Deutsch-Weißkirch als Dorf der Ausstellungen
04.09.26
Neue Kunstgalerie „Viscri 63“ öffnet ihre Türen
Anfang August standen die hohen Holztore des Hauses Nr. 63 an der Hauptstraße von Deutsch-Weißkirch weit offen. Lichterketten und leise Musik luden zum Eintreten ein. Dorfbewohner, Künstler und Touristen hatten sich versammelt, um die Eröffnung der Räumlichkeit „Viscri 63“ zu feiern. Die Scheune wurde vom “Mihai Eminescu Trust” renoviert, der Gemeinschaft zurückgegeben und soll künftig als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Kunst dienen.
Den feierlichen Auftakt machte die Vernissage der Ausstellung „Matter Almost“ (Beinahe Materie). Sechs zeitgenössische rumänische Künstlerinnen aus Bukarest, Klausenburg und Deutsch-Weißkirch zeigen in dem neuen Kunstraum Bildhauereien, Grafiken, Schmuckkunst, Bilder, Videos und Installationen. Die Arbeiten von Ana Pascu, Diana Popuț, Irina Motroc, Sarah Popuț, Sorina Cotea und Taisia Corbuț sind noch bis zum 15. September zu sehen.
In den Werken geht es um Materie und Normalität sowie um die Frage, wie Kunst, Natur und das Kulturerbe der Region zusammenhängen. Im Zentrum stehen Themen wie Verwandlung und Suche. Die Künstlerinnen zeigen Zerbrechlichkeit als eine Form von Stärke, machen Verletzlichkeit und Intimität spürbar und lassen die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt verschwimm.
Hinter dem Ausstellungskonzept stehen Irina Motroc, Cosmin Florea und Tavi Angheluș, die nach einer Ästhetik suchten, die sich in den Charakter der neuen Scheune einfügt.
Die Ausstellung ist Teil von SIT — Sessions in Transylvania, einem jährlichen Kunstprogramm, das zeitgenössische Kunstschaffende in dem bekannten UNESCO-Dorf und in Almen zusammenbringt. SIT findet bereits zum vierten Mal statt und soll künftig eine Brücke zwischen verschiedene siebenbürgische Dörfer schlagen, so Mitinitiatorin Irina Motroc.
Vom Gast zur Mitgestalterin
Die Künstlerin ist vor zwei Jahren aus Bukarest nach Deutsch-Weißkirch gezogen und betreibt dort gemeinsam mit Tavi Angheluș einen Souvenirladen sowie ein kleines Café. Angeboten werden Werke lokaler Handwerker und rumänischer Künstler, die vom regionalen Erbe inspiriert sind. Die Verbindung zu Siebenbürgen und dem Dorf besteht für sie allerdings schon seit knapp zehn Jahren, als sie erstmals an einem Kunstprojekt teilnahm. Seither kehrte sie immer wieder in die Region zurück, lebte zeitweilig in Deutsch-Weißkirch und schloss enge Freundschaften mit den Anwohnern.
„Es ist wirklich toll, dass so viele Einheimische zur Vernissage gekommen sind. Wir haben uns sehr gewünscht, dass die Dorfbewohner diesen Ort annehmen. Ich habe den Eindruck, sie sind sogar stolz darauf, nun eine eigene Galerie im Dorf zu haben“, freut sich Motroc. Die Dorfgemeinschaft und diverse Vereine seien fest in das Projekt eingebunden; viele hätten sich eingesetzt, um die Scheune in bestem Zustand zu bringen. „Diese Ausstellung konnte nur durch den gemeinsamen Einsatz der Dorfgemeinschaft verwirklicht werden“, betont sie.
Für die Scheune „Viscri 63“ wünscht sie sich ein lebendiges Programm und hofft auf Kooperationen mit Künstlern und Institutionen aus dem In- und Ausland.
Drei Kunsträume an der Hauptstraße
Mit „Viscri 63“ hat Deutsch-Weißkirch bereits seinen dritten Ausstellungsort erhalten. Alle befinden sich an Hauptstraße.
Das Haus des Königs Charles III. beherbergt seit 2021 regelmäßig hochkarätige Ausstellungen, die Einblicke in die traditionelle Architektur, nachhaltige Landwirtschaft, den Biodiversitätsschutz und das reiche Kulturerbe Siebenbürgens geben. Zu den dort ausgestellten Kunstschaffenden zählen Namen wie Ștefan Câlția, Virgil Scripcariu und Berry Lewis. In Vorjahren waren zudem Gemälde von Königin Maria sowie historische Rumänien-Fotografien von Lee Miller zu sehen.
Neben temporären Ausstellungen zeigt das Königshaus die Dauerausstellung „Transylvania Florilegium“, eine Sammlung botanischer Illustrationen, die von der Pflanzenwelt Siebenbürgens zeugt und auch als Buch erschienen ist.
Um die Flora geht es auch in der Ausstellung „Flori“ (Blumen) der Kronstädter Künstlerin Irina Neacșu, die für September angekündigt ist.
Auch der niederländische Pianist Johann Markel, dessen Wurzeln im Dorf liegen, vereint in seiner renovierten Scheune Gemälde und Skulpturen rumänischer Künstler. Auf seinem Anwesen „Colligere 1841“ finden in den warmen Monaten auch Konzerte und weitere Kulturveranstaltungen statt.
So verwandelt sich im Sommer die Hauptstraße von Deutsch-Weißkirch in eine richtige Ausstellungsmeile, wo Tradition und zeitgenössische Kunst aufeinandertreffen und wo sich die Dorfgemeinschaft für ihren Ort einsetzt.
Laura Căpățână Juller
Künstlerin Irina Motroc bei der Vorbereitung der Vernissage der Ausstellung „Almost Matter“ in der frisch renovierten Scheune von Viscri 63. Foto: privat
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