„Wenn man nur innerhalb bekannter Grenzen bleibt, verändert sich wenig“
12.06.26
Interview mit Annika Rachor, Ifa-Kulturmanagerin in Kronstadt
Seit März arbeitet Annika Rachor als Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) beim Deutschen Forum in Kronstadt. Sie hat über zehn Jahre lang diverse Festival-, Ausstellungs- und Weiterbildungsfomate in Berlin, Hildesheim wie auch in afrikanischen Ländern kuratiert und geleitet. Gemeinsam mit Künstlern aus Deutschland, Ruanda und Uganda gründete sie „Pengo”, ein Netzwerk junger Kulturschaffender. In der Zinnenstadt möchte sie zur Stärkung der deutschen Gemeinschaft beitragen und neue Impulse für die lokale Kulturszene setzen. Im Gespräch mit KR-Redakteurin Laura Capatana Juller erzählt sie, wie aus ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur ein Lebensstil und ein Job entstanden sind, aber auch, wie sie ihre familiären Wurzeln nach Rumänien brachten.
Wie bist du zur Kunst gekommen?
Das hat sehr früh angefangen. Ich tanze seit meinem dritten oder vierten Lebensjahr und habe immer gerne auf der Bühne gestanden. Im Gymnasium war ich im Theaterclub und über das Theater bin ich schließlich in die Kunstszene hineingekommen. Ich habe in Hildesheim Szenische Künste studiert und ein Master in Kulturmanagement, -wirtschaft und -politik in Groningen und Rom gemacht. Das Studium war sehr interdisziplinär angelegt und ich konnte Einblicke in viele verschiedene Kunstformen gewinnen – Theater, Literatur, Medienkunst und vieles mehr. Ich hatte auch einen kurzen Abstecher im Lehramtsstudium, habe ich gemerkt, dass ich lieber projektorientiert arbeite als nach festen Lehrplänen. Deshalb habe ich mich bewusst für die freie Kulturszene entschieden.
Du hast viele Jahre als Kuratorin und Festivalleiterin gearbeitet. Was reizt dich daran?
Ich liebe Festivalformate, weil sie Begegnungen schaffen. In den letzten Jahren habe ich zunächst Festivals koordiniert und später auch geleitet. Besonders wichtig ist mir dabei, Menschen zusammenzubringen, die sonst vielleicht nie miteinander ins Gespräch kommen würden.
Mit unserem Verein „Pengo“ haben wir genau solche Räume geschaffen. Unser Ziel ist es, postkoloniale Strukturen zu hinterfragen und über Kunst neue Perspektiven zu eröffnen. Mich beschäftigt die Frage, wie Kultur Menschen verbinden und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.
Durch meine Leitungsaufgaben bin ich außerdem stärker in den Bereich Kulturmanagement hineingewachsen. Konzepte entwickeln, Fördermittel organisieren und Projekte strategisch planen macht mir ebenfalls großen Spaß.
Warum sind Begegnungen, Zusammenarbeit für dich wichtig?
Zusammenarbeit ist wichtig, weil daraus eine Kraft entstehen kann, die vieles bewegt. Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als Synergien zu schaffen.
Wir müssen zusammenhalten und wir müssen an eine Sache glauben. Das gilt besonders für Kunst und Kultur. Wenn Menschen gemeinsam an einer Idee arbeiten, können Räume entstehen, in denen Austausch, freie Gedanken und neue Perspektiven möglich werden.
Du hast längere Zeit in Uganda gearbeitet. Wie kam es dazu?
Direkt nach dem Abitur habe ich dort ein freiwilliges soziales Jahr gemacht. Die Zeit hat mich sehr geprägt. Später bin ich mehrfach zurückgekehrt und habe unter anderem das Kampala International Theatre Festival mitkoordiniert. Dabei sind viele langfristige Partnerschaften entstanden.Die Erfahrungen in Ostafrika haben meinen Blick auf Kulturarbeit stark beeinflusst. Es ging immer darum, Begegnungen zu ermöglichen, Machtverhältnisse zu hinterfragen und Kultur als Werkzeug für Verständigung zu nutzen.
Wie kam es schließlich dazu, dass du nach Rumänien gekommen bist?
Das hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun. Meine Mutter stammt aus Mergeln in Siebenbürgen und ist als Kind nach Deutschland ausgewandert. Meine Großmutter hat mir immer Geschichten aus Siebenbürgen erzählt. Auch die Mutter meines Vaters stammt ursprünglich aus Rumänien, aus der Bukowina. Drei Viertel meiner Vorfahren kommen letztendlich aus Rumänien.
Rumänien war deshalb immer irgendwie präsent, obwohl ich selbst lange nicht hier war. Und irgendwann habe ich begonnen zu hinterfrage, was meine Familiengeschichte mit mir zu tun hat.
2018 war ich mit meiner Mutter zum ersten Mal in Siebenbürgen. Für sie war es der erste Besuch seit der Auswanderung. Wir haben zwar keine Verwandten oder Bekannten mehr dort, das Haus wurde bei der Auswanderung verkauft, aber der Besuch im Dorf war sehr emotional.
