Von Kronstadt über Porsche und in die weite Welt
05.06.26
Interview mit Honterus-Absolventin Dorothy Maihailiuc
Sämtliche ehemalige Schüler des Johannes-Honterus-Lyzeums sind heute in aller Welt verteilt und gehen den unterschiedlichsten beruflichen Wegen nach. Dorothy zog es nach dem Abitur zunächst nach Deutschland, wo sie Fahrzeug- und Motorentechnik an der Universität Stuttgart studierte und anschließend als Entwicklungsingenieurin für Porsche arbeitete. Heute lebt sie zwischen Kronstadt und der weiten Welt, arbeitet saisonal im Tourismus und verbindet ihre Leidenschaft für Reisen, Natur und neue Erfahrungen mit ihrer Offenheit gegenüber spontanen Lebenswegen. Im Interview mit KR-Redakteurin Bernice Krech-Litoiu spricht sie über ihre Schulzeit am Honterus-Lyzeum, das Leben in Deutschland, ihre Arbeit im Ausland sowie darüber, was Kronstadt bis heute für sie bedeutet.
Du hast schon als Kind Deutsch gelernt. Wie kam es dazu?
Das ist eigentlich eine lustige Geschichte. Zu der Zeit kamen viele deutsche Investoren nach Kronstadt, und meine Eltern – beziehungsweise allgemein viele Familien damals – dachten, dass es für die neue Generation sinnvoll wäre, Deutsch zu lernen, vor allem wegen späterer Jobmöglichkeiten. Meine Muttersprache ist tatsächlich Englisch, ich habe mit meiner Mutter mein ganzes Leben lang nur Englisch gesprochen. Als es Zeit war, in den Kindergarten zu gehen, konnte ich also weder Deutsch noch Rumänisch. Dann haben mich meine Eltern für einen Probetag in einen deutschen Kindergarten geschickt – ich war total begeistert, weil so viele Wörter dem Englischen ähnlich waren, wie „Haus“ und „house“, „Kindergarten“ und „kindergarten“ oder „Apfel“ und „apple“. Also habe ich bereits im Kindergarten Deutsch gelernt. Damals musste man auch eine Prüfung machen, um später in die erste Klasse der deutschen Schule aufgenommen zu werden. Danach begann ich zu lesen, und ich glaube, ich habe alle Kinderbücher aus der kleinen Bibliothek im Stadtzentrum gelesen. Ich habe es geliebt, auf Deutsch zu lesen.
Gibt es besondere Erinnerungen an deine Schulzeit an der Honterusschule?
Was mir immer gefallen hat, war, dass unsere Schule keinen Zaun hatte. Das vermittelte irgendwie ein Gefühl von Freiheit, auch wenn man natürlich trotzdem im Unterricht bleiben musste. Außerdem haben wir uns jedes Jahr zum 1. April Streiche für die Lehrer ausgedacht. Einmal bildeten mehrere Klassen – vielleicht war es sogar die ganze Schule – eine riesige Menschenkette. Wir hielten uns an den Händen und liefen gemeinsam Richtung Graft. Ich glaube nicht, dass die Lehrer das besonders lustig fanden, aber ich erinnere mich daran, dass es ein wunderschöner, warmer Tag war und wir einfach alle zusammen losgelaufen sind.
Wie kam es dazu, dass du dich nach der Schule für ein Studium in Deutschland entschieden hast?
Mein großer Traum war ursprünglich, Musik in Amerika zu studieren, doch die Studiengebühren waren zu hoch. Neben Musik waren auch Sport und Autos große Leidenschaften von mir. Schließlich entschied ich mich für Fahrzeugtechnik, weil mich Mathematik, Physik und die Automobilindustrie schon immer fasziniert haben. Stuttgart war dafür der perfekte Ort – wegen Porsche, Daimler und dem Formula-Student-Team der Universität, bei dem Studenten eigene Rennwagen entwickeln und bauen. Also habe ich mich für ein Studium an der Universität Stuttgart entschieden.
Wie erinnerst du dich heute an dein Studium?
