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		<title>Karpatenrundschau</title>
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		<description>Karpatenrundschau Artikel</description>
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			<title>Karpatenrundschau</title>
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		<lastBuildDate>Fri, 03 Jul 2026 10:45:00 +0000</lastBuildDate>
		
		
		<item>
			<title>Die letzte Entscheidung von heute (II)</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/die-letzte-entscheidung-von-heute-ii/</link>
			<description>Aufsatz von Olympiade-Gewinner Noah Nistolescu </description>
			<content:encoded><![CDATA[<i><br />Im Frühling dieses Jahres hat in Kronstadt die Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache stattgefunden. Die Karpatenrundschau in den nächsten Nummern die Aufsätze der Schüler, die bei der Deutscholympiade mit Preisen&nbsp; ausgezeichnet wurden.<br /><br />In dieser Nummer lesen Sie den zweiten Teil des Aufsatzes von Noah Nistolescu aus der XII. Klasse des Lenau-Nationalkollegs in Temeswar, der den 1. Platz erhielt.&nbsp; Thema war: „Was wir heute tun entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“.</i><br /><br />&nbsp;<br />„Aber etwas stimmt nicht“, brummte Konrad, während er auf die Papiere auf seinem Bürotisch schaute.<br /><br />„Es ist nicht unser Job, sicherzustellen, dass alles stimmt. Wir müssen den Täter finden. Das sagt das Gesetz. Das ist alles, was wir machen müssen. Warum der Dieb dies oder das tut, geht uns nichts an. Oder was mit ihm in der Zukunft passiert. Alles ist die Gegenwart. Jeden Tag, den Täter finden, die Diebe entlarven. Was am nächsten Tag passiert, ist egal. Darüber müssen wir nicht nachdenken. Heute den Dieb finden und festnehmen, morgen wieder dasselbe, und so weiter. Wir sind Polizisten, Konrad! Das ist unser Job. Also guck nicht mehr so düster, und geh, entspann dich ein bisschen. In ein paar Stunden haben wir den Verbrecher. Und denk nicht mehr so viel nach, du verdirbst dir nur den Spaß. Lebe in der Gegenwart, lebe heute, und denk nicht mehr an morgen!“<br /><br />„Aber was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“, erwiderte der alte Kommissar flüsternd, doch Viktor hörte nicht mehr zu. Er hatte das irgendwo gelesen, aber er wusste nicht mehr, wo.<br /><br />„He, alter Falke, hier bin ich!“<br /><br />Konrad war so in Gedanken versunken, dass er Magnus erst mal gar nicht bemerkte. Er wartete schon am Schachtisch, mit den Schachfiguren schon fertig aufgestellt. Magnus war ein kleiner Mann, mit einem runden Gesicht, warmen Augen und einem breiten Lächeln. Als Konrad ihn sah, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Magnus war nicht älter als 25 und redete sehr viel. Er nannte sich Schriftsteller, hatte aber noch kein Buch veröffentlicht. Konrad hatte keine Ahnung, wie er genug Geld fürs Leben hatte – er vermutete, dass er noch Geld von seinen Eltern bekam, aber falls das wirklich stimmte, war Magnus zu stolz, um es zuzugeben.<br /><br />„Fortschritt mit dem Buch?“, fragte Konrad, als er sich zum Tisch setzte.<br /><br />„Mh... na ja. Weißt du, man muss wirklich eine brillante Idee finden, um zu beginnen. Sonst wird man als Schriftsteller nicht erfolgreich.“<br /><br />Der alte Kommissar musste lachen, und Magnus lachte mit.<br /><br />„Na, wenn du so meinst“, erwiderte Konrad.<br /><br />Sie begannen zu spielen, doch Konrad konnte sich nicht konzentrieren. Obwohl Magnus fast nie gewann, schaffte er es irgendwie, die Schachpartie zu gewinnen.<br /><br />„Du siehst müde aus, alter Falke. Und nicht gut gelaunt. Was ist?“<br /><br />„Ach, nur so ein merkwürdiger Fall. Keine Ahnung...“<br /><br />Schweigend sah sich Magnus eine davonfliegende Taube an.<br /><br />„Na, ich weiß nicht was genau passiert ist“, begann er. „Aber als Schriftsteller muss man immer sicher sein, dass das, was bleibt, gut ist. Auch nachdem man tot ist. Deswegen wird man Schriftsteller. Weil das, was man schreibt, bleibt. Aber nicht nur das, was geschrieben wird, sondern alles. Alles was wir tun, bleibt irgendwie. Es verändert die Welt, auch wenn man es nicht merkt. Ich denke, bei den Polizisten ist es genauso.“<br /><br />Konrad wirkte nachdenklich. So hatte er Magnus noch nie reden gehört. Sie verabschiedeten sich nach einer Weile, und der Kommissar ging langsam nach Hause. Es war wirklich kalt.<br /><br />Auf der Brücke blieb er stehen, und schaute den Fluss hinunter. Er spuckte über das rostige Geländer, wie er es immer tat. Magnus war weise, das wusste er. Er dachte nach, und wurde sich bewusst, dass sein „heute“ bald zu Ende sein würde. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Ja, wichtig war, was er heute tat, weil es die Welt veränderte und bestimmte, wie sie morgen aussehen würde. Nicht weil es sein Job war, oder weil es das Gesetz so sagte. Dann ging er weiter.<br /><br />Ein paar Straßen vor seiner Wohnung sah er etwas und blieb abrupt stehen. Könnte es wirklich dasselbe sein? Ein graues Moped, vor einem Wohnblock geparkt. Konrad musste es herausfinden. Er klingelte an der ersten Wohnung und die Tür öffnete sich. Nachdem er die alte Frau begrüßte, fragte er sie, zu welcher Nummer das Moped gehörte. „Nummer 8“, sagte sie, also ging Konrad zur Nummer 8.<br /><br />Er klopfte mit pochendem Herzen an die Tür und lauschte. Dann hörte er ein paar Schritte, und die Tür öffnete sich.<br /><br />Ein junger Mann, ungefähr 20, stand vor ihm. Wie ein Einbrecher sah er nicht aus.<br /><br />„Konrad Falke, Polizei“, stellte er sich vor.<br /><br />Der Junge sagte eine Weile nichts.<br /><br />„Werde ich verhaftet?“<br /><br />Der Kommissar räusperte sich.<br /><br />„Gibt es einen Grund, Sie zu verhaften?“<br /><br />Der Junge seufzte traurig.<br /><br />„Ich sage ja schon alles...“, erwiderte er mit zitternder Stimme. „Wenn Sie wollen, können Sie hereinkommen.“<br /><br />Der Junge hatte nur ein paar Stücke Möbel und ein paar Bücher.<br /><br />„Ja, ich bin der Einbrecher, den Sie suchen“, gab der Junge einfach zu.<br /><br />„In Herrn Sturms Antikladen?“<br /><br />„Ja.“<br /><br />Konrad wusste nicht, was er sagen sollte.<br /><br />„Wa-... Warum?“, stotterte er.<br /><br />„Ich brauchte das Geld. Drei Monate habe ich bei Herrn Sturm gearbeitet, aber ich hatte keine Dokumente. Er sagte, sie wären nicht nötig, und ich habe ihm geglaubt. 700 € pro Monat hat er mir versprochen. Was nicht viel ist, aber ich brauchte dringend Geld für meine Mutter. Sie wohnt in einer anderen Stadt und ist sehr krank. Als die Zeit kam, mich zu bezahlen, wollte es Herr Sturm einfach nicht tun. Ich konnte nicht beweisen, dass ich wirklich bei ihm gearbeitet habe, da mich keine Käufer sahen – ich arbeitete im Lager des Geschäfts. Ich war verzweifelt und dann habe ich mich entschieden, einfach einzubrechen. Den Code zur Kasse kannte ich, und ich wusste, dass die Alarmanlage kaputt war. Sehr schwer war es nicht. Ich habe nur das gestohlen, was er mir versprochen hat. Mehr nicht. Ich weiß, dass es eine schlechte Idee war.“<br /><br />Konrad schwieg.<br /><br />„Wie heißt du?“<br /><br />„Max.“<br /><br />Max's Augen waren nass. Fast weinte er.<br /><br />Konrad dachte nach. Ja, der Bursche sagte tatsächlich die Wahrheit. Er konnte sie kaum glauben, aber es war die Wahrheit. Jetzt machte alles Sinn. Er wusste auch, dass er es nicht gesetzlich beweisen konnte, dass er die Wahrheit sagte. Was sollte er tun?<br /><br />„Nun“, murmelte der alte Kommissar. „Geh schon. Nimm das Geld und geh zu deiner kranken Mutter. Mein Heute ist schon vorbei, aber das ist ja egal, weil mein Heute beeinflusst dein Morgen. Wie alt bist du? 20?“<br /><br />„21“, sagte Max schluchzend.<br /><br />„Na, geh schon. Nimm ein Taxi, nicht dein Moped. Auf Wiedersehen, Max.“<br /><br />Konrad saß in Max's Sessel. Der Junge war schon weg. Er wusste, dass die Polizei bald da sein würde, und ihn verhaften würde, weil er einem Verbrecher geholfen hatte, zu fliehen. War es wirklich die richtige Wahl? Ja, Konrad spürte es. Weil das, was er tat, wichtig war, weil es darüber entschied, wie die Welt morgen aussehen würde, nicht aus anderen Gründen. Und was, wenn man heute beginnt an morgen zu denken? Sein Heute war zu Ende, aber Max's Heute begann erst. Er musste dafür sorgen, dass die Welt morgen besser aussieht, auch wenn es eine nicht bequeme Entscheidung war.<br /><br />&nbsp;<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 10:45:00 +0000</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Seit 1905 über den Dächern Kronstadts</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/seit-1905-ueber-den-daechern-kronstadts/</link>
			<description>Die Rückkehr des Waldkafes</description>
			<content:encoded><![CDATA[Die Rückkehr des Waldkafes
Es gibt Orte, die man nicht einfach nur betritt, sondern von denen man empfangen wird. Das Kronstädter Waldkafe auf dem Warthe-Hügel ist so ein Ort. Hoch über der Innenstadt, in der Closca-Straße, verbirgt sich hinter dem Gartentor der Villa Kuschmann mit der Nummer 28 ein kleines Paradies. Blumen in den verschiedensten Farben, verspielte Sitzgelegenheiten und üppiges Grün prägen das Bild. Bienen summen durch die Luft, Vögel zwitschern in den Bäumen – ein wohltuender Kontrast zum geschäftigen Treiben nur wenige Straßen weiter unten.<br />„Am besten ist es, wenn man alle Erwartungen schon am Tor abgibt“, sagt Mihaela Pop, die das Café heute leitet. „Egal, mit welchen Gedanken man kommt – man sollte sie draußen lassen und sich einfach auf das einlassen, was dieser Ort einem schenkt.“
Wer sich im Garten umsieht, versteht sofort, was sie meint. Das Waldkafe gleicht einem lebendigen Gemälde, dessen Perspektive sich mit jedem Schritt verändert. In die eine Richtung fällt der Blick auf die Silhouette der Zitadelle auf dem Schlossberg, in die andere auf den Schuler. Am oberen Ende des Gartens erhebt sich das alte, geschichtsträchtige Haus, während sich weiter unten das moderne Kronstadt mit dem Tractorul-Viertel ausbreitet. Kaum ein anderer Ort vereint Vergangenheit und Gegenwart, Natur und Stadt so eindrucksvoll wie dieser.<br />
