Die letzte Entscheidung von heute (I)
26.06.26
Im Frühling dieses Jahres hat in Kronstadt die Landesphase der Olympiade für Deutsch als Muttersprache stattgefunden. Die Karpatenrundschau in den nächsten Nummern die Aufsätze der Schüler, die bei der Deutscholympiade mit Preisen ausgezeichnet wurden.
In dieser Nummer lesen Sie den ersten Teil des Aufsatzes von Noah Nistolescu aus der XII. Klasse des Lenau-Nationalkollegs in Temeswar, der den 1. Platz erhielt. Thema war: „Was wir heute tun entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht“.
„Ein neuer Fall!“
Viktor Brandts Stimme schallte durch Konrads Büro, und der alte Mann konnte die schweren Schritte des Polizeileiters im Bauch spüren.
„Für mich?“, fragte der Kommissar und zog eine Augenbraue hoch.
„Ja, natürlich für dich“, antwortete Viktor, als ob es selbstverständlich wäre. „Los, wir gehen. Die anderen sind schon unterwegs.“
Mit seinen langen, knochigen Fingern setzte sich Konrad den Hut auf, dann nahm er seinen Mantel, und ging nach draußen, in die Kälte des Morgens. Der kalte Wind fuhr ihm ins Gesicht. Konrad wusste, dass dies einer seiner letzten Fälle sein würde, wenn nicht sogar der letzte. Jahrzehnte hatte er in der gleichen, ihm sehr bekannten, kleinen Stadt, als Ermittler gearbeitet, und nun stand er vor dem Ruhestand.
Er war alt, hager, und schlank, und trotz vieler Falten, waren seine Gesichtszüge sehr fein. Seine Haare waren grau, aber sehr gut gepflegt, und sein Blick lebendig und durchdringend.
Der Winter war gleich da, Konrad konnte es spüren. Mit den Händen in den Manteltaschen liefen die beiden, ohne ein Wort zu sagen, zum Tatort, welcher nur ein paar Straßen weit entfernt war.
Als sie ankamen, waren schon zwei Polizeiautos da, und ein paar Polizisten suchten nach Fingerabdrücken. Es wurde in einem Antikladen eingebrochen, und der Besitzer hatte es am Morgen gemerkt und sofort die Polizei angerufen.
Viktor Brandt ging, um mit ein paar Polizisten zu reden, während der alte Kommissar auf dem Gehweg blieb und die Sonne beobachtete. Viktor hatte ein kantiges Gesicht, breite Schultern, und war groß wie ein Schrank. Als Leiter des Polizeireviers der Stadt passte ihm sein Aussehen, dachte Konrad.
„Komm, wir reden mit dem Besitzer“, sagte ihm Viktor und machte ein Zeichen mit der Hand.
Der Besitzer stand in seinem Laden, mit den Händen in den Hosentaschen, und rührte sich nicht.
„Guten Morgen“, begrüßte ihn Viktor und versuchte, zu lächeln. „Mein Name ist Viktor Brandt. Das hier ist Konrad Falke, welcher für diesen Fall verantwortlich ist.“
„So, so“, brummte der Mann und schüttelte Konrads Hand zögernd.
Der alte Ermittler musterte ihm. Er war ungefähr 50, war klein und stockig, und hatte eine sehr große, runde Nase. Sein Blick war feindselig und düster.
„Ich bin Herr Sturm.“ Herr Sturm schaute Konrad nicht an, als er sich vorstellte.
„Wie Herr Brandt schon gesagt hat, werde ich mich um diesen Fall kümmern. Ich werde Zeugen interrogieren, Beweise sammeln, und Informationen kombinieren, bis ich den Täter entlarve“, erwiderte Konrad, um den Besitzer des Ladens ein bisschen aufzumuntern, was gar nicht funktionierte.
„Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Herr Falke als Ermittler, und bis jetzt war er immer erfolgreich“, meinte Viktor. „Also brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Dann lasse ich euch schon mal alleine, ich muss mich um etwas kümmern.“
Konrad Falke zog sein Notizheft und seinen Bleistift aus der Manteltasche, aber bevor er mit dem Befragen begann, schaute er sich noch einmal um.
