Glücksspiele wirklich verboten?
01.05.26
Öffentliche Debatte in Kronstadt
Seit Februar dieses Jahres, als die Eilverordnung der Regierung OUG Nr. 7/2026 erlassen wurde, wird intensiv über das Verbot von Glücksspielen diskutiert. Bürgermeisterämter können nun selbst entscheiden, ob sie Casinos und Spielhallen in ihrer Stadt zulassen und unter welchen Bedingungen. Slatina ist die erste Stadt in Rumänien, die Glücksspiele vollständig verboten hat. Nach Ablauf der Lizenzen erhalten die bestehenden Einrichtungen keine Verlängerung und müssen schließen. Die Maßnahme soll die Gemeinschaften schützen und die kontinuierliche Ausbreitung des Phänomens eindämmen. Auch viele andere Städte, darunter Jassy, Braila und Ploiesti haben sich kritisch positioniert, konkrete Beschlüsse stehen jedoch noch aus. Einige Städte haben das Thema bereits in eine öffentliche Debatte überführt. Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien äußerte sich Mitte April für die Untersagung von Glücksspielstätten, um damit „Leben, Familien, die Gemeinschaft zu retten und beizutragen für eine christliche, gesunde, sozialverantwortungsvolle, wirtschaftlich-nachhaltige und nach lebens- und gemeinschaftsfördernden Werten sich ausrichtenden Gesellschaft in Rumänien“.
Lage in Kronstadt
Im Kreis Kronstadt werden in Z²rne{ti die grellen Werbeleuchten der Spielhallen abgeschaltet. Es ist die erste Stadt der Region mit einem radikalen Vorgehen gegen die Glücksspielindustrie. In Kronstadt selbst verfolgt Bürgermeister George Scripcaru hingegen nur teilweise Einschränkungen. Kronstadt gehört neben Klausenburg und Konstanza zu den Städten mit der höchsten Dichte an Spielhallen und Wettbüros. Bukarest hingegen gilt mit seinen rund 160 Casinos als „Las Vegas Europas“ bezeichnet. Ab nun könnten in Kronstadt die zahlreichen Spielhallen in Erdgeschossen von Wohnblocks verschwinden, ausgenommen Lotoagenturen und Sportwetten, sofern sie keine Video-Lotterie, Slotmaschinen („pacanele“) oder ähnliche Video-Gewinnspiele anbieten. Zudem ist im Projekt zu diesem Thema vorgesehen, dass Spielhallen und Casinos künftig mindestens 200 Meter Abstand zu Schulen, Universitäten, Campusgeländen sowie kulturellen, gesundheitlichen, sozialen oder religiösen Einrichtungen einhalten. Obwohl Scripcaru betont, dass Glücksspiel „keinen Mehrwert für die Gemeinschaft“ haben und der wirtschaftliche Nutzen gering sei, sieht das Projekt keine vollständige Abschaffung vor. Stattdessen sollen sie verlagert werden: Roulette, Poker, Blackjack und Spielautomaten sollen künftig in 4- und 5-Sterne-Hotels in Kronstadt und der Schulerau sowie in Einkaufszentren konzentriert werden.
Damit rückt insbesondere ein junges Publikum in den Fokus, das sich regelmäßig in Malls wie Coresi, Afi, Star, Eliana, Unirea und Magnolia aufhält – genau dort, wo die Branche weiterhin präsent bleiben möchte. Denn viele Spieler sind junge Menschen. Das Stadtoberhaupt hatte die Bevölkerung zu einer öffentlichen Debatte über das Vorhaben eingeladen.
Eine profitable Branche
Die Glücksspielbranche zählt zu den ertragsstärksten Wirtschaftszweigen. Im Jahr 2022 erzielte sie in Rumänien einen Gewinn von 2,4 Milliarden Euro. Das ist, laut Ziarul Financiar, ein Plus von 40 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Das Wachstum wird durch die steigende Armut sowie durch aggressive Werbung, besonders im Online-Bereich, begünstigt. Laut einer Auswertung des Rumänischen Amts für Transmedia-Audit BRAT gehören im Jahr 2023 fünf der zehn größten Online-Werbekunden im Land zur Glücksspielbranche. Vor drei Jahren hat Rumänien begonnen, die Beteiligung von Prominenten wie Sportler, Musiker oder Influencer an der Werbung für Glücksspiele deutlich einzuschränken, um den Einfluss auf Jugendliche und schutzbedürftige Personen zu verringern. Die Rumänische Fußball-Föderation ist eine von jenen, die sich dagegen äußerten. Im Gegensatz dazu kritisierte David Popovici, Europa-, Welt- und Olympiasieger im Schwimmen, die Glücksspiel-Branche öffentlich und lehnte Sponsoringangebote ab, da er die schweren Folgen der Sucht bei einem Verwandten gesehen hat. Der junge Sportler plant nach Beendung seiner Karriere die Gründung eines Rehabilitationszentrums für Suchtkranke, da staatliche Unterstützung unzureichend sei.