Eine Chronik aus einhundert Jahren Familiengeschichte<br />
Das Waldkafe ist keine moderne Erfindung und auch kein künstlich geschaffener Rückzugsort für gestresste Städter. Vor rund 120 Jahren begann hier oben, am damaligen Rand von Kronstadt, tatsächlich der Wald. Alte Fotografien zeigen eine Landschaft, die mit der heutigen kaum zu vergleichen ist: Dort, wo die Forstdirektion steht – sie ist übrigens nur wenige Jahre älter als das Anwesen des Waldkafes –, erstreckte sich damals unberührte Natur.<br />In der Mitte des Gartens wuchs einst ein mächtiger Walnussbaum, unter dessen Krone sich die Kronstädter Gesellschaft traf. Wer die historischen Fotografien genauer betrachtet, entdeckt darauf Pfarrer, Beamte und wohlhabende Bürger, die bei der Villa Kuschmann die Sommerfrische genossen und dem Trubel der Stadt für ein paar Stunden entkamen. Im Winter konnte man von hier sogar mit den Skiern bis ins Tal fahren.<br />Gegründet wurde das Waldkafe 1905 von der Familie Kuschmann. Mihaelas verstorbener Ehemann Călin war der Urenkel von Walter Kuschmann, sodass sich das Anwesen bis heute im Besitz derselben Familie befindet. Bei Recherchen in den Staatsarchiven stieß eine Freundin von Mihaela auf alte Dokumente der Handelskammer. In den vergilbten Unterlagen beantragt Walter Kuschmann, damals schon in der Cloșca-Straße wohnhaft, die steuerliche Registrierung seines Betriebs. Seine elegante Unterschrift ist darauf deutlich zu erkennen.<br />Interessant ist auch, dass das Waldkafe ursprünglich weit mehr war als ein Ort für Kaffee und Kuchen. Die historischen Unterlagen zeigen, dass gutes Essen von Anfang an eine wichtige Rolle spielte. Die Familie Kuschmann führte außerdem in der Langgasse ein Lebensmittelgeschäft, das auch Wildbret im Sortiment hatte. Das Waldkafe war gewissermaßen die Ergänzung dazu: Die Gäste kamen dorthin, um die Aussicht zu genießen, in der frischen Waldluft zu sitzen, Wildgerichte zu essen und bei einer Tasse Kaffee ein paar unbeschwerte Stunden zu verbringen. Dass das Waldkafe heute wieder Gäste empfängt, und das an seinem ursprünglichen Standort und unter seinem historischen Namen, ist eine Besonderheit, die in Siebenbürgen nur noch selten zu finden ist.<br />
Die Wunden der Geschichte&nbsp;<br />
Das Schicksal des Waldkafes spiegelt nämlich auch die wechselvolle und oft schmerzhafte Geschichte der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert wider. Es funktionierte nur bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Ausflugslokal. Später wurde das Haus, wie so viele sächsische Immobilien, zwangskonfisziert und mit fremden Mietern zwangsbelegt. Über Jahrzehnte verfiel das Anwesen zunehmend, ehe die Familie es nach der politischen Wende wieder alleine bewohnen konnte.<br />
Călin: Der Visionär und die Zähmung des Grüns<br />
Dass das Café heute in neuem Glanz erstrahlt, ist das Werk von Călin. Er war die Seele, der Motor, oder wie Mihaela es ausdrückt: „die Fabrik“ des Ganzen. Pop, der mit seiner Mutter und seinen Großeltern, Thea Hortense Kuschmann und Constantin Cuza, der Schriftsteller, Dramatiker und Lehrer am Șaguna-Lyzeum war, in der Villa Kuschmann aufgewachsen war, träumte davon, das Waldkafe wieder zum Leben zu bringen. Als er und Mihaela Jahre später das Anwesen übernahmen, war es jedoch von den Spuren der Zeit gezeichnet. Der Hof und der Pavillon waren voll mit den Hinterlassenschaften von mehreren Generationen. Der Garten war kein Idyll, sondern eine „grüne Narnia“ – ein völlig verwildertes, undurchdringliches Dickicht. Călin besaß jedoch eine Vision. Das Haus selbst wurde unter seiner Regie in jahrelanger, mühevoller Arbeit restauriert.&nbsp;<br />
Gemeinsam mit Vasile Bârgăuan von „Tomorrow Branding“ entwarf Călin auch das unverwechselbare Logo des Waldkafes, das heute Schilder und die Online-Präsenz des Cafés ziert: ein stilisiertes Pferdchen, das eine Kaffeetassen-Kutsche zieht. Dieses liebevolle, durchdachte Design mit dem Slogan „Vederea frumoasă“ (Die schöne Aussicht) wurde sogar bei einem internationalen Grafikwettbewerb ausgezeichnet.<br />
Schmerz als Katalysator: Die Tore öffnen<br />
Călin war der geborene Gastgeber. Von ihm lernte die eher zurückhaltende Mihaela, wie man Fremden die Tür mit einem echten, tiefen Lächeln öffnet, wie man geduldig zuhört und die Menschen in ihrer eigenen Welt abholt. Von 2019 bis in die Pandemie hinein öffneten die beiden das Waldkafe an Wochenenden für Besucher, danach war es wieder einige Zeit geschlossen. Als Călin nach mehreren Monaten schwerer Krankheit im vergangenen Jahr verstarb, brach für Mihaela eine Welt zusammen. Doch inmitten dieser tiefen Dunkelheit gab ihr Bruder ihr einen entscheidenden Rat: „Wirf dich mit dem Kopf voran ins Leben. Mach das Waldkafe wieder auf.“&nbsp;<br />
„Ich hätte mich einsperren und in meiner Trauer versinken können“, gesteht Mihaela. „Aber dieser Garten gehört nicht mir allein. Er gehört allen, die hierherkommen. Indem ich die Tore geöffnet habe, habe ich den Schmerz verarbeitet. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“ Und so ist das Waldkafe seit dem 18. August 2025 wieder geöffnet. Dieser Schritt markiert eine fundamentale Wende in der Philosophie des Ortes und spiegelt auch ein aktuelles Thema der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft wider.&nbsp; „Früher, um als Gemeinschaft die schweren Zeiten zu überstehen, mussten wir die Zähne zusammenbeißen, schweigen und unter uns bleiben. Heute jedoch, um als Gemeinschaft eine Zukunft zu haben und weiterzugehen, müssen wir die Tore weit öffnen und die anderen hereinlassen.“ So gibt Mihaela wieder, was einige ortsansässige Siebenbürger Sachsen in kürzester Vergangenheit zum Ausdruck gebracht haben. Genau das tut das Waldkafe heute. Es hat sich von einem einst exklusiven, sächsischen Rückzugsort zu einem lebendigen, multikulturellen Schmelztiegel mitten in Kronstadt entwickelt.<br />
Ein Kulturcafé für die Sinne<br />
Für Mihaela Pop war das Waldkafe nie ein Projekt, das auf Wachstum um jeden Preis ausgerichtet war. Zwar gibt es hier Kaffees der lokalen Röstereien Manole und Mabun, aromatische Tees, hausgemachte Limonaden und Patisserie aus der Bäckerei Tothek. Viel wichtiger ist ihr jedoch, was zwischen den Tischen, unter den Bäumen und auf der kleinen Bühne entsteht. „Egal, ob jemand malt, schreibt, Theater spielt oder singt – hier ist der Raum, um sich auszudrücken“, sagt sie. Etwa zwei- bis dreimal pro Woche wird das Waldkafe außerhalb der regulären Öffnungszeiten zur Bühne für Konzerte, Lesungen oder Theateraufführungen. Eine Bukarester Theatergruppe hat mittlerweile ein festes Abonnement für Auftritte im Waldkafe. Călins und Mihaelas großer Traum war es immer, den bekannten Musiker Călin Pop bei sich spielen zu hören. Dieser Traum wurde Wirklichkeit. Größen wie Hanno Hoefer, Raul Kusak und das Byron Duo standen bereits auf der Bühne des Cafés. Und im kommenden Juli steht ein besonderes Highlight an: Die renommierte Jazzsängerin Luiza Zan wird im Waldkafe auftreten. Informationen zu den Veranstaltungen finden Interessierte stets auf der Website des Cafés sowie auf dessen Instagram- und Facebook-Seiten. Da die Zahl der Sitzplätze begrenzt ist, wird um eine vorherige telefonische Reservierung gebeten. Wenn das Wetter mitspielt, verwandelt sich der gesamte Garten in einen Open-Air-Konzertsaal unter freiem Himmel. Während der Pavillon Platz für rund 70 Gäste bietet, eröffnet das weitläufige Außengelände die Möglichkeit, deutlich größere Veranstaltungen auszurichten – bei einigen Konzerten wurden an die 200 Besucher gezählt.<br />
Hier darf die Seele atmen<br />
Auf die Frage, was sie den älteren Kronstädtern oder den ausgewanderten Sachsen sagen würde, die das Waldkafe nur noch aus Erzählungen oder von alten Fotografien kennen, antwortet Mihaela Pop ohne langes Nachdenken: „Ich möchte ihnen sagen, dass das Gefühl von Zuhause hier noch immer da ist. Das Waldkafe ist ein Stück ihrer eigenen Biografie. Ich habe nichts verändert, was den Charakter dieses Ortes ausmacht, und ich werde es auch nicht tun. Sie sollen unbedingt herkommen, sich auf eine Bank setzen und einen Kaffee trinken. Genau so, wie man es damals getan hätte.“<br />
Das Waldkafe ist mehr als eine charmante Adresse auf der touristischen Landkarte von Kronstadt, für deren offizielle Zertifizierung als historischen Ort Mihaela derzeit kämpft. Es ist ein Ort, an dem aus historischem Unrecht, familiären Umbrüchen und tiefem, persönlichen Schmerz etwas Neues, Schönes und Verbindendes gewachsen ist. Das Grün ist gezähmt, die Tore stehen offen – und die Seele darf hier aufatmen.<br />
Bernice Krech-Lițoiu<br /><br /><br />Die Villa Kuschmann im 20. Jahrhundert. Foto bereitgestellt von Mihaela Pop]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 03 Jul 2026 10:43:00 +0000</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Ein Kunstwerk mit theologischer Botschaft</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/ein-kunstwerk-mit-theologischer-botschaft/</link>
			<description>Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche </description>
			<content:encoded><![CDATA[<br />Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche&nbsp;<br /><br />Vor zahlreichen Interessierten, darunter auch zwei Gruppen deutscher Touristen, bot Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche A. B. in Kronstadt, am 9. Juni eine Sonderführung zum großen Altar der Schwarzen Kirche an. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kulturerbe hautnah“ stellte er die Geschichte, Gestaltung und theologische Aussage des bedeutenden neugotischen Kunstwerks vor. Im Anschluss erhielten die Teilnehmer Gelegenheit, selten gezeigte Ausstattungsstücke aus dem Besitz der Honterusgemeinde zu besichtigen, darunter eine prachtvoll gedruckte Bibel sowie zwei silberne Altarleuchter.<br />Für seinen Vortrag stützte sich Ziegler vor allem auf die Sitzungsprotokolle des Presbyteriums aus den Jahren 1862 bis 1866 sowie auf Verträge mit den am Altarbau beteiligten Künstlern. Ziel seiner Ausführungen war es, den Altar als „ein anspruchsvolles, durchdachtes, in seiner theologischen Argumentation sehr konsequentes Kunstwerk“ vorzustellen.