Das Studium war extrem anspruchsvoll, vor allem, weil viele meiner Kollegen bereits technische Vorkenntnisse von beispielsweise Ausbildungen im Kfz-Bereich hatten und ich, im Gegensatz dazu, direkt vom naturwissenschaftlichen Zweig des Honterus-Lyzeums kam. Zwar hatte ich gute Grundlagen in Mathematik und Physik, aber technische Begriffe und Inhalte waren für mich komplett neu. Vieles musste ich mir selbst mit Videos und zusätzlichem Lernen beibringen. Gleichzeitig war auch das Leben in einem neuen Land mit neuer Sprache und neuen Menschen eine große Herausforderung. Trotzdem habe ich durchgezogen – und heute ist der Abschluss wahrscheinlich mein größter persönlicher Erfolg.
Wie war es für dich, nach Deutschland zu ziehen?
Deutschland war für mich ein kompletter Neustart. In Kronstadt kannte ich durch Schule, Kirche und Sport überall Menschen, während ich in Stuttgart plötzlich ganz alleine war. Obwohl ich die Sprache konnte, hatte ich anfangs einen kleinen Kulturschock und fühlte mich einsam. Viele Studenten kamen nur für die Vorlesungen an die Uni und fuhren danach wieder nach Hause. Dazu kam, dass das Studium sehr anspruchsvoll war, weshalb ich in den ersten Monaten fast nur gelernt habe. Trotzdem kann man in Deutschland definitiv Anschluss finden – man braucht nur Geduld. Deutsche wirken anfangs oft eher zurückhaltend, aber wenn man einmal Teil ihres Freundeskreises ist, sind sie sehr loyal und herzlich.
Welche Unterschiede zwischen der deutschen und rumänischen Mentalität sind dir besonders aufgefallen?
Was mich überrascht hat, war der starke Individualismus. In unserer Klasse in Kronstadt haben wir uns immer gegenseitig geholfen – bei Hausaufgaben, Projekten oder Prüfungen. In Deutschland war das anders. Wir hatten zwar eine große Freundesgruppe an der Uni, aber jeder arbeitete eher für sich. Außerdem sind Deutsche unglaublich strukturiert. Zum Beispiel bei technischen Projekten: Während ich dachte „Das passt schon irgendwie“, nummerierten meine Kollegen jede Schraube und zeichneten sogar Skizzen, damit später alles exakt wieder zusammengesetzt werden konnte. Diese strukturierte Art zu arbeiten und zu leben unterscheidet sich stark von der eher lockeren rumänischen Mentalität.
Du hast während deiner Zeit in Deutschland auch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. War das geplant?
Nein, überhaupt nicht. Mein ursprünglicher Plan war einfach, nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten und dort zu leben. Irgendwann habe ich gehört, dass ich mich für die Staatsbürgerschaft bewerben könnte. Da dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Die Möglichkeit war da, und natürlich bringt ein deutscher Pass auch Vorteile mit sich – vor allem beim Reisen.
Nach dem Studium bist du nicht sofort nach Kronstadt zurückgekehrt.
Nein. Viele dachten zwar, dass ich nach dem schwierigen Studium sofort zurückkommen würde, aber das wollte ich nicht. Ich wollte Deutschland nicht nur mit Stress und Prüfungen verbinden, sondern dort auch wirklich leben und Erfahrungen sammeln. Deshalb habe ich mich direkt beworben und als Entwicklungsingenieurin gearbeitet – bei einem Dienstleister für Porsche in Weissach. Ich war dort im Bereich Elektrobatterie-Entwicklung tätig und bin fast zwei Jahre geblieben.
Danach ging es plötzlich nach Kanada. Wie kam es dazu?
Das war eigentlich ziemlich spontan. Ein Kollege erzählte mir beim Mittagessen von einem Besuch bei seinem Bruder, der saisonal als Tourguide bei Polarlichtern in Kanada arbeitete. Während er erzählte, muss man mir angesehen haben, wie begeistert ich war. Er sagte sofort: „Doro, das wäre perfekt für dich. Du liebst Schnee, Kälte und Menschen.“ Eigentlich hat Kanada überhaupt nicht in meinen Lebensplan gepasst. Ich wollte noch einige Jahre arbeiten und dann langsam nach Rumänien zurückkehren. Aber die Idee ließ mich nicht mehr los. Ich bewarb mich schließlich bei einem Resort in Yukon und bekam die Stelle. Also kündigte ich meinen Job, kaufte ein One-Way-Ticket und flog nach Kanada. Dort habe ich sechs Monate lang nachts als Tourguide für Polarlichter gearbeitet. Ich machte Feuer für die Gäste, bereitete heiße Getränke zu, erklärte ihnen die Polarlichter und fotografierte sie später unter dem Nordlicht. Es war eine unglaubliche Erfahrung.
