Auf dem Schneckenberg in Kronstadt
30.01.26
100 Jahre Diakonissensanatorium
Tausende Besucher gehen jährlich zwischen den Sitzreihen der Schwarzen Kirche durchs Mittelschiff, mancher Gottesdienst- oder Konzertbesucher nimmt auf den Bänken Platz. Darf man sich da hinsetzen, wo “Diakonissenbank” steht? Gibt es immer noch jemanden, der Anspruch auf diesen reservierten Platz hat?
Die meisten Besucher sind zu jung, um sich daran zu erinnern, dass es in Kronstadt Frauen gab, die -über ihre Tracht sofort als Diakonissen erkennbar - regelmäßig im Gottesdienst saßen. Man hatte sie bis 1944 nicht nur in der Kirche getroffen, sie waren an vielen Stellen im Stadtbild oder in Einrichtungen präsent, wo es darum ging, Menschen zu pflegen, zu begleiten, zu erziehen, zuunterstützen. - Das war mit dem Umsturz 1944 vorbei.
Viele Diakonissen verließen das Land, als die neuen kommunistischen Machthaber ihre Arbeitsstellen nationalisierten, ihre Organisationsform zerschlugen und ihnen das Tragen ihrer Tracht verboten.Einige blieben in der Stadt, wurden aber für alle unsichtbar, die sie nicht vorher schon gekannt hatten. So sind sie in den vielen Jahrzehnten sozialistischer Welt- und Gesellschaftsordnung in Vergessenheit geraten.
Ehrengräber der Kirchengemeinde
Mit der Wende 1989 brach einerseits aufgrund des Exodus von neun Zehntel der in Rumänien verbliebenen Deutschen vieles zusammen, was die Zeiten der Unterdrückung überlebt hatte. Andererseits eröffnete sich die Freiheit, das neu zu gestalten, was früher schon gut war und heute auch noch von größter Wirksamkeit ist. Dazu gehört die Kirche als Ort der geistlichen wie kulturellen Gemeinschaft - inklusive ihrer Diakonie, die sich um soziale Notlagen kümmert. In Kronstadt gehört die Diakonie zu den Aufgaben des Stadtpfarrers. Seit Jahren kümmert sich unter seiner Leitung Christiane Lorenz darum, mit klarem Konzept und straffer Organisation ein Team von Mitarbeiterinnen dort einzusetzen, wo kranke oder alte, behinderte oder einsame Menschen,überforderte Familien oder gestrandete Flüchtlinge Hilfe brauchen. Damit steht sie in direkter Nachfolge der Oberinnen, die bis vor 80 Jahren in Kronstadt in den Diakonissenhäusern “Gottessegen” bzw. “Bethanien” gewirkt haben. Christiane Lorenz war es auch, die dafür gesorgt hat, dass die drei Gräber auf dem Friedhof der Obervorstädter Kirche in Kronstadt, in denen Diakonissen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, als Ehrengräber der Kirchengemeinde erhalten bleiben. Wer diese Frauen waren, wie ihr Leben verlaufen ist, ließ sich bisher nur bei einigen von ihnen rekonstruieren. Ihre Spuren führen zur Schwesternschaft des Diakonissenmutterhauses “Gottessegen” aus Bukarest, das vor 100 Jahren auf dem Schneckenberg in Kronstadt eine Niederlassung eingerichtet hatte.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts in Kronstadt tätig
In Kronstadt waren Diakonissen schon seit 1897 tätig: Sie waren von der Hermannstädter
Schwesternschaft entsandt worden, mussten jedoch 1919 wegen finanzieller Engpässe wieder
abgezogen werden. Der Bedarf vor allem in der Krankenpflege war aber so groß, dass Pfarrer und Vereine sich intensiv um Ersatz bemühten. Eine Lösung bestand darin, junge Frauen aus den eigenen Gemeinden ausbilden zu lassen und anschließend einzusetzen. Hier setzten die Kronstädter auf die Unterstützung durch das
österreichische Diakonissen-Mutterhaus Bethanien in Gallneukirchen. Ab 1922 wurden insgesamt 15 junge siebenbürgische Frauen dort ausgebildet. Nach ihrer Rückkehr wurden sie in der Pflege, aber zunehmend auch in der Inneren Mission eingesetzt. Viele dieser jungen Frauen wurden später als Schwestern eingesegnet. Ab 1932 erhielten diese Kronstädter Diakonissen ein von Gallneukirchen unabhängiges Mutterhaus unter der Leitung der reichsdeutschen Oberin Freda von Schacky.Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte das Bukarester Diakonissen-Mutterhaus “Gottessegen” damit begonnen, eine Filiale in Kronstadt aufzubauen. Auch dies Projekt wurde intensiv von Stadtpfarrer Victor Glondys und Stadtprediger Georg Scherg unterstützt.