Von der Idee zum neugotischen Altar
Die Entstehung des heutigen Altars reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Nach den Quellen spielte die Kirchengemeinde bereits um 1850 mit dem Gedanken, einen neuen Altar zu errichten. Dieser sollte den barocken Vorgängeraltar ersetzen, der in den 1720er- und 1730er-Jahren entstanden war und sich heute in der evangelischen Kirche der Oberen Vorstadt befindet.<br />Der Bau des neuen Altars stand am Ende einer jahrhundertelangen Entwicklung, die von den religiösen und baulichen Veränderungen der Schwarzen Kirche geprägt war. In der vorreformatorischen Marienkirche befanden sich neben dem Marienaltar mehrere Nebenaltäre, die jedoch im Zuge der Reformation 1544 entfernt wurden. Nachdem ein im 17. Jahrhundert errichteter Altar dem verheerenden Stadtbrand vom 21. April 1689 zum Opfer fiel, erhielt die Kirche zwei Jahre später eine neue Altaranlage.&nbsp;<br />Anfang des Jahres 1864 wurde auf Beschluss des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde A. B. Kronstadt eine „Altarbaukommission“ eingesetzt, die gemeinsam mit den beauftragten Künstlern die Gestaltung eines neuen Altars entwickelte und weitere Umgestaltungsmaßnahmen im Chor festlegte. Die Gestaltung des Altars wurde dabei nicht in einem einzigen Entwurf festgelegt, sondern entwickelte sich schrittweise in einem intensiven Abstimmungsprozess.<br />An der Ausführung waren drei Fachleute beteiligt: der Kronstädter Architekt Peter Bartesch, der Wiener Bildhauer Franz Schönthaler und Historienmaler Friedrich Martersteig aus Weimar. Die feierliche Einweihung des Altars erfolgte am ersten Pfingsttag, dem 20. Mai 1866.
Christus als Mittelpunkt des Bildprogramms
Im Zentrum des Altars steht ein großformatiges Gemälde von Jesus Christus als Ganzfigur, geschaffen von Friedrich Martersteig. Es zeigt den Erlöser auf einer Anhöhe inmitten einer Hügellandschaft. „Die Bergkuppe steht als Verlängerung der Treppen, die zum Altar führen“, sagte Ziegler. Jesus trägt ein rotes Gewand, das in der Taille von einem weißen Band zusammengehalten wird, sowie einen blauen Mantel. Mit weit geöffneten Armen wendet er sich den Menschen zu, die ihn umgeben, darunter Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen: ein Geistlicher, ein alter Gelehrter, eine Mutter mit Kind, ein Hirte, ein verwundeter Krieger sowie weitere Männer und Frauen. Besonders hob der Referent ein Detail hervor, das oft übersehen wird. Zu Füßen des Gelehrten liegt eine gesprengte Eisenfessel mit Kette. Sie kann als Symbol der Freiheit verstanden werden und ergänzt die zentrale Aussage des Bildes. Die Darstellung Jesus Christi bildet den theologischen Mittelpunkt des gesamten Altars. Christus soll ausdrücklich als Mittler zwischen Gott und den Menschen dargestellt werden. Diese Botschaft wird durch die übrigen Figuren des Altars weitergeführt. Das Gemälde wird von vier überlebensgroßen Skulpturen der Evangelisten flankiert. Darüber befinden sich die Apostel Petrus und Paulus, die anhand ihrer Attribute – Schlüssel bzw. Schwert – erkennbar sind.&nbsp;
Die Reformation im Bildprogramm
Eine besondere Rolle kommt der Predella, dem Sockelbereich des Altars, zu. Ursprünglich war hier eine andere Gestaltung vorgesehen. Auf Wunsch der Gemeinde wurde das Konzept jedoch geändert und stärker auf die Reformation ausgerichtet. Die Predella zeigt in der Mittelachse, genau unter dem Bild mit Jesus Christus, den Reformator Johannes Honterus, der den Menschen das Wort Gottes verkündet. Zu seinen Seiten erscheinen Martin Luther und Philipp Melanchthon.&nbsp; Es ist auffällig, dass sowohl Christus im Hauptbild als auch Honterus in der Predella jeweils im Zentrum einer Menschenmenge dargestellt werden. Damit werde das öffentliche Wirken Jesu mit der reformatorischen Tätigkeit des Kronstädters in Beziehung gesetzt. Zugleich veranschauliche der Altar eine geistige Linie von Christus über die Apostel und Evangelisten bis hin zu den Reformatoren.Ergänzt wird das Bildprogramm durch mehrere Bibelverse und Schriftzüge, die vergoldet hervorgehoben sind. Gemeinsam vermitteln sie nach Zieglers Worten ein zentrales Grundprinzip der Reformation - durch den Glauben an Jesus Christus und das Wirken des Heiligen Geistes erlangen die Menschen Gottes Gnade. Durch die Darstellung von Jesu Christus, der vier Evangelisten, der beiden Apostelfürsten und der drei Reformatoren stelle der Altar der Schwarzen Kirche eine Genealogie der aus Sicht der Kronstädter Kirchengemeinde bedeutendsten Glaubenslehrer dar. Diese Genealogie sowie die Tradition der Wortkündigung würden während der Gottesdieenste durch den Liturgen erweitert und in die Gegenwart verlängert.
Neugestaltung des Chorraums
Mit der Errichtung des Altars beschränkten sich die Veränderungen nicht allein auf das Kunstwerk. Auch der Chorraum wurde umfassend umgestaltet, damit er stilistisch mit dem neugotischen Altar harmonierte.<br />Zu den von Peter Bartesch verantworteten Maßnahmen gehörten die Entfernung der Logen der Familien Schobeln und Tarteln, die Errichtung zweier gemauerter neugotischer Treppentürme anstelle der bisherigen Treppen zu den Emporen sowie das Versetzen der Sakristei nach Osten. Darüber hinaus erhielten die Chorfenster eine Verglasung aus weißem Glas und auf dem Boden wurde Parkett verlegt.<br />Nach der erfolgten Umgestaltung des Chorraums, schlug die Altarbaukommission vor, auch für das Langhaus einen langfristigen Gestaltungsplan zu entwickeln, an dem sich spätere Eingriffe in das Erscheinungsbild des Kirchenraums orientieren sollten.
Durch Spenden und Stiftungen finanziert
Finanziert wurde der neue Altar der Schwarzen Kirche großteils durch Legate, Stiftungen und Spendensammlungen. Ein Original des damaligen Spendenaufrufs wird bis heute im Archiv der Honterusgemeinde aufbewahrt und kann von Neugierigen bewundert werden.&nbsp;<br />Einige besondere Stücke, die den Altar schmückten und ebenfalls gestiftet wurden, konnten auch am Ende der Vorführung in der Kirche bewundert werden, etwa ein Altartuch aus rotem Seidensamt mit Goldborten und Goldquasten, das Louise von Brennerberg im Jahr 1866 gemeinsam mit einem neuen Teppich für die Altarstufen zum Gedenken an ihre „hingeschiedenen Kinder“ spendete.<br />Zum Abschluss der Führung wurden die Teilnehmer ins Kapitelzimmer zum Ausklang mit Erfrischungen eingeladen.<br />Die Vortragsreihe „Kulturerbe hautnah“ wurde 2024 von Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A. B. in Kronstadt, und Dr. Frank-Thomas Ziegler ins Leben gerufen. Ihr Ziel besteht darin, Kunstwerke und Archivbestände der Schwarzen Kirche, die normalerweise in Depots verwahrt werden, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der nächste Vortrag findet im September statt.<br /><br />Laura Capatana Juller<br /><br />Auf der Predella ist Johannes Honterus zu sehen, der einer Menschenmenge spricht. An seinen Seiten stehen Martin Luther (links) und Philipp Melanchton (rechts). Der Kronstädter ist genau auf der Mittelachse positioniert, unter dem Bild von Jesus. Dadurch wird Honters’ Wirken direkt mit Christus verbunden und als öffentliches, reformatorisches Handeln im Sinne Jesu dargestellt. Foto: Árpád Udvardi<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 12:22:00 +0000</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>35 Jahre Handarbeitskreis werden gefeiert</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/35-jahre-handarbeitskreis-werden-gefeiert/</link>
			<description>Ein gemeinsamer Ausflug ins Szeklerland</description>
			<content:encoded><![CDATA[
Ein gemeinsamer Ausflug ins Szeklerland
Anlässlich des 35-jährigen Bestehens des Handarbeitskreises des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt fand am Freitag, dem 19. Juni, ein Ausflug ins Szeklerland statt. Fast 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten sich frühmorgens auf den Weg und verbrachten gemeinsam einen erlebnisreichen Tag voller Begegnungen, interessanter Entdeckungen und guter Gespräche.
Der Vormittag in Szekler Neumarkt
Erste Station war das Museum der Zünfte in Szekler Neumarkt, das die Besucher auf eine Reise in die Welt der traditionellen Handwerke mitnahm. Alte Werkzeuge, Werkstatteinrichtungen und zahlreiche Exponate erzählen dort vom Alltag der Schuhmacher, Schlosser, Schneider und vieler anderer Handwerker, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt über Jahrhunderte geprägt haben. Besonders interessant für die Mitglieder des Handarbeitskreises war die Puppenausstellung „Zsuzsi und Andris“, die mehrere hundert Puppen aus der Arader Puppenfabrik umfasst, welche um 1970 von ungarischen Kindern aus der Region mit traditionellen Volkstrachten ausgestattet wurden. Das Ganze war damals Teil eines Wettbewerbs, bei dem die Kinder dazu aufgefordert wurden, traditionelle Kleidung ihres Ortes in Puppenmaßen anzufertigen und als Preis eine Puppe erhielten.<br />Nach dem Museumsbesuch gönnte sich die Gruppe eine gemütliche Pause in einer Konditorei. Bei einigen Stücken Rigó Jancsi Torte oder Cremeschnitte wurde gelacht, erzählt und die Gelegenheit genutzt, Erinnerungen an frühere Ausflüge auszutauschen.
Weiter im Szeklerland
Bei schönstem Sommerwetter führte die Fahrt anschließend weiter durch die reizvolle Landschaft des Szeklerlandes. Grüne Felder, einige Wälder und vereinzelte Ortschaften waren aus den Fenstern des Kleinbusses zu sehen. In Băile Tușnad legte die Gruppe an einer Mineralwasserquelle eine kurze Rast ein. Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt ging es zum gemeinsamen Mittagessen in Odorhellen. Es wurden typische regionale Gerichte genossen, wobei auch die besondere Gastfreundschaft der Gegend deutlich spürbar war.<br />Den Abschluss des Ausfluges bildete der Besuch des Mini Transilvania Parks in Băile Seiche. In dem Freilichtmuseum werden Miniaturmodelle bedeutender Kirchen, Burgen, Festungen und anderer historischer Gebäude aus ganz Siebenbürgen ausgestellt. Einige auch aus den Heimatorten der Teilnehmer – sei es die Kronstädter Altstadt oder die Burg in Rosenau. Viele der dargestellten Bauwerke waren den Teilnehmern bereits aus eigenen Reisen bekannt, andere luden dazu ein, neue Ausflugsziele zu entdecken.
Zurück in der Stadt unter der Zinne
Neben den kulturellen Eindrücken standen vor allem die Gemeinschaft und der persönliche Austausch im Mittelpunkt – und so verging der Tag wie im Flug. Gegen 19 Uhr kam der Kleinbus wieder in der Postwiese an. Mit vielen schönen Erinnerungen kehrten die Teilnehmer zurück – dankbar für einen gelungenen Ausflug und für 35 Jahre gelebte Gemeinschaft des Handarbeitskreises.
