Erinnern gegen die Konstruktion: Der lange Schatten des „Schwarze-Kirche-Prozesses“
03.04.26
Buchvorstellung und Podiumsdiskussion zur zweiten Auflage
Junge Freunde, die sich hin und wieder zu Diskussionsrunden treffen, um die einfachen Fragen der Zeit zu besprechen. Ein Pfarrer, der das Wohl seiner Gemeinde sucht, gemeinsam mit einem Teil des Verwaltungspersonals. Und ein Geschwisterpaar, das einen Brief aus Westdeutschland erhalten und mit einigen wenigen Bekannten geteilt hat. Was alle diese Personen gemeinsam haben? Die Anklage wegen Hoch- und Landesverrats, gefolgt von langen Freiheitsstrafen, die auf üble Taten hinzuweisen scheinen. Und auch, dass ihrer Lebensgeschichten erneut gedacht wurde, als am Samstag, dem 28. März, die zweite Auflage von „Der Schwarze-Kirche-Prozess 1957/58. Erlebnisberichte und Dokumentation“ im Festsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt vorgestellt wurde. Es war ein Abend der Stimmen – derer, die heute über das Geschehene sprechen können und derer, die größtenteils verstummt sind, deren Schicksale aber nun noch einmal schwarz auf weiß zwischen zwei Buchdeckeln fixiert wurden. An der Podiumsdiskussion beteiligten sich Karl-Heinz Brenndörfer, welcher die Berichte der Prozessopfer zusammengetragen hat, sowie die Historiker Corneliu Pintilescu, der sich in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Schwarze-Kirche-Prozess auseinandersetzt hat, Harald Roth, welcher mit einigen der Prozessopfer persönlichen Kontakt hatte und Unterstaatssekretär Thomas Șindilariu, der neben Brenndörfer auch der Herausgeber des Bandes ist, unter der Moderation von Ralf Sudrigian. Der Saal war voll und es mussten noch einige Stühle dazugestellt werden, denn an Interessierten mangelte es nicht und durch die XXIX. Tagung der Kronstädter Germanistik kamen auch einige internationale Gäste zu der Veranstaltung dazu.
Die Neuauflage und ihre Notwendigkeit
Karl-Heinz Brenndörfer erklärte zu Beginn, wie es in erster Linie zu dem Band, der 2011 erschienen ist, gekommen war: bei einer Tagung anlässlich des 50. Jahrestages im Jahr 2008, an welcher die meisten noch lebenden Prozess-Opfer teilnahmen, reichte die Zeit nach vielen Referaten nicht mehr für den Kern der Begegnung, nämlich die Podiumsdiskussion der Prozessopfer mit ihren persönlichen Berichten. Daraufhin entstand die Idee, eine Broschüre mit diesen Berichten herauszubringen – jedoch wurde daraus ein ganzes Buch, an dessen Herausgabe schlussendlich auch die Honterus-Gemeinde beteiligt war.
Die zweite Auflage des Bandes ist im Wesentlichen ein Nachdruck, von dem es 500 Exemplare gibt. Biografisch ergänzt und aktualisiert wurde die Liste über alle Verurteilten und Personen, die im Zusammenhang mit der Schwarze-Kirche-Gruppe verhaftet wurden, jedoch anderen Prozessen zugeordnet wurden. Sechs von den insgesamt 24 sind heute noch am Leben. Initiiert wurde der Neudruck vom Jugendforum Kronstadt – die ehemalige Auflage aus dem Jahr 2011 war schnell vergriffen, das Interesse an dem Thema jedoch nicht weniger geworden. Und so ist das Buch jetzt wieder da: auf rotem Hintergrund prangt in einem schwarzen Linolschnitt von Erhard Volkmer die Schwarze Kirche. Ein schwarzer Tintenklecks deutet die umfangreiche Bürokratie der Securitate und der Gerichtsverhandlungen an.
Bilder von Betroffenen, den Schauplätzen der Handlung und aus der Bilddokumentation der Securitate selbst, sowie das Aufhebungsurteil des Obersten Gerichtshofs Rumäniens aus dem Jahr 1998 ergänzen die rund 250 Seiten Berichte der Prozessopfer.
