„Die Gemeinschaft hat uns gehalten“
01.05.26
35 Jahre Forums-Handarbeitskreis
Im April 1991 riefen Krista Sudrigian, Erdkundelehrerin in Rente, Irmgard Pelger, Pfarrfrau in Rente und Ilse Horvath, Rentnerin, einen Frauenhandarbeitskreis in Kronstadt ins Leben. 45 Frauen verschiedener Altersgruppen trafen sich damals wöchentlich im Kapitelzimmer der Honterusgemeinde im Honterushof, um zu stricken, zu sticken, zu häkeln oder zu nähen. Doch im Mittelpunkt stand von Anfang an die Gemeinschaft.
„Es hat uns Spaß gemacht, wir haben Pullover und Socken gestrickt, Blusen bestickt, Muster getauscht und viel erzählt“, erinnert sich Marianne Puia. Sie war von Beginn an dabei und hat seither, trotz kleiner Unterbrechungen, an allen Treffen teilgenommen - ganze 35 Jahre lang. Auch jetzt kommt die 83-Jährige jeden Dienstag um 14 Uhr in den Festsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt, wo der der Kreis seit über 30 Jahren seinen Sitz hat, um gemeinsam mit den Kolleginnen zu arbeiten.
Im Laufe der Jahre schlossen sich weitere Frauen an, einige in den 1990er Jahren, andere später. Heute zählt der Handarbeitskreis 16 Frauen zwischen 60 und 86 Jahren sowie eine 25-Jährige, die ihre Leidenschaft für Handarbeit nun ausleben kann. Manche Mitglieder, deren Gesundheitszustand eine Teilnahme vor Ort nicht mehr erlaubt, arbeiten von zu Hause aus weiter und schicken Socken für die Basare.
Traditionen weiterführen
„Dieser Handarbeitskreis wurde gegründet, damit die Tradition nicht verloren geht und an die junge Generation übergeben wird“, erklärt Anni Voinea, die Leiterin des Kreises. Sie übernahm vor zehn Jahren die Leitung nach dem Tod von Gerda Orzan. Dass sich heute weniger junge Menschen ihr Handarbeit interessieren, bedauert sie. Gleichzeitig gibt es Anlass zur Hoffnung, denn seit drei Jahren organisiert das Forum Wochenend-Workshops bei einer Pension in der Umgebung. Dort lernen Grundschüler, Jugendliche und deren Eltern die Geheimnisse dieser stillen Beschäftigung. Die Nachfrage ist groß, die Workshops immer ausgebucht.
„Wir haben als Kinder in der Schule Handarbeit gelernt und zu Hause von der Mutter und Großmutter“, erzählt Frau Puia. „Als junges Mädchen, haben wir im Internat nachmittags zusammengesessen und haben Deckchen gestrickt und gesungen”. „Damals hatten wir kein Handy, darum haben wir genäht“, fügt eine Rentnerin hinzu. Ähnliche Erinnerungen teilen viele der Frauen. Sie erzählen von selbstgenähte Hochzeitskleider und Trachtenhemden, von früheren Moden und davon, wie selbstverständlich Stricken und Nähen früher zum Alltag gehörte.
Engagement und gelebte Gemeinschaft
Einen großen Teil dieses Wissens bewahrt Anni Voinea in einem Dossier auf. Darin sind auch die Geschichte des Frauenkreises festgehalten, eine Teilnehmerliste, Aktivitäten, Einnahmen oder die Spenden, die sie bekommen (Wolle oder Geld) aber auch die Geldspenden die sie selbst machen, beispielsweise an das Altenheim Blumenau.
