Unterwegs auf der Via Transilvanica
10.07.26
Terra Borza Teutonica, Etappe 2: Deutsch-Weißkirch bis Cobor
eine Fotoreportage von Bernice Krech-Litoiu
Die Sonne beginnt langsam, den Tag zu erwärmen, ein paar Schmetterlinge schwirren durch die Luft und ein Pferd wiehert. Noch um den letzten Busch gebogen, öffnet sich vor uns der Blick auf das erste Dorf: Deutsch-Weißkirch. Tatsächlich steht ein schwarz-weiß geschecktes Pferd angeleint am Wegrand. Die ersten Menschen, denen wir begegnen, grüßen uns freundlich auf Englisch. Auch sie tragen Rucksäcke und Wanderkleidung und sind sofort als Wanderer desselben Fernwanderwegs zu erkennen wie wir: der Via Transilvanica.
Die Via Transilvanica ist mit mehr als 1.400 Kilometern der Fernwanderweg, welche Rumänien von Putna, im Norden, bis Drobeta-Turnu Severin an der Donau, im Südwesten, verbindet. Der Weg ist von Kilometer zu Kilometer mit individuell gemeißelten Andesit-Steinen markiert und hat auch sonst sämtliche orange-weiße Wegweiser, mit dem typischen „T“ in einem Kreis. Seit 2025 ist auch ein 170 Kilometer langer Abschnitt im Burzenland zu der Strecke hinzugefügt worden: Von Arkeden über viele Dörfer, Hügel und durch Wälder führt der Wanderweg auch durch bekanntere Orte wie Deutsch-Weißkirch, Poiana Marului, Törzburg und Rosenau bis nach Kronstadt.
Etappe 2 der Terra Borza Teutonica
Nach einiger Zeit der Vorbereitung ist die Entscheidung für uns auf die Strecke von Deutsch-Weißkirch bis Halmagen gefallen, also die Etappen zwei und drei der Terra Borza Teutonica, aufgeteilt in zwei Tage. Für den ersten Tag stand also die Etappe Deutsch-Weißkirch bis Cobor an. Sie ist 24,54 Kilometer lang und wird mit einem Höhenunterschied von 650 Metern als leicht eingestuft. Etwa sechseinhalb Stunden soll der Weg dauern – wobei dies je nach Fitness, Wetter und Pausen sicherlich variiert. Wir sind zu siebt an einem Wochenende im Juni los, an dem es sehr heiß war. Trotzdem hat die Zeit in etwa gestimmt.
Vormittags wurden wir von Freunden bis zum Start gefahren und fingen bei schönstem Wetter an, die Gegend zu erkunden. Mit dem ersten Wegweiser mit dem orangenen „T“, dann dem ersten grauen Andesit-Stein mit besonderer Gravur, bekommt man langsam das Gefühl, nicht nur in Deutsch-Weißkirch zu Besuch zu sein, sondern tatsächlich Teil von etwas Größeren zu sein – der Via Transilvanica. Wie in allen Dörfern, durch die uns die Etappe führte, gab es auch in Deutsch-Weißkirch Zugang zu Toiletten und einen Dorfladen, in dem man Wasser oder andere Getränke, Snacks und meist auch ein Eis zur Abkühlung kaufen kann.
Erkundungstour in Deutsch-Weißkirch
Die weiß-verputzte Kirchenburg auf dem Hügel über dem Dorf ist eine der am besten erhaltenen siebenbürgisch-sächsischen Wehrkirchen und seit 1999 gemeinsam mit dem Dorf UNESCO-Welterbe. Beim Gang durch die gepflasterten Straßen wird schnell deutlich, wieso König Charles III. diesem Ort seit Jahrzehnten verbunden ist: Er besitzt hier ein renoviertes sächsisches Bauernhaus und unterstützt über den Mihai Eminescu Trust den Erhalt der historischen Bausubstanz und traditioneller Handwerkskunst. Sein Engagement hat Deutsch-Weißkirch international bekannt gemacht und den Tourismus entscheidend mitgeprägt. Heute begegnen sich hier Radreisende, Besucher aus aller Welt und eben Wanderer der Via Transilvanica. Besonders bekannt sind die vielen hellblauen Häuser. Trotz des großen Interesses ist das Dorf ziemlich authentisch geblieben – Pferdewagen, ausgebüxte Hühner und ein paar Hunde gehören zum Straßenbild wie die bunt gestrichenen, renovierten Bauernhäuser. Der Rhythmus des Dorflebens scheint sich den Erwartungen des Tourismus bis heute nicht vollständig angepasst zu haben.
