TIFF 2026. Von Antihelden und Außenseitern (I)
10.07.26
Ein Rückblick auf die 25. Auflage des Internationalen Filmfestivals in Klausenburg
„Die Welt braucht auch Antihelden“. Dieser Satz, der eigentlich die Pointe eines Witzes darstellt, den die neue Freundin eines wohlhabenden russischen Geschäftsmanns beim Abendessen erzählt und der aus dem in Cannes preisgekrönten Film „Minotaur“ des Regisseurs Andrej Swjaginzew stammt, könnte das Motto der 25. Auflage des Internationalen Filmfestivals „Transilvania“ (TIFF) darstellen. Denn viele Filme, die ich zwischen dem 12. und dem 21. Juni beim Festival in Klausenburg sah, handelten von Antihelden, von Außenseitern, von Verlierern. Die Geschichten vom Scheitern zogen sich wie ein roter Faden durch das diesjährige Festivalprogramm. Und zogen Tausende von Zuschauern in ihren Bann. Die Filme haben gezeigt: Superhelden sind langweilig. Die Welt braucht Geschichten über imperfekte Menschen. Geschichten, die von Grauzonen handeln.
An seinem 25. Jubiläum hat sich TIFF zu einem der wichtigsten Kulturevents in Rumänien etabliert. Zu den Highlighs dieser Edition zählen der regnerische Eröffnungsabend mit Nadia Comăneci auf dem Hauptplatz im Herzen der Stadt, der neue Almodovar-Film „Bitter Christmas” in der märchenhaften Kulisse des Banffy-Schlosses aus Bon]ida, der Brunch auf der Terrasse des „Casa TIFF“ mit einem Menü inspiriert vom Film “The Godlen Spurtle”, in dem es um eine Porridge-Weltmeisterschaft in einem schottischen Dorf geht, die Filmlegende Ornela Muti im Studenten-Kulturhaus, der nach frischem Kaffee duftenden Kinosaal „Victoria“ bei den Vormittagsvorstellungen um 10 Uhr, die Zeitschrift „Aperitiff“, die an jedem Festivaltag erscheint und in der man täglich herausfinden kann, welche Filme sich auf den ersten Plätzen der Publikumswahl befinden, die Leute, die sich auf der Straße, in den Bussen und Trams, in Bars und Parks über Filme unterhalten. TIFF war immer nahe am Publikum. Und gerade deshalb erhielt bei der Abschlussgala im Klausenburger Nationaltheater eine Zuschauerin einen Preis. Seit 25 Jahren hat sie keine einzige Auflage des Festivals verpasst und hat dabei über 300 Filme gesehen.
Kino ist ein Erlebnis- zwei Stunden lang im Dunkeln vor einem riesigen Bildschirm, man ist mitten drin in einer Geschichte, zusammen mit Hunderten von anderen Menschen.
Forrest Gump auf der rot-gelb-blauen Bank
„Noch immer hier. Seit 25 Jahren“- so lautet der diesjährige Slogan des Festivals. Das Werbeplakat zeigt einen Mann, der auf einer in den Farben der rumänischen Nationalflagge angestrichener Bank sitzt. Es ist eine Anspielung auf die Bank, auf der die beliebte Filmfigur Forrest Gump mit einer Schachtel Pralinen sitzt und jedem der dort wartenden Personen aus seinem ereignisreichen Leben erzählt. Die in der Farben Rot, Gelb und Blau angestrichene Bank sieht genau so aus, wie die Bänke in Klausenburg vor 25 Jahren, die der damalige ultra-nationalistische Bürgermeister Gheorghe Funar anstreichen ließ. Heute muss man über diese Bänke schmunzeln, gleichzeitig erinnert man sich an die Zeit, in der Regisseur Tudor Giurgiu und der Filmkritiker Mihai Chirilov auf die Idee kamen, ein internationales Filmfestival in Klausenburg zu organisieren. Damals war die Stadt am Somesch t grau und etwas düster, es gab zwar ein reges Studentenleben, aber wenige kulturelle Events. Die Leute gingen ins Kino, aber eher zu Blockbustern und weniger zu europäischen Filmen. Doch Jahr für Jahr hat es das Festival geschafft, das Publikum zu erziehen und heute sind auch europäische Kunstfilme gut besucht. Das ist eine große Errungenschaft in den Zeiten von Netflix&co.
In einem Interview aus der Zeitschrift Aperitiff erinnert sich Mihai Chirilov, der unermüdliche Festivalkurator, an die erste Auflage des Festivals. Damals hat man die Verfilmung des Romans von Elfriede Jelinek „Die Klavierspielerin“ im Studentenkulturhaus gezeigt. „Es gab so schockierende Szenen, dass ein paar Frauen aus dem Publikum ohnmächtig geworden sind. Das hat sich dann herumgesprochen. Dann kamen immer mehr Leute in die Kinos“. Gerade einmal 40 Filme zeigte man beim Festival im Jahr 2022. Heute sind es über 200 pro Auflage.
Warteschlangen, große Hits und viele Erinnerungen
Im Jahr der ersten TIFF-Edition lebte ich als Studentin in Klausenburg. Ich habe das Festival aber verpasst. Seit 2006 sind die 10 Tage im Juni in meinem Kalender eingekreist: komme, was wolle, das Festival verpasse ich nicht. 20 Jahre seit meinem ersten TIFF ateht auf dem Klausenburger Hauptplatz rot-gelb-blau angestrichene Bank bereit. Man kann sich setzen und fotografieren lassen. Dabei begibt man sich auf eine Zeitreise in die 2000er Jahre. Und zieht seine eigene TIFF-Bilanz.
Bilder und Erinnerungen kommen plötzlich hoch: 2006, als ich im voll ausgebuchten Victoria-Kino am Boden saß und fast atemlos dem Film “A fost sau n-a fost” von Corneliu Porumboiu über die Revolution 1989 in Vaslui folgte. Der Film Lunatic des tschechischen Regisseurs Jan Švankmajer, der mir auch nach 20 Jahren nicht aus dem Kopf geht. Die Warteschlangen vor dem Florin-Piersic-Kino im Jahr 2007, als der Film 4 Monate, 2 Wochen und 3 Tage von Cristian Mungiu die Goldene Palme in Cannes erhalten hatte und Leute aus dem ganzen Land nach Klausenburg reisten, um ihn vor der Premiere im Herbst zu sehen. Die Zeiten, in denen man einen Film schaute und danach die Schauspieler Kaffee trinkend auf einer Terrasse unter den Linden auf dem Hauptplatz erspähen konnte. Den koreanischen Thriller „Train to Busan“ im Kino aus dem Stadtviertel Marasti. Das Corona-Jahr 2020 in dem man die Filme nur im Freien zeigen konnte. Die kalten Augustnächte, als wir mit der Hoteldecke in die Filmvorführungen auf Schulsportpläzten gingen und die Party mit Schutzmasken, wo nur wenige Leute anwesend waren- richtige Fans, so wie früher. Das Popcorn im Piersic-Kino, das ausgezeichnet schmeckt. Die Abende im Lokal „Varzarie“, vielleicht das einzige Lokal, das sowohl zu Beginn des Festivals als auch heute noch existiert.
Elise Wilk
Fortsetzung folgt
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