<br />Bernice Krech-Lițoiu

Zurück in Kronstadt wurde noch zu einem Gruppenfoto posiert. Foto: die Verfasserin]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 12:20:00 +0000</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title> Die letzte Entscheidung von heute (I) </title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/die-letzte-entscheidung-von-heute-i/</link>
			<description>Aufsatz von Olympiade-Gewinner Noah Nistolescu 
</description>
			<content:encoded><![CDATA[<br /><i>Im Frühling dieses Jahres hat in Kronstadt die Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache stattgefunden. Die Karpatenrundschau in den nächsten Nummern die Aufsätze der Schüler, die bei der Deutscholympiade mit Preisen&nbsp; ausgezeichnet wurden.&nbsp;<br />In dieser Nummer lesen Sie den ersten Teil des Aufsatzes von Noah Nistolescu aus der XII. Klasse des Lenau-Nationalkollegs in Temeswar, der den 1. Platz erhielt.&nbsp; Thema war: „Was wir heute tun entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“.</i>&nbsp;<br /><br />„Ein neuer Fall!“<br />Viktor Brandts Stimme schallte durch Konrads Büro, und der alte Mann konnte die schweren Schritte des Polizeileiters im Bauch spüren.<br />„Für mich?“, fragte der Kommissar und zog eine Augenbraue hoch.<br />„Ja, natürlich für dich“, antwortete Viktor, als ob es selbstverständlich wäre. „Los, wir gehen. Die anderen sind schon unterwegs.“<br />Mit seinen langen, knochigen Fingern setzte sich Konrad den Hut auf, dann nahm er seinen Mantel, und ging nach draußen, in die Kälte des Morgens. Der kalte Wind fuhr ihm ins Gesicht. Konrad wusste, dass dies einer seiner letzten Fälle sein würde, wenn nicht sogar der letzte. Jahrzehnte hatte er in der gleichen, ihm sehr bekannten, kleinen Stadt, als Ermittler gearbeitet, und nun stand er vor dem Ruhestand.<br />Er war alt, hager, und schlank, und trotz vieler Falten, waren seine Gesichtszüge sehr fein. Seine Haare waren grau, aber sehr gut gepflegt, und sein Blick lebendig und durchdringend.<br />Der Winter war gleich da, Konrad konnte es spüren. Mit den Händen in den Manteltaschen liefen die beiden, ohne ein Wort zu sagen, zum Tatort, welcher nur ein paar Straßen weit entfernt war.<br />Als sie ankamen, waren schon zwei Polizeiautos da, und ein paar Polizisten suchten nach Fingerabdrücken. Es wurde in einem Antikladen eingebrochen, und der Besitzer hatte es am Morgen gemerkt und sofort die Polizei angerufen.<br />Viktor Brandt ging, um mit ein paar Polizisten zu reden, während der alte Kommissar auf dem Gehweg blieb und die Sonne beobachtete. Viktor hatte ein kantiges Gesicht, breite Schultern, und war groß wie ein Schrank. Als Leiter des Polizeireviers der Stadt passte ihm sein Aussehen, dachte Konrad.<br />„Komm, wir reden mit dem Besitzer“, sagte ihm Viktor und machte ein Zeichen mit der Hand.<br />Der Besitzer stand in seinem Laden, mit den Händen in den Hosentaschen, und rührte sich nicht.&nbsp;<br />„Guten Morgen“, begrüßte ihn Viktor und versuchte, zu lächeln. „Mein Name ist Viktor Brandt. Das hier ist Konrad Falke, welcher für diesen Fall verantwortlich ist.“<br />„So, so“, brummte der Mann und schüttelte Konrads Hand zögernd.<br />Der alte Ermittler musterte ihm. Er war ungefähr 50, war klein und stockig, und hatte eine sehr große, runde Nase. Sein Blick war feindselig und düster.<br />„Ich bin Herr Sturm.“ Herr Sturm schaute Konrad nicht an, als er sich vorstellte.<br />„Wie Herr Brandt schon gesagt hat, werde ich mich um diesen Fall kümmern. Ich werde Zeugen interrogieren, Beweise sammeln, und Informationen kombinieren, bis ich den Täter entlarve“, erwiderte Konrad, um den Besitzer des Ladens ein bisschen aufzumuntern, was gar nicht funktionierte.<br />„Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Herr Falke als Ermittler, und bis jetzt war er immer erfolgreich“, meinte Viktor. „Also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Dann lasse ich euch schon mal alleine, ich muss mich um etwas kümmern.“<br />Konrad Falke zog sein Notizheft und seinen Bleistift aus der Manteltasche, aber bevor er mit dem Befragen begann, schaute er sich noch einmal um.<br />In Herrn Sturms Antikladen gab es allerlei Sachen. Gemälde, Kerzen, kleine Statuen, alte Spielzeuge, und viel mehr. Die Wand zur Straße war völlig aus Glas, aber,Vitrinen gab es keine. Glasscherben lagen bis in der Mitte des Ladens – der Dieb hatte mit sehr viel Wucht gegen das große Fenster gestoßen, was hieß, dass er wollte, dass der Einbruch so schnell wie möglich vorbei ist. Konnte es sein, dass es der erste Einbruch des Verbrechers war? Wahrscheinlich. Aber sicher wird es der letzte sein, dachte der Ermittler. Er würde ihn schnell entlarven.<br />Konrad räusperte sich.<br />„Erklären Sie mir bitte, was heute Morgen passiert ist, Herr Sturm.“<br />„Um 8 Uhr bin ich angekommen. Wie jeden Tag. Mein Auto habe ich geparkt, wo ich es immer parke. Dann habe ich aber gesehen, dass mein Fenster völlig zerbrochen war. Und als ich meine Kasse öffnete, habe ich gesehen, dass 2100 € fehlen. Das ist alles.“ Er zuckte mit den Schultern und bewegte sich nicht von der Stelle.<br />„Und“, bohrte Konrad weiter nach, „wann genau haben Sie die Polizei angerufen?“<br />„Was ist denn das für eine blöde Frage!“, rief Herr Sturm empört, aber Konrad ließ sich nicht einschüchtern. „Gleich sofort, natürlich. Sobald ich das zerbrochene Fenster bemerkt habe, habe ich die Polizei angerufen.“&nbsp;<br />Der Kommissar machte mit den Fragen weiter, während die anderen, jüngeren Polizisten, nach Spuren suchten. Auch Fingerabdrücke von der Kasse nahmen sie, aber Konrad wusste, dass sie höchstens die von Herrn Sturm finden würden.<br />Der alte Ermittler mochte den Besitzer des Antikladens gar nicht, aber er konnte verstehen, warum er so schlecht gelaunt war.<br />Herr Sturm erklärte, dass er keine Sicherheitskameras hatte, weil er es nie für nötig gehalten hatte. Und seine Alarmanlage war seit zwei Wochen kaputt, und musste diese Woche repariert werden. Da hat der Verbrecher wirklich viel Glück gehabt, dachte Konrad.<br />Nach ungefähr einer Stunde ging er mit den anderen Polizisten wieder ins Polizeirevier, um die Spuren, die sie beim Tatort gesammelt hatten, zu analysieren, aber es gab nichts, was sie wirklich weiterbringen konnte.<br />Also musste Konrad Falke mit dem Befragen anfangen. Worin er wirklich gut war. Bis am späten Abend ging er von Tür zu Tür, um die Bewohner, die in der Nähe des Ladens wohnten, zu befragen.<br />Um ungefähr 8 Uhr ging er wieder nach Hause. Er war erschöpft. Seine Gedanken waren klar und scharf wie in seiner Jugend, doch sein Körper konnte fast nicht mehr mithalten.<br />Seine Katze Nala wartete auf ihn. Sie war hungrig, offensichtlich.<br />Konrads Wohnung war klein, und überall lagen Bücher: auf dem Tisch, auf dem Boden, auf dem Sofa, auf den Stühlen – sogar auf dem alten, dicken Fernseher lagen ein paar. Nachdem seine Frau verstorben war, verbrachte er seine Freizeit fast nur mit dem Lesen. Nur jeden Mittwoch ging er in den Park, um mit Magnus Schach zu spielen.<br />Konrad aß etwas aus dem Kühlschrank und setzte sich in seinen Sessel. Außer Magnus hatte er keine Freunde. Und außer Nala, natürlich. Morgen war Mittwoch.<br />Der alte Kommissar seufzte, und begann, alles, was er heute herausgefunden hatte, zusammenzufassen. Er war auf der richtigen Fährte, das spürte er. Doch eines verstand er nicht: Warum hatte der Dieb nur einen Teil des Geldes gestohlen und nicht alles? In der Kasse waren 1500 Euro übrig geblieben. Doch kaum, weil er dachte, er würde erwischt werden, wenn er noch eine Sekunde verbringt, um auch die anderen 1500€ zu stehlen. Aber eine Erklärung konnte er nicht finden, so merkwürdig, wie diese war.<br />Danach begann Konrad, über andere Sachen nachzudenken. Über seine verstorbene Frau, über Magnus, über Freunde und Feinde, über Sommer und Winter, über heute und morgen, über Tod und Leben, und über viele andere Sachen. Und ohne es zu merken, so tief in Gedanken versunken, wie er war, schlief er ein – mit einer knurrenden Katze auf der linken Schulter.<br />Am nächsten Morgen ging er nicht mehr zur Polizeistation, sondern sofort zum Tatort. Er musste noch einige Bewohner befragen, die am vorigen Tag keine Zeit hatten.<br />Als er all die Informationen hatte, die er brauchte, ging er wieder zur Polizeistation, um Viktor alles zu berichten. Heute, spätestens morgen in der Früh, wird der Täter gefangen sein, dachte Konrad.<br />„Nun, was hast du herausgefunden?“, fragte Viktor mit seiner kräftigen Stimme.<br />„So,“ begann Konrad. „Um 8 Uhr wurde der Einbruch von Herrn Sturm zuerst bemerkt. Wie sie schon wissen, wurden 2100€ gestohlen, aber was komisch ist, ist, dass 1500€ noch in der Kasse lagen. Na ja, wer weiß, warum. Aber es gibt viele andere Hinweise. Die letzten drei Monate war jeden Tag, ab sieben Uhr morgens, bis um 2 Uhr, ein graues Moped vor dem Laden geparkt. Das Gesicht des Moped-Fahrers konnten die Menschen, die in der Nähe wohnten, nie erkennen, denn er hatte immer, als er vom Moped abstieg oder aufstieg, und losfuhr schon einen Helm an. „Es war aber ein Mann, das ist sicher.“<br />„Und was hat dieser Mann, der ein graues Moped hat, mit dem Einbruch zu tun?“, fragte Viktor erstaunt.<br />„Dazu komme ich jetzt“, entgegnete der Ermittler mit heiserer Stimme. „Gestern Nacht, um ungefähr 4 Uhr, hörten einige Menschen – ich werde sie Zeugen nennen, obwohl sie eigentlich keine Zeugen sind – ein Motorengeräusch und andere hörten auch ein Klirren, gleich nachdem es das Motorengeräusch gab. Aber kein Zeuge hat sich viel dabei gedacht, und niemand hat aus dem Fenster geschaut. Ich habe aber vermutet, dass das graue Moped etwas mit dem Einbruch zu tun hat. Also habe ich die Zeugen gefragt, das Motorengeräusch, welches sie in der vorigen Nacht gehört haben, zu beschreiben – und auch das Motorengeräusch des grauen Mopeds, welches drei Monate jeden Tag vor dem Antikladen stand.“<br /><br /><br /><br />„Es war dasselbe...“, murmelte Viktor gedankenversunken.<br />„Genau“, erwiderte Konrad. „Also muss man nur Kameras untersuchen, die in der Nähe des Geschäfts sind, und ein Moped finden, die Nummer dessen erkennen, und überprüfen, wem es gehört. Da es keine Kameras auf der Straße des Geschäfts gibt, und es länger dauert, bis er dort ankommt, würde ich sagen, dass man die Kameras von ungefähr 3:45 bis 4:00 überprüft.“<br />„Fall gelöst!“, rief Viktor begeistert und schlug mit der schweren Faust auf Konrads Büro, dass der Kommissar zusammenzuckte.<br />„Ja“, murmelte Konrad nachdenklich.<br />„Nimm dir den Tag frei, entspann dich. Du bist wirklich ein guter Ermittler, weißt du das?“<br />Konrad schwieg, während Viktor aufstand. Als er die Tür öffnete und herausgehen wollte, sprach Konrad:<br />„Aber ich verstehe einfach nicht, warum der Dieb 1500 € dagelassen hat. Und waeum war dieses Moped jeden Tag vor Herr Sturms Geschäft? Es kann nicht sein, dass es Herr Sturm nicht bemerkt hat, aber er hat mir nichts davon erzählt.“<br />„Warum er 1500 € dagelassen hat?“, fragte Viktor lässig. „Das geht uns nichts an. Jeder macht, was er will. Und warum das graue Moped für drei Monate jeden Tag dort stand? Das werden wir den Verbrecher fragen. Beruhige dich, Konrad. Alles stimmt. Wir werden den Täter kriegen.“<br /><br />Fortsetzung folgt&nbsp;<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 26 Jun 2026 12:19:00 +0000</pubDate>
			
