„… wie ein wurzelfester, knorriger Eichenbaum“
09.01.26
75 Jahre seit dem Tod des namhaften Arztes und bedeutenden politischen Repräsentanten der Burzenländer Sachsen, Dr. Wilhelm Depner (1873-1950)
Am vorletzten Tag des alten Jahres erfüllten sich 75 Jahre seit dem Tod von Dr. Wilhelm Depner (1873-1950), dem namhaften Arzt, der als Pionier der Krebsbehandlung mit Röntgenstrahlen und Radium in Rumänien medizingeschichtliche Bedeutung erlangte und zugleich als langjähriger Obmann des Burzenländer sächsischen Kreisausschusses (1919-1935, 1936-1939) einer der wichtigsten politischen Repräsentanten der Siebenbürger Sachsen in Kronstadt und Umgebung in der Zwischenkriegszeit gewesen ist. Eine ausführliche Würdigung des beruflichen und politischen Wirkens von Dr. Wilhelm Depner ist zuletzt in der „Karpatenrundschau“ Nr. 42/19. Oktober 2023 veröffentlicht worden. Der von Wolfgang Wittstock verfasste Beitrag „Verantwortungsbewusst und traditionsverbunden“ erschien anlässlich von Depners 150. Geburtstag.
Um auch das Jubiläum des 75. Todestages von Dr. Wilhelm Depner zu markieren, veröffentlichen wir im Folgenden einen seiner Persönlichkeit gewidmeten Artikel, der zu dessen 60. Geburtstag in der „Kronstädter Zeitung“ vom 25. Oktober 1933 erstveröffentlicht wurde. Sein Verfasser ist Dr. Fritz Theil, in den Jahren 1929-1934 Schriftleiter der „Kronstädter Zeitung“.
Fritz Theil (geb. 1895 in Agnetheln, gest. 1961 in Locarno/Schweiz) studierte zunächst Medizin in Budapest, Klausenburg und Graz, verzichtete aber auf die Ausübung des Arztberufes, um Journalist zu werden. Zunächst arbeitete er beim „Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt“ in Hermannstadt, kam dann nach Kronstadt zur „Kronstädter Zeitung“ und ging 1934 nach Berlin, als Korrespondent der Bukarester Zeitung „Universul“. Hier wurde er zweimal zum Präsidenten des Verbandes ausländischer Pressevertreter gewählt. Als solcher unterhielt er enge Kontakte zu dem von Joseph Goebbels geleiteten Reichspropagandaministerium. In den Jahren 1941-1943 strahlte der deutsche Rundfunk täglich zur Mittagszeit seine „Berichte zur Lage“ aus. Dr. Fritz Theil hatte auch enge Beziehungen zum Kreis der Widerständler, die das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 planten. Es fiel ihm die Aufgabe zu, nach erfolgtem Attentat die Nachricht von Hitlers Tod im Rundfunk bekanntzugeben. Nach Bekanntwerden des gescheiterten Attentats gelang es ihm, nach Bukarest zu entkommen und hier bis zum Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 unterzutauchen. Von diesen dramatischen Vorgängen handelt eine dreiteilige Artikelfolge von Manfred Wittstock, betitelt „Den Henkern Himmlers entflohen“, die gleich nach der Wende vom Dezember 1989 in der „Karpatenrundschau“ (Nr. 52/29.12.1989, Nr. 1/5.1.1990 und Nr. 2/11.1.1990) erschienen ist.
1948 wurde Dr. Fritz Theil als vermeintlicher amerikanischer Spion verhaftet. Er verbrachte sieben Jahre in kommunistischen Gefängnissen und Lagern Rumäniens. 1956 konnte er nach Westdeutschland auswandern, übersiedelte aber später in die Schweiz, wo er dann auch verstorben ist.
Dr. Fritz Theils im Jahr 1933 in der „Kronstädter Zeitung“ veröffentlichten Artikel „Sächsisches Führertum. Zu Dr. Wilhelm Depners 60. Geburtstag (24. Oktober 1933)“ entnehmen wir einer Dokumentation, die anlässlich des 100. Geburtstags von Dr. Wilhelm Depner im Jahr 1973 von dessen Tochter, der Historikerin und Geschichtslehrerin Dr. Maja Philippi geb. Depner (1914-1993) zusammengestellt wurde und als gebundenes Typoskript erhalten ist. (W. Wittstock)
In eine Zeit schwankender Maßstäbe, wankender Grundlagen aller menschlichen Werte, die uns unerschütterlich zu sein dünkten, fällt Dr. Wilhelm Depners 60. Geburtstag, und da merken wir mit einem Male, dass wir in ihm für unsere siebenbürgische Heimat Maßstab und Wert besitzen, der auch solchen Zeiten schwerster Erschütterungen standhält. In das zweite Jahr nach der Kaiserproklamation von Versailles fällt seine Geburt, in die Jahre des glanzvollsten Aufstieges des Bismarckreiches seine Studentenzeit, in die Zeit eines dunkel drohenden Gewitterhimmels, der sich über Deutschland zusammenzieht und schließlich verheerend entladet, fallen seine reifen Mannesjahre. Unsere Zeit deutscher Erneuerung nach dunkeln Jahren des Irrens, Suchens und Ringens eines ganzen Volkes erlebt er auf der Höhe seines Lebens.