Jedes Jahr machen die Damen einen Ausflug, jedes Jahr feiern sie Fasching und verkleiden sich, jedes Jahr veranstalten sie die Oster- und Weihnachtsbasare, bei denen sie Wollmützen und -decken, fein genähte Tischläufer mit siebenbürgisch-sächsischen Modellen oder gehäkelte Puppenkleidung anbieten. Jedes Mal sind sie bei den Kulturveranstaltungen des Forums und der Kirche dabei: bei Vorträgen, Buchvorstellungen, Theater- oder Filmvorführungen und Konzerten. Beim Sachsentreffen betreiben sie sogar einen eigenen Stand. Und ab diesem Frühling sollen sie jeden Monat beim neu eingeführten „Tag der offenen Türen“ beim Forum mitmachen. „Man kann sich auf uns verlassen. Aber wir sind zu früh geboren, sonst würden wir ja mehr machen“, sagt Anni Voinea und lacht.
Viel Lachen und Plaudern
Ihre Dienstagstreffen sind ein Genuss. Schon vor 14 Uhr kommen die ersten Damen zusammen und bereiten Kaffee und Kuchen vor - gehandarbeitet wird vorwiegend zu Hause. Oft feiern sie Geburtstag, vor großen religiösen Festen gibt es einen Festtisch mit kalter Platte, von der Speck, Wurst, Käse und Zwiebeln nicht fehlen. Schon vom Flur sind ihre Stimmen zu hören. Oft sprechen mehrere gleichzeitig, sodass es schwer zu verstehen ist, was sie sagen. Auf Frau Voineas Impuls singen sie Lieder - am vergangenen Dienstag war es „Im Frühtau zu Berge“.
Die Damen lachen herzhaft, beklagen sich über Schmerzen oder Preiserhöhungen, zeigen Fotos von ihren Enkelkindern oder neuen Kreationen. Immer wieder tauchen Erinnerungen auf: an Ausflüge, bei denen eine Kollegin kurzzeitig „verloren ging“, oder über die bittere Kälte bei einer Kulturveranstaltung in Deutschkreutz. Sie denken auch an frühere Mitglieder die ausgewandert oder verstorben sind. Erst vor wenigen Wochen mussten sie sich von einer langjährigen Weggefährtin verabschieden. „Wir haben sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Wir sind immer da füreinander“, sagt Anni Voinea.
Interesse am Gemeindeleben
Es ist die Gemeinschaft, die den Kreis trägt. Über die Jahre sind enge Freundschaften entstanden, sodass einige der Frauen auch privat gemeinsam Ausflüge unternehmen oder verreisen. Das 35-jährige Jubiläum wollen die Damen ebenfalls gemeinsam begehen. Geplant ist ein Ausflug. Das Ziel müssen sie noch festlegen. „Vielleicht in der Schulerau, bei der Julius Römer-Hütter. Sie holen uns immer mit Jeeps ab, dann geht es steil bergauf. Es ruckelt und wackelt – das ist sehr lustig“, erzählen sie.
„Die Erinnerung kann uns niemand nehmen. Und wir hoffen, dass dieser Zusammenhalt, der uns schon seit 35 Jahren trägt, auch weiterhin vereint hält“, sagt Anni Voinea.
Laura Capatana Juller
Unser Handarbeitkreis Kronstadt
Ein Jahr geht zu Ende
Es folgt eine neue Wende.
Der Weihnachtsbasar war gelungen
Bei Tönen der Panflöte verklungen.
Die Tanne stand geschmückt im Raum
Es war so wie im Traum.
Einst waren wir eine große Gruppe
Nun sind wir eine kleine Truppe.
22 sind wir an der Zahl,
Es gibt keine andere Wahl.
Wir geben aber nicht auf und legen los
Das Verlangen, `was zu machen ist groß.
Jeder kann was machen
Sogar schöne Sachen.
Marianne Puia
(schreibt oft Gedichte über den Kreis, die Damen und gemeinsame Erfahrungen)
Foto: Die Damen feierten bei Kaffee und Kuchen 35 Jahre Bestehen des Handarbeitskreises im Forumsfestsaal. Marianne Puia (links) ist die Einzige, die seit 1991 dabei ist. Weitere Mitglieder des Kreises arbeiten von zu Hause aus oder teils aus dem Altenheim und schicken Wollprodukte für die Basare. Foto: Laura Capatana Juller
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)