20 Jahre lang eine hervorragende Arbeit geleistet
Vor 100 Jahren, am 8. November 1925 war es soweit: Das neue Sanatorium der Bukarester
Diakonissen in der umgebauten Villa auf dem Schneckenberg, ausgestattet mit 50 Betten und
Behandlungsräumen für diverse Fachärzte sowie einer Röntgenabteilung, konnte feierlich eröffnet werden. Neben den lokalen Honoratioren, der Oberin des Bukarester Mutterhauses Ida Tänzer und dessen Vorsitzendem, Oskar Müller aus Bukarest, waren prominente Gäste anwesend: Die rumänische Königin Maria, begleitet von der griechischen Königin Sofia, einer Schwester Kaiser Wilhelms II beehrten das Fest. Unter diesen sehr guten Bedingungen konnten die Diakonissen 1927 zwei weitere Häuser in unmittelbarer Nähe des Sanatoriums kaufen, die als Kinderheim bzw. Schwestern- und Gästehaus genutzt wurden. Fast 20 Jahre lang leisteten die Diakonissen auf dem Schneckenberg eine hervorragende Arbeit und wurden dafür auch entsprechend gewürdigt. Heute ist auf der Straße Matei Basarab auf dem Schneckenberg vom Wirken der Diakonissen nichts mehr zu erkennen: Das ehemalige Sanatorium verfällt, das Kinderheim wurde wegen Bombenschäden abgerissen und durch einen Wohnblock ersetzt. Das ehemalige Schwesternwohnheim wird, wie die anderen Gebäude, als Wohnraum genutzt.
Recherche der Biographien
Zurzeit läuft ein kleines Projekt, das die Biographien der Diakonissen Kronstadts zu recherchieren versucht. Dabei werden neben den ausführlichen Berichten der Oberin Klara Stöcker vor allem die Publikationen von Vasile Aldea (Sanatoriul diaconeselor, Ed. Haco Internatiol, 2018) bzw. Ulrich Wien (Diakonie auf dem Gebiet Rumäniens) verwendet. Ergänzend kommt Archivmaterial der Fliedner-Stiftung, des Bibelhauses Malche und des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung dazu. Auch kann auf die detaillierten Recherchen des Wermelskirchner Pfarrers Gert Pfeiffers zugegriffen werden, der alles zusammengetragen hat, was mit dem Lebensweg Klara Stöckers zu tun hat.
Besonders berührend sind Auskünfte von Zeitzeugen.
Als vorläufiges Ergebnis liegen nun kleine Texte zu vier der sieben Diakonissen vor, die uns vom Obervorstädter Friedhof bekannt sind:
● Ida Tänzer (1853-1933), Oberin des Diakonissenmutterhauses Gottessegen
● Klara Stöcker (1901-1995), Oberin des Diakonissenmutterhauses Gottessegen
● Theresia und Katharina Baldinger ((1891-1978 bzw. 1893-1981), Schwestern des
Diakonissenmutterhauses Gottessegen
Von den anderen konnten nur Angaben aus den Friedhofsmatrikeln in Erfahrung gebracht werden:
Luise Wendorff (1877-1937)
Aus: Totenmatrikel Gesamtgemeinde, Bd. VIII (1933-1958), Sign. IV.Aa.65, S. 113
Zahl: 64.
Jahr und Tag des Todes: 18. Juli 1937
Jahr und Tag der Beerdigung: 22. Juli 1937
Name, Alter, Religion, Stand, Charakter, Ursprung, Wohnort des Gestorbenen:
Luise Wendorff, 60 Jahre alt, ev. A. B., Diakonisse, in Kolberg (Pommern) geboren am 18. Feb. 1877, eheliche Tochter des verstorbenen Ziegeleibesitzers Hans Wendorff und der
verstorbenen Maria Wendorff, geboren in Kronstadt, wohnhaft Diakonissen-Sanatorium, Mühlgasse 25.
Ursache des Todes: Herzfehler
Fungierender Geistlicher: Pfarrer Waldemar Keintzel Stadtprediger
Olga Roth (1904-1968)
Aus: Totenmatrikel Gesamtgemeinde, Bd. IX (1958-2010), S. 140
Zahl: 54
Jahr und Tag des Todes: 2.September 1968
Jahr und der Beerdigung: 4. September 1968.
Name, Alter, Religion, Stand, Charakter, Ursprung, Wohnort des Gestorbenen:
Olga Roth, 64 Jahre alt, ledig, Diakonisse, geboren am 25. März 1904 in Bukarest, Tochter des Friedrich Roth und der Maria geborene Munteanu, wohnhaft in Kronstadt, Matei Basarab Nr. 39.
Ursache des Todes: Krebs
Fungierender Geistlicher: Burghard Morscher, Pfarrer
Wilhelmine Schmitz (1883-1941)
Aus: Totenmatrikel Gesamtgemeinde, Bd. VIII (1933-1958), Sign. IV.Aa.65, S. 223
Zahl: 84.
Jahr und Tag des Todes: 27. Juli 1941
Jahr und Tag der Beerdigung: 29. Juli 1941
Name, Alter, Religion, Stand, Charakter, Ursprung, Wohnort des Gestorbenen:
Wilhelmine Schmidts, 58 Jahre alt, ev. A. B., ledig, Diakonisse, in Mönchengladbach geboren am 29. August 1883, eheliche Tochter des verstorbenen Werkmeisters Heinrich Schmidts und der verstorbenen Anna Schmidts, wohnhaft in Kronstadt, Matei Basarab
Nr. 25, Diakonissen-Sanatorium.
Ursache des Todes: Krebs
Fungierender Geistlicher: Pfarrer Waldemar Keintzel, Stadtprediger
Anne Grupp, Stuttgart 2025
Foto: Diakonissenbank in der Schwarzen Kirche
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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