Ein Jahr in Kronstadt
25.09.26
Ein Rückblick auf mein Auslandsjahr an der Transilvania-Universität
Im Oktober 2025 verschlug es mich für mein Erasmus-Auslandssemester von Oldenburg nach Kronstadt. Zehn Monate lang durfte ich in Rumänien studieren, leben und ein Land kennenlernen, das mir zuvor nicht wirklich bekannt war. Rückblickend waren diese zehn Monate nicht nur eine akademische, sondern vor allem auch eine persönliche Erfahrung, die meinen Blick auf Rumänien, die deutsche Sprache und die deutsch-rumänischen Beziehungen nachhaltig verändert hat.
Bereits an meinem ersten Tag in Kronstadt wurde ich herzlich von meiner Vermieterin empfangen. Diese Herzlichkeit sollte sich wie ein roter Faden durch meinen gesamten Aufenthalt ziehen. Während meiner Zeit in Rumänien habe ich die Menschen als ausgesprochen offen, freundlich und hilfsbereit erlebt. Gerade als Erasmus-Studentin, die zum ersten Mal für einen längeren Zeitraum in einem anderen Land lebte, machte mir diese Offenheit den Einstieg in das neue Leben besonders leicht.
Schon kurz nach meiner Ankunft begann das Studium an der Transilvania-Universität. Ich nahm am Masterprogramm der Germanistik teil und besuchte Veranstaltungen, die sich mit unterschiedlichen Themen der deutschen Sprache und Literatur beschäftigten. Besonders spannend war für mich die Perspektive, aus der deutsche Literatur in Kronstadt betrachtet wird. Neben literaturwissenschaftlichen Themen spielten auch die Geschichte und Gegenwart der deutsch-rumänischen Beziehungen eine wichtige Rolle.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Beschäftigung mit der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und ihrem Roman Atemschaukel. Aber auch die Frage nach der Rolle der deutschen Sprache und Kultur in Rumänien sowie der Austausch zwischen der deutschen und rumänischen Germanistik begleiteten mich während meines Studiums. Dadurch konnte ich viele Themen, die ich bereits aus meinem Studium in Deutschland kannte, aus einer völlig neuen Perspektive betrachten.
Da der Germanistikstudiengang vergleichsweise klein ist, entstand schnell eine persönliche Atmosphäre. Studierende und Lehrende kannten sich untereinander, und insbesondere die Betreuung durch die Modulverantwortliche war für mich eine große Unterstützung. Ein besonderes Highlight meines Aufenthalts war außerdem die Möglichkeit, an einer offiziellen Germanistiktagung teilzunehmen. Im Anschluss ergab sich sogar die Gelegenheit, meinen Beitrag über die Universität zu veröffentlichen, eine Erfahrung, die ich wohl so schnell nicht vergessen werde.
Neben der Universität lernte ich auch viele Menschen kennen, die mir ihren Alltag und ihr Leben in Rumänien näherbrachten. Gleichzeitig bot das Erasmus-Netzwerk zahlreiche Veranstaltungen und Möglichkeiten, andere internationale Studierende kennenzulernen. So entstanden Freundschaften mit Menschen aus Rumänien, Deutschland und besonders Frankreich.
Auch außerhalb der Universität hatte Kronstadt einiges zu bieten. Zu meinen persönlichen Highlights gehören der Frühlings- und Sommerfestumzug durch die Stadt, das rumänische Essen und ein Stickkurs, bei dem ich traditionelle rumänische Muster kennenlernen konnte. Solche Erfahrungen ermöglichten mir einen Einblick in die Kultur, den man als Tourist vermutlich nur schwer in derselben Form bekommen hätte.
Besonders beeindruckt hat mich die Natur rund um Kronstadt. Durch die unmittelbare Nähe zu den Karpaten, bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für Wanderungen und Ausflüge. Auf Wanderungen in der näheren Umgebung sowie im Bucegi-Nationalpark konnte ich diese Landschaft aus nächster Nähe kennenlernen. Auch den Wintersport habe ich während meines Aufenthalts für mich entdeckt: In der Schulerau stand ich zum ersten Mal in meinem Leben auf Skiern.
Ein weiterer Ausflug, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, führte mich in das nahe gelegene Bärenschutzreservat. Solche Begegnungen machten mir immer wieder bewusst, wie vielfältig Rumänien ist und wie viele unterschiedliche Seiten des Landes es zu entdecken gibt.
Gemeinsam mit Freunden reiste ich während meines Aufenthalts außerdem durch weite Teile Rumäniens. Ich besuchte unter anderem die Schwarzmeerküste bei Constanța, historische Städte wie Hermannstadt, Schäßburg und Klausenburg sowie Sehenswürdigkeiten wie Schloss Bran. So wurde fast jedes freie Wochenende zu einer Gelegenheit, einen neuen Ort kennenzulernen.
Nach zehn Monaten fällt es mir schwer, eine einzelne Erfahrung als die beste meines Aufenthalts zu bezeichnen. Es waren vielmehr die vielen kleinen Momente, neue Freundschaften, spontane Reisen, Gespräche mit Menschen vor Ort und das Leben in einer Stadt wie Kronstadt, die mein Auslandsjahr besonders gemacht haben.
Rumänien hat mich mit seinen unterschiedlichen Facetten überrascht und ist mir in diesen zehn Monaten sehr ans Herz gewachsen. Mein Auslandsaufenthalt hat meinen Horizont erweitert, mir eine neue Perspektive auf mein Studium eröffnet und mir gezeigt, wie viel man über ein Land lernen kann, wenn man nicht nur zu Besuch ist, sondern für eine gewisse Zeit Teil seines Alltags wird. Wenn ich heute auf mein Jahr in Kronstadt zurückblicke, bleibt vor allem eines, ich würde diese Erfahrung jederzeit wiederholen.
Ronja Engel
Ronja Engel, Erasmus-Studentin aus Oldenburg, beim Weißen Turm in Kronstadt. Foto: privat
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
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