Damals begann ich auch, meine Großmutter zu interviewen und ihre Erinnerungen auf Tonaufnahmen festzuhalten. Diese Beschäftigung mit Familiengeschichte begleitet mich bis heute. Und sie beschäftigt auch meine Tanten und Cousinen, die nun auch in Mergeln und Siebenbürgen waren.
Wie bist du auf die Stelle in Kronstadt aufmerksam geworden?
Ich habe fast zehn Jahre in Hildesheim gelebt. Dort habe ich unglaublich viel gelernt, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich noch einmal etwas Neues ausprobieren möchte. Dann habe ich eher spontan die Ausschreibung des ifa gesehen und mich beworben.
Welche Aufgaben hast du als ifa-Kulturmanagerin?
Meine Aufgabe besteht einerseits darin, die Gemeinschaft zu stärken, andererseits aber auch neue Perspektiven einzubringen und gemeinsam zu überlegen, wohin sich das Forum entwickeln kann.Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit jungen Menschen. In den vergangenen Monaten habe ich mehrere Workshops zur europäischen Einheit an der Honterus-Schule durchgeführt. Dabei sind spannende Gespräche entstanden, in denen Jugendliche ihre Meinungen und Ideen eingebracht haben. Darauf möchten wir aufbauen. Für den Herbst planen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ein Symposium zur europäischen Einheit. Außerdem soll es einen offenen Bürgerdialog, Expertengespräche und eine Ausstellung zum Thema Gemeinschaft geben.
Welche weiteren Projekte sind geplant?
Momentan konzentrieren wir uns bewusst auf kleinere Formate, um eine Basis aufzubauen. Dazu gehören die monatlichen Tage der offenen Tür im Forum, die das Forum stärker für die Öffentlichkeit öffnen sollen. Oft bewirken niederschwellige Projekte mehr als große Veranstaltungen. Außerdem führe ich gemeinsam mit dem LeseGarten und dem Deutschen Kulturzentrum ein Vorleseprojekt durch. Zusätzlich möchten wir einmal im Monat größere Vorleseveranstaltungen organisieren.
Eine Ausstellung die auch ein Podcast zum Thema Gemeinschaft einschließt sind auch geplant.
Ich komme aber halt mit einem sehr interkulturellen, internationalen Fokus hierher, weil das die letzten Jahre immer mein Fokus war und da habe ich auch langfristige Projekte im Sinn. Ich denke an internationale Kooperationen, etwa mit Partnerstädten wie Nürnberg oder mit anderen ifa-Kulturmanagerinnen in Rumänien. Mit Kolleginnen in Fogarasch und Sathmar sprechen wir bereits über gemeinsame Projekte für Jugendliche und über Fragen der Sichtbarkeit deutscher Minderheiten in Museen.
Mein Ziel ist es, Begegnungen zu ermöglichen und gemeinsam mit anderen Akteuren neue Ideen zu entwickeln. Ich versuche immer, groß zu denken. Wenn man nur innerhalb bekannter Grenzen bleibt, verändert sich wenig. Gute Projekte entstehen oft dann, wenn Menschen sich trauen zu fragen: Was wäre eigentlich möglich?
Wie gefällt dir Kronstadt soweit?
Kronstadt hat für mich genau die richtige Größe und gefällt mir daher auch sehr gut. Es gibt Veranstaltungen, Kunst und Begegnungen. Gleichzeitig ist die Stadt überschaubar und lebendig. Außerdem wohne ich sehr zentral und habe das Leben um mich herum – es ist gerade das, was ich gebraucht habe in dieser Lebensphase.
Ich wurde sehr offen aufgenommen und habe von Anfang an eine angenehme Zusammenarbeit mit vielen Menschen erlebt. Auch allgemein fühle ich mich in Rumänien willkommen. Das motiviert mich, die Sprache noch besser zu lernen.
Viele Menschen beklagen, dass die Kulturszene in Kronstadt zu wenig vernetzt sei. Wie siehst du das?
Ich lerne die Szene noch kennen, aber ich habe bereits bemerkt, dass sich viele Menschen mehr Zusammenarbeit wünschen. Aus Hildesheim bin ich gewohnt, dass Kulturschaffende sehr eng miteinander kooperieren. Deshalb möchte ich mich auch hier für eine Vernetzung mehrerer Kulturschaffenden einsetzen. Ich könnte mir regelmäßige runde Tische vorstellen, bei denen sich Kulturschaffende austauschen und gemeinsame Ideen entwickeln.
Auch Weiterbildungsformate zu Themen wie Diversität, Mobilität oder Kulturförderung halte ich für sinnvoll. Ich glaube, dass Synergien gerade jetzt besonders wichtig sind, weil die Rahmenbedingungen für Kultur vielerorts schwieriger werden.
Dein Vertrag läuft vorerst bis August. Kannst du dir vorstellen, länger in Kronstadt zu bleiben?
Ja. Mein aktueller Vertrag läuft zwar in zwei Monaten ab, aber ich werde ihn auf jeden Fall verlängern. Insgesamt könnte ich bis zu fünf Jahre hier arbeiten. Im Moment freue ich mich einfach darauf, die Stadt, die Menschen und die Kulturszene noch besser kennenzulernen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Annika Rachor ist neue ifa-Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Kronstadt. Foto: Laura Capatana Juller
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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