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			<title>“Kunst soll immer zum Denken anregen”</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/kunst-soll-immer-zum-denken-anregen/</link>
			<description>Interview mit dem Maler Reinhardt Schuster</description>
			<content:encoded><![CDATA[<br />Interview mit dem Maler Reinhardt Schuster&nbsp;<br /><br /><b>Einer der wichtigsten siebenbürgisch-sächsischen Künstler ist nach vier Jahrzehnten nach Kronstadt zurückgekehrt. Der aus Brenndorf stammende 89jährige Reinhardt Schuster reiste zur Vernissage seiner Ausstellung „Memento“ in die Stadt unter der Zinne. Hier hat er vor vielen Jahrzehnten Zeichenunterricht bei Hans Mattis Teutsch genommen, von hier stieg er als Jugendlicher in einen Zug, der ihn nach Bukarest fuhr, um dort seinen Traum zu verwirklichen und Künstler zu werden. Sein Traum wurde wahr. Heute hängen die Bilder von Reinhardt Schuster, die einen unverwechselbaren Stil haben, in Rumänien, Deutschland, den USA, Japan, Großbritannien, Österreich, Dänemark, Finnland, Luxemburg und in der Schweiz. Entstanden in den letzten vier Jahrzehnten, erinnern die Bilder der Ausstellung “Memento an verschiedene Ereignisse, die in diesem Zeitraum stattfanden. Die Ausstellung in Kronstadt ist bis zum 30. Juni montags bis freitags (14.00-20.00 Uhr) geöffnet, der Eintritt ist kostenlos. Partner der Ausstellung sind die „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“ (HOG Brenndorf) und das Begegnungs- und Kulturzentrum „Friedrich Teutsch“ in Hermannstadt. Über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft, über die Themen seiner Werke und über seinen Lebensweg sprach mit Reinhardt Schuster die KR-Redakteurin Elise Wilk.&nbsp;<br /></b><br /><i>Herr Schuster, wie ist es, nach so vielen Jahren wieder in Kronstadt zu sein? Werden Sie während ihres Aufenthalts auch Brenndorf besuchen?<br /></i>
Es ist schön, hier zu sein. Ich finde, es hat sich alles zum Guten verändert. Wir werden zusammen mit meiner Frau Valentina auch Brenndorf besuchen- das Grab der Eltern und der Großmutter, das ehemalige Haus, das verkauft wrde. Es steht noch. Tatsächlich waren wir seit langer Zeit nicht mehr hier. Wir sind immer wieder nach Rumänien gekommen, aber nicht nach Kronstadt.&nbsp;
<i>War Maler zu sein ein Kindheitstraum, den sie verwirklicht haben?&nbsp;<br /></i>
Ich wollte das unbedingt. Als Kind bin ich dann ständig von Brenndorf nach Kronstadt zum Zeichenunterricht mit Hans Mattis-Teutsch gependelt. Ich freue mich, dass ich ihn noch gekannt habe. Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal zu ihm ging hat er mich gefragt: “Na, hast du Talent?” Er sah aus wie ein Artzt in einem weißen Kittel. Ich habe geantwortet: “Das müssen Sie feststellen!”. Mattis-Teutsch war eine große Persönlichkeit. Er hat entsprechend unserem Alter eben nur das unterrichtet, was man Kindern beibringen kann. Aber er war ein seriöser Lehrer und wir haben bei ihm eine solide Grundlage bekommen. Dann hat mir eine Lehrerin von der rumänischen Schule aus Brenndorf gesagt, dass es in Bukarest eine Schule gibt- Școala Medie de Arte Plastice- und ich machte mich auf den Weg und fuhr hin. Ich kleine Rotznase habe es gewagt und bin nach Bukarest gefahren! Heute wundere ich mich selber darüber. Ich hatte auch keine Adresse, hatte keine Ahnung, wo ich unterkomme. Trotzdem habe ich geschafft und es war gut so.&nbsp;
<i>In Bukarest haben Sie zuerst das Kunstlyzeum N. Tonitza und dann die Kunstakademie Nicolae Grigorescu absolviert. Danach sind Sie in der Hauptstadt geblieben. Warum?&nbsp;<br /></i>
Es war die einzige Möglichkeit, etwas zu erreichen. Das war der Grund, weswegen ich dort bleiben wollte. Nach dem Hochschulabschluss haben sie gesagt: “du-te acasă în provincie”.&nbsp; (rum. Geh nach Hause in die Provinz!) Aber ich wusste: zu Hause tut sich nichts. Alles, was wichtig für mich war, spielte sich in der Hauptstadt ab. Dann habe ich gesagt: “ich muss unbedingt in Bukarest bleiben”. Und es ist mir gelungen. Man war verpflichtet, eine Lehrerstelle anzunehmen und in Bukarest gab es das Lyzeum nr 21 mit deutscher Unterrichtssprache, wo ich zwei Jahre lang Zeichnen unterrichete. Danach war ich als freischaffender Künstler tätig und nahm an allen großen Landesausstellungen teil. Ich hatte auch Einzelausstellungen in den bekanntesten Galerien des Künstlerverbandes. Damals wurde viel im Stil des sozialistischen Realismus gemalt. Die Oportunisten haben sich also in diese Richtung bewegt und malten realistisch-sozialistische Bilder. Aber es gab trotzdem Raum für die Nonkonformisten. Der Verband der Bildenden Künstler hat immer Arbeiten von den Nonkonformisten gekauft. “Was macht ihr damit?”, habe ich gefragt. Da haben sie geantwortet: „Wir repräsentieren uns auch nach außen. Für das Ausland sind ihre Werke passend“.&nbsp;
<i>Gab es keine strikten Vorschriften, wie man zu malen hatte?<br /></i>
Es gab keine Vorschriften. Wenn man nicht oportunistisch oder karrieristisch angehaucht war, konnte man existieren, auch wenn man frei war. Das war in Bukarest möglich. In der Provinz, wurde uns erzählt, war das nicht möglich. Die Künstler, die in der Provinz geblieben sind, waren eingeschränkter. Wenn man nach Vorschrift malt, dann ist man nicht mehr frei. In der Hauptstadt konnte ich mich freier bewegen, konnte mich entfalten. Auch mein Mentor Hans Mattis Teutsch war ein Nonkonformist, das hat mich stark geprägt.&nbsp;
<i>Konnten Sie auch kritisch zum Regime sein?&nbsp;<br /></i>
Wenn die Ausstellung hing, kam immer irgend jemand und begutachtete die Bilder und schaute ob das zugelassen wird oder nicht. In Jahr 1981 hatte ich eine große Ausstellung in der Orizont-Galerie, eine der schönsten Kunstgalerien in Bukarest. Dort hingen Werke wie zum Beispiel das Ölbild “Satrap”. Damit war natürlich Ceaușescu gemeint. Und es waren auch andere Werke da, die sehr kritisch waren. Die Leute von der Zensur haben sie sich angeschaut, und bevor sie gegangen sind, haben sie mir ein Zeichen gemacht: „Aufpassen!“. Sie haben nicht gesagt, ich soll die Bilder weghängen. Nur, dass ich aufpassen soll! Auch bei diesen Leuten waren welche gewesen, die klug genug waren, etwas zu erkennen, aber auch klug genug, nichts zu sagen. Das war nur in Bukarest möglich.&nbsp;
<i>Trotzdem Sie 1983 ausgereist.&nbsp;<br /></i>
Die Zeiten wurden immer schlimmer. Es begann eine nationalistische Bewegung. Da war es für mich als Angehöriger der deutschen Minderheit nicht leicht. Da war immer diese Ungewissheit. Es kamen immer wieder Fragen: “Wie entwickelt sich das weiter? Wird es schlimmer?” Denn immer wenn es schlechtere Zeiten gibt, dann beginnen nationalistische Tendenzen. Es war auch auf sozialpolitischer Ebene sehr bedrückend. Doch das, was am meisten erschreckt hat, war die nationalistische Bewegung. Ich und meine Frau Valentina haben lange gebraucht, bis wir uns fürs Gehen entschieden haben. Die künstlerische Amosphäre aus Bukarest war gut, ich hatte viele Freunde hier, man konnte seine Nische finden und wurde in Ruhe gelassen. Es wurde einem nicht gesagt: “Häng dei Bilder weg”. Man konnte existieren. Aber irgendwann lief nichs mehr richtig. Ich bekam dauernd Einladungen, im Ausland auszustellen, doch es wurde mir nicht genehmigt, daran teilzunehmen. Man meinte, ich würde nicht mehr zurückkommen. Im ausland auzustellen war aber für mich existenziell wichtig. Also war der einzige Ausweg die Ausreise in die BRD.&nbsp;&nbsp;
<i>Konnten Sie sich in Deutschland leicht anpassen?&nbsp;<br /></i>
J<i></i>a. Wir kamen nach Düsseldorf und ich bekam dort eine gute Stelle. Ich unterrichtete am Lernort-Studio, einer in Deutschland einmaligen Einrichtung für Jugendluche. Dort leitete ich 19 Jahre lang den Kurs Malerei, in dem ich Zeichnen, Malerei und Exkurse in die Kunstgeschichte vermittelte. Es waren nur begabte Jugendliche dort, die wussten, dass sie weiter Malerei studieren wollen. Außerdem war ich als Künstler endlich frei. Jetzt gab es überhaupt kein Hindernis mehr. Ich konnte endlich für Ausstellungen ins Ausland fahren.&nbsp;
<i>Ihre Werke wurden unter anderen auch in Japan ausgestellt. Wie war die Rezeption dort?&nbsp;<br /></i>
In Japan habe ich andere Arten von Bildern ausgestellt- viel Grafik, Zeichnungen, die sehr feinlinig sind. Und die Japaner haben darin immer die Natur erkannt. Sie haben eine sehr große Nähe zur Natur.&nbsp;
<i>Ihre Bilder sind nicht nur ästhethisch anspruchsvoll , sie regen auch zum Nachdenken an.&nbsp;<br /></i>
Kunst soll immer zum Denken anregen, das ist wichtig.&nbsp;
<i>In Ihren Werken setzen Sie sich mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen wie die rumänische Revolution, den Terroranschlägen am 11. September 2001, den Kriegen, den Migrationswellen auseinander. Sollte Kunst mehr auf das Zeitgeschehen reagieren?&nbsp;<br /></i>
Auf alle Fälle! Wenn Kunst sich nur um sich selber dreht, dann hat sie schnell ausgedient.&nbsp;
<i>Welche Themen sind immer aktuell für Sie?<br /></i>
Krieg ist zum Beispiel ein Thema, das leider immer aktuell sein wird. Ich kritisiere den Krieg sehr oft. “Stacheldraht deluxe” zum Besipiel thematisiert den Krieg in Ex-Jugoslavien. Man kann das Bild auch sehr abstrakt sehen- es ist schön blau, aber der Hintergrund ist traurig. Und auch Migration war immer ein wichtiges Thema für mich. Dauernd gab es Migrationswellen- von Osten nach Westen, von Westen nach Osten, das ist eine Geschichte ohne Ende. Eines meiner Werke heißt “Der Stein von Bonnetta”. Das ist ein Wortspiel zwischen der Stadt Bonn und dem Stein von Rosetta, einem der wichtigsten archeologischen Fundstücke der Menschheit. In diesem Stein ist nämlich derselbe Text in drei verschiedenen Schriftsystemen eingemeißelt. Und auch in Bonn sind zur Zeit Leute aus allen Himmelsrichtungen eingewandert und man hört alle Sprachen dieser Welt. Das waren meine Gedanken, als ich dieses Werk geschaffen habe. Ich habe auch ein Bild gemalt, das viele Koffer zeigt. Früher hieß es “Die Sachen packen”, nachher habe ich es in “Exodus” umbenannt.&nbsp;
<i>Das ist sicher eine Anspielung auf den Exodus der deutschen Minderheit. Spielt Heimat eine Rolle in ihren Werken?<br /></i>
Ein Bild, das in der Kronstädter Ausstellung “Memento” hängt, heißt “Scholle”. Das ist eine Anspielung auf die Heimatserde. Dann gibt es noch ein anderes Bild, das zeigt ein überdimensioniertes sächsisches Bauernbrot. Die Heimat bleibt für immer irgendwo im Herzen.&nbsp;
<i>Kann man ihre Werke auch in den permanenten Kollektionen von Museen aus Rumänien bewundern?&nbsp;<br /></i>
