Bericht aus der Stadtratssitzung – Mai 2026
12.06.26
Apollonia Hirscher, die Zukunft der Mittelgasse und die Debatte um die Kathedrale
Liebe Kronstädterinnen und Kronstädter,
wie erinnern wir uns an die Menschen, die Kronstadt geprägt haben? Diese Frage stand für mich im Mittelpunkt der Mai-Sitzung des Stadtrats. Anlass war mein erneuter Vorschlag für ein Denkmal zu Ehren von Apollonia Hirscher, einer Frau, die vor fast 500 Jahren ohne politisches Amt die Entwicklung unserer Stadt maßgeblich beeinflusste. Daneben beschäftigten mich zwei weitere Themen: die Zukunft der Mittelgasse und die öffentliche Debatte über die geplante Kathedrale.
Apollonia Hirscher: Ein Denkmal für eine außergewöhnliche Frau
Im Rahmen einer Haushaltsumschichtung habe ich erneut einen Vorschlag eingebracht, der mir besonders am Herzen liegt: die Bereitstellung von 90.000 Lei für die Vorbereitung eines Denkmals für Apollonia Hirscher im öffentlichen Raum Kronstadts.
Der Antrag hatte zuvor die Unterstützung der Kulturkommission des Stadtrats erhalten, fand im Plenum jedoch keine Mehrheit. Vorgesehen sind drei Schritte: eine historische Grundlagenuntersuchung zur Standortwahl, die Ausschreibung eines offenen nationalen Bildhauerwettbewerbs sowie die Finanzierung der Preisgelder. Die eigentlichen Ausführungskosten sollen erst im Haushalt 2027 berücksichtigt werden. Als Finanzierungsquelle ist die Haushaltslinie für die Gestaltung der Kastanienallee vorgesehen. Bürgermeister Scripcaru deutete an, das Thema weiterdenken zu wollen, blieb dabei aber konkrete Schritte schuldig.
Warum dieses Denkmal? Apollonia Hirscher finanzierte vor fast 500 Jahren den Bau des Hirscher-Hauses am Marktplatz, das als Kaufhaus für Handwerker und Händler der Stadt diente. Nach dem Tod ihres Mannes, Bürgermeister Lukas Hirscher, führte sie ein weitreichendes Handelsunternehmen mit Verbindungen weit über Kronstadt hinaus und setzte ihr Vermögen wiederholt für das Gemeinwohl ein Das alles in einer Zeit, in der Frauen von politischen Ämtern und formalen Entscheidungsprozessen weitgehend ausgeschlossen waren. Das Forum verleiht jährlich einen Preis in ihrem Namen. Umso naheliegender erscheint es, ihr auch im öffentlichen Raum einen dauerhaften Platz einzuräumen.
Kronstadt hat bisher kein einziges Denkmal für eine Frau. Dies ist eine Einladung das zu ändern. Aus der deutschen wie auch aus der rumänischen Gemeinschaft haben mich zahlreiche positive Rückmeldungen zu diesem Vorschlag erreicht. Ein Denkmal für Apollonia Hirscher wäre die Würdigung einer Frau, die ihren wirtschaftlichen Erfolg nicht nur für sich nutzte, sondern ihn in den Dienst ihrer Stadt stellte. Menschen wie sie haben Kronstadt geprägt und verdienen einen sichtbaren Platz in unserer Erinnerungskultur.
Mittelgasse: Vor einer Entscheidung alle Optionen prüfen
Bereits in der April-Sitzung hatte ich einen Änderungsantrag zur geplanten Machbarkeitsstudie für die Verbindung über die Bahngleise in der Mittelgasse (Strada de Mijloc) eingebracht. Die derzeitige Ausschreibung sieht ausschließlich die Studie einer Hochbrücke vor. Eine Unterführung wird bislang nicht berücksichtigt. Mein Vorschlag war dabei sachlich: Beide Varianten, Überführung und Unterführung, sollten auf Basis einer geotechnischen Vorstudie vergleichend analysiert werden, bevor der Stadtrat eine Entscheidung trifft. Eine Brücke dieser Größenordnung beeinflusst das Stadtbild, die Verkehrsführung und die Entwicklung des gesamten Umfelds für Jahrzehnte. Umso wichtiger ist eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Der Antrag wurde von der Mehrheit des Stadtrats abgelehnt.
Kronstadt beim Rumänischen Festival in Nürnberg
Der Stadtrat hat die Teilnahme Kronstadts am Rumänischen Festival in Nürnberg beschlossen. Diesem Beschluss habe ich zugestimmt.
Ich war im vergangenen Jahr selbst vor Ort und weiß, welchen Wert diese Partnerschaft für unsere Stadt hat.
