Sensible Wege zwischen Mode und sozialer Realität
09.01.26
Sibylle Bergemann – Fotografieausstellung
Die Ausstellung „Sibylle Bergemann – Fotografien: Zwischen Mode und sozialer Realität“, eröffnet am 5. Dezember im Kronstädter Kunstmuseum, präsentiert eine Auswahl aus dem Werk einer der bedeutendsten Fotografinnen Deutschlands. Die Arbeiten entstanden über mehrere Jahrzehnte in unterschiedlichen Medien und zeigen sowohl Bergemanns langfristige dokumentarische Projekte als auch ihre charakteristische serielle Arbeitsweise.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Bergemanns Mode- und Porträtfotografie, die sie ab Ende der 1960er-Jahre für Magazine wie „Sibylle“ und später auch für internationale Publikationen wie „Geo“, „Die Zeit“, „Der Spiegel“, „Stern“, „The New York Times“ entwickelte. In Berlin entwickelte Bergemann einen situativ-szenischen Stil, den sie später in Metropolen wie New York, Paris, Tokio und São Paulo weiterführte. Bis 1990 arbeitete sie überwiegend in Schwarz-Weiß und nutzte intensiv das Polaroid-Format; danach verwendete sie eine Bildsprache in Farbe. Über ihr künstlerisches Interesse sagte Bergemann selbst: „Mich interessiert der Rand der Welt, nicht die Mitte. Das Nichtaustauschbare ist für mich von Belang. Wenn etwas nicht ganz stimmt in den Gesichtern oder Landschaften… .“ (Sibylle Bergemann, zitiert von der Tochter Frieda von Wild bei der Vernissage. Zitate weiter unten stammen aus derselben Quelle.)
Biografie und künstlerischer Weg
Sibylle Bergemann wurde 1941 in Berlin geboren und begann ihre fotografische Ausbildung 1966 bei Arno Fischer. Seit 1967 arbeitete sie freiberuflich, vor allem für die Zeitschrift „Sibylle“, und prägte maßgeblich die Ästhetik der ostdeutschen Modefotografie. Ihre Arbeiten erschienen in zahlreichen deutschen und internationalen Medien. Sie war Artist-in-Residence für das Projekt „Tokyo Today“ (1996), und ihre Fotografien befinden sich in bedeutenden Sammlungen wie der Art Collection Deutsche Börse, der Berlinischen Galerie und dem Deutschen Bundestag. 1990 war sie Mitbegründerin der renommierten Fotografenagentur Ostkreuz. Bergemann starb 2010 in Gransee. (Vgl. Ausstellungsinformationen)
Berlin und die Welt – thematische Serien
Bergemanns Fotografien besitzen einen ausgeprägten narrativen Charakter, denn sie eröffnen dem Betrachter eine visuelle Geschichte. Zum Beispiel wird in einem Bild eine Ziege wie in einem flüchtigen Moment vor einem Haus in Kumasi abgelichtet. Die Aufnahme regt zum Nachdenken über mögliche Geschichten davor und danach an und fordert die Betrachtenden auf, das Gesehene zu kontextualisieren.
Frieda von Wild beschreibt die Arbeitsweise ihrer Mutter folgendermaßen: „Sie war besessen davon, Bilder zu machen… Sie hatte immer eine Kamera parat… Und sie hatte Geduld… darauf zu warten, dass das gute Bild zu ihr finden wird.“ Diese Geduld spiegelt sich in allen Serien wider – in der exakten Farbgestaltung, im Verhältnis zwischen Figur und Raum und im präzisen Moment der Aufnahme. Darüber hinaus verbinden Bergemanns Bilder eine besondere Sensibilität mit einem offenen, weltzugewandten Blick.
Die Ausstellung im Kronstädter Kunstmuseum zeigt zentrale Bildserien: Berlin-Motive wie das ehemalige Außenministerium der DDR (1995), Schönefeld (1972), der Palast der Republik (1987), Mauerpark (1996) oder Marzahn (1980). Besonders eindrucksvoll sind die Aufnahmen aus Clärchens Ballhaus (1976), über die ihre Tochter Frieda von Wild berichtet: „Diese Serie ist in einer Nacht entstanden, in der sie gemeinsam mit Freunden dort gefeiert haben… Damals wie heute wurde dort ausgelassen getanzt… .“
Eine weitere Serie, „Orte“, eröffnet stille Räume des Dazwischen: Orte und Menschen erscheinen als Träger eines Geheimnisses, das sich nicht festhalten lässt. In Schwarz-Weiß zeigen die Fotografien alltägliche Situationen und unscheinbare Schauplätze, in denen Zerbrechlichkeit, Erinnerung und Hoffnung aufeinandertreffen. Ohne zusätzliche Hinweise und Erklärungen wird der Blick der Betrachtenden eingeladen, sich in diese Welten zu vertiefen und dem Verborgenen nachzuspüren.
Das Denkmal
Zwischen 1975 und 1986 begleitete Sibylle Bergemann die Entstehung der von Ludwig Engelhardt geschaffenen Bronzeskulpturengruppe für das Marx-Engels-Forum in Ost-Berlin – von den ersten Studien und Modellen über Gussformen und Bronzeguss bis zur Installation des Denkmals, das bis heute unweit des Alexanderplatzes steht. Der Auftrag sollte ein Denkmal hervorbringen, das die ideologischen Prinzipien der DDR verkörpern sollte. Bergemanns Fotografien dokumentieren diesen Prozess genau, doch trotz des offiziellen Charakters der Dokumentation entfalten die Fotografien eine eigene, subversive Lesart. Die Bilder offenbaren nicht nur den handwerklichen Ablauf, sondern zeigen auch den ideologischen Kontext und den „Abguss“ einer hohlen Form, die zu mythischen Dimensionen modelliert werden sollte. In einer nüchternen, u.U. ironischen Bildsprache erscheinen manche Szenen beinahe lächerlich und unterlaufen damit die beabsichtigte Monumentalität des Projekts. So erzählen Bergemanns Fotografien auch eine Geschichte des Scheiterns bzw, der Fragmentierung und Dekonstruktion einer mythischen Vorstellung. (Vgl. Ausstellungstext)
Dakar und Ghana
Nach 1990 eröffnen sich für Sibylle Bergemann neue Reise- und Arbeitskontexte, aus denen fotografische Essays hervorgehen. In der Ausstellung im Kronstädter Kunstmuseum fällt der Schwerpunkt auf jene in Ghana (2000) und Dakar (2001). In den Farbfotografien dieser Zeit steht oft das weibliche Porträt im Zentrum: Frauen erscheinen neugierig, ernst, melancholisch und/oder selbstbewusst — eine komplexe Typologie, die gängige Stereotype bewusst unterläuft. Farbkonstellationen und räumliche Bezüge sind dabei harmonisch abgestimmt.
Begleitend zur Ausstellung sind zwei Veranstaltungen mit der Künstlerin Aurora Király geplant: ein Artist Talk „Heroïnes – Weibliche Bezugspunkte in Kunst- und Fotografiegeschichte“ zu einer offenen Diskussion über von Frauen geschaffene Kunst- und Fotografiegeschichten und ein Portfolio-Review-Workshop, der sich an Fotografen und Fotografinnen sowie Künstler und Künstlerinnen richtet.
Mir kommt es vor, als gehe Sybille Bergemann sensible Wege, ähnlich wie die DDR-Lyrikerin Sarah Kirsch: „Der Himmel wolkenbefahren an wenigen /Sonneninseln bleibe ich hängen ich höre /Den ganzen Tag Eric Clapton… so ist mir tröstlich /Trostlos zumute auf diesem verblichenen Planeten.“ Trostlos sind Bergemanns Bilder keineswegs, denn für die Künstlerin war die Kamera ihre Musik. Durch die fotografische Linse nahm sie die Welt natürlich wahr und machte zugleich mit Präzision, Raffinesse und viel Sensibilität ihre Vielschichtigkeit sichtbar.
Die Ausstellung kann bis zum 8. Februar 2026 im Kronstädter Kunstmuseum besucht werden. Die Partner des Projektes sind: ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, das Goethe-Institut Bukarest,
das Multikulturelle Zentrum der Transilvania-Universität und der Kronstädter Kreisrat.
Delia Cotârlea
Die Ausstellungeröffnung fand Anfang Dezember im Kunstmuseum statt. Foto: Deutsches Kulturzentrum Kronstadt
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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