Der rumänische Staat hat schon etliche meiner Bilder gekauft, manche befinden sich im Besitz von Privatleuten. Das Kronstädter Kunstmuseum wird auch ein Bild bekommen. “Die Barrikaden”, ein Bild das die Ereignisse im Dezember 1989 in Temeswar thematisiert, sollte nach Temeswar kommen.&nbsp;<br />Dann gibt es noch ein Reliefbild zu Ehren der siebenbürgischen Pioniere der Raumfahrt- Conrad Haas und Hermann Oberth. Wer Oberth ist, weiß jeder, aber dass Carl Haas, der aus Hermannstadt stammt, um 1600 die erste Rakete erfunden hat, ist weniger bekannt. Das Bild heißt “Siebenbürgische T-Raumstation” (ein Wortspiel zwischen Traum und Raumstation). Dieses Bild gehört ins Brukenthalmuseum! Leider es nicht nach Rumänien transportiert werden. Es ist riesig, 2.65 Meter breit. Man kann es vorläufig nur auf meiner Webseite, reinhardt-schuster. info anschauen. Aber das sollte natürlich in Hermannstadt hängen.&nbsp;<br /><br /><i>Was erwarten Sie vom Kronstädter Publikum, die ihre Ausstellung “Memento” besuchen wird?&nbsp;<br /></i>
Dass die Bilder den Leuten interessante Denkanstöße liefern. Jeder Besucher wird die Werke durch seine eigene Erfahrung filtern und interpretieren.&nbsp;<br /><br /><i>Ein Besuch der Ausstellung eignet sich auch für den Kunstunterricht in Schulen. Es werden sicher auch Schüler vom Kunstlyzem “Hans Mattis Teutsch” kommen. Sie wissen, in Kronstadt gibt es ein Kunstlyzeum.&nbsp;<br /></i>
Ach? Heißt das jetzt so? Das finde ich sehr schön.&nbsp;<br /><br /><i>Besten Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg in Ihrem künstlerischen Schaffen!<br /></i>]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 13:10:00 +0000</pubDate>
			
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			<title>Schneewittchen auf Instagram</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/schneewittchen-auf-instagram/</link>
			<description>12. Auflage des Kindergarten- und Grunschultheatertag brachte Überraschungen</description>
			<content:encoded><![CDATA[<br />12. Auflage des Kindergarten- und Grunschultheatertag brachte Überraschungen<br /><br />Als Dornröschen aus dem hunderjährigen Schlaf erwacht, herrscht große Freude. Eine Feier wird vorbereitet, wie es sie in der Märchenwelt noch nie gegeben hat. Der König, die Königin und der gesamte Hof nehmen an der Festlichkeit teil. Hänsel und Gretel verirren sich durch den Wald und schauen bei dieser Gelegenheit auch bei der Party vorbei, nachdem sie die alte Hexe in den Ofen hineinschieben. Schneewittchen entkommt dem Zorn ihrer Stiefmutter und geht auch direkt mitfeiern. Im Schloss stößt sie auf Rotkäppchen und die Bremer Stadtmusikanten, mit denen sie bis ins Morgengrauen tanzt.&nbsp;
Die Stiefmutter eiferte mit Schneewittchen nicht etwa um die Schönheit, sondern um die Verfolger auf Instagram. Der Wolf hat seine Rolle als Bösewicht satt und träumt stattdessen von Popularität. Und die Großmutter hat es satt, krank im Bett zu liegen, sodass sie gesund wird und tanzen geht.&nbsp;In diesem Jahr haben Lehrerinnen und Schüler bei der 12. Auflage des Kindergarten- und Grundschultheatertags in der Redoute die Welt von Hans Christian Andersen und den Gebrüdern Grimm auf der Bühne zum Leben erweckt und teils neu interpretiert.&nbsp;<br /><br />Viele Vorteile für Kinder<br />
Mit viel Spaß und Hingabe traten 12 Grundschulklassen vom Johannes-Honterus-Nationalkolleg und der 12-er Schule sowie eine Kindergartengruppe am 8. und 9. Juni vor das Publikum. Sie spielten in Deutsch, sprachen laut und ungehemmt vor Eltern, Großeltern und anderen Fans. Diese klatschten im Rhythmus, summten oder standen sogar auf und tanzten mit.&nbsp;<br />
„Das ist der Sinn dieser Veranstaltung: Die Kinder sollen Deutsch mit Freude anwenden. Dabei lernen sie die deutsche Kultur und ihre Traditionen kennen. Gleichzeitig üben sie, vor Publikum zu sprechen, auf der Bühne zu stehen und mit anderen zusammenzuarbeiten“, erklärt Mihaela Litean. erklärt Mihaela Litean, Initiatorin und Organisatorin des Festivals. Sie ist selbst Erzieherin und Fachberaterin und hat im Laufe der Karriere gesehen, welchen positiven Einfluss Theaterspielen auf Kinder hat. Zudem bindet eine Vorführung auch Musik und Tanz mit ein, manchmal basteln die Kinder am Bühnenbild oder den Kostümen mit.&nbsp;<br />Ziel des Festivals ist es, Theater als kreative Unterrichtsmethode zu fördern. Jedes Jahr erarbeiten die Teilnehmer Stücke zu unterschiedlichen Themen – von Farben über Musicals bis hin zum Umweltschutz. Die Entscheidung für Märchen der Brüder Grimm und Hans Christian Andersens fiel bewusst. „Märchen sind etwas in Vergessenheit geraten. Manche halten sie für zu düster oder zu erschreckend für Kinder. Doch richtig erzählt, öffnen sie die Tür zu einer magischen Welt“, sagt Litean. Zugleich vermitteln sie Werte, fördern die Sprachentwicklung und geben Kindern Orientierung, Trost und Mut.&nbsp;<br />
Der Kindergarten- und Grundschultheatertag wird vom Departement für Interethnische Beziehungen über das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt finanziert und in Partnerschaft mit dem Deutschen Kulturzentrum Kronstadt sowie der Redoute veranstaltet.&nbsp;<br /><br />Laura Capatana Juller

Die große Gruppe der Maia-Kindertagesstätte führte „Dornröschen“ auf. Foto: Laura Căpățână-Juller&nbsp;<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 19 Jun 2026 13:08:00 +0000</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>„Wenn man nur innerhalb bekannter Grenzen bleibt, verändert sich wenig“</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/wenn-man-nur-innerhalb-bekannter-grenzen-bleibt-veraendert-sich-wenig/</link>
			<description>Interview mit Annika Rachor, Ifa-Kulturmanagerin in Kronstadt</description>
			<content:encoded><![CDATA[<br />Interview mit Annika Rachor, Ifa-Kulturmanagerin in Kronstadt<br /><br /><b>Seit März arbeitet Annika Rachor als Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) beim Deutschen Forum in Kronstadt. Sie hat über zehn Jahre lang diverse Festival-, Ausstellungs- und Weiterbildungsfomate in Berlin, Hildesheim wie auch in afrikanischen Ländern kuratiert und geleitet. Gemeinsam mit Künstlern aus Deutschland, Ruanda und Uganda gründete sie „Pengo”, ein Netzwerk junger Kulturschaffender. In der Zinnenstadt möchte sie zur Stärkung der deutschen Gemeinschaft beitragen und neue Impulse für die lokale Kulturszene setzen. Im Gespräch mit KR-Redakteurin Laura Capatana Juller erzählt sie, wie aus ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur ein Lebensstil und ein Job entstanden sind, aber auch, wie sie ihre familiären Wurzeln nach Rumänien brachten.<br /></b><i><br />Wie bist du zur Kunst gekommen?</i><br /><br />Das hat sehr früh angefangen. Ich tanze seit meinem dritten oder vierten Lebensjahr und habe immer gerne auf der Bühne gestanden. Im Gymnasium war ich im Theaterclub und über das Theater bin ich schließlich in die Kunstszene hineingekommen. Ich habe in Hildesheim Szenische Künste studiert und ein Master in Kulturmanagement, -wirtschaft und -politik in Groningen und Rom gemacht. Das Studium war sehr interdisziplinär angelegt und ich konnte Einblicke in viele verschiedene Kunstformen gewinnen – Theater, Literatur, Medienkunst und vieles mehr. Ich hatte auch einen kurzen Abstecher im Lehramtsstudium, habe ich gemerkt, dass ich lieber projektorientiert arbeite als nach festen Lehrplänen. Deshalb habe ich mich bewusst für die freie Kulturszene entschieden.<br /><br /><i>Du hast viele Jahre als Kuratorin und Festivalleiterin gearbeitet. Was reizt dich daran?<br /></i><br />Ich liebe Festivalformate, weil sie Begegnungen schaffen. In den letzten Jahren habe ich zunächst Festivals koordiniert und später auch geleitet. Besonders wichtig ist mir dabei, Menschen zusammenzubringen, die sonst vielleicht nie miteinander ins Gespräch kommen würden.<br />Mit unserem Verein „Pengo“ haben wir genau solche Räume geschaffen. Unser Ziel ist es, postkoloniale Strukturen zu hinterfragen und über Kunst neue Perspektiven zu eröffnen. Mich beschäftigt die Frage, wie Kultur Menschen verbinden und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.<br />Durch meine Leitungsaufgaben bin ich außerdem stärker in den Bereich Kulturmanagement hineingewachsen. Konzepte entwickeln, Fördermittel organisieren und Projekte strategisch planen macht mir ebenfalls großen Spaß.<br /><br /><i>Warum sind Begegnungen, Zusammenarbeit für dich wichtig?<br /></i>
Zusammenarbeit ist wichtig, weil daraus eine Kraft entstehen kann, die vieles bewegt. Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als Synergien zu schaffen.<br />Wir müssen zusammenhalten und wir müssen an eine Sache glauben. Das gilt besonders für Kunst und Kultur. Wenn Menschen gemeinsam an einer Idee arbeiten, können Räume entstehen, in denen Austausch, freie Gedanken und neue Perspektiven möglich werden.<br /><br /><i>Du hast längere Zeit in Uganda gearbeitet. Wie kam es dazu?<br /></i>
Direkt nach dem Abitur habe ich dort ein freiwilliges soziales Jahr gemacht. Die Zeit hat mich sehr geprägt. Später bin ich mehrfach zurückgekehrt und habe unter anderem das Kampala International Theatre Festival mitkoordiniert. Dabei sind viele langfristige Partnerschaften entstanden.Die Erfahrungen in Ostafrika haben meinen Blick auf Kulturarbeit stark beeinflusst. Es ging immer darum, Begegnungen zu ermöglichen, Machtverhältnisse zu hinterfragen und Kultur als Werkzeug für Verständigung zu nutzen.<br /><br /><i>Wie kam es schließlich dazu, dass du nach Rumänien gekommen bist?<br /></i>
Das hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun. Meine Mutter stammt aus Mergeln in Siebenbürgen und ist als Kind nach Deutschland ausgewandert. Meine Großmutter hat mir immer Geschichten aus Siebenbürgen erzählt. Auch die Mutter meines Vaters stammt ursprünglich aus Rumänien, aus der Bukowina. Drei Viertel meiner Vorfahren kommen letztendlich aus Rumänien.<br />Rumänien war deshalb immer irgendwie präsent, obwohl ich selbst lange nicht hier war. Und irgendwann habe ich begonnen zu hinterfrage, was meine Familiengeschichte mit mir zu tun hat.<br />2018 war ich mit meiner Mutter zum ersten Mal in Siebenbürgen. Für sie war es der erste Besuch seit der Auswanderung. Wir haben zwar keine Verwandten oder Bekannten mehr dort, das Haus wurde bei der Auswanderung verkauft, aber der Besuch im Dorf war sehr emotional.<br />Damals begann ich auch, meine Großmutter zu interviewen und ihre Erinnerungen auf Tonaufnahmen festzuhalten. Diese Beschäftigung mit Familiengeschichte begleitet mich bis heute. Und sie beschäftigt auch meine Tanten und Cousinen, die nun auch in Mergeln und Siebenbürgen waren.<br /><br /><i>Wie bist du auf die Stelle in Kronstadt aufmerksam geworden?<br /></i><br />Ich habe fast zehn Jahre in Hildesheim gelebt. Dort habe ich unglaublich viel gelernt, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich noch einmal etwas Neues ausprobieren möchte. Dann habe ich eher spontan die Ausschreibung des ifa gesehen und mich beworben.<br /><br /><i>Welche Aufgaben hast du als ifa-Kulturmanagerin?<br /></i><br />Meine Aufgabe besteht einerseits darin, die Gemeinschaft zu stärken, andererseits aber auch neue Perspektiven einzubringen und gemeinsam zu überlegen, wohin sich das Forum entwickeln kann.Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit jungen Menschen. In den vergangenen Monaten habe ich mehrere Workshops zur europäischen Einheit an der Honterus-Schule durchgeführt. Dabei sind spannende Gespräche entstanden, in denen Jugendliche ihre Meinungen und Ideen eingebracht haben. Darauf möchten wir aufbauen. Für den Herbst planen wir gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ein Symposium zur europäischen Einheit. Außerdem soll es einen offenen Bürgerdialog, Expertengespräche und eine Ausstellung zum Thema Gemeinschaft geben.<br /><br /><i>Welche weiteren Projekte sind geplant?<br /></i>
