„Ich habe die Orgel eigentlich unbewusst für mich entdeckt“
07.08.26
Paul Cristian, seit 22 Jahren Organist an der Bartholomäer Kirche
Als Paul Cristian sich in der 12. Klasse plötzlich entschied, Musik zu studieren, waren seine Eltern sehr erstaunt. Als Kind zweier Musiker erhielt er bereits seit dem Kindergarten Klavierunterricht, den er allerdings während der Lyzeumszeit aufgab. Er bereitete sich auf ein Philologiestudium vor, als ihm plötzlich bewusst wurde, wie eng er mit der Orgel verbunden war. Seither gibt es kaum noch einen Tag, an dem er nicht Musik spielt: beruflich oder privat.
Paul Cristian wirkte als Jugendlicher mit guten Klavierkenntnissen immer wieder als Vertreungsorganist bei evangelischen Gottesdiensten in Gemeinden im Burzenland mit. „In den 1990er Jahren war keiner mehr da, der spielen konnte. Deswegen hat man mich gebeten, ab und zu auszuhelfen“. Erst spielte er während der Gottesdienste in der Evangelischen Kirche in Rosenau. Danach kamen Nussbach und Marienburg hinzu. Später wirkte er auch in Zeiden als Organist. „Es gab Zeiten, da spielte ich fast jede Woche. Zudem bekam ich auch ein kleines Taschengeld“, sagt sich der Musiker lächelnd.
Er erinnert sich an seine ersten Einsätze auf den unbekannten Instrumenten. Viele Orgeln in kleinen Gemeinden waren nach der Massenauswanderung der Siebenbürger-Sachsen in einem schlechten Zustand. „So musste ich lernen, Orgeln selbst zu reparieren, damit die Töne besser klingen. Manchmal musste ich auch während der Predigt noch am Instrument arbeiten”.
Sein Interesse am Instrument entwickelte sich auch während seiner Zeit als Chorsänger im Kronstädter Bachchor weiter. „Dort habe ich gesehen, wie eine Orgel funktioniert und worauf man beim Spielen achten muss. Einiges ging in der Anfangszeit natürlich auch schief”, aber er machte weiter. Denn er liebt Musik.
Zudem bot ihm die Orgel etwas, das er beim Klavierspiel vermisste: er konnte Musik machen und zugleich im Hintergrund bleiben, fernab der Blicke des Publikums. „Ich war immer sehr schüchtern. Was mich am Klavier am meisten störte, war, dass man sich schick anziehen, vor das Publikum treten und sich schön verbeugen musste.”
Orgelstudium bei Eckart Schlandt und in der Schweiz
Mit der Zeit lernte er die Königin der Instrumente immer besser kennen. Nach dem Abitur begann er das Orgelstudium bei Eckart Schlandt an der Kronstädter Musikhochschule. In der Zwischenzeit durfte er bei der Renovierung der Orgel in der Schwarzen Kirche mithelfen. Er lernte damals sehr viel von Ferdinand Stemmer und Barbara Dutli.
Diese Erfahrung bewog ihn zu einem dreijährigen postgradualen Masterstudium im Fach Orgel am Konservatorium Lausanne (Schweiz) bei Jean-Christophe Geiser. Anschließend absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Orgelbauer in Honigberg bei Dutli und Stemmer. So wirkte er beim Bau und bei der Instandhaltung von Instrumenten in ganz Siebenbürgen mit.
Paul Cristian vertiefte seine Kenntnisse bei Meisterkursen für Orgel, Cembalo- und Basso continuo sowie in Improvisationskursen und Kursen zur Interpretation barocker Musik in der Schweiz. Er blieb zwischen 2002 und 2004 weiterhin dort, wo er als Hauptorganist an der Kirche La Sallaz in Vennes tätig war. Danach kehrte er nach Kronstadt zurück und ist seither Organist der Bartholomäer Kirche, zu der auch die Gemeinde in Honigberg gehört. Der Musiker teilt sein Wissen mit Schülern der Musikschule in Kronstadt, gibt auch Konzerte im In- und Ausland und begleitet Chöre.
„Es ist ein Schatz für uns, dass wir diese Orgeln in Siebenbürgen haben”
„Die Orgel ist ein faszinierendes Instrument. Sie ist technisch wie klanglich etwas ganz Besonderes. Ich habe sie eigentlich unbewusst für mich entdeckt“, erklärt der Organist. Schon die Möglichkeit, die Instrumente in den siebenbürgisch-sächsischen Dörfern reparieren zu können, ist für ihn eine Genugtuung. Er setzt sein Können immer wieder ein, hat immer eine kleine Werkzeugschachtel dabei - „für alle Fälle“.
„Es ist ein Schatz für uns, dass wir diese Orgeln in Siebenbürgen haben”, sagt er. „Wir haben nicht unbedingt eine sehr einheitliche Orgellandschaft, aber ich glaube, das macht auch einen Reiz aus. Wir haben sehr wertvolle Orgeln in kleinen Gemeinden. Und wir haben das Glück, dass dank der Orgelbauwerkstatt in Honigberg sehr viele Instrumente restauriert werden konnten“.
Paul Cristian bedauert, dass sich der Zustand der Orgeln in isolierten Gemeinden, wo manchmal über Jahre hinweg nicht gespielt wird, verschlimmert oder sogar Teile davon verschwinden. Gleichzeitig ist er voller Freude über die Spendenaktion zur Renovierung der Orgel in Deutsch-Tekes, die er ganz besonders mag. Auch für das Instrument in Hamruden wünscht er sich eine gründliche Reparatur.
Kirchenmusik statt Klassik
„Als ich angefangen habe, dachte ich, ich spiele fünf Jahre und dann sind alle Leute weg. 1992 sah es wirklich so aus. Und dann sind doch Zeichen und Wunder geschehen. Und ich hoffe, dass es in diese Richtung weitergeht.“ Er schöpft neue Hoffnung, vor allem seit die Bartholomäer Kirche seit einem Jahr mit der jungen Familie Braisch wieder eine eigene Pfarrfamilie gewonnen hat - nach mehr als zehn Jahren ohne eigenen Geistlichen. Seither ertönt im ältesten Gotteshaus der Stadt nicht nur zu Gottesdiensten Musik. Paul Cristian und die Pfarrfamilie, selbst Musiker, haben im vergangenen Herbst Musiknachmittage eingeführt. Und in diesem Sommer erklingt jeden Freitag ab 12 Uhr Orgelmusik. Nach einem kurzen Konzert gibt es auch eine Kirchenführung. „Wir probieren aus, wir bauen auf“, freut sich der Fünfzigjährige. Und er ist zuversichtlich, dass die Orgelmusik in Siebenbürgen noch lange erklingen wird.
Laura Capatana Juller
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