Der Prozess als Konstruktion
Bald 70 Jahre ist es her, dass in Kronstadt einer der folgenreichsten politischen Prozesse gegen die deutsche Minderheit in Rumänien stattfand. Ende 1957 verhaftete die Securitate gezielt junge Siebenbürger Sachsen sowie einzelne Vertreter der evangelischen Kirche und konstruierte aus ihnen eine angebliche Untergrundorganisation mit Verbindungen in den Westen. Vor einem Militärgericht wurden die Angeklagten 1958 in einem nicht öffentlichen Verfahren zu drastischen Strafen verurteilt.
Was an diesem Abend deutlich wurde: Der sogenannte „Schwarze-Kirche-Prozess“ war kein isoliertes Ereignis, sondern Teil eines größeren Mechanismus. Ein Puzzle aus Angst, Konstruktion und gezielter Verdrehung von Realität. „Man hat aus einem Freundeskreis eine Verschwörung gemacht“, hieß es sinngemäß. Junge Menschen, die sich trafen, diskutierten, Musik hörten, über die Welt nachdachten – wurden plötzlich zu Staatsfeinden. Denn die Securitate zielte bei ihrer Dokumentation vor allem darauf ab, ein eigenes Narrativ herzustellen – nicht, einen tatsächlichen Sachverhalt aufzuklären. Dabei spielte die sogenannte „Holzsprache“/„limbaj de lemn“ eine Rolle - ein ideologischer Jargon, der im Protokoll alltägliche Situationen und Aussagen zu staatsfeindlichen Aktionen umwandelte.
Besonders eindrücklich war eine Frage, die fast beiläufig gestellt wurde: Warum wusste damals kaum jemand von diesem Prozess? Es gab keine Zeitungsberichte. Keinen Schauprozess im klassischen Sinn. Nicht einmal die, die ganz in der Nähe lebten, hatten etwas mitbekommen. Und doch: solch massive Strafen. Die Antwort darauf, gefunden zwischen der Zeilen der Akten des Geheimdienstes, zeigt deutlich: Mit dem Prozess sollte ein Zeichen nach innen gesetzt werden – es ging mehr um Einschüchterung als um Propaganda. Trotzdem wurde der Prozess in Moskau genutzt, als „gutes Beispiel“ für angehende Mitarbeiter der kommunistischen Geheimdienste.
Auch der Begriff „Edelsachsen“, der immer wieder im Zusammenhang mit dem Prozess aufkommt, wurde diskutiert. Er zeigt eine vermeintliche Überlegenheit und Arroganz der Jugendlichen an – Pintilescu erklärte, dass es ihn in den Akten so nicht gibt. Allerdings ist klar, dass die Sachsen als gut-bürgerliche Schicht von der Securitate nicht gerne gesehen wurden. Vermutlich deshalb wurde versucht, den Begriff zu nutzen und die Jugendlichen so darzustellen, als hätten sie sich als etwas Besseres bezeichnet. Aus den Zuschauerreihen ergänzte Wolfgang Wittstock, dass einer der Prozessopfer, Gerhard Gross, in seinem neuen Buch „Angekettet. Der Schwarze-Kirche-Prozess“ erklärt, wie er von dem Begriff „Edelsachsen“ erstmalig im Zeidener Gefängnis hörte. Trotzdem wird aus den Erzählungen mehrerer Verklagten deutlich, dass bis in ihr nächsten Umfeld geglaubt wurde, sie hätten dieses Wort verwendet und nach ihrer Entlassung gefragt wurde, wie sie so „verrückt“ sein konnten.
Es stellt sich die Frage: Wozu die ganze Arbeit?
Weshalb die Securitate so viele Geschösse aufgefahren hat, mit 20 Verurteilten und ganzen „Abendlektüren“ an Bürokratie, ist ebenfalls den Akten entnehmbar: die Sachsen schienen im Kontext des Ungarnaufstands von 1956 als solch eine Bedrohung für den Geheimdienst, dass dieser versuchte, die Gemeinschaft auf verschiedenen Wegen zu schwächen. Dazu gehörte auch die familiäre Vermischung der Sachsen mit dem multikulturellen Umfeld, um somit die Zukunft der Gemeinschaft zu gefährden. Pfarrer Möckel, der auf die Frage zu Mischehen antwortete, dass man sich eher auf seine eigene ethnische Gemeinschaft konzentrieren sollte, war ihnen ein Dorn im Auge.
