„Im Nachhinein glaube ich, dass wir es mit einer Eliteschule zu tun hatten“
11.09.26
Interview mit Honterus-Absolventin Brunhilde Böhls
Die Absolventen des Honterus-Lyzeums arbeiten heute, in der ganzen Welt verstreut, in allen denkbaren Bereichen- unter ihnen sind Star-Musiker, Informatiker, Top-Manager, Politiker, Schriftsteller, anerkannte Ärzte oder Architekten. Ob in London, Abu-Dhabi, Wien, Berlin, New York, Bukarest oder Kronstadt- die meisten von ihnen denken gerne an ihre gemeinsame Schulzeit zurück. In der Karpatenrundschau werden wir in den nächsten Monaten einige der ehemaligen Honterianer vorstellen, die heute eine erfolgreiche Karriere haben. Falls Sie auch jemanden kennen, der das Honterus-Lyzeum absolviert hat und sich in seinem Bereich bemerkbar gemacht hat, können Sie uns gerne ihre Vorschläge auf kronstadt@adz.ro zusenden. Wir freuen uns auf jede Idee!
Brunhilde Böhls, geborene Müll, verließ Siebenbürgen als junge Frau und fand in Deutschland eine neue Heimat, blieb ihrer Herkunft und ihrer ehemaligen Schule jedoch stets verbunden. Ihre Beschäftigung mit der deutschen Sprache führte sie auch wissenschaftlich zum Rumäniendeutschen. Im Interview mit KR-Redakteurin Bernice Krech-Lițoiu spricht sie über ihre Kindheit, die Schulzeit am Honterus-Lyzeum, die Ausreise, ihre Rückkehr nach Hermannstadt und die Frage, was Heimat für sie heute bedeutet.
Frau Böhls, können Sie sich kurz vorstellen und etwas über Ihren persönlichen und beruflichen Werdegang erzählen?
Mein Name ist Brunhilde Böhls, geborene Müll. Meine Mutter war Grundschullehrerin, mein Vater Meister in der Hidromecanica-Fabrik. Ich habe eine zwei Jahre jüngere Schwester. Wir lebten zunächst in Rosenau und zogen später in ein Neubauviertel in Kronstadt, wo wir eine Blockwohnung bekamen. Aus den Erzählungen meiner Eltern weiß ich, wie groß die Wohnungsnot in den 1950er- und 1960er-Jahren gerade für die deutsche Minderheit war.
1977 erhielten wir die Genehmigung zur Ausreise. Zweieinhalb Jahre lebten wir ohne meinen Vater, der bereits ausgereist war. Für meine Mutter war diese Zeit sehr schwer. Sie wurde immer wieder zu Gesprächen mit der berühmt-berüchtigten Securitate bestellt und stand mit anderen Lehrern und Familien in Kontakt, die ebenfalls ausreisen wollten. Wenige Tage nach meinem 18. Geburtstag konnten wir dann von Bukarest nach Frankfurt fliegen. In Duisburg machte ich mein Abitur, das war ein Kulturschock. Hier war der Klassenverband sehr wichtig gewesen, während in Deutschland gerade das Kurssystem eingeführt worden war. Ich fühlte mich zunächst verloren und galt als Streberin, weil ich gerne lernte. Das hat mich sehr verunsichert.
Danach studierte ich in Bonn Germanistik und Romanistik. Ein Jahr arbeitete ich als Lehrerin in Frankreich und sammelte Erfahrungen mit Deutsch als Fremdsprache. Das war interessant, zeigte mir aber auch, dass ich nicht unbedingt als Lehrerin arbeiten wollte. Schließlich bekam ich eine Stelle an der Universität Duisburg-Essen und arbeitete dort mein ganzes Berufsleben in verschiedenen Bereichen.
Was verbinden Sie heute besonders mit Ihrer Kindheit in Siebenbürgen?
Vor allem die heißen Sommer. Wenn ich an Brenndorf und Zeiden denke, erinnere ich mich an das Waldbad, an Wanderungen über den Zeidner Berg, an Pilze sammeln und Grillen mit der Großfamilie. In Brenndorf sind mir besonders die Storchennester in Erinnerung geblieben. Wenn ich später wieder nach Rumänien kam und die Störche sah, war das wie ein Nachhausekommen.