In diesem Zeitraum vollziehen sich auch die Schicksale der alten österreichisch-ungarischen Monarchie und unseres Völkchens. Der Dualismus ist der Nagel zu dem Sarg, in welchem der alte Habsburgerstaat sich schließlich selbst begräbt. Aus der Landkarte Siebenbürgens aber verschwindet der Königsboden, wie er vor dem Jahre 1848 und in den Jahren 1861-76 bestanden hatte - ein Sturz in die Tiefe, den wir heute erste ganz begreifen. Der Übergang des sächsischen Volkes von einer verfassungsmäßig verbürgten, mit eigenen Rechten und Gesetzen ausgestatteten territorialen Lebensform zu einer nur auf dem freiwilligen Bekenntnis aufgebauten Gemeinschaft vollzieht sich unter den schwersten inneren Erschütterungen und in dem schärfsten Abwehrkampf nach außen. Aber es kommen Jahre des wirtschaftlichen Aufblühens und der Einordnung in den ungarischen Staat, unterbrochen nur von den Kämpfen um Banffys Ortsnamen- und Apponyis Schulgesetze. Kaum dass aber der innere Ausgleich unseres Volkes mit der ungarischen Staatsidee erfolgt ist, bricht dieser Staat selbst zusammen, eröffnen sich unserem Volk grundlegend neue Zeiten, die neue Anforderungen an den Menschen, an das Volk mit seinem ganzen Kultur- und Wirtschaftsleben stellen. Es gilt, diesen Übergang reibungslos und ohne viel Schaden durchzuführen, es gilt, unter neuen Gesetzmäßigkeiten die Existenz- und Entfaltungsmöglichkeiten unseres Volkskörpers und seiner Seele zu wahren. Und diese Kämpfe dauern bis in unsere Tage hinein.
Das ist der Rahmen, in dem sich, mit der ganzen Generation der 60-Jährigen, Dr. Wilhelm Depners Leben entfalten konnte. Er hat all das seit früher Jugend nicht nur mit der ganzen Empfänglichkeit eines stark beeindruckbaren, aufgeschlossenen Wesens, sondern Handelns miterlebt und gestaltet. Er hat sich allerdings auch mit weiser Beschränkung räumlich und sachlich Grenzen gesteckt, das Burzenland in seiner politischen Tätigkeit möglichst nicht überschritten und über einer ausgesprochenen politischen Neigung und Begabung seines ärztlichen Berufes nicht vergessen, den er mit der ganzen Kunst und Wissenschaft erfüllte, die in diesem Beruf untrennbar verbunden bleiben müssen, wenn man seinen Anforderungen nachkommen will. Führer war er aber von Jugend an: Im Gymnasium als Präfekt des Coetus, in seiner Burschenschaft als Sprecher, in seinen Freundeskreisen und in seiner Kollegenschaft – überall nahm er mit seiner hochragenden Gestalt, seinem durchgeistigten Kopf einen ersten Platz ein, nicht ohne durch seine kompromisslose, harte, kämpferische Art selbst mit besten Freunden in Gegensatz zu geraten.
In voller Kraft konnte sich sein Wesen aber erst entfalten, als er vor 15 Jahren die Leitung des Burzenländer sächsischen Kreisausschusses übernahm. Seit dieser Zeit hat es kaum einen Tag gegeben, wo er nicht mindestens 2 Stunden seinen ehrenamtlichen Pflichten in vorbildlicher Weise nachgekommen wäre. Unterstützt von hervorragenden Kräften, die er um sich zu sammeln verstand, konnte er so an der Spitze des Burzenländer sächsischen Kreisausschusses eine politische Tätigkeit entfalten, die für alle übrigen sächsischen Kreise einfach vorbildlich gewesen ist, wie das im Volksrat immer wieder festgestellt wurde. Galt es nach 1918 zunächst, in dem neuen Staatsverbande unser besonders durch die Agrarreform gefährdetes Volksvermögen so weit wie möglich zu bewahren, so traten später mit den Wahlkämpfen und der Verwaltungsreform die organisatorischen und administrativen Fragen in den Vordergrund. Unvergessen bleiben im Burzenland die damit verbundenen und tausend andere Arbeiten der unter seiner Führung stehenden Kreisausschusskanzlei, unvergessen die bis in die jüngste Zeit fortgesetzten Schulungskurse und Vortragsreihen, die Stadt und Land mit einem unzerreißbaren Band zusammenfügten.
