Wird das Handelszentrum komplett zubetoniert?
20.02.26
Projekt zur Errichtung einer Kathedrale sorgt für Kontroversen
Vor 14 Jahren bin ich mit meiner Familie aus Bukarest nach Kronstadt, meiner Heimatstadt, gezogen. Einer der entscheidenden Gründe dafür waren die Berge, das viele Grün und die bessere Luft im Vergleich zu Bukarest. Kronstadt ist wie ein Magnet nicht nur für Touristen, sondern auch für viele Menschen, die sich in der Stadt unter der Zinne niederlassen.
Mit der Zeit allerdings wurde immer intensiver in der Stadt gebaut - das Coresi-Wohnviertel samt Business Park, das Avantgarden-Viertel im Bartholomä, die Afi-Mall mit dem Afi-Office-Tower für Büros oder die Wohnblocks auf den grünen Hügeln in der Nähe des Stadtzentrums sind nur einige Beispiele. Weitere Bauprojekte befinden sich derzeit im Planungsstadium oder warten darauf, verwirklicht zu werden.
Nicht alle Kronstädter sind jedoch mit dieser zunehmenden Betonierung einverstanden - das Aussehen der Stadt verändert sich, die Umwelt leidet, die Temperaturen steigen und die Stadt wird immer überfüllter. Dank des Einsatzes der Zivilgesellschaft sowie einzelner Politiker konnten bislang einige Bauprojekte (zumindest zeitweilig) gestoppt werden, so etwa das umstrittene „American Dream” in der Oberen Vorstadt, wo ein Wohnkomplex auf den grünen Hügeln hätte entstehen sollen. Solche Vorhaben würden den einzigartigen Charakter der Stadt und die umliegende Landschaft gefährden.
Ein Projekt spaltet die Gesellschaft
Seit wenigen Wochen wurde ein neues Thema im öffentlichen Raum intensiv diskutiert: der Bau einer Kathedrale im Handelzentrum - also genau dort, wo bereits Beton und Asphalt dominieren: die Afi Mall, viele mehrstöckige Wohnblocks und Bürogebäude, dazu noch Straßen mit bis zu sechs Fahrspuren. Ein kleiner Park mit Spielplatz und einem kleinen Skatepark ist der einzige grüne Punkt im ansonsten grauen Raum.
Auf diesem Fleck sollte eine Kathedrale, „Înălțarea Domnului“ (auf Deutsch: Christi Himmelfahrt), errichtet werden - dafür hat der Stadtrat in der Sitzung vom 30. Januar gestimmt. Seither wird in den sozialen Medien heftig über das Projekt debattiert. Es gibt viele Menschen, die sich dagegen äußern, weil das investierte Geld lieber in Gesundheit, Bildung, Infrastruktur oder Grünflächen fließen sollte, und auch, weil bereits ein orthodoxes Gotteshaus (die hölzerne Kirche) an diesem Platz existiert und kein weiteres als notwendig erachtet wird. In diesem Zusammenhang gibt es eine Petition: „Nu vrem catedrală in Centrul Civic” (auf petitieonline.ro), die bislang über 600 Unterschriften gesammelt hat.
Andererseits gibt es auch Stimmen, die das Projekt unterstützen, etwa Bürgermeister George Scripcaru, der in der Weihnachtszeit in der kleinen orthodoxen Holzkirche im Handelszentrum sagte: „Kronstadt hat Kirchen, jedoch keine Kathedrale“. Auch online findet es Unterstützer, die teils scharfe Kommentare gegen Leute äußern, die sich keine Änderungen im Handelszentrum wünschen. Manchmal eskalieren diese Diskussionen.
Auch in der Stadtratsitzung sorgte das Thema für Spannungen. Den Bürgern wurde dort das Rederecht verweigert.