Momentan konzentrieren wir uns bewusst auf kleinere Formate, um eine Basis aufzubauen. Dazu gehören die monatlichen Tage der offenen Tür im Forum, die das Forum stärker für die Öffentlichkeit öffnen sollen. Oft bewirken niederschwellige Projekte mehr als große Veranstaltungen. Außerdem führe ich gemeinsam mit dem LeseGarten und dem Deutschen Kulturzentrum ein Vorleseprojekt durch. Zusätzlich möchten wir einmal im Monat größere Vorleseveranstaltungen organisieren.<br />Eine Ausstellung die auch ein Podcast zum Thema Gemeinschaft einschließt sind auch geplant.&nbsp;<br />Ich komme aber halt mit einem sehr interkulturellen, internationalen Fokus hierher, weil das die letzten Jahre immer mein Fokus war und da habe ich auch langfristige Projekte im Sinn. Ich denke an internationale Kooperationen, etwa mit Partnerstädten wie Nürnberg oder mit anderen ifa-Kulturmanagerinnen in Rumänien. Mit Kolleginnen in Fogarasch und Sathmar sprechen wir bereits über gemeinsame Projekte für Jugendliche und über Fragen der Sichtbarkeit deutscher Minderheiten in Museen.<br />Mein Ziel ist es, Begegnungen zu ermöglichen und gemeinsam mit anderen Akteuren neue Ideen zu entwickeln. Ich versuche immer, groß zu denken. Wenn man nur innerhalb bekannter Grenzen bleibt, verändert sich wenig. Gute Projekte entstehen oft dann, wenn Menschen sich trauen zu fragen: Was wäre eigentlich möglich?<br /><br /><i>Wie gefällt dir Kronstadt soweit?</i>
Kronstadt hat für mich genau die richtige Größe und gefällt mir daher auch sehr gut. Es gibt Veranstaltungen, Kunst und Begegnungen. Gleichzeitig ist die Stadt überschaubar und lebendig. Außerdem wohne ich sehr zentral und habe das Leben um mich herum – es ist gerade das, was ich gebraucht habe in dieser Lebensphase.<br />Ich wurde sehr offen aufgenommen und habe von Anfang an eine angenehme Zusammenarbeit mit vielen Menschen erlebt. Auch allgemein fühle ich mich in Rumänien willkommen. Das motiviert mich, die Sprache noch besser zu lernen.<br /><br /><i>Viele Menschen beklagen, dass die Kulturszene in Kronstadt zu wenig vernetzt sei. Wie siehst du das?<br /></i>
<i><br /></i>Ich lerne die Szene noch kennen, aber ich habe bereits bemerkt, dass sich viele Menschen mehr Zusammenarbeit wünschen.&nbsp;Aus Hildesheim bin ich gewohnt, dass Kulturschaffende sehr eng miteinander kooperieren. Deshalb möchte ich mich auch hier für eine Vernetzung mehrerer Kulturschaffenden einsetzen. Ich könnte mir regelmäßige runde Tische vorstellen, bei denen sich Kulturschaffende austauschen und gemeinsame Ideen entwickeln.<br />Auch Weiterbildungsformate zu Themen wie Diversität, Mobilität oder Kulturförderung halte ich für sinnvoll. Ich glaube, dass Synergien gerade jetzt besonders wichtig sind, weil die Rahmenbedingungen für Kultur vielerorts schwieriger werden.<br /><br /><i>Dein Vertrag läuft vorerst bis August. Kannst du dir vorstellen, länger in Kronstadt zu bleiben?<br /></i>
Ja. Mein aktueller Vertrag läuft zwar in zwei Monaten ab, aber ich werde ihn auf jeden Fall verlängern. Insgesamt könnte ich bis zu fünf Jahre hier arbeiten. Im Moment freue ich mich einfach darauf, die Stadt, die Menschen und die Kulturszene noch besser kennenzulernen.<br /><br /><i>Vielen Dank für das Gespräch!</i>

Annika Rachor ist neue ifa-Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Kronstadt. Foto: Laura Capatana Juller<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 21:14:00 +0000</pubDate>
			
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			<title>Bericht aus der Stadtratssitzung – Mai 2026</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/bericht-aus-der-stadtratssitzung-mai-2026/</link>
			<description>Apollonia Hirscher, die Zukunft der Mittelgasse und die Debatte um die Kathedrale</description>
			<content:encoded><![CDATA[<br />Apollonia Hirscher, die Zukunft der Mittelgasse und die Debatte um die Kathedrale<br /><br />Liebe Kronstädterinnen und Kronstädter,
wie erinnern wir uns an die Menschen, die Kronstadt geprägt haben? Diese Frage stand für mich im Mittelpunkt der Mai-Sitzung des Stadtrats. Anlass war mein erneuter Vorschlag für ein Denkmal zu Ehren von Apollonia Hirscher, einer Frau, die vor fast 500 Jahren ohne politisches Amt die Entwicklung unserer Stadt maßgeblich beeinflusste. Daneben beschäftigten mich zwei weitere Themen: die Zukunft der Mittelgasse und die öffentliche Debatte über die geplante Kathedrale.<br /><br />Apollonia Hirscher: Ein Denkmal für eine außergewöhnliche Frau<br />
Im Rahmen einer Haushaltsumschichtung habe ich erneut einen Vorschlag eingebracht, der mir besonders am Herzen liegt: die Bereitstellung von 90.000 Lei für die Vorbereitung eines Denkmals für Apollonia Hirscher im öffentlichen Raum Kronstadts.<br />
Der Antrag hatte zuvor die Unterstützung der Kulturkommission des Stadtrats erhalten, fand im Plenum jedoch keine Mehrheit. Vorgesehen sind drei Schritte: eine historische Grundlagenuntersuchung zur Standortwahl, die Ausschreibung eines offenen nationalen Bildhauerwettbewerbs sowie die Finanzierung der Preisgelder. Die eigentlichen Ausführungskosten sollen erst im Haushalt 2027 berücksichtigt werden. Als Finanzierungsquelle ist die Haushaltslinie für die Gestaltung der Kastanienallee vorgesehen. Bürgermeister Scripcaru deutete an, das Thema weiterdenken zu wollen, blieb dabei aber konkrete Schritte schuldig.<br /><br />Warum dieses Denkmal? Apollonia Hirscher finanzierte vor fast 500 Jahren den Bau des Hirscher-Hauses am Marktplatz, das als Kaufhaus für Handwerker und Händler der Stadt diente. Nach dem Tod ihres Mannes, Bürgermeister Lukas Hirscher, führte sie ein weitreichendes Handelsunternehmen mit Verbindungen weit über Kronstadt hinaus und setzte ihr Vermögen wiederholt für das Gemeinwohl ein Das alles in einer Zeit, in der Frauen von politischen Ämtern und formalen Entscheidungsprozessen weitgehend ausgeschlossen waren. Das Forum verleiht jährlich einen Preis in ihrem Namen. Umso naheliegender erscheint es, ihr auch im öffentlichen Raum einen dauerhaften Platz einzuräumen.<br /><br />Kronstadt hat bisher kein einziges Denkmal für eine Frau. Dies ist eine Einladung das zu ändern. Aus der deutschen wie auch aus der rumänischen Gemeinschaft haben mich zahlreiche positive Rückmeldungen zu diesem Vorschlag erreicht. Ein Denkmal für Apollonia Hirscher wäre die Würdigung einer Frau, die ihren wirtschaftlichen Erfolg nicht nur für sich nutzte, sondern ihn in den Dienst ihrer Stadt stellte. Menschen wie sie haben Kronstadt geprägt und verdienen einen sichtbaren Platz in unserer Erinnerungskultur.<br /><br />Mittelgasse: Vor einer Entscheidung alle Optionen prüfen
Bereits in der April-Sitzung hatte ich einen Änderungsantrag zur geplanten Machbarkeitsstudie für die Verbindung über die Bahngleise in der Mittelgasse (Strada de Mijloc) eingebracht. Die derzeitige Ausschreibung sieht ausschließlich die Studie einer Hochbrücke vor. Eine Unterführung wird bislang nicht berücksichtigt. Mein Vorschlag war dabei sachlich: Beide Varianten, Überführung und Unterführung, sollten auf Basis einer geotechnischen Vorstudie vergleichend analysiert werden, bevor der Stadtrat eine Entscheidung trifft. Eine Brücke dieser Größenordnung beeinflusst das Stadtbild, die Verkehrsführung und die Entwicklung des gesamten Umfelds für Jahrzehnte. Umso wichtiger ist eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Der Antrag wurde von der Mehrheit des Stadtrats abgelehnt.<br /><br />Kronstadt beim Rumänischen Festival in Nürnberg<br />
Der Stadtrat hat die Teilnahme Kronstadts am Rumänischen Festival in Nürnberg beschlossen. Diesem Beschluss habe ich zugestimmt.<br />Ich war im vergangenen Jahr selbst vor Ort und weiß, welchen Wert diese Partnerschaft für unsere Stadt hat.<br />Gleichzeitig habe ich die Frage aufgeworfen, wie Kronstadt bei solchen Veranstaltungen präsentiert wird. Unsere Stadt ist geprägt von rumänischen, sächsischen, ungarischen und weiteren kulturellen Einflüssen. Diese Vielfalt sollte auch bei internationalen Auftritten sichtbar werden.<br />Ich habe deshalb bereits vor einigen Monaten die Einrichtung einer gemischten Arbeitsgruppe im Stadtrat vorgeschlagen, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Stadtrats, der Verwaltung sowie der betroffenen Gemeinschaften. Ziel wäre es, für jede Partnerstadt eine langfristige Strategie zu entwickeln und Kronstadt in seiner ganzen kulturellen Vielfalt zu präsentieren.<br /><br />Bürgeranliegen: Recyclingstationen und Verkehrssicherheit<br />
Neben den Themen auf der Tagesordnung habe ich zwei weitere Anliegen aus dem Alltag der Kronstädterinnen und Kronstädter angesprochen.<br />Erstens ging es um die Wertstoff-Sammelstationen. Der Standort in Bienengärten (Stupini) ist bereits fertiggestellt, kann jedoch noch nicht genutzt werden, da eine Betreiberlösung fehlt. Der zweite Standort befindet sich weiterhin im Bau.<br />Ich habe die Verwaltung um einen klaren Zeitplan gebeten. Eine fertiggestellte Anlage erfüllt ihren Zweck erst dann, wenn sie tatsächlich genutzt werden kann.<br />Zweitens habe ich auf die fehlende Fußgängerquerung in der Egreteistraße zum neuen Einkaufszentrum im Stadtteil Bartolomä-Avantgarden hingewiesen.<br />Viele Bewohner müssen dort täglich die Straße überqueren, um Geschäfte und Dienstleistungen in der Umgebung zu erreichen. Ein sicherer Fußgängerüberweg würde die Verkehrssicherheit erheblich verbessern.<br /><br />Die Debatte um die Kathedrale im Zentrum<br />
Am 29. Mai habe ich an der öffentlichen Debatte zum Bebauungsplan Centrul Civic (PUZ) teilgenommen. Eingeladen wurde zu dieser Debatte einen Tag vor ihrer Durchführung. Wer ernsthaft möchte, dass Bürgerinnen und Bürger sich beteiligen, gibt ihnen mehr als 24 Stunden Zeit, sich zu informieren, sich frei zu nehmen und teilzunehmen. Diese Kurzfristigkeit macht die Beteuerungen über Bürgerbeteiligung wenig glaubwürdig. Inhaltlich wurde in der Debatte ein Gerichtsurteil als Sachzwang präsentiert: Der Stadtrat müsse einen PUZ verabschieden, der den Bau einer Kathedrale vorsehe, weil ein Gericht dies so entschieden habe. An dieser Darstellung beteiligten sich Stadträte, Vertreter der Verwaltung und der Kirche gleichermaßen.
