Der Funke springt über
12.06.26
Chortreffen in Bartholomä
Immer weniger Menschen – so geht die Mär – haben heutzutage noch Lust auf Singen. Stimmt das? Am Samstag, dem 6. Juni konnte man an dieser Meinung richtig zweifeln. Weit über zweihundert Menschen hatten sich in der Kronstädter Langgasse, im Hof der Bartholomäer Kirche versammelt. Eingeladen hatte Musikwart Jürg Leutert aus Hermannstadt zum alljährlichen Chortreffen. Aus vierzehn Ortschaften waren sie angereist, Erwachsene und Kinder, Einzelpersonen und Chormitglieder. Wie auf einer großen Bauernhochzeit in der „guten alten Zeit“. Mit Hochzeitsmusik ging es dann thematisch zur Sache, nachdem Pfarrer Maximilian Braisch die Anwesenden, inzwischen auf Sopran, Alt, Tenor, Bass und Kinderstimmen im Kirchenraum verteilt, herzlich begrüßt hatte. Zunächst lahmte der Gesang etwas. Waren Einige nur als Touristen gekommen und hatten ihre Stücke nicht geübt? Chorleiter und Kantorinnen versuchten reihum vom Dirigentenpult aus, die große Menschenmasse zum gepflegten Singen und guter Aussprache, zu ausdrucksstarker Musik zu motivieren. Jede und jeder hat im Lauf seines Musikerlebens eigene Rezepte dafür entwickelt. Das war faszinierend zu erleben. Es bedarf nicht unbedingt vieler Worte, um einen Chor zum Klingen zu bringen. Der Funke springt über oder eben nicht. An manch einer schwierigen Stelle kapitulierten die Berufsmusiker. F oder Fis? Das siebenbürgische Ohr ist an bestimmte Wendungen oder Rhythmen gewöhnt und lässt sich nur gaaanz schwer auf Unbekanntes ein. Und findet das dann nicht toll!
Man probte auch in Gruppen: der Kinderchor in einem Saal des Pfarrhauses, die Instrumentalgruppe nebenan, der vierstimmige Chor der Erwachsenen blieb in der Kirche. Wie schön, dass die Evangelische Landeskirche so viele Chorleiterinnen und Kantoren beschäftigt. So mangelte es nicht an musikalischen Erziehern oder an Unterstützung durchs Digitalklavier beim Erlernen der Partituren. Da neben einigen regelmäßig probenden Chören meist nur noch projektweise mehrstimmig gesungen wird, haben nicht alle Kollegen die Möglichkeit zu dirigieren, schon gar nicht zweihundert singende Menschen. Das Treffen war ein Gewinn für beide Seiten.
Im Lauf des achtstündigen Chorfestes entwickelte sich auch ein mehrsprachiges Miteinander. Durchaus nicht alle, die sich zum Singen versammelt hatten, verstanden Deutsch. Die Verantwortlichen reagierten nach einem traditionellen, nur auf Deutsch gehaltenen Eingangsteil sensibel mit zweisprachigen Ansagen im weiteren Verlauf. Evangelisch ist längst nicht mehr gleich Deutsch oder Sächsisch. Die Musizierenden sind unter den Ersten, die das neue mehrsprachige Miteinander bewusst pflegen. Texte wie die letzte Strophe des Hochzeitsliedes aus Zendersch, auf sächsisch von einer Solistin über das Bim-Bam des Chores gesungen, wirken im gegenwärtigen Kontext befremdlich: „Seid treu dem Volk, dem Namen, das Sächsische euch vereint.“ Vielleicht ist es gar nicht schlimm, wenn die Aussprache nicht immer perfekt ist und man diese oder jene Textpassage nicht versteht.
Mit dem immer aktiveren Chorklang stieg auch die Stimmung unter den Mitgliedern. Es wurde ein geselliges und sehr herzliches Miteinander, vor allem in den Pausen und beim gemeinsamen Mittagessen. Die Kinder rannten hinter einem Fußball, die Erwachsenen genossen die beispielhafte Gastfreundschaft und sehr gute Organisation des Tages. Für alles boten der Bartholomäer Kirchhof und Teile des Hauses ausreichend Raum. Das Team um das Pfarrerehepaar Braisch hat sich selbst und alle Erwartungen an diesen Tag übertroffen.
Was ein Gemeindeverband wert ist, den auch Bartholomä mit Honigberg vor kurzer Zeit eingegangen ist, zeigte sich bei der Bewirtung: Hochzeitsmusik verlangt Hochzeitsessen. So meinten die Organisatoren im Vorfeld. Zwei Damen aus Honigberg („wir haben sowas noch nie gemacht!“) bereiteten auf der Veranda des Pfarrhauses über hundert Liter sächsischer Hochzeitssuppe zu. Aus Bekokten kamen Mengen von Krautwickeln und Hausbrot. Von diesem unglaublichen Essen wird man noch lange schwärmen. Es spielte kaum eine Rolle, dass der Regen denen die Suppe etwas verdünnte, die in der Eile des kapriziösen Mittagsschauers keinen trockenen Platz ergattern konnten. Ganz ungewöhnlich war auch, dass es keinerlei Plastikabfälle gegeben hat! Sowas ist einfach beispielgebend und sollte Nachahmung finden. Kein Einwegbesteck oder -geschirr, keine fünf-Milliliter-Milchknöpfe, sondern Porzellanteller, Pappbecher und wenig Abfall!
Der Chortag war noch lange nicht aus, die Stücke kamen wieder und wieder an die Reihe. Für 16 Uhr war Publikum geladen und man gestaltete gemeinsam ein Konzert. Applaus stieg auf. Wem galt er? Der Musik, den Chorleitenden, den braven Sängern und Sängerinnen, den Kindern? Viele Handys wurden gezückt, das Erlebte in Bild und Ton festgehalten. Den schönsten Gewinn hatten sicherlich diejenigen, die bei diesem Singtag selbst mitgemacht haben.
Ursula Philippi
Sangesfreudige in der Bartholomäer Kirche. Foto:die Verfasserin
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