Über Felder und durch Wälder
Der Via Transilvanica folgend, geht man an der orthodoxen Kirche vorbei aus der Ortschaft raus und fängt an, durch Wälder und über Felder zu wandern. Wir trafen auch auf eine andere Gruppe -Wanderer, die sich jedoch langsamer bewegten und deshalb blieb es nach einem kurzen Austausch dabei, dass wir zu siebt weiterzogen. Interessant ist, dass der Weg gut geschützt ist: immer wieder gibt es rechts und links einen Stromzaun und ab und zu ist beschildert, wie man ein Tor aushängt, um in den nächsten Abschnitt zu kommen. Dieser strombeladene Zaun schützt manchmal auch vor aggressiven Hunden und ist uns mehrere Male zugutegekommen. In den Frühlings- und Sommermonaten kommen neben der Hitze auch noch andere Einflüsse dazu: Wer mit Heuschnupfen zu tun hat, sollte auf jeden Fall vorbereitet sein, denn die Pollen schwirren nur so durch die Luft. Außerdem führen einige Abschnitte des Wanderweges durch Felder und die Gräser wachsen teilweise hüfthoch: Lange, luftige Hosen oder aber Wanderhosen, die sich schnell durch abnehmbare Hosenbeine von lang zu kurz und kurz zu lang umwandeln lassen, machen den Unterschied zwischen unversehrter Haut und gereizter oder sogar von Zecken befallener Haut an den Beinen.
Zivilisation in Sicht: Seiburg und Leblang
Ganze zehn Kilometer geht es von Deutsch-Weißkirch aus nur durch Natur. Die einzigen Begegnungen hat man mit Kühen, Schafen, Ziegen, Pferden, Hunden und eventuell einem Traktor. Doch dann, von einem Hügel aus, sieht man weiter unten einen Kirchenturm, der sich aus einem Dorf mit einer langen Hauptstraße emporhebt: Seiburg. Das Hauptdorf der Region wurde von siebenbürgisch-sächsischen Siedlern gegründet und 1289 erstmals urkundlich erwähnt, damals unter dem Namen „Villa Syberg“. Direkt am Eingang des Dorfes sieht man auf der linken Seite ein großes, gelbes Haus, das lange Zeit als Mühle fungierte. Weiter auf der Hauptstraße, im Kern von Seiburg, finden sich zwei kleine Lebensmittelgeschäfte, bei denen man auf der Wanderung eine Erfrischungspause einlegen kann. Ansonsten scheint das Dorf wie eingeschlafen und neben ein paar Kindern, die auf der Straße spielten, war an diesem Nachmittag wenig los. Nach Seiburg geht der Weg einige Kilometer und vor allem Höhenmeter nach oben und wieder nach unten, nach Leblang. Das Dorf ist ähnlich wie Seiburg entstanden und als „Villa Lewenech“ erstmals 1206 offiziell erwähnt – also früher als das Hauptdorf der Gegend. Interessant ist in Leblang, dass beim Neubau der Kirche bis ins Jahr 1886 eine Wandchronik in deutscher Sprache aus den Jahren 1453 bis 1542 auf den alten Wänden gefunden wurde. Die Atmosphäre des Dorfes hat ihren Charme, doch uns zog es weiter, in die letzte Ortschaft der Tagesstrecke, in der wir auch die Nacht verbringen sollten.
Die Unterkunft und eine schöne Überraschung
Für unsere Übernachtung auf der Via Transilvanica hatten wir zwei Tage vorher, nachdem die Route und auch die Größe unserer Gruppe feststand, im Reiseführer der Via Transilvanica die Unterkunft „Casa Joliff“ in Cobor gefunden. Die Rezensionen und Bilder auf Google Maps vermittelten genau den Eindruck, den wir suchten: eine saubere, einfache Übernachtungsmöglichkeit zu einem fairen Preis. Pro Person kostete die Übernachtung 100 Lei und das Frühstück 30 Lei – ein Preis, der selbst in Rumänien inzwischen selten geworden ist und auch an der Via Transilvanica kann man leicht das Doppelte zahlen. Bei der Ankunft stellte sich auch noch heraus: Die Besitzerfamilie ist halb französisch, halb deutsch. Anne Joliff kommt ursprünglich aus Dresden und wohnt nun seit 18 Jahren mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Cobor, das auch den deutschen Namen Kiwern trägt, heutzutage allerdings besser unter dem rumänischen Namen bekannt ist. Die ursprüngliche sächsische Bevölkerung hat das kleine Dorf schon vor mehreren Jahrhunderten nach einer Epidemie verlassen – nachgekommen sind vor allem Ungarn und später auch Rumänen. Cobor (auf Rumänisch „ich gehe hinunter“ oder „ich steige aus“) passt auch gut, denn man muss, um ins Dorf zu kommen, aus jeglicher Richtung erst einmal einen Hügel hinuntergehen.