Gleichzeitig habe ich die Frage aufgeworfen, wie Kronstadt bei solchen Veranstaltungen präsentiert wird. Unsere Stadt ist geprägt von rumänischen, sächsischen, ungarischen und weiteren kulturellen Einflüssen. Diese Vielfalt sollte auch bei internationalen Auftritten sichtbar werden.
Ich habe deshalb bereits vor einigen Monaten die Einrichtung einer gemischten Arbeitsgruppe im Stadtrat vorgeschlagen, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Stadtrats, der Verwaltung sowie der betroffenen Gemeinschaften. Ziel wäre es, für jede Partnerstadt eine langfristige Strategie zu entwickeln und Kronstadt in seiner ganzen kulturellen Vielfalt zu präsentieren.
Bürgeranliegen: Recyclingstationen und Verkehrssicherheit
Neben den Themen auf der Tagesordnung habe ich zwei weitere Anliegen aus dem Alltag der Kronstädterinnen und Kronstädter angesprochen.
Erstens ging es um die Wertstoff-Sammelstationen. Der Standort in Bienengärten (Stupini) ist bereits fertiggestellt, kann jedoch noch nicht genutzt werden, da eine Betreiberlösung fehlt. Der zweite Standort befindet sich weiterhin im Bau.
Ich habe die Verwaltung um einen klaren Zeitplan gebeten. Eine fertiggestellte Anlage erfüllt ihren Zweck erst dann, wenn sie tatsächlich genutzt werden kann.
Zweitens habe ich auf die fehlende Fußgängerquerung in der Egreteistraße zum neuen Einkaufszentrum im Stadtteil Bartolomä-Avantgarden hingewiesen.
Viele Bewohner müssen dort täglich die Straße überqueren, um Geschäfte und Dienstleistungen in der Umgebung zu erreichen. Ein sicherer Fußgängerüberweg würde die Verkehrssicherheit erheblich verbessern.
Die Debatte um die Kathedrale im Zentrum
Am 29. Mai habe ich an der öffentlichen Debatte zum Bebauungsplan Centrul Civic (PUZ) teilgenommen. Eingeladen wurde zu dieser Debatte einen Tag vor ihrer Durchführung. Wer ernsthaft möchte, dass Bürgerinnen und Bürger sich beteiligen, gibt ihnen mehr als 24 Stunden Zeit, sich zu informieren, sich frei zu nehmen und teilzunehmen. Diese Kurzfristigkeit macht die Beteuerungen über Bürgerbeteiligung wenig glaubwürdig. Inhaltlich wurde in der Debatte ein Gerichtsurteil als Sachzwang präsentiert: Der Stadtrat müsse einen PUZ verabschieden, der den Bau einer Kathedrale vorsehe, weil ein Gericht dies so entschieden habe. An dieser Darstellung beteiligten sich Stadträte, Vertreter der Verwaltung und der Kirche gleichermaßen.
Nach Einschätzung von Fachleuten greift diese Darstellung jedoch zu kurz. Der Kronstädter Architekt Andrei Fanciali, der drei Jahre im Staatlichen Bauinspektorat tätig war und Genehmigungsverfahren für Bebauungspläne aus dem Inneren der Institutionen kennt, hat das in einem Beitrag für das Online-Magazin Litera 9 klar dargelegt: Ein Gericht kann den Stadtrat verpflichten, einen PUZ zu erarbeiten. Es kann aber nicht vorschreiben, was dieser PUZ zu enthalten hat. Der Inhalt des Plans bleibt in der ausschließlichen Zuständigkeit des Stadtrats.
Damit handelt es sich nicht um eine rein technische oder juristische Frage, sondern um eine politische Entscheidung mit langfristigen Auswirkungen auf die Entwicklung des Stadtzentrums. Gerade deshalb halte ich eine offene, transparente und breit geführte öffentliche Debatte für notwendig.
Fazit
Nicht jeder Vorschlag findet sofort eine Mehrheit. Das gehört zur demokratischen Arbeit im Stadtrat. Entscheidend ist, Themen immer wieder aufzugreifen, Fragen zu stellen und Lösungen einzubringen. Genau das werde ich auch weiterhin tun, für ein Kronstadt, das seine Geschichte respektiert, seine Gegenwart verantwortungsvoll gestaltet und seine Zukunft mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam plant.
Bleiben wir im Gespräch!
Als Ihre Stadträtin ist es mir wichtig, dass Ihre Anliegen gehört werden. Melden Sie sich gerne mit Vorschlägen oder Themen, die Kronstadt voranbringen.
Wie immer stehe ich Ihnen für Fragen, Anregungen oder Anliegen jederzeit zur Verfügung:
E-Mail: o.grigoriu@fdgrbv.ro | Telefon: 0728 449 179
Der Austausch mit Ihnen bildet die Grundlage meiner Arbeit im Stadtrat.
Olivia Grigoriu
Stadträtin in Kronstadt
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
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