Hunderttausende Abhängige
Offizielle staatliche Studien und Statistiken zur Anzahl der Glücksspiel-Abhängigen in Rumänien fehlen. Schätzungen gehen jedoch von rund 200.000 Betroffenen aus; etwa doppelt so viele gelten als problematisch spielende Personen.
Weltweit leiden nach wissenschaftlichen Schätzungen etwa 80 Millionen Menschen an Glücksspielabhängigkeit oder an schweren Formen problematischen Spielverhaltens. Das kostete sie die Familie, die Arbeitsstelle, Gesundheit, einige sogar das Leben. Experten warnen vor der hohen Suchtgefahr und fordern strengere staatliche Regulierung sowie eine deutliche Reduktion von Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von Glücksspielen und Reklame.
Staatliche Maßnahmen und ihre Grenzen
Seit 2024 können sich Spieler offiziell von Glücksspielanbietern ausschließen lassen. Das Glücksspielamt (Oficiul Na]ional de Jocuri de Noroc ONJN) soll diese Personen in einer Datenbank erfassen, die den Zugang zu Spielhallen, Wettbüros und Online-Plattformen verhindern soll. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Umsetzung lückenhaft ist. In den über 12.000 Glücksspielstandorten landesweit kommt es weiterhin vor, dass keine effektive Kontrolle beim Betreten von Spielhallen erfolgt. So können Süchtige ungehindert spielen. Teilweise erhalten auch Minderjährige Zugang.
Eine Studie aus Missouri, USA, zeigt, dass die Selbstsperre grundsätzlich wirksam sein kann aber eher auf die Entscheidung des Nutzers selbst zurückzuführen ist als auf die tatsächliche Umsetzung der Maßnahme. Weitere Maßnahmen im rumänischen Gesetz umfassen unter anderem das Verbot von Spielautomaten in Städten unter 15.000 Einwohnern sowie die Einführung des Mindestalters von 21 Jahren für das Betreten von Spielhallen und -banken. Diskutiert werden zudem strengere Werberegeln, verschärfte Regeln für den Online-Bereich oder einkommensabhängige Verlustbegrenzung. Parallel dazu gibt es politische Initiativen und zivilgesellschaftliche Petitionen gegen Glücksspiele und -werbung. Zudem wird betont, dass soziale Hilfsangebote für Betroffene und deren Familien notwendig sind.
Globaler Markt und internationale Einordnung
In Europa verzeichnet Italien die höchsten Glücksspielausgaben mit rund 21 Milliarden Euro im Jahr 2023. Auch Großbritannien, Deutschland und Frankreich zählen zu den großen Märkten. In kleineren Ländern wie Zypern und Island liegen die Pro-Kopf-Ausgaben bei rund 500 Euro im Jahr. In Rumänien erreichen sie maximal etwa 150 Euro pro Einwohner jährlich. Die USA sind weltweit der größte Glücksspielmarkt. Vor zwei Jahren beliefen sich die Online-Umsätze auf 121 Milliarden US-Dollar, also rund 20 Prozent des globalen Volumens. Etwa 2,5 Millionen Erwachsene sind dort von schwerer Spielsucht betroffen. Der weltweite Markt erreichte, laut Statista, zuletzt über 643 Milliarden US-Dollar und wächst weiter.
Wenn das von George Scripcaru für Kronstadt vorgeschlagene Projekt im Stadtrat beschlossen wird und Glücksspiele in Malls alle Blicke auf sich ziehen werden, stellt sich die Frage, ob die Maßnahmen tatsächlich eine Schutzwirkung entfalten oder der Zugang lediglich verlagern wird.
Laura Capatana Juller
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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