Danach hast du weiterhin saisonal gearbeitet?
Ja. Eigentlich dachte ich zuerst, Kanada wäre nur eine Übergangsphase zwischen Deutschland und Rumänien. Aber die Arbeit mit Menschen und dieses freie Leben haben mir so gut gefallen, dass ich danach nicht sofort in einen klassischen Bürojob zurückkehren wollte. Schließlich fand ich eine Stelle in Oberlech in Österreich. Dort habe ich vergangenen Winter teils im Service, teils an der Rezeption eines Hotels gearbeitet. Das Schönste war aber, dass ich direkt an der Piste gewohnt habe und jeden Tag snowboarden konnte.
Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Eigentlich wollte ich nur eine Wintersaison in Oberlech bleiben. Aber mir hat es dort so gut gefallen, dass ich mich entschieden habe, auch diesen Sommer dort zu arbeiten. Die Berge, die Natur und die Möglichkeiten zum Wandern, Trailrunning oder Fahrradfahren passen einfach perfekt zu mir.
Du reist generell sehr viel. Welche Orte haben dich am meisten beeindruckt?
Hawaii war wahrscheinlich mein Lieblingsort überhaupt. Viele denken, es sei nur touristisch, aber das stimmt gar nicht. Die Atmosphäre dort ist unglaublich entspannt und die Menschen sind sehr freundlich. Außerdem haben mich Vancouver, Vancouver Island und Madeira sehr beeindruckt. Und wenn man Natur liebt, würde ich definitiv die Nationalparks in Kanada empfehlen. Besonders Jasper National Park war für mich unbeschreiblich schön.
Hast du ein Lebensmotto?
Ja: „Why not?“ oder „What could happen?“. Ich versuche, Chancen einfach anzunehmen. Wenn ich keine guten Argumente dagegen finde, dann mache ich es einfach.
Welche Rolle spielt deine Schulzeit heute noch für dich?
Eine sehr große. Viele meiner engsten Freunde kenne ich seit der ersten Klasse, manche heiraten inzwischen sogar untereinander. Ich habe die Schule wirklich geliebt. Nicht nur wegen des Lernens, sondern vor allem wegen der Menschen. Außerdem hat mir die Schule natürlich die deutsche Sprache und das Sprachdiplom mitgegeben – beides war später unglaublich wichtig für mein Studium in Deutschland. Und jedes Mal, wenn ich heute durch das Stadtzentrum gehe, fühle ich mich zuhause.
Zum Abschluss: Was bedeutet Kronstadt für dich?
Wenn ich „Kronstadt“ höre und nicht „Brasov“, sehe ich sofort das Stadtwappen vor mir. Die deutsche beziehungsweise sächsische Kultur hier hat mich stark geprägt. Kronstadt bedeutet für mich Wärme, Kindheitserinnerungen und Heimat. Viele Menschen sehen Rumänien vielleicht kritisch, aber für mich ist Kronstadt etwas ganz Besonderes – wegen der Natur, der Menschen und der Atmosphäre. Ich glaube wirklich, dass Kronstadt das Herz Rumäniens ist. Kronstadt bedeutet für mich Zuhause.
Die Absolventen des Honterus-Lyzeums arbeiten heute, in der ganzen Welt verstreut, in allen denkbaren Bereichen- unter ihnen sind Star-Musiker, Informatiker, Top-Manager, Politiker, Schriftsteller, anerkannte Ärzte oder Architekten. Ob in London, Abu-Dhabi, Wien, Berlin, York, Bukarest oder Kronstadt- die meisten von ihnen denken gerne an ihre gemeinsame Schulzeit zurück. In der Karpatenrundschau werden wir in den nächsten Monaten einige der
ehemaligen Honterianer vorstellen, die heute eine erfolgreiche Karriere haben. Falls Sie auch jemanden kennen, der das Honterus-Lyzeum absolviert hat und sich in seinem Bereich bemerkbar gemacht hat, können Sie uns gerne ihre Vorschläge auf kronstadt@adz.news zusenden. Wir freuen uns auf jede Idee!
In Kanada arbeitete Dorothy für sechs Monate als Polarlichter-Tourguide. Foto: privat
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
05.06.26
Vertreterversammlung zieht Bilanz über die vergangenen Jahre und wählt neue Führung
[mehr...]
05.06.26
Interview mit Honterus-Absolventin Dorothy Maihailiuc
[mehr...]



