Pikanterien, Musik und die erste Monografie der Schwarzen Kirche
15.05.26
Nachlass von Ernst Kühlbrandt vorgestellt
Vier Kartonschachteln und eine Zeichenmappe. Das ist alles, was von Ernst Kühlbrandt im Honterusarhiv zu finden ist. Kein umfangreicher Nachlass, allerdings ausreichend, um die wichtigsten Wirkungsfelder Kühlbrands zu belegen: er war ein hervorragender Zeichenlerer und Zeichner, ein guter Schriftsteller und ein bedeutender Kunsthistoriker. Kühlbrandt hatte ein spannendes Leben, viele Interessen, war sehr aktiv und hatte viel Humor. Das und vieles mehr erfuhren am 28. April Dutzende im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde von Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Honterusgemeinde im Rahmen des Vortrags „Humor an der Schwarzen Kirche”. Es war eine Stunde in der viel gelacht und gesungen, aber auch sehr viel Spannendes erfahren wurde.
Der Vortrag wurde im Rahmen der beliebten Vortragsreihe „Kulturerbe hautnah“ organisiert, die vor zwei Jahren von Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A.B. in Kronstadt und Frank Ziegler ins Leben gerufen wurde, um dem Publikum Zugang zu originalen Kunstwerken und Archivgut der Schwarzen Kirche zu ermöglichen, die ansonsten in den Depots der Gemeinde ruhen. Regelmäßig stellen sie den Nachlass der Schwarzen Kirche vor.
Leidenschaftlicher Zeichner
Ernst Kühlbrandt (1857 - 1933) war der Sohn von Theodor Kühlbrandt (1821–1868), dem Begründer des Schulsports in Kronstadt. Er hat seine Realschulbildung in Kronstadt und Hermannstadt gemacht und studierte nach seinem Militärdienst Polytechnik in Graz. Mit 19 Jahren orientierte er sich jedoch um und ließ sich in Stuttgart und Wien zum Zeichenlehrer ausbilden. Wieder in seiner Heimatstadt zurückgekehrt, wirkte er als Zeichenlehrer an der Honterusschule und weiteren Schulen.
Die Vorstellung Kühlbrands Nachlasses ausgerechnet im Kapitelzimmer am Honterushof, wo das alte Schulgebäude steht, ein Ort wo Kühlbrandt vor über 100 Jahren als Lehrer wirkte, sei eine Einladung, sich die Welt Anfang des 19. Jahrhunderts vorzustellen. „Wenn man die Augen weit genug aufmacht, kann man Ernst Kühlbrandt sehen, wie er mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm durch den Hof spaziert und seine Schülerschaft zu Kreativität anspornt“. Ein originales Schwarz-Weiß Bild vom Honterushof, auf dem Damen in Kleidern und mit Hüten und Herren in schwarzen Gehröcken zu sehen sind, führte das Publikum in die Welt der Belle Epoque.
Frank Ziegler war sichtlich vom Thema angetan. Er zeigte mehrere Zeichnungen und -Skizzen Kühlbrandts, darunter ein Aquarell-Bild von einem Veilchen und einen Brief, den der junge Mann seiner Mutter aus Hermannstadt sendete. Er bebilderte den Brief mit einer detailreichen Bleistiftskizze eines Hauses vom Kleinen Ring.
Von seiner Leidenschaft für das Zeichnen, über die er intensiv Buchführung hielt, sind eine Reihe von Notizen im Honterusarchiv erhalten. Kühlbrandt unterschrieb auch Portraits und gab seine Leidenschaft an seinen Sohn, Ernst Kühlbrandt Junior weiter - dieser wurde Pferdemaler. Einige seiner Schüler sind namenhafte Künstler geworden, etwa Hans Eder oder Oskar Netoliczka Junior.
Schwächen der Menschen als Thema
Später in seinem Leben schlägt der Ton seiner Gemälde und Skizzen um und seine Werke enthalten allerhand Pikanterien – ein Reiter fällt um, Skifahrer, die sich nicht mehr gut auf den Skiern halten, eine grobe Nase- Es sind die kleinen Schwächen der Menschen, Pikanterien, die den erwachsenen Kühlbrand interessieren. Eine der Bleistifskizzen, die auch auf dem Plakat der Veranstaltung zu sehen ist, zeigt ein Paar auf einer Parkbank unter einem riesigen Schirm sitzen. Beim besseren Hinschauen bemerkt man, dass unterhalb des Sonnenschirms, der die Oberkörper des Mannes und der Frau verbirgt, die Hand des Mannes nicht etwa auf deren Rücken liegt, sondern tiefer gerutscht ist.
