Violettes Blut
17.07.26
Im Frühling dieses Jahres hat in Kronstadt die Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache stattgefunden. Die Karpatenrundschau druckt in den nächsten Nummern die Aufsätze der Schüler, die bei der Deutscholympiade mit Preisen ausgezeichnet wurden. In dieser Nummer lesen Sie den Aufsatz von Amalia Negu] aus der VII. Klasse des German-Idees-Lyzeums, Bukarest, die den 1. Platz erhielt. Die Schüler der VII. Klasse sollten eine Geschichte zu folgendem Zitat schreiben und einen passenden Titel dazu finden.
„Sobald ich meine Sonnenbrille aufsetze und ein Gespräch mit einer Person führe, erscheinen auf ihrem Gesicht dunkelgrüne Punkte, wenn sie nicht die Wahrheit sagt.“
(Verfasser unbekannt)
Sobald ich meine Sonnenbrille aufsetze und mit einer Person spreche, erscheinen auf ihrem Gesicht dunkelgrüne Punkte, wenn sie nicht die Wahrheit sagt. Für die meisten würde das als Geschenk oder Wunder gelten, doch mir hat es nichts anderes gebracht als Täuschung, Angst und Ärger. Deshalb habe ich schon unzählige Male versucht, die Sonnenbrille loszuwerden, sie zu vernichten. Doch das würde bedeuten, mein eigenes Leben aufzugeben. Die Sonnenbrille ist an meiner rechten Handfläche befestigt. Durch ihren Rahmen fließt mein Blut, denn er ist wie eine Vene, die mit meinem Gehirn verbunden ist. Doch das Blut, das hindurchfließt, ist nicht rot, sondern violett. Warum ich damit geboren wurde, weiß ich nicht. Niemand in meiner Familie kennt den Grund.
Ich lag im Bett und starrte auf ein Bild, das ich selbst gemalt hatte. Ich konnte nicht einschlafen, egal wie sehr ich mich bemühte. Meine Sonnenbrille tat weh, denn ich war mal wieder auf sie gefallen. Ich dachte darüber nach, wie gern ich ein normaler Mensch wäre. Dann könnte ich endlich zur Schule gehen, an einer Hochschule Malerei studieren und später als Lehrer arbeiten. Aber leider musste ich den ganzen Tag die Sonnenbrille pflegen, als wäre sie mein eigenes Kind. Jeder kleine Kratzer fühlte sich wie ein Knochenbruch an.
Plötzlich hörte ich ein Klopfen am Fenster. Rasch stand ich auf. Ich griff mit der linken Hand nach meiner Lampe und näherte mich vorsichtig dem Fenster. Das Klopfen wurde immer lauter, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Zitternd öffnete ich das Fenster. Ein grauer Stoffball sprang hinein. Er dehnte sich aus und wurde immer größer, bis er sich in einen Bären verwandelte, der auf den Hinterbeinen stand und etwa zwei Meter groß war.
„Wer bist du? Zeig dich sofort!“, rief ich erschrocken.
„Ich habe keinen Namen“, sagte er traurig.
Das tat mir leid, denn Bären waren meine Lieblingstiere.
„Von nun an heißt du Sven. Und ich bin Tobias.“
„Du kannst mich Sven nennen“, flüsterte er. „Es … gefällt … mir. Einen schönen Namen hast du ausgewählt. Willst du mit mir spielen?“
„Warum nicht? Ich kann sowieso nicht einschlafen.“
„Dann folge mir“, flüsterte Sven, und wir sprangen gemeinsam aus dem Fenster. Wir gingen zur Volksschule. Sven reichte mir ein Streichholz.
„Alle, die dich heruntergezogen und verspottet haben, sollen nun leiden.“
Ich schloss die Augen und öffnete sie erst einige Sekunden später wieder. Das Gebäude meiner früheren Schule stand in Flammen, und Sven stand davor.
„Zu Asche soll es werden. Alles soll zu Asche werden“, murmelte er, und meine Augen fielen wie von selbst wieder zu.
„Tobi? Kannst du mich hören? Schau mal! Er ist wach!“, plapperte die Stimme meiner Mutter.