Über allen Einzelhandlungen aber, mögen sie noch so wertvoll sein, ragt die Persönlichkeit dieses Mannes wie ein wurzelfester, knorriger Eichenbaum in unsere sturmumtobte Zeit hinein, in der auch an führenden Stelle gar manches schwanke Rohr gestanden ist. Bevor von Führertum noch so viel geredet wurde wie heutzutage, hatte der Burzenländer Kreisausschuss in Dr. Wilhelm Depner seinen politischen Führer gefunden, der ihm mit unbeugsamer Hand seinen Weg wies. Abhold jeder politischen Phantasterei, fest auf dem Boden der Tatsachen stehend, beurteilte er mit kühler Ruhe die gegebene Lage und die heranstürmenden Ereignisse, um dann mit sicherem Instinkt, energisch und entschlossen zuzupacken, wenn es um eine ernste Frage unseres politischen Lebens, um seine Bereinigung und Förderung ging. Er ließ die Dinge immer reifen, um eine sichere und gute Ernte in die Scheune zu bringen, und das war für die Ungeduld unserer heutigen Zeit manchmal eine starke Nervenprobe. Nicht selten erhob sich gegen ihn in den kleinen Dingen des völkischen Tageskampfes der Vorwurf zaudernder Abwehr, fast immer aber ist er selbst von seinen politischen Gegnern zurückgenommen worden, da man in allen Fragen von Bedeutung seine Zähigkeit und Unbeugsamkeit anerkennen musste. Seine urwüchsige Verbundenheit mit unserm Bauerntum, dem er entstammt, und unserm Bürgertum, dessen große Tradition er nach seiner Eheschließung mit Margarete geb. Scherg in seinen Lebenskreis aufnahm und mit kühnem Vorwärtsstreben verband, gab seiner ganzen Natur das Gepräge einer im Kern konservativen, aber jeder gesunden Entwicklung geöffneten Natur. Auch darin war er Führer, dass er in seiner persönlichen Lebenshaltung vorbildlich schlicht und einfach blieb und Carl Wolffs Grundsatz beherzigte, dass der Kapitalismus nur durch soziale Betätigung eine volksversöhnende und -beglückende Wirkung entfalten könne. Die in der Führung so feste Hand öffnete sich gar leicht, wenn es zu helfen galt – und wer hätte mehr als der Arzt Einblick in die Not der Zeit? Dankbaren Herzens gedenkt seine Patengemeinde Retersdorf, die er zusammen mit seiner Gattin vom landeskirchlichen Hilfswerk in treue Obhut nahm, seiner gebenden Güte, die sich hinter einem oft schroffen Äußeren verbirgt. Wer, wie er, nach vollendetem Tageswerk an seinem großen Blüthner sich dem Adel der Klassiker oder dem Zauber der Romantiker hingeben kann, für den ist dieses herbe Äußere nichts als ein Selbstschutz der Natur, die uns als Mensch und Volk hart sein heißt, wenn wir nicht untergehen wollen.
Während unser aufgewühltes Volk sich einen neuen Lebensstil formt, drohen nicht nur alte Formen, sondern auch Werte zu versinken, die im zähen Ringen vorangegangener Geschlechter in Dienst und Entsagung erworben wurden. Nicht fortwerfen – so möchte man manchem Bilderstürmer heute zurufen –, nicht fortwerfen dieses Gold, das heute zwar keinen Kurs mehr hat, aber darum doch Gold ist. Nicht fortwerfen, sondern umprägen und wieder in Kurs setzen! Auf der Höhe seines Lebens Dr. Wilhelm Depner als Führer den Unsrigen nennen zu dürfen, erachten wir in dieser schwierigen Übergangszeit unseres Volkes als eine glückliche Schicksalsfügung. Wir haben an seinem 60. Geburtstag, neben dem Dank für Geleistetes, die Hoffnung auf weitere Führung durch seine oft unbequeme und auf manchem schwer lastende, aber immer sichere, verantwortungsbewusste und zum Dienst am Volk tatbereite Persönlichkeit. Wie jedem im öffentlichen Leben stehenden Mann sind auch ihm Angriffe und Gegnerschaften nicht erspart geblieben. Und dennoch steht er am Schluss des 6. Jahrzehntes in ragender Höhe vor uns, als eine echt sächsische Führergestalt, die wir gerade jetzt nicht entbehren können und wollen, wo unser Volk weniger eine Zäsur als eine Synthese, weniger eine Scheidung der Geister als den Wiederaufbau der Gemeinschaft benötigt!
Dr. Fritz Theil
(1895-1961)
Fritz Kimm: Der Arzt Dr. Wilhelm Depner (Öl/Lw., 110 x 100 cm, nicht signiert, nicht datiert, Privatbesitz Kronstadt)
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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