Theresia und Katharina Baldinger
27.02.26
Zwei Schwestern des Diakononissenmutterhauses „Gottessegen“ in Kronstadt
Auf dem Friedhof der Obervorstädter Kirche in Kronstadt gibt es drei Gräber, in denen Diakonissen, die in Kronstadt gewirkt haben, ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Auf den Grabsteinen stehen mehrere Namen mit knappen Angaben zu Geburts- und Todestag. Wir stehen vor dem Grabstein, der an Wilhelmine Schmitz, Theresia Baldinger und Katharina Baldinger erinnert. Wer waren diese Frauen? Beim Stöbern im Archiv fanden sich nur die Friedhofsmatrikeln zu Theresia und Katharina Baldinger. Wir erfahren, dass sie zuletzt auf der Straße Matei Basarab 39 gewohnt haben und beide, gut über achzig, an Altersschwäche gestorben sind.
Ein hilfreiches Buch
Ein Glücksfall für die Geschichtsschreibung Kronstadts ist Vasile Aldea. Er hat viel geforscht und zusammengetragen, was bei der Suche nach Informationen zu den Diakonissen weitergeholfen hat. In seinem Buch „Casa diaconeselor din Brasov“ (Ed. Haco International, Brasov 2018) werden Theresia Baldinger, teilweise auch Katharina Baldinger an mehreren Stellen erwähnt. In einer Fußnote steht der entscheidende Hinweis darauf, dass Theresia Baldinger aus Großpold stammt. Dank der dortigen Kuratorin konnte der Kontakt zu einer Großnichte der beiden Frauen hergestellt werden. Frau H. erinnert sich lebhaft und in größter Dankbarkeit an die beiden Diakonissen, die überaus starke wie liebevolle Persönlichkeiten gewesen sein müssen.
Die Erinnerungen stammen aus den 70er Jahren: Das damals junge Mädchen durfte gelegentlich vom heimatlichen Großpold zu den Tanten nach Kronstadt fahren. Diese wohnten auch nach der Auflösung des Diakonissenmutterhauses nach dem Krieg weiterhin im Schwesternwohnheim auf dem Schneckenberg. Das Mädchen durfte im Zimmer der einen Tante übernachten, die dann bei ihrer Schwester schlief. Es gab neben den Schwesternzimmern im Haus eine Gemeinschaftsküche mit mehreren Herden, wo außer den Diakonissen auch ein rumänisches Ehepaar kochte. Die Atmosphäre sei immer ruhig und friedlich gewesen. Häufig besuchten die beiden Diakonissen ihre Familie in Großpold. Dass man füreinander sorgte, gehörte einerseits zu den Selbstverständlichkeiten im siebenbürgischen Dorf. Andererseits muss die liebvolle Ausstrahlung der beiden Frauen selbst für die fromme Bauernfamilie so stark gewesen sein, dass sie Theresia und Katharina als wahre „Engel“ oder „Schätze“ bezeichneten. Ergänzend zu den persönlichen Erinnerungen stellte Frau H. weitere Unterlagen zur Verfügung, für die wir sehr dankbar sind. So können wir uns nun buchstäblich ein Bild von den beiden Schwestern machen. Auch erfahren wir aus der zum Glück erhaltenen Beerdigungspredigt für Theresia Baldinger Wichtiges über ihren Lebensweg.
Von Katharina Baldinger, der jüngeren Schwester, geboren 1893, wissen wir wenig – sie habe im Bukarester Diakonissenhaus in der Pflege und Fürsorge gearbeitet und sich mit Handarbeiten beschäftigt. Erhalten ist ihr Konfirmationsspruch. Es ist anzunehmen, dass ihr Leben ähnlich wie das von Theresia verlaufen ist, die 1891 in Großpold geboren wurde und dort auf dem bäuerlichen Hof ihrer Eltern an der Seite der fünf Geschwister aufgewachsen ist. Katharina und Theresa erlebten 1919 gemeinsam ihre Bekehrung zu Jesus Christus. Seinem Ruf folgend, beschlossen sie, Diakonissen zu werden und auf das zu verzichten, was junge Menschen sonst anstreben: Ehe, Familie, Besitz und alles, was damit zusammenhängt. Zwischen 1919 und 1924 wurden sie gemeinsam im Mutterhaus „Gottessegen“ in Bukarest ausgebildet, danach trennten sich ihre Wege, weil sie sich dahin führen ließen, wo sie gebraucht wurden.
Unruhige Zeiten
Theresia arbeitete erst als Operationsschwester in der Niederlassung des Mutterhauses in Konstanza, bis sie 1928 ins Kronstädter Diakonissensanatorium berufen wurde. Das Sanatorium verfügte über 50 Betten und wurde von renommierten Kronstädter Ärzten wie Dr. Andreas Sitterli (Orthopädie, Chirurg) oder Dr. Ludwig Haltrich (Frauenheilkunde) als Belegkrankenhaus genutzt. Eine chirurgische und radiologische Abteilung sowie weitere Dienste rund um Lungenerkrankungen oder Hygiene kamen später dazu. Später wechselte Theresia in die Verwaltung und wurde Wirtschaftsschwester. Die Zeiten waren unruhig: Das Diakonissenhaus musste sich - trotz der Wertschätzung in der Gesellschaft bis hin zum rumänischen Königshaus - finanziell wie juristisch immer wieder neue Wege suchen, um betriebswirtschaftlich zu überleben. So wurden beispielsweise alle Liegenschaften des Mutterhauses Gottessegen 1932 komplett an das reichsdeutsche Mutterhaus „Gottestreue“ (Berlin) verkauft – ohne dass sich an der Arbeit der Diakonissen etwas geändert hätte.