Anne Joliff erinnert sich gut an die Erzählungen ihres Mannes. Anfang der 1990er Jahre leistete der Franzose seinen Freiwilligendienst in Rumänien. Jahre später, nach einem Studium der Philosophie und Theologie und Stationen in Frankreich und Belgien als Handwerker, kehrte er zurück. Auf der Suche nach einem anderen Leben fuhr er Anfang der 2000er Jahre mit dem Motorrad durch mehr als 200 Dörfer Siebenbürgens. Am Ende blieb er in Cobor. „Damals standen viele Häuser leer oder waren Ruinen“, erzählt Anne Joliff. Inzwischen habe sich das Dorf deutlich verändert. Mit Projekten wie der Pension “Sura-n bucate”, der “Ferma de biodiversitate” sowie den Naturschutz- und Entwicklungsprojekten der Stiftung Carpathia und Menschen aus Kronstadt oder Bukarest, die alte Höfe als Wochenendhäuser restaurieren, sei neues Leben eingekehrt. Langsam, aber sichtbar, entwickle sich Cobor weiter.
Anne selbst kam erst später nach Cobor als ihr Mann, eigentlich als WWOOF-Freiwillige (Worldwide Opportunities on Organic Farms). Geblieben ist sie ebenfalls – und dass das Leben auf dem Dorf Freiheiten bietet, aber auch Herausforderungen mit sich bringt, verschweigt sie nicht. Vieles müsse organisiert werden, Autofahrten nach Fogarasch zur Schule seien über die ungeteerten Wege mühsam und jede Freizeitaktivität außerhalb bedeute längere Autofahrten. Umso wichtiger seien Singwochen, Kinderfreizeiten und andere Angebote geworden, über die die Familie auch einige deutschsprachige Kontakte geknüpft habe.
Wenn keine Ärzte nach Cobor wollen, sondern Übernachtungsgäste
Ihre kleine Pension entstand eher aus einer Gelegenheit als aus einem langfristigen Geschäftsplan. Als die Route Terra Borza Teutonica der Via Transilvanica markiert wurde, kamen Arbeiter ins Dorf und die Familie erfuhr, dass entlang der neuen Fernwanderroute Unterkünfte gesucht wurden. Die Joliffs hatten schon seit einiger Zeit ein Haus gegenüber ihrem Wohnhaus renoviert, das eigentlich als Arztpraxis gedacht war – nur wollten keine Ärzte nach Cobor kommen. Die Räumlichkeiten sind nun für Wanderer umgestaltet, mit Schlafzimmern, Bädern, Küche und einem größeren Aufenthaltsraum. Neben der Übernachtung können auch Mahlzeiten dazugebucht werden, die Anne Joliff mit viel kulinarischem Feingefühl sowie selbst angebautem Gemüse und Eiern der eigenen Hühner zubereitet. „Ich war zunächst skeptisch und fragte mich, ob überhaupt jemand durch Cobor wandern würde“, sagt Anne Joliff. Doch schon im ersten Sommer, nach der Eröffnung im Juni 2025, füllten sich die Zimmer. Nun, im zweiten Sommer, wird sich zeigen, wie es weiterläuft – seit Ostern kommen jedoch ständig Gäste vorbei.