Die Idee existiert schon seit 1993
Die Idee der Errichtung einer Kathedrale ist nicht neu. 1993 wurde mit dem Konzessionsvertrag Nr. 4009/1993 ein Grundstück von 4.955 Quadratmetern im Handelszentrum für den Bau einer orthodoxen Kathedrale an den Verein Catedrala Ortodoxă „Înălțarea Domnului” vergeben. Drei Jahre später wurde die Konzession widerrufen und der Rumänisch-Orthodoxen Gemeinde Blumenau III übertragen. Der Verein, dem die Konzession entzogen worden war, erhielt 1998 dennoch eine Baugenehmigung für die Kathedrale. Zu einem Baubeginn kam es jedoch nicht, und das Projekt schien in Vergessenheit geraten zu sein. Bis 2005, als der Lokalrat durch einen Beschluss die Gemeinderatsbeschlüsse von 1993 und 1996 über die direkte Konzessionierung eines Grundstücks im Handelszentrum für den Bau der Kathedrale widerrief.
Vier Jahre später stimmte der Stadtrat für die „Aktualisierung des Bebauungsplans (rumänisch: PUZ – plan urbanistic zonal) – Handelszentrum Kronstadt“, welcher eine Wohnnutzung des Untersuchungsgebiets ausschloss. Die Gültigkeitsdauer des PUZ war auf drei Jahre begrenzt. Nach Ablauf dieser Frist wurde die Gültigkeit der Dokumentation der Aktualisierung dieses PUZ bis 2012 verlängert.
2014 wurde ein Gerichtsverfahren eröffnet, und 2017 wurde der Lokalratsbeschuss von 2012 aufgehoben. Daher wurde der Lokalrat verpflichtet, einen neuen PUZ für das Handelszentrum anzufertigen, unter Berücksichtigung des Konzessionsrechts. 2023 gab es einen Ansatz für einen neuen Bebaungsplan, doch derzeit ist es ungewiss, wie Krosntadt weiterhin mit der Erstellung eines neuen PUZ für das Handelszentrum verfahren wird.
Position des Deutschen Forums Kronstadt
Olivia Grigoriu, Lokalrätin seitens des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt (DFDR), machte auf mehrere Problempunkte während der Stadtratsitzung vom 30. Januar aufmerksam. Wie auch die Unterzeichner der Petion fordert sie, dass bei einem Thema von erheblicher Bedeutung für die Stadt eine öffentliche Debatte zwischen Lokalrat und den Bürgern stattfinden müsse. Bei der genannten Sitzung wurde den Bürgern das Rederecht jedoch verweigert. „Der zugrundeliegende Vertrag aus dem Jahr 1993 wurde nie umgesetzt, zentrale Fristen wurden nicht eingehalten, ein notwendiger Bebauungsplan fehlt bis heute, und der Fall ist weiterhin vor Gericht anhängig. Zudem bestehen erhebliche Widersprüche bei den vorgesehenen Pachtpreisen. Bei einem Vorhaben dieser Tragweite sind Rechtsklarheit, Transparenz und Bürgerdialog unverzichtbar. Entscheidungen dürfen nicht unter Zeitdruck oder auf unsicherer rechtlicher Grundlage getroffen werden.“, meint Grigoriu.
In Kronstadt gibt es 18 orthodoxe Kirchen (die Mehrheitsbevölkerung ist orthodox), eine alt-orthodoxe Kirche, sechs evangelisch Kirchen C.A. (Schwarze Kirche, Bartholomäe, Blumenau, Martinsberg, Obere Vorstadt und die Kirche in der Bahngasse), zwei Synagogen, eine unitarische Kirche, zwei römisch-katholische, eine griechisch-katholische sowie eine baptistische Kirche. Hinzu kommen mehrere freikirchliche Gemeinden.
Laura Căpățână Juller
In diesem mit künstlicher Intelligenz generierten Bild kann man sehen, wie das Handelszentrum von Kronstadt aussehen könnte, wenn eine Kathedrale dort gebaut würde.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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