalerei. Es ist ein Ringen um Sichtbarkeit in einer neuen Umgebung, die Fabritius treffend beschreibt: „Was wollen die Bundesdeutschen mit Ikonen?“ Und doch gelang ihr genau das: sie selbst zu bleiben und damit die Ikonen auch nicht ganz wegzulassen, aber durchaus ihren Stil zu erweitern. Eines ihrer Werke mit dem Titel „Herabsteigender Christus“ ist übrigens in der Johanniskirche in Hermannstadt zu finden.
Pomona Zipser: Die Befreiung in den Raum
Während Katharina weiter mit Malerei ihren Weg beschritt, schlug ihre Tochter Pomona, die bei der Ausreise aus Rumänien zwölf Jahre alt gewesen war, eine andere Richtung ein. Fabritius erklärte, wie Pomona, die in den 80er Jahren bei Lothar Fischer Bildhauerei studierte, die Zweidimensionalität der mütterlichen Malerei verließ. Ihre Skulpturen aus Holz, oft kombiniert mit Fundstücken, Textilien oder Metall, wirken wie fragile Konstrukte, die dennoch eine deutliche Präsenz im Raum haben. Oft stehen sie nur auf einer Spitze, berühren nach oben hin noch leicht die Raumdecke und scheinen kaum Halt zu haben; trotzdem bleiben sie stehen – ein Sinnbild für das Dasein zwischen den Welten. In Pomonas Werk scheint das „Gepäck“ der Herkunft weniger in konkreten religiösen Motiven auf, sondern in einer elementaren Beschaffenheit und dem Spiel mit dem Provisorischen. Es ist ein Echo auf die Erfahrung des Umbruchs, des Abbruchs und des mühsamen Neu-Zusammensetzens einer Identität in der Fremde.
Elena Zipser: Die Enkelin und ihre Wasserzeichen
Mit Elena Zipser, der Enkelin von Katharina und Tochter von Pomona, erreichte der Vortrag die dritte Generation. Hier stellt sich die zentrale Frage: Was bleibt von Siebenbürgen oder Rumänien in einer Generation, die das Land nur noch aus den Erzählungen der Mutter oder Großmutter kennt? Fabritius verdeutlichte, wie Elena die Verbindung zur rumänischen Landschaft nicht nostalgisch verklärt, sondern auf eine Art Spurensuche geht. Dadurch, dass sie erstmalig komplett alleine in Rumänien war, um ihre Großmutter bei einer Veranstaltung in Kronstadt zu vertreten, blieb ihr auch nichts anderes übrig, als die Heimat der Vorfahren aus eigener Perspektive kennenzulernen. Und sie zeichnete sie. Allerdings immer nur, nachdem es geregnet hatte, als ob der Staub, den der Regen davonwusch, sonst – durch die Vorbelastung der Vergangenheit – ihren Blick auf die siebenbürgischen Elemente gestört hätte. Ihre Werke und Performances unterscheiden sich von der Kunst ihrer Mutter und Großmutter – jede der Zipser-Damen hat ihren eigenen Bereich, auch wenn manche inneren Beweggründe die gleichen sein mögen.
Die Abschlussdiskussion: Neue Impulse
Fabritius nutzte die Diskussionsrunde im Anschluss an den Vortrag auch zu einem Appell an die nachfolgende Generation. Ihr Ziel sei es, diese Themen wieder so sichtbar zu machen, dass daraus Bachelorarbeiten oder Masterarbeiten generiert werden, es gäbe noch viele Lücken. Sie betonte: „Es gibt wirklich Material, das man nicht vergessen soll. Es zu erforschen ist nicht minder wichtig als die Arbeit in den ganzen staatlichen Akten, die wir kennen.“ Wenn niemand dazu weiterforschen würde, dann müsse sie das eines Tages selbst in ihrer Rente machen, fügte sie schmunzelnd hinzu.
Am Ende blieb im Festsaal die Erkenntnis, dass Integration kein bloßes „Funktionieren“ oder Vergessen ist, sondern eine generationsübergreifende, schmerzhafte und doch fruchtbare Auseinandersetzung mit dem, was man im Gepäck hat. Dr. Heinke Fabritius gelang es, diesen Prozess als eine Bereicherung darzustellen – der Abend machte Mut, die eigenen Wurzeln nicht als bleiernes Erbe, sondern als lebendigen, sich stetig wandelnden Anker zu begreifen.
Die Veranstaltung klang bei Gebäck und angeregten Gesprächen aus.
Bernice Krech Lițoiu
Dr. Heinke Fabritius zu Ende des Vortrags – auf der Leinwand sind von links nach rechts Katharina, Pomona und Elena Zipser zu sehen. Foto: Bernice Krech-Lițoiu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
08.05.26
Ein Abend über Identität und das Ankommen/ Vortrag von Dr. Heinke Fabritius über drei Generationen Künstlerinnen der Familie Zipser
[mehr...]
08.05.26
Haushaltssitzung mit Hindernissen: Mikrofone abgestellt, Bürger zum Schweigen gebracht
[mehr...]
08.05.26
Gespräch über die Aufführung „Ich, Sisyphos. Intrigen, Lust und Leid“
[mehr...]



