Meeburg, Dersch, Dálya, Draas
22.05.26
Eine eintägige Kirchenburgen-Tour im sächsisch-szeklerischen Grenzgebiet Siebenbürgens (II)/ Von Wolfgang Wittstock
(Fortsetzung aus der KR Nr. 18/14.05.2026)
Interessanterweise wird der Kirchenburg von Dersch im monumentalen „Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen“ von Hermann Fabini (1. Band, 3. Auflage, Hermannstadt/Heidelberg 2002, S. 129 f.) ein eigener Artikel gewidmet, obwohl sie im szeklerischen Siedlungsgebiet liegt. Die Erklärung für diesen Umstand finden wir in der Einführung zu diesem Buch: In den Kirchenburgen-Atlas wurden u.a. auch Baudenkmäler aufgenommen, „in denen durch die Nachbarschaft zu sächsischen Orten bauliche Einflüsse festgestellt werden können“ (S. xiii). In dem Dersch gewidmeten Lexikonartikel steht auch: „Nach einer örtlichen Überlieferung wohnten in der Szekler Siedlung ehemals die Sachsen von Draas.“
Das nächste angepeilte Ziel unserer eintägigen Kirchenburgen-Tour war Daia/Székelydálya, ebenfalls im Kreis Harghita gelegen. Dass uns diese Ortschaft in besonderem Maße interessierte, hat mit der Geschichte des Kronstädter Ortswappens zu tun, das bekanntlich eine auf einem verwurzelten Baumstamm ruhende Krone darstellt. „Wohl die älteste Überlieferung [dieses Wappens] findet sich in den spätgotischen Fresken (…) der Kirche von Dálya im Szeklerlande“, urteilte der bedeutende siebenbürgisch-deutsche Heraldiker Albert Arz von Straussenburg (1892-1968). Zitiert wurde aus dem Standardwerk „Beiträge zur siebenbürgischen Wappenkunde“, Siebenbürgisches Archiv, Bd. 16, Köln/Wien 1981, S. 115, wo die Entstehung dieser Wandmalereien mit den Jahren 1493-1523, also der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, datiert wird.
Wir fuhren folglich von Dersch zunächst auf Asphalt zurück nach Ulieş und dann von hier etwa 6 km weiter ostwärts, auf nicht asphaltierter, in einigermaßen erträglichem Zustand befindlicher Landstraße über die Dörfer Iaşu/Jásfalva und Ighiu/Ége bis Daia/Székelydálya. Die hier befindliche reformierte Kirche mit hohem, schlankem Kirchturm an der Westseite wird von einem nicht sehr hohen Mauerbering umgeben. Wir umrundeten zunächst die Anlage und entdeckten eine Tafel, die angab, dass diese reformierte Kirche zurzeit aus Mitteln des Nationalen Aufbau- und Resilienzplans mit einem Betrag von nahezu 5,5 Millionen Lei restauriert wird. Unser erster Eindruck war, dass auch hier, wie in Meeburg, alles abgesperrt ist. Dann stellten wir aber fest, dass sich eine über einen eingezäunten Vorhof erreichbare Tür in der Kirchenburgmauer öffnen ließ. Die Eingangstür an der Westseite der Kirche stand offen, und wir konnten die Kirche betreten, ohne einen ortsansässigen Menschen zu Gesicht zu bekommen. In der Kirche fielen uns Reste von Wandmalereien, die wohl im Zuge der Restaurierungsarbeiten zum Teil abmontierte Kassettendecke (datiert 1630) und vor allem die Malereien im Gewölbe des Kirchenchores auf. Zwischen den Gewölberippen sieht man mehrere Wappen, darunter auch das Wappen von Kronstadt, wegen dem wir hergekommen waren. Eine Erklärung für diese Wappen an diesem Ort finden wir im „Reiseführer Siebenbürgen“, herausgegeben von Heinz Heltmann und Gustav Servatius, Thaur bei Innsbruck 1993, beim Stichwort „Daia, Székelydálya“ auf S. 269: Das Gewölbe des Kirchenchores „ist mit got. Laubwerk geschmückt, unter dessen Ranken Wappen und figurale Dekorationen zu sehen sind. Neben (…) dem Wappen der Szekler sind es die Wappen von sächs. Städten: Schäßburg, Kronstadt, Hermannstadt (…) usw. Die Wappen und mehrere Steinmetzzeichen beweisen, dass hier von 1501 – 1525, dann um 1630 sächs. Meister gearbeitet haben.“
Nachdem wir in Daia/Székelydálya gefunden hatten, was wir sehen wollten, fuhren wir in südöstlicher Richtung auf der Kreisstraße 133 weiter bis zur Kreuzung mit der Kreisstraße 132 B. Auf diesen etwa 6 km nicht asphaltierten Wegs folgte ein Schlagloch aufs andere. Nach überstandener Tortur erreichten wir Orăşeni/Városfalva, noch im Kreis Harghita an der Kreisstraße 132 B gelegen, die asphaltiert ist und, ausgehend von Hamruden/Homorod im Kreis Kronstadt, über Katzendorf und Draas/Drăuşeni in den Nachbarkreis Harghita führt. Diese Kreisstraße erreichend, wandten wir uns nun südwärts, überquerten alsbald die Kreisgrenze und erreichten Draas, wo wir auf unserer Kirchenburgen-Rundfahrt zum letzten Mal anhielten.