1935 fand ein Wechsel in der Leitung statt: Ein Eintrag bei der Industrie- und Handelskammer Kronstadt schrieb fest, dass Fräulein Theresia Baldinger als Teilhaberin alle Rechte zur Vertretung der Firma einzuräumen seien.
Wenige Jahre später, 1940, beantragte Theresia Baldinger die Änderung des Status des Diakonissenhauses und Anerkennung als Juristische Person privaten Rechts. In dem entsprechenden Dokument werden weitere Personen genannt, die Verantwortung für das Diakonissenhaus trugen: Neben Pastor Hans Petri (Bukarest), Pastor Walter Zilz (Berlin-Lichtenrade), Traugott Meltzer (Bukarest) und der Oberin Klara Stöcker werden weitere Schwestern namentlich erwähnt: Hermine Ziske aus Bukarest, Emma Römer, Katharina Baldinger, Ida Sauter, Elise Adami und Nelli Hahn aus Kronstadt.
Theresia Baldinger versah ihr Amt als Leiterin tüchtig und umsichtig, bis sie wegen eines Herzleidens die Aufgabe an Emma Römer abgeben musste. Danach arbeitete Theresia Baldinger als Bürohelferin im Diakonissenhaus, bis alle bisherigen Strukturen mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen zusammenbrachen.
Ab dem denkwürdigen August 1944 mussten die meisten reichsdeutschen Schwestern das Land verlassen. Die Leitung wechselte erst zu Adele Barth, einer siebenbürgischen Diakonisse, die aber im gleichen Jahr ebenfalls nach Deutschland ausreiste. Konrad Möckel, der Kronstädter Stadtpfarrer, übernahm die Verantwortung, bis er verhaftet wurde. Die Räumlichkeiten und die Ausstattung des Sanatoriums wurden beschlagnahmt, die Zuständigkeiten wechselten zwischen den neuen rumänischen Behörden und der UdSSR. 1945 folgte als nächster Schlag die Deportation großer Teile der siebenbürgischen Bevölkerung nach Russland – dieser entzog sich der Orthopäde Dr. Sitterli am 16. Januar samt seiner gesamten Familie durch Selbstmord. Eine der Schwestern, Elisabeth Scheiber, wurde deportiert, kam aber fünf Jahre später wieder nach Kronstadt zurück.
Ein Neubeginn
1948 war die Nationalisierung abgeschlossen: Die Schwestern hatten ihre ursprüngliche Arbeitsstelle im Diakonissenhaus verloren, durften ihre Tracht nicht mehr tragen, fanden aber Anstellung in den Krankenhäusern der Stadt oder in der privaten Pflege. Auch konnte das Schwesternheim ihnen als Wohnort erhalten bleiben – das Haus, in dem Frau H. ihre Tanten Theresia und Katharina in den 70er Jahren besuchen konnte. Die beiden pflegten die Gemeinschaft mit den anderen Schwestern Olga, Emmi, Elise, Adele, Johanna, Martha, Resi, Sophie und Elisabeth mit Gottesdiensten und Andachten, gemeinsamen Geburts- und Adventsfeiern und konnten sich so die ihnen gemäße Form des Glaubenslebens erhalten.
Theresia trat in den Dienst der staatlichen Krankenpflege, zuerst als leitende Schwester an der orthopädischen Abteilung des Kreiskrankenhauses, dann in der Poliklinik für Augenheilkunde. Sie arbeitete bis zu ihrem 68. Lebensjahr. In den vielen, bewegten Jahren ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, unzähligen Menschen zu helfen, ihre Schmerzen zu lindern oder ihnen zu helfen, sie in gläubiger Geduld zu ertragen. Sie konnte – oft auch ohne Worte und nur durch ihr Vorbild, ihre ruhige, sachliche und freundliche Art, ihre Gewissenhaftigkeit und Einsatzbereitschaft – Vertrauen erwecken.
In ihrem letzten Lebensjahr wurde sie immer schwächer und konnte das Haus nicht mehr verlassen. Als sie merkte, dass ihre Tage gezählt waren, war sie bereit, sich in die Hände des Herrn fallen zu lassen. Bis wenige Tage vor ihrem Tod stand sie in eiserner Disziplin jeden Tag auf, wusch sich und zog sich an. In der letzten Woche, als sie das Bett nicht mehr verlassen konnte, wurde sie von der leiblichen wie auch den anderen Schwestern in großer Hingabe Tag und Nacht betreut und begleitet – so, wie das für Diakonissen selbstverständlich ist.
In völliger geistiger Klarheit und großem inneren Verlangen nahm sie ihr letztes Abendmahl ein und entschlief am 24. November 1979 in Frieden.
Anne Grupp (Stuttgart)
Diakonissen des Mutterhauses "Gottessegen" mit Ida Tänzer (Mitte der Dreiergrupp), Katharina Baldinger (vierte von rechts in der oberen Reihe) und Königin Maria
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
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Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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