Wir waren sehr naturverbunden. Schon in der Grundschule lernten wir viel Heimatkunde und waren am Lempesch und am Kalten Brunnen. Die Jahreszeiten haben wir dadurch sehr bewusst erlebt.
Sie waren ab der fünften Klasse am Honterus-Lyzeum. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Meine Mutter war meine Grundschullehrerin und sehr streng, aber ich habe von ihr viel gelernt. Ab der fünften Klasse kam ich ans Honterus-Lyzeum. Viele meiner Grundschulfreunde waren später ebenfalls in meiner Klasse. Wir hatten drei große Parallelklassen, überwiegend mit Muttersprachlern.
Der Klassenverband war für mich sehr wichtig. Wir spielten in den Pausen Völkerball, hatten Leichtathletikwettkämpfe auf dem Sportplatz des Șaguna-Lyzeums und lernten Orientierungslauf unterm Königstein und in der Schulerau. Das Skilager in Mălăiești ohne Strom und fließendem Wasser schweißte die Gemeinschaft noch mehr zusammen. Wir machten uns "Gletscherwonne" aus Schnee und Zitrone oder Marmelade. Wir organisierten viele Partys, Chefs, und tanzten auf die neueste Rockmusik aus dem Westen oder auf Blasmusik von den Egerländern Hopserpolka.
Gibt es eine besonders lustige Erinnerung an Ihre Schulzeit?
Wir haben die Lehrer am 1. April gerne gefoppt. Einmal baten wir eine Lehrerin, uns nach dem Klingeln sofort hinauszulassen, weil wir angeblich etwas Wichtiges zu tun hätten. Wir stellten einen Wecker, der zehn Minuten später geklingelt hat. Danach saß die Lehrerin allein in der Klasse.
An welche Lehrer erinnern Sie sich besonders?
An meine Deutschlehrerin Gudrun Schuster und an meine Klassenlehrerin bis zur 8. Klasse, die Geographielehrerin Christa Sudrigian. Auch später habe ich sie gerne besucht. An den Biologielehrer Günter Paalen erinnere ich mich ebenfalls besonders, weil er uns viel über Anatomie und Botanik vermittelt hat. Stefan Șindilariu war mein Lieblingssportlehrer, weil er uns für Sport und Ausflüge begeistern konnte. Herr Seidel war ein strenger, aber sehr geschätzter Mathematiklehrer. Ich kam oft zu spät. Einmal ließ er mich nicht mehr in die Klasse – ich musste draußen warten, bis die Stunde um war.
Sie haben Germanistik studiert – woher kam Ihre Begeisterung für Sprachen?
In unserer Familie gibt es eine gewisse Begabung für Sprachen. Meine Tante war Deutschlehrerin in Zeiden, meine Mutter wie gesagt eine sehr engagierte Grundschullehrerin. Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Mich mit der Grammatik zu beschäftigen, gefiel mir in allen Sprachen, die ich gelernt habe – das sind insgesamt sieben, unter anderem Ungarisch, Türkisch und Spanisch. Besonders gut spreche ich Rumänisch, Französisch und Englisch.
Mich faszinieren die Logik und zugleich die Vielschichtigkeit der Sprache. Derselbe Sachverhalt lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise ausdrücken.
Sie haben sich auch wissenschaftlich mit dem Rumäniendeutschen beschäftigt. Was hat Sie daran interessiert?
Seit der Ausreise beschäftigte mich, dass ich zwar gut Deutsch spreche, aber immer etwas anders als die Deutschen aus Duisburg. Ich wollte wissen, woran das liegt. Ralf Sudrigian stellte mir einen Jahrgang der „Karpatenrundschau“ zur Verfügung, den ich vor allem hinsichtlich der Wortwahl analysierte. Später lernte ich in Duisburg den Soziolinguisten Professor Ammon kennen. Er hat die Varietätenlinguistik in Deutschland wesentlich bekannt gemacht. Für uns war es selbstverständlich, dass wir eine eigene deutsche Sprachvarietät mit Transsilvanismen und Rumänismen haben. In Deutschland war das weniger bekannt. Tragisch ist, dass das Rumäniendeutsche erst stärker wissenschaftlich wahrgenommen wurde, als unsere Sprachgemeinschaft durch die Auswanderung bereits stark geschrumpft war. 2016 konnte ich mich mit über 50 Jahren noch einmal intensiv mit diesem Thema beschäftigen.