Man kennt die Redewendung „von Broos bis Draas“, womit die west-östliche Ausdehnung des „Königsbodens“, des ehemaligen Selbstverwaltungsgebiets der Siebenbürger Sachsen, bezeichnet wurde und wird. In ihrer berühmten Kirchenburgen-Mappe bezeichnete Juliana Fabritius-Dancu die nach der Reformation evangelisch gewordene Draaser Kirche als „die schönste, am reichsten und sorgfältigsten ausgeschmückte spätromanische Basilika einer sächsischen Landgemeinde“ (Sächsische Kirchenburgen aus Siebenbürgen, Hermannstadt 1980). Im Zuge der Restaurierung durch die staatliche Denkmalpflege, die 1972 einsetzte, wurde allerdings die gesamte Innenausstattung (Altar, Emporenbrüstung, Wandverkleidung) aus der Kirche entfernt.
Die evangelische Kirche von Draas wird von einer etwa 8 m hohen Ringmauer von ungefähr ovaler Form umgeben, in die mehrere teils vier-, teils fünfeckige Türme eingebaut sind. Wir umrundeten die weitläufige Anlage und stellten fest, dass – wie in Meeburg – alle Tore und Türen versperrt waren, uns also der Zugang in den inneren Bereich der Kirchenburg verwehrt blieb. An einer Außenwand der Kirchenburg fiel uns ein verblasstes Bauschild auf, das die Konsolidierung und Restaurierung der Bauernburg Draas (Cetatea Țărănească Drăușeni) anzeigt. Die Baugenehmigung war vom Kreisrat Kronstadt im November 2008 für 24 Monate (Juli 2009 – Juli 2011) erteilt worden. Vor und danach sind an der Kirchenburg gelegentlich noch verschiedene Arbeiten durchgeführt worden. Der Kirchturm und ein Turm des Mauerrings haben ein relativ neues Ziegeldach. Andere Türme der Befestigungsanlage sehen eher traurig aus. Ein kleiner Trost war uns, dass wir durch einen Spalt in einer Seitentür der Burgmauer einen Blick nach innen und auf das sehr schöne Portal an der Westseite der Kirche werfen konnten. Laut Martin Rill (im Bildband „Das Repser und das Fogarascher Land“, Ulm 2014, S. 182) zählt es zu den bedeutendsten Steinmetzarbeiten Siebenbürgens, und Juliana Fabritius-Dancu urteilte in der bereits erwähnten Kirchenburgen-Mappe: „Es ist dies das am reichsten ausgestaltete romanische Westportal einer sächsischen Dorfkirche.“
Über Katzendorf und Hamruden, dann durch den Geisterwald erreichten wir noch bei Tageslicht das heimatliche Burzenland. Es war ein Tag, der unser Wissen über die Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgens zweifellos bereichert hat. Bedenklich stimmte ein bisschen das Fazit: Die szeklerischen Kirchenburgen stehen Besuchern erfreulicherweise offen. Aber manche sehenswerte sächsische Kirchenburg – siehe die Beispiele Meeburg und Draas - ist zugesperrt und kann nur von draußen betrachtet werden. Warum das so ist, liegt auf der Hand.
Die Kirchenburg von Daia/Székelydálya. Foto: der Verfasser.
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