Nach Einschätzung von Fachleuten greift diese Darstellung jedoch zu kurz. Der Kronstädter Architekt Andrei Fanciali, der drei Jahre im Staatlichen Bauinspektorat tätig war und Genehmigungsverfahren für Bebauungspläne aus dem Inneren der Institutionen kennt, hat das in einem Beitrag für das Online-Magazin Litera 9 klar dargelegt: Ein Gericht kann den Stadtrat verpflichten, einen PUZ zu erarbeiten. Es kann aber nicht vorschreiben, was dieser PUZ zu enthalten hat. Der Inhalt des Plans bleibt in der ausschließlichen Zuständigkeit des Stadtrats.<br />
Damit handelt es sich nicht um eine rein technische oder juristische Frage, sondern um eine politische Entscheidung mit langfristigen Auswirkungen auf die Entwicklung des Stadtzentrums. Gerade deshalb halte ich eine offene, transparente und breit geführte öffentliche Debatte für notwendig.<br /><br />Fazit
Nicht jeder Vorschlag findet sofort eine Mehrheit. Das gehört zur demokratischen Arbeit im Stadtrat. Entscheidend ist, Themen immer wieder aufzugreifen, Fragen zu stellen und Lösungen einzubringen. Genau das werde ich auch weiterhin tun, für ein Kronstadt, das seine Geschichte respektiert, seine Gegenwart verantwortungsvoll gestaltet und seine Zukunft mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam plant.<br />
Bleiben wir im Gespräch!<br />Als Ihre Stadträtin ist es mir wichtig, dass Ihre Anliegen gehört werden. Melden Sie sich gerne mit Vorschlägen oder Themen, die Kronstadt voranbringen.<br />Wie immer stehe ich Ihnen für Fragen, Anregungen oder Anliegen jederzeit zur Verfügung:<br />E-Mail: o.grigoriu@fdgrbv.ro | Telefon: 0728 449 179<br />Der Austausch mit Ihnen bildet die Grundlage meiner Arbeit im Stadtrat.<br />
Olivia Grigoriu<br />Stadträtin in Kronstadt<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 21:09:00 +0000</pubDate>
			
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			<title>Der Funke springt über</title>
			<link>https://forumkronstadt.ro/karpatenrundschau-artikel/artikel/der-funke-springt-ueber/</link>
			<description>Chortreffen in Bartholomä</description>
			<content:encoded><![CDATA[Chortreffen in Bartholomä<br /><br />Immer weniger Menschen – so geht die Mär – haben heutzutage noch Lust auf Singen. Stimmt das? Am Samstag, dem 6. Juni konnte man an dieser Meinung richtig zweifeln. Weit über zweihundert Menschen hatten sich in der Kronstädter Langgasse, im Hof der Bartholomäer Kirche versammelt. Eingeladen hatte Musikwart Jürg Leutert aus Hermannstadt zum alljährlichen Chortreffen. Aus vierzehn Ortschaften waren sie angereist, Erwachsene und Kinder, Einzelpersonen und Chormitglieder. Wie auf einer großen Bauernhochzeit in der „guten alten Zeit“. Mit Hochzeitsmusik ging es dann thematisch zur Sache, nachdem Pfarrer Maximilian Braisch die Anwesenden, inzwischen auf Sopran, Alt, Tenor, Bass und Kinderstimmen im Kirchenraum verteilt, herzlich begrüßt hatte. Zunächst lahmte der Gesang etwas. Waren Einige nur als Touristen gekommen und hatten ihre Stücke nicht geübt? Chorleiter und Kantorinnen versuchten reihum vom Dirigentenpult aus, die große Menschenmasse zum gepflegten Singen und guter Aussprache, zu ausdrucksstarker Musik zu motivieren. Jede und jeder hat im Lauf seines Musikerlebens eigene Rezepte dafür entwickelt. Das war faszinierend zu erleben. Es bedarf nicht unbedingt vieler Worte, um einen Chor zum Klingen zu bringen. Der Funke springt über oder eben nicht. An manch einer schwierigen Stelle kapitulierten die Berufsmusiker. F oder Fis? Das siebenbürgische Ohr ist an bestimmte Wendungen oder Rhythmen gewöhnt und lässt sich nur gaaanz schwer auf Unbekanntes ein. Und findet das dann nicht toll!&nbsp;<br />Man probte auch in Gruppen: der Kinderchor in einem Saal des Pfarrhauses, die Instrumentalgruppe nebenan, der vierstimmige Chor der Erwachsenen blieb in der Kirche. Wie schön, dass die Evangelische Landeskirche so viele Chorleiterinnen und Kantoren beschäftigt. So mangelte es nicht an musikalischen Erziehern oder an Unterstützung durchs Digitalklavier beim Erlernen der Partituren. Da neben einigen regelmäßig probenden Chören meist nur noch projektweise mehrstimmig gesungen wird, haben nicht alle Kollegen die Möglichkeit zu dirigieren, schon gar nicht zweihundert singende Menschen. Das Treffen war ein Gewinn für beide Seiten.&nbsp;<br />Im Lauf des achtstündigen Chorfestes entwickelte sich auch ein mehrsprachiges Miteinander. Durchaus nicht alle, die sich zum Singen versammelt hatten, verstanden Deutsch. Die Verantwortlichen reagierten nach einem traditionellen, nur auf Deutsch gehaltenen Eingangsteil sensibel mit zweisprachigen Ansagen im weiteren Verlauf. Evangelisch ist längst nicht mehr gleich Deutsch oder Sächsisch. Die Musizierenden sind unter den Ersten, die das neue mehrsprachige Miteinander bewusst pflegen. Texte wie die letzte Strophe des Hochzeitsliedes aus Zendersch, auf sächsisch von einer Solistin über das Bim-Bam des Chores gesungen, wirken im gegenwärtigen Kontext befremdlich: „Seid treu dem Volk, dem Namen, das Sächsische euch vereint.“ Vielleicht ist es gar nicht schlimm, wenn die Aussprache nicht immer perfekt ist und man diese oder jene Textpassage nicht versteht.<br />Mit dem immer aktiveren Chorklang stieg auch die Stimmung unter den Mitgliedern. Es wurde ein geselliges und sehr herzliches Miteinander, vor allem in den Pausen und beim gemeinsamen Mittagessen. Die Kinder rannten hinter einem Fußball, die Erwachsenen genossen die beispielhafte Gastfreundschaft und sehr gute Organisation des Tages. Für alles boten der Bartholomäer Kirchhof und Teile des Hauses ausreichend Raum. Das Team um das Pfarrerehepaar Braisch hat sich selbst und alle Erwartungen an diesen Tag übertroffen.&nbsp;<br />Was ein Gemeindeverband wert ist, den auch Bartholomä mit Honigberg vor kurzer Zeit eingegangen ist, zeigte sich bei der Bewirtung: Hochzeitsmusik verlangt Hochzeitsessen. So meinten die Organisatoren im Vorfeld. Zwei Damen aus Honigberg („wir haben sowas noch nie gemacht!“) bereiteten auf der Veranda des Pfarrhauses über hundert Liter sächsischer Hochzeitssuppe zu.&nbsp; Aus Bekokten kamen Mengen von Krautwickeln und Hausbrot. Von diesem unglaublichen Essen wird man noch lange schwärmen. Es spielte kaum eine Rolle, dass der Regen denen die Suppe etwas verdünnte, die in der Eile des kapriziösen Mittagsschauers keinen trockenen Platz ergattern konnten. Ganz ungewöhnlich war auch, dass es keinerlei Plastikabfälle gegeben hat! Sowas ist einfach beispielgebend und sollte Nachahmung finden. Kein Einwegbesteck oder -geschirr, keine fünf-Milliliter-Milchknöpfe, sondern Porzellanteller, Pappbecher und wenig Abfall!<br />Der Chortag war noch lange nicht aus, die Stücke kamen wieder und wieder an die Reihe. Für 16 Uhr war Publikum geladen und man gestaltete gemeinsam ein Konzert. Applaus stieg auf. Wem galt er? Der Musik, den Chorleitenden, den braven Sängern und Sängerinnen, den Kindern? Viele Handys wurden gezückt, das Erlebte in Bild und Ton festgehalten. Den schönsten Gewinn hatten sicherlich diejenigen, die bei diesem Singtag selbst mitgemacht haben.&nbsp;&nbsp;<br /><br />Ursula Philippi<br /><br />Sangesfreudige in der Bartholomäer Kirche. Foto:die Verfasserin<br /><br />]]></content:encoded>
			
			
			<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 21:06:00 +0000</pubDate>
			
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