Wie verändert sich die Sprache, wenn zwei Sprachen nebeneinander gesprochen werden?
Man übersetzt automatisch. Solche Entwicklungen sind für die Varietätenlinguistik interessant. Gleichzeitig sollte man darauf achten, dass daraus nicht einfach falsches Deutsch wird, besonders bei Kindern, die hier Deutsch lernen und später in Deutschland studieren möchten.
Die deutschsprachigen Zeitungen und die muttersprachlichen Lehrer spielen in Ermangelung von Wörterbüchern und anderer Instanzen der Sprachpflege eine wichtige normative Rolle. Die ADZ, die Hermannstädter Zeitung und andere Zeitungen sind wichtige Beobachter dieser Entwicklung und zugleich eine Verbindung zu den Ausgewanderten.
Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Heimat verändert?
Ich wurde zeitweise als Rückkehrerin bezeichnet. Meine Rückkehr war zunächst aus der Not geboren. In Deutschland hatte ich lange Probleme am Arbeitsplatz und gesundheitliche Beschwerden. Ich bekam die Möglichkeit, mich für längere Zeit freistellen zu lassen und in Rumänien zu leben. In Hermannstadt konnte ich eine Wohnung mieten, reisen, Freunde treffen und hatte die Möglichkeit, die Reste der verschiedenen Gartenformen in der Kirchenburgenlandschaft kennenzulernen und mich mit alten Obstsorten zu beschäftigen. Dadurch hatte ich einen großen Vorteil gegenüber Menschen, die ihre Heimat nur in Erinnerung haben. Ich habe rumänische Freunde gefunden und auch Sachsen kennengelernt, die nie ausgewandert waren. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich in Deutschland sozialisiert worden bin und dort vieles selbstverständlich ist. Wenn ich nach Rumänien komme, verstehe ich wiederum, warum viele Sachsen ausgewandert sind. Heute könnte ich nicht ausschließlich hier leben, Deutschland ist ebenfalls meine Heimat.
Was bedeutet Heimat für Sie heute?
Heimat bedeutet für mich, dass ich eine Heimat suche, dass die Seele ihre Flügel ausbreitet und die Heimat sucht. Dieses Nicht-Angekommen-Sein spüre ich noch, aber anders als früher. Ich bin in Deutschland zu Hause, wenn ich will, und ich bin hier zu Hause. Wenn Menschen um mich sind, die sich für mich interessieren, und wenn es mir gut geht, kann ich hier zu Hause sein, aber genauso in Deutschland.
Heimat hat für mich nicht mehr dieses Schwere. Das Gefühl „Ich habe die Heimat verloren“ habe ich nicht mehr. Deshalb kann ich jedem Ausgewanderten empfehlen, für längere Zeit nach Rumänien zu kommen.
Sie beschäftigen sich mit dem Batull-Apfel. Was bedeutet diese alte Sorte für Sie?
Der Batull ist eine Apfelsorte, die man Siebenbürgen zuschreibt. Tatsächlich gibt es eine schriftliche Bestätigung von einem Pomologen in Deutschland. Darin steht, dass der Batull die „siebenbürgische Nationalsorte“ sei. Er heißt auf Französisch auch „Pomme de Transylvanie“. Dieser Apfel wächst allerdings nicht nur in Siebenbürgen, sondern auch in ganz Rumänien und in anderen Teilen Europas.
Es ist interessant, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen, aber das ist nicht mein vordergründiger Ansatz. Man findet auch bei Schulerus, dem Pfarrer und Lehrer, Literatur dazu. Ich kann Studenten nur ermutigen, die sich für dieses Thema interessieren. Es gibt eine Menge Themen, über die man wissenschaftliche Arbeiten schreiben könnte. Der Batull hat bei den ausgewanderten Siebenbürger Sachsen immer etwas mit Heimat zu tun. Ich habe nach einem Artikel, der in der Siebenbürgischen Zeitung erschienen ist, viele Geschichten zugeschