„Stein oder nicht Stein, schuldig oder nicht, das ist hier die Frage.“
08.05.26
Gespräch über die Aufführung „Ich, Sisyphos. Intrigen, Lust und Leid“
Sisyphos ist eine der bekanntesten Figuren aus der griechischen Mythologie. Ein jeder weiß von seiner Klugheit, List und Schlauheit, aber auch von seiner Bestrafung durch die Götter. Diese verdonnerten ihn dazu, einen Felsblock immer wieder einen Berg hinaufzurollen, nur damit dieser jedes Mal kurz vor dem Gipfel wieder hinunterrollt. Doch wofür diese ewige, unnütze Tätigkeit? Sisyphos hatte sie als Strafe erhalten, weil er, der das Leben so leidenschaftlich liebte, nicht sterben wollte und deshalb mehrmals versucht hatte, die Götter hinters Licht zu führen. Es heißt, es sei ihm gelungen, den Tod, als er ihn holen wollte, mit Wein zu bewirten und zu fesseln. Ares, der Gott des Krieges, befreite aber den Tod und lieferte ihm Sisyphos aus. Dieser überlistete den Tod nun ein zweites Mal.
In den Antikensammlungen München fanden an drei Wochenenden im März die Aufführungen von „Ich, Sisyphos. Intrigen, Lust & Leid“ statt. Buch und Regie zeichnete der gebürtige Kronstädter, seit Jahren in Deutschland lebende Theaterregisseur Ioan C. Toma (ICT). Der Schauspieler und Regisseur Konstantin Moreth (KM), der in demselben geschichtsträchtigen Ambiente vor etlichen Monaten in dem „Gastmahl“ von Platon – ebenfalls unter der Regie von Ioan C. Toma (siehe ADZ vom 3.08.2024) – aufgetreten war, gab diesmal den gerissenen Sisyphos, assistiert von Bonnie Tillemann (BT), die auch für die Ausstattung verantwortlich war.
Prof. Dr. Mariana-Virginia Lăzărescu (MVL) führte mit allen drei an der Vorstellung Beteiligten ein Gespräch für die Karpatenrundschau.
MVL: Herr Moreth, Sie haben im „Gastmahl“ von Platon, jetzt in „Ich, Sisyphos. Intrigen, Lust und Leid“, beide Aufführungen der Moreth Company in der Regie von Ioan C. Toma, gespielt. Können Sie uns Näheres über die Zusammenarbeit sagen?
KM: Wir arbeiten ja schon seit 8 Jahren in verschiedenen Produktionen vertrauensvoll zusammen. Da entwickelt man ein intuitives Verständnis füreinander und eine großartige Basis, immer weiterzugehen und sich entspannt dem lustvollen Erkunden dieser antiken und doch so frischen Stoffe anzunehmen.
MVL: Ich musste feststellen, Sie legen Wert auf den Dialog mit dem Publikum, auf dessen Reaktionen, während Sie ihre Rolle interpretieren. Wird dadurch den Texten noch mehr Aktualität und Glaubwürdigkeit geschenkt?
KM: Ich glaube schon. Es hilft jedenfalls sehr dabei, das Publikum ins Geschehen hineinzuziehen und an meinen Denkprozessen zu beteiligen. Mir macht es großen Spaß, diesen improvisatorischen Freiraum zu haben und mit den ja immer neuen Reaktionen und Antworten der Leute umzugehen.
MVL: Sie treten in den genannten Inszenierungen als einzelner Performer auf und bestreiten das ganze Programm mit nur wenigen Repliken von Seiten Ihrer „Assistentin“ Bonnie Tillemann. Ist die sogenannte „One-man-show“ eine von Ihnen bevorzugte Darstellungsform?
KM: Nein. Ich bin eigentlich schon eher ein Team Player und genieße es, aus dem Gegenüber auf der Bühne zu schöpfen und sich gegenseitig hochzuschaukeln. Aber es hat natürlich seinen eigenen Reiz, ganz allein einen Abend „zu stemmen“. Und hier bei „Sisyphos“ habe ich in Bonnie ja durchaus eine Spielpartnerin, mit der ich interagieren kann, und eben auch das direkte Spiel mit dem Publikum.
MVL: Herr Toma, der Mythos des korinthischen Königs Sisyphos, der unzählige Schriftsteller faszinierte, wurde bekanntlich als Metapher für die menschliche Existenz und den Kampf gegen sinnlose Mühe gedeutet. Sie sehen ihn als einen klugen, lebenslustigen, gewieften Menschen, den die Götter für seine Verschlagenheit bestraften, der den Tod zweimal überlistete, seine Frau Merope sowie Persephone, die Göttin der Unterwelt, austrickste. Sie verwerten in Ihrer Inszenierung alte Quellen, wie beispielsweise Homer (8. Jh. v.Chr.), Euripides (5. Jh. v.Chr.), Platon (4. Jh. v.Chr.); Hygin (2. Jh. v.Chr.), Pherekydes (5. Jh.), Shakespeare (16.-17. Jh.), aber auch neuere, wie z.B. Edward Bulwer-Lytton: Death and Sisyphus (19. Jh.), R. C. Trevelyan: „Sisyphos, An Operatic Fable“ (20. Jh.) in der Übersetzung Ihrer Tochter Luise Toma und schließlich Albert Camus (20. Jh.). Wie trafen Sie diese Auswahl und welche – darf ich fragen: „neue“ – Sicht über diesen reichhaltigen Stoff hatten Sie bei der Inszenierung?
ICT: Die genannten Dokumente aus mehr als 3 Jahrtausenden liegen bei unserer Vorstellung auf dem Tisch der Assistentin, als Belege der Verteidigung. Dabei habe ich mich auf dem abenteuerlichen Balanceakt unseres Helden zwischen Göttern und Menschen konzentriert und auch seine teils grenzwertigen „erotischen“ Eskapaden beleuchtet. Ich konnte nicht umhin, Sisyphos von seinem berühmten Sohn Odysseus und dessen Kriegslist mit dem trojanischen Pferd schwärmen zu lassen, zumal eine kleine Abbildung des berühmten Tieres direkt neben unserer Bühne stand. Mir ist auch klar, dass Autoren der Neuzeit nicht wirklich Hofchronisten des Königs von Korinth waren, doch die Gedanken sind, wie wir ja wissen, frei. Auch wollte ich dem Publikum den Einblick in turbulente Szenen aus der Ehe des Sisyphos, von Trevelyan 1908 notiert, oder die charmante Beschreibung der Fesselung des Todes von Lytton 1866, nicht vorenthalten. Auf häufige Assoziationen in der neueren Zeit, die sich gerne mit der Routine der Hausarbeit oder dem Schichtarbeiter am Fließband beschäftigen, gehe ich bewusst nicht ein. Wie Sie, Mariana, es schon sagten, liegt mein Schwerpunkt auf der Lebenslust. „Sein oder Nichtsein“ fragt sich Hamlet. Sisyphos hat sich klar für das Sein entschieden.
MVL: Können Sie uns mehr über die „Verteidigungsrede“ mit den Belegen aus drei Jahrtausenden erzählen?
ICT: „Ich Sisyphos, eine Apologie“ war der Titel für das erst angedachte Stück, doch musste ich feststellen, dass der Begriff nicht so geläufig war und stieg auf „…eine Verteidigungsrede“ um. Als der Text fast fertig war, schien mir „…Intrigen Lust und Leid“ stimmiger. Die Apologie des Sokrates war aber meine zentrale Inspiration. So wie Sokrates sich selbst vor Gericht verteidigt, steht bei uns Sisyphos vor den Zuschauern und breitet schonungslos sein Leben aus. Sokrates erhofft sich im Hades Begegnungen mit anderen, zu Unrecht Verurteilten. Sich mit ihnen auszutauschen, sein Geschick mit dem ihren zu vergleichen, schien Sokrates gar nicht unerfreulich zu sein. Bei uns bietet Sisyphos nach jeder Vorstellung dem Publikum, das allerdings noch unter den Lebenden weilt, bei einem Glas Wein einen hoffentlich erfreulichen Gedankenaustausch an.
ML: Vor Beginn der Aufführung erhielten die Zuschauerinnen und Zuschauer je einen kleinen Stein. „Stein oder nicht Stein, schuldig oder nicht, das ist hier die Frage“, zitierte der Hauptdarsteller am Ende der Vorstellung den mit Absicht extrapolierten Satz aus Hamlets Monolog. Jede oder jeder konnte nun am Schluss entscheiden, ob Sisyphos‘ Strafe berechtigt war oder nicht, etwa in der Art des Ostrakismos. „Geben Sie ihn beim Ausgang wieder ab, belasten Sie mich, nehmen Sie ihn mit, entlasten Sie mich“, so die Worte von Moreth alias Sisyphos. Wie fielen die Würfel nach den jeweiligen Vorstellungen?
ICT: Bei dem Ostrakismos, dem Scherbengericht, wurden Tonscherben verteilt, wir bringen in Anlehnung an das Folterobjekt einen Stein ins Spiel, und viele Steine wurden von den Zuschauern mitgenommen, als Entlastung, oder auch nur als Erinnerung an „Intrigen Lust und Leid“, die Apologie des Sisyphos.
MVL: Frau Tillemann, Sie haben in den beiden Aufführungen nicht viele Worte zu sagen, aber Ihre Präsenz ist unentbehrlich. Man könnte behaupten, Sie sind das Salz, das dem Essen den Geschmack gibt. Wie sehen Sie Ihren Beitrag in den Stücken?
BT: Also, das Salz, die Würze zu sein, das gefällt mir sehr. Ich habe den Humor, mit dem Robert C. Trevelyan dieses Thema in seinen Texten behandelt, sehr genossen, daher ist es mir leichtgefallen, sie dem Publikum schmackhaft zu servieren. Unterstützt wurde ich auch durch die gleiche Wellenlänge mit Konstantin und Ioan. Schon im „Gastmahl“ war meine Figur eine Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Als „Assistentin“ und indirekt Merope konnte ich das noch ausbauen. Ich glaube auch, dass ich einigen Damen ihre Entscheidung „Stein oder nicht Stein“ etwas erleichtert habe. Diesen Eindruck hatte ich nämlich bei den sehr angeregten nachträglichen Gesprächen mit unserem Publikum.
Nach einer Vorstellung, die etwa eine Stunde dauerte, konnte man bei einem Glas rumänischen Weines mit den Darstellenden ins Gespräch kommen, ihnen Fragen stellen und über Sisyphos‘ Strafe weiter nachdenken. In einer Vitrine des Museums, das eine weltweit einzigartige Sammlung antiker Vasen, kleinformatiger Skulpturen, filigraner Goldschmiede- und Steinschneidearbeiten sowie Glasbläserei beherbergt, konnten die Gäste unter vielen anderen auch eine bäuchige Amphora mit Sisyphos, der den Stein nach oben rollt, bewundern. Dabei erinnerte man sich auch an die Worte von Camus: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Und das Diktum löste wiederum heftige Diskussionen über den „absurden Helden“ aus. Ist das menschliche Leben wert, gelebt zu werden? Braucht das Leben einen Sinn? Muss es in seiner Absurdität erkannt und akzeptiert werden? Kann der Mensch in der Auflehnung gegen das Absurde des Lebens Freiheit, Sinn und Glück finden? Soll man auf die Versprechen eines ewigen Lebens zurückgreifen oder nicht? Und so weiter und so fort…
Der Regisseur Ioan C. Toma. Foto: Mariana Lăzărescu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
08.05.26
Ein Abend über Identität und das Ankommen/ Vortrag von Dr. Heinke Fabritius über drei Generationen Künstlerinnen der Familie Zipser
[mehr...]
08.05.26
Haushaltssitzung mit Hindernissen: Mikrofone abgestellt, Bürger zum Schweigen gebracht
[mehr...]
08.05.26
Gespräch über die Aufführung „Ich, Sisyphos. Intrigen, Lust und Leid“
[mehr...]