In Herrn Sturms Antikladen gab es allerlei Sachen. Gemälde, Kerzen, kleine Statuen, alte Spielzeuge, und viel mehr. Die Wand zur Straße war völlig aus Glas, aber,Vitrinen gab es keine. Glasscherben lagen bis in der Mitte des Ladens – der Dieb hatte mit sehr viel Wucht gegen das große Fenster gestoßen, was hieß, dass er wollte, dass der Einbruch so schnell wie möglich vorbei ist. Konnte es sein, dass es der erste Einbruch des Verbrechers war? Wahrscheinlich. Aber sicher wird es der letzte sein, dachte der Ermittler. Er würde ihn schnell entlarven.
Konrad räusperte sich.
„Erklären Sie mir bitte, was heute Morgen passiert ist, Herr Sturm.“
„Um 8 Uhr bin ich angekommen. Wie jeden Tag. Mein Auto habe ich geparkt, wo ich es immer parke. Dann habe ich aber gesehen, dass mein Fenster völlig zerbrochen war. Und als ich meine Kasse öffnete, habe ich gesehen, dass 2100 € fehlen. Das ist alles.“ Er zuckte mit den Schultern und bewegte sich nicht von der Stelle.
„Und“, bohrte Konrad weiter nach, „wann genau haben Sie die Polizei angerufen?“
„Was ist denn das für eine blöde Frage!“, rief Herr Sturm empört, aber Konrad ließ sich nicht einschüchtern. „Gleich sofort, natürlich. Sobald ich das zerbrochene Fenster bemerkt habe, habe ich die Polizei angerufen.“
Der Kommissar machte mit den Fragen weiter, während die anderen, jüngeren Polizisten, nach Spuren suchten. Auch Fingerabdrücke von der Kasse nahmen sie, aber Konrad wusste, dass sie höchstens die von Herrn Sturm finden würden.
Der alte Ermittler mochte den Besitzer des Antikladens gar nicht, aber er konnte verstehen, warum er so schlecht gelaunt war.
Herr Sturm erklärte, dass er keine Sicherheitskameras hatte, weil er es nie für nötig gehalten hatte. Und seine Alarmanlage war seit zwei Wochen kaputt, und musste diese Woche repariert werden. Da hat der Verbrecher wirklich viel Glück gehabt, dachte Konrad.
Nach ungefähr einer Stunde ging er mit den anderen Polizisten wieder ins Polizeirevier, um die Spuren, die sie beim Tatort gesammelt hatten, zu analysieren, aber es gab nichts, was sie wirklich weiterbringen konnte.
Also musste Konrad Falke mit dem Befragen anfangen. Worin er wirklich gut war. Bis am späten Abend ging er von Tür zu Tür, um die Bewohner, die in der Nähe des Ladens wohnten, zu befragen.
Um ungefähr 8 Uhr ging er wieder nach Hause. Er war erschöpft. Seine Gedanken waren klar und scharf wie in seiner Jugend, doch sein Körper konnte fast nicht mehr mithalten.
Seine Katze Nala wartete auf ihn. Sie war hungrig, offensichtlich.
Konrads Wohnung war klein, und überall lagen Bücher: auf dem Tisch, auf dem Boden, auf dem Sofa, auf den Stühlen – sogar auf dem alten, dicken Fernseher lagen ein paar. Nachdem seine Frau verstorben war, verbrachte er seine Freizeit fast nur mit dem Lesen. Nur jeden Mittwoch ging er in den Park, um mit Magnus Schach zu spielen.
Konrad aß etwas aus dem Kühlschrank und setzte sich in seinen Sessel. Außer Magnus hatte er keine Freunde. Und außer Nala, natürlich. Morgen war Mittwoch.
Der alte Kommissar seufzte, und begann, alles, was er heute herausgefunden hatte, zusammenzufassen. Er war auf der richtigen Fährte, das spürte er. Doch eines verstand er nicht: Warum hatte der Dieb nur einen Teil des Geldes gestohlen und nicht alles? In der Kasse waren 1500 Euro übrig geblieben. Doch kaum, weil er dachte, er würde erwischt werden, wenn er noch eine Sekunde verbringt, um auch die anderen 1500€ zu stehlen. Aber eine Erklärung konnte er nicht finden, so merkwürdig, wie diese war.