Die Gruppe war nicht homogen
Es war wohl für die Securitate wichtig, auch eine Verbindung zu älteren Erwachsenen wie Pfarrer Möckel und anderen Verwaltungsmitgliedern der Honterusgemeinde herzustellen, um dem jugendlichen Kreis einen „Hexenmeister“ beizugeben. Außerdem wurden etliche auch nicht verhaftet, obwohl sie bei den Treffen der Jugendlichen dabei waren. „Das ist ja wichtig für eine Willkürherrschaft, einen Unschuldigen zu bestrafen, denn der merkt es sich, und andere laufen zu lassen, damit sie immer Angst haben“, so Șindilariu zu der ungleichen Behandlung.
Dazu kommen die Informanten der Securitate, welche, teils infiltriert unter der deutschen Minderheit, teils bereits aus der Gemeinschaft stammend, nun (zu eigenen Vorteilen aber auch für eine Art Rache an Gemeindemitgliedern) an dem Konstrukt der Securitate mitbauten. Einer aus der Gruppe selbst hatte sogar von der Securitate eine Flucht – erst über Hermannstadt, dann das Schwarze Meer und schließlich nach Westdeutschland – organisiert bekommen, nachdem er bei ihnen unterschrieben hatte.
Ein Satz von Karl-Heinz Brenndörfer über die jahrelange Verunsicherung der Angeklagten – ebenfalls zustandegekommen durch diese gründliche Arbeit der Securitate – blieb hängen: „Manche haben bis heute den Verdacht, der andere könnte zu viel gesagt haben“. Das ist beim Zusammentragen der Berichte durchgekommen – eine feine Nachwirkung von Repression, die sich auch Jahre nach den Verhören nicht einfach abschütteln ließ.
Zwischen Dokumentation und Menschlichkeit
Was diesen Abend besonders machte, war die Balance zwischen historischer Analyse und persönlichen Anekdoten - Erinnerungen an Gespräche mit den Betroffenen, Details aus den Akten der Securitate oder auch lustigen Bemerkungen.
Harald Roth lenkte den Blick auf die langfristigen Wunden. Der Prozess selbst, gepaart mit anderen Faktoren, die zu schwerer Verunsicherung bei den Sachsen führten, endeten darin, dass eine ganze Generation – die Geburtsjahrgänge der 40er und 50er Jahre – in der Gründung von Vereinen und Institutionen der Siebenbürger Sachsen fast vollständig fehlt. „Man wollte den Stolz dieser Gruppe brechen“, so Roth. Es war ein Einschnitt, der bis heute nachwirkt.
Am Ende des Abends blieb die Erkenntnis, dass Aufarbeitung mehr ist als das Wälzen von Akten. Die Dokumente der Securitate nicht vollständig als wahr zu betrachten und mit Erlebnisberichten derer, die die Repression am eigenen Körper erlebt haben, gegenzuprüfen, ist enorm wichtig, um möglichst nah an die Wahrheit zu kommen. Es ist, wie Paul Binder es formulierte, auch die Suche nach “einem höheren Verständnis“, das Aussieben von dem Guten, um trotz der grausamen Ungerechtigkeiten nach vorne schauen zu können. Das Buch ist damit ein notwendiger Anker in einer Zeit, die allzu schnell vergisst.
Die Veranstaltung klang bei Gebäck und angeregten Gesprächen über das soeben Gehörte aus.
Das Buch erschien mit der finanziellen Unterstützung des Departments für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Regierung Rumäniens durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Kronstadt. Es handelt sich um Gratisexemplare.
Bernice Krech-Lițoiu
Der volle Festsaal bei der Veranstaltung. Online zugeschaltet waren Karl-Heinz Brenndörfer und Corneliu Pintilescu. Foto: Bernice Krech-Lițoiu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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