Bis heute setzt die Familie bewusst auf ein einfaches Konzept. Die Pension ist weder auf Booking noch auf Airbnb zu finden. Wer übernachten möchte, entdeckt sie über den Reiseführer der Via Transilvanica, über Google Maps oder bekommt eine Empfehlung von anderen Wanderern. Mehr Werbung brauche es derzeit nicht. Ein einfacher Anruf reicht, um über die Verfügbarkeit der Zimmer Auskunft zu bekommen und zu buchen. „Ich mache vieles allein“, sagt Anne Joliff. „Mehr Aufwand möchten wir momentan gar nicht.“
Ein Hostel passt besser zum Fernwanderweg
Die Zukunft planen sie dennoch Schritt für Schritt. Ein neuer Raum entsteht bereits neben dem Haus, später soll auch ein weiterer Teil vom Dachboden ausgebaut werden. Langfristig möchten sie die Unterkunft als Hostel zertifizieren lassen. Außerdem wünschen sie sich einfache Angebote für Zelter – mit Außendusche und Toilette. Das, kombiniert mit den einfachen Räumlichkeiten, passe besser zu den Bedürfnissen der Wandernden als ein klassisches Gästehaus mit Fernsehern in jedem Zimmer.
Die meisten Gäste stammen bisher aus Rumänien. Viele wandern einzelne Etappen der Via Transilvanica an verlängerten Wochenenden. Internationale Besucher seien noch seltener, doch ihr Anteil wachse langsam. Menschen, die die gesamte Strecke von mehr als 1.400 Kilometern am Stück zurücklegen, begegnet Anne Joliff nur selten. Trotzdem ist sie überzeugt, dass der Fernwanderweg die Region nachhaltig verändert.
Müde schläft es sich besser
Nach einem langen Tag, mit einem relativ schweren Rucksack auf den Schultern und deutlich mehr Schritten als gewöhnlich, ist eine Dusche zwar ein schieres Glückserlebnis, lässt jedoch die schmerzenden Beine und den Rücken nicht verschwinden. Der Körper scheint sich nach Ruhe zu sehnen – und nach einem entspannten Abend mit Kartenspielen bekommt er das auch deutlich früher als an sonstigen Tagen. Die Stunden Schlaf vor Mitternacht zählen doppelt, so lautet zumindest eine Redewendung – und nach diesem anstrengenden Tag hatte man den Eindruck, dass sie zutrifft, denn am nächsten Morgen war von dem ächzenden Körper tatsächlich keine Spur mehr da.
Wie bereitet man sich auf eine Wanderung auf der Via Transilvanica vor?
Zuerst ist es wichtig sich darüber bewusst zu werden, wo und wie weit man auf der Via Transilvanica wandern möchte. Dazu hilft ein Online-Reiseführer, der kostenlos auf der Website oder der App der Via Transilvanica zu finden ist. Man wählt einen der neun Abschnitte aus und darauf die genaue Strecke, welche man gehen will. Die Strecken sind gut beschrieben, mit Kilometeranzahl, Schwierigkeitsgrad, geschätzter Dauer, Bildern und einer Textbeschreibung. Außerdem gibt es eine Karte, auf der der Weg und auch die Andesit-Säulen eingezeichnet sind. Möchte man nur einen Tag auf der Via Transilvanica verbringen, kann man sich wie zu einer normalen Wanderung vorbereiten: festes Schuhwerk, ein Rucksack mit Proviant, ausreichend Wasser, einer Regenjacke, Sonnencreme und Kappe oder Hut sind empfehlenswert. Außerdem: ein Bärenspray – zwar ist das Zusammentreffen mit einem Bären nicht von höchster Wahrscheinlichkeit, vor allem wenn man sich bei Eintritt in Waldregionen ein bisschen bemerkbar macht oder in einer Gruppe unterwegs ist – allerdings sind auch viele Hunde auf der Strecke und um an den Schäferhunden, die ihre Herden vor jeglichem Eindringling beschützen wollen, gut vorbeizukommen, ist es besser, ausgestattet zu sein, als es im Nachhinein zu bereuen. Wenn auch eine oder mehrere Übernachtungen auf dem Fernwanderweg geplant sind, kommen dazu: mehr Wechselkleidung und auch Magnesium oder Elektrolyte, um dem Körper bei dem ungewöhnlich vielen Gehen zu helfen. Zudem ist es gut, vorher bei Unterkünften Schlafplätze zu reservieren – auch dazu hilft der Reiseführer der Via Transilvanica, in dem sämtliche Unterkünfte und Restaurants, aber auch Privatpersonen, die Übernachtungen oder Mahlzeiten anbieten, in den jeweiligen Dörfern angegeben sind.
Foto: Das Markenzeichen der Via Transilvanica sind ihre Andesit-Meilensteine: Für jeden gelaufenen Kilometer gibt es einen individuell von Künstlern gestalteten Stein. Zusammen bilden sie die größte Freiluft-Kunstgalerie der Welt. Fotos: Bernice Krech-Lițoiu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
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Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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