Auch in den Gedichten hielt Ernst Kühlbrandt das tragische Streben des unvollkommenen Menschen nach Vollkommenheit fest, er thematisierte mit Vorliebe den ewigen Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen Normen und den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Einige seiner Gedichte wurden im Rahmen des Vortrags von Honterusschülern vorgelesen, wie dieses hier:
Der Friedensstifter
Harte Faust und scharfe Rede
Hatten lange sich gestritten,
Und man suchte einen dritten,
Stark genug, in dieser Fehde
Endlich Frieden doch zu machen.
Sieh! und endlich ward gefunden
Einer, der sie überwunden:
Dieser Starke war - das Lachen”
Zu manchen Gedichten von Kühlbrandt schrieb sein Freund Rudolf Lassel Melodien. Einige davon wurden im Kapitelzimmer gemeinsam gesungen, unter der musikalischen Begleitung von Dr. Steffen Schlandt, Organist und Kantor der Schwarzen Kirche. Das Lied „Blau und rot” beispielsweise, das heute patriotisch wirken mag aber im Kontext der damaligen Zeiten zu verstehen ist, brachte ein Lächeln auf die Lippen der Anwesenden. Das Lied war seinerzeit, 1899 ein Hit beim Kronstädter Männergesangsverein und wurde damals vom Chor dreimal gesungen und schließlich auch von den Anwesenden mitgesungen. Der Refrain geht so: „Wenn ich diese Farben schau’, trag’ ich willig alle Not: Blau und rot bis in den Tod!”
Beim Lied „Ein Rudel Mädel”, zu dem ebenfalls Lassel die Musik schrieb, sang Gabriela Schlandt den Solopart und verteilte Blumen an Männer im Saal
Auch Dramatiker und Schriftsteller
Seine Dichtungen wurden in der Zeitschrift für Kultur und Leben „Karpaten” veröffentlicht, die von Adolf Meschendörfer herausgegeben wurde. Er verfasste allerdings auch Leitartikel, Gedichte und Feuilletons für das „Kronstädter Tageblatt“, veröffentlichte aber auch in anderen Publikationen seine Texte.
„Er beherrschte Formen des Spruches und Lehrgedichts. Seine Epigramme, Spiegel einer starken, Gott verehrenden und menschheitsgläubigen Persönlichkeit, wirkten in Form und Inhalt auch literararisch vorbildlich”, sagte Ziegler.
Aus einer der Kartonschachteln holte der Referent eine Mappe mit zwei Theaterstücken von Kühlbrandt heraus: „Der Naturapostel” und „Die Bärenbraut”. Nur das erste wurde jemals gespielt, allerdings ein einziges Mal - in Hermannstadt, im Jahr 1911. Es ist eine Anspielung auf Kronstädter Gusto Gräser, einem der ersten Hippies, der sich für ein naturnahes Leben entschieden hatte. Die Hauptfigur des Stücks, Hans Heimann, wird allerdings durch die Liebe verführt und gibt so seinen Glauben und sich selbst auf. Das Stück „ist eine schwer verdauliche Kost, weil es literarisch problematisch ist“, erklärte Ziegler, es sei jedoch historisch von Interesse.
Erste Monografie über die Schwarze Kirche
Einen besonders wertvollen Nachlass Ernst Kühlbrandts verdankt man seiner Forschung an der Schwarzen Kirche. Er hat akkurate Zeichnungen nach Kunstwerken aus der Schwarzen Kirche hinterlassen, wie etwas vom Taufbecken, der Kanzel oder wertvollen Kerzenleuchter. Sein intensives Interesse galt auch den osmanischen Teppichen, über die er ins Detail Inventar führte. So erfuhr er beispielsweise, dass diese von Orienthändler als Steuern bezahlt wurden und auf diese Weise in den Besitz der Schwarzen Kirche kamen.
Seine Forschungen an der Schwarze Kirche zu Beginn des Jahrhunderts fasste er in zwei Bänden zusammen, in der ersten Monografie über das Gotteshaus „Die Schwarze Kirche“. Es sei ein riesiges Verdienst, das heute in Vergessenheit geraten sei, so Ziegler. „Wir verdanken ihm sehr viele Kenntnisse“.
Über die faszinierende Persönlichkeit und Tätigkeit von Ernst Kühlbrandt kann man näheres im Honterusarchiv erfahren.
Der folgende Vortrag der Reihe „Kulturerbe hautnah” findet am 9. Juni, um 18 Uhr im Chorraum der Schwarzen Kirche statt. Der große Altar wird im Rampenlicht stehen.
Laura Capatana Juller
Frank-Thomas Ziegler erklärt im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde voller Begeisterung über den wertvollen Nachlass von Ernst Kühlbrandt an der Schwarzen Kirche. Foto: die Verfasserin.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
15.05.26
Eine eintägige Kirchenburgen-Tour im sächsisch-szeklerischen Grenzgebiet Siebenbürgens (I)/ Von Wolfgang Wittstock
[mehr...]
15.05.26
Maisingen beim Deutschen Forum
[mehr...]
15.05.26
Nachlass von Ernst Kühlbrandt vorgestellt
[mehr...]