Ich konnte die Augen kaum öffnen. Ich lag in einem Krankenhausbett, und mein rechter Arm war in ein weißes Tuch eingewickelt. Es war allerdings nicht mehr ganz weiß, denn meine Sonnenbrille hatte es mit violettem Blut durchtränkt.
„Tobi, mein Kind, du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt! Warum warst du in der Schule? Du weißt doch genau, dass das für dich ein verbotener Ort ist! Und dann auch noch mitten in einem Brand!“, schrie Mama und nahm mich in die Arme.
„Ich war mit Sven. Wir haben gespielt“, flüsterte ich.
„Sven? Wer ist das? Ich habe nie von ihm gehört!“, erwiderte mein Vater.
Ich hob meinen Arm und setzte mir versehentlich die Sonnenbrille auf. Auf Papas Gesicht erschienen dunkelgrüne Punkte. Er log mich an. Aber woher konnte er Sven kennen?
Ich zog meine Schuhe an und lief nach Hause. Mein Vater war Wissenschaftler. Seitdem er aus dem Labor entlassen worden war, arbeitete er zu Hause und hatte sich im Keller seine eigene Forschungs- und Experimentierstation eingerichtet. Bis dahin hatte ich diesen Raum noch nie betreten.
Ich stieß die Tür auf und schaltete das Licht ein. Der Raum sah unheimlich aus. In der Mitte stand ein weißer Tisch, an dem Seile befestigt waren. An der linken Wand befand sich ein weiterer Tisch mit hohen Papierstapeln. Der Tisch gegenüber war mit Apparaten und Instrumenten überfüllt, darunter standen leere Tierkäfige. Im ganzen Raum herrschte ein widerlicher Gestank, und irgendwo hörte ich Tiergeräusche.
Ich begann, die Papiere und Zeichnungen zu durchsuchen, um etwas herauszufinden. Zunächst fand ich nichts. Dann entdeckte ich plötzlich Papas Tagebuch. Es war alt und mit Leder gebunden. Als ich es öffnete, sah ich eine merkwürdige Zeichnung. Sie zeigte einen Bären, der genauso aussah wie Sven.
Im Tagebucheintrag schrieb Papa über einen Bären, den er für mich erschaffen hatte. Im nächsten Eintrag berichtete er von einer erfolgreichen Operation, bei der er mir einen kleinen Drachenstein in das Gehirn eingesetzt hatte.
Ich konnte es nicht glauben. Papa hatte mir nur helfen wollen. Deshalb richtete sich mein Ärger nun gegen die Sonnenbrille. Wenn ich sie nicht gehabt hätte, hätte ich all das nie erfahren und hätte mich einfach darüber freuen können, endlich einen Freund gefunden zu haben. Ich musste sie unbedingt loswerden.
Meine Eltern kamen auf mich zugelaufen.
„Papa!“, schrie ich aus voller Kraft. „Ich will diese Sonnenbrille nicht mehr! Bitte hilf mir!“
„Tobi, die Brille ist ein Teil von dir. Man kann sie nicht einfach so entfernen. Schau, ich habe auch eine“, sagte Papa und zog seine Handschuhe aus.
Tatsächlich hatte auch er eine Sonnenbrille an der rechten Handfläche.
„Wenn du es unbedingt willst, können wir sie gemeinsam entfernen. Aber ich warne dich: Es gibt keine Garantie, dass alles gut ausgeht.“
„Ich bin bereit!“, rief ich voller Selbstvertrauen.
Ich legte meine Hand auf den Tisch, und Papa legte seine darüber, sodass sich unsere beiden Sonnenbrillen berührten. Er begann, ein Gebet zu sprechen. Unsere Sonnenbrillen blähten sich immer weiter auf, bis sie schließlich platzten. Überall lag violettes Blut, und meine Augen wurden schwer ...
Langsam öffnete ich die Augen. Vor mir sah ich zwei Gesichter – eine Mama und einen Papa. Waren das meine Eltern?
„Schau mal, wie niedlich unser Kind ist. Der kleine Tobi!“, sagte Mama.
„Ich kann es kaum glauben, dass das eine Folge der Entfernung der Sonnenbrille ist. Aber er ist immer noch unser Sohn – unser kleiner Tobi.“
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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