Danach begann Konrad, über andere Sachen nachzudenken. Über seine verstorbene Frau, über Magnus, über Freunde und Feinde, über Sommer und Winter, über heute und morgen, über Tod und Leben, und über viele andere Sachen. Und ohne es zu merken, so tief in Gedanken versunken, wie er war, schlief er ein – mit einer knurrenden Katze auf der linken Schulter.
Am nächsten Morgen ging er nicht mehr zur Polizeistation, sondern sofort zum Tatort. Er musste noch einige Bewohner befragen, die am vorigen Tag keine Zeit hatten.
Als er all die Informationen hatte, die er brauchte, ging er wieder zur Polizeistation, um Viktor alles zu berichten. Heute, spätestens morgen in der Früh, wird der Täter gefangen sein, dachte Konrad.
„Nun, was hast du herausgefunden?“, fragte Viktor mit seiner kräftigen Stimme.
„So,“ begann Konrad. „Um 8 Uhr wurde der Einbruch von Herrn Sturm zuerst bemerkt. Wie sie schon wissen, wurden 2100€ gestohlen, aber was komisch ist, ist, dass 1500€ noch in der Kasse lagen. Na ja, wer weiß, warum. Aber es gibt viele andere Hinweise. Die letzten drei Monate war jeden Tag, ab sieben Uhr morgens, bis um 2 Uhr, ein graues Moped vor dem Laden geparkt. Das Gesicht des Moped-Fahrers konnten die Menschen, die in der Nähe wohnten, nie erkennen, denn er hatte immer, als er vom Moped abstieg oder aufstieg, und losfuhr schon einen Helm an. „Es war aber ein Mann, das ist sicher.“
„Und was hat dieser Mann, der ein graues Moped hat, mit dem Einbruch zu tun?“, fragte Viktor erstaunt.
„Dazu komme ich jetzt“, entgegnete der Ermittler mit heiserer Stimme. „Gestern Nacht, um ungefähr 4 Uhr, hörten einige Menschen – ich werde sie Zeugen nennen, obwohl sie eigentlich keine Zeugen sind – ein Motorengeräusch und andere hörten auch ein Klirren, gleich nachdem es das Motorengeräusch gab. Aber kein Zeuge hat sich viel dabei gedacht, und niemand hat aus dem Fenster geschaut. Ich habe aber vermutet, dass das graue Moped etwas mit dem Einbruch zu tun hat. Also habe ich die Zeugen gefragt, das Motorengeräusch, welches sie in der vorigen Nacht gehört haben, zu beschreiben – und auch das Motorengeräusch des grauen Mopeds, welches drei Monate jeden Tag vor dem Antikladen stand.“
„Es war dasselbe...“, murmelte Viktor gedankenversunken.
„Genau“, erwiderte Konrad. „Also muss man nur Kameras untersuchen, die in der Nähe des Geschäfts sind, und ein Moped finden, die Nummer dessen erkennen, und überprüfen, wem es gehört. Da es keine Kameras auf der Straße des Geschäfts gibt, und es länger dauert, bis er dort ankommt, würde ich sagen, dass man die Kameras von ungefähr 3:45 bis 4:00 überprüft.“
„Fall gelöst!“, rief Viktor begeistert und schlug mit der schweren Faust auf Konrads Büro, dass der Kommissar zusammenzuckte.
„Ja“, murmelte Konrad nachdenklich.
„Nimm dir den Tag frei, entspann dich. Du bist wirklich ein guter Ermittler, weißt du das?“
Konrad schwieg, während Viktor aufstand. Als er die Tür öffnete und herausgehen wollte, sprach Konrad:
„Aber ich verstehe einfach nicht, warum der Dieb 1500 € dagelassen hat. Und waeum war dieses Moped jeden Tag vor Herr Sturms Geschäft? Es kann nicht sein, dass es Herr Sturm nicht bemerkt hat, aber er hat mir nichts davon erzählt.“
„Warum er 1500 € dagelassen hat?“, fragte Viktor lässig. „Das geht uns nichts an. Jeder macht, was er will. Und warum das graue Moped für drei Monate jeden Tag dort stand? Das werden wir den Verbrecher fragen. Beruhige dich, Konrad. Alles stimmt. Wir werden den Täter kriegen.“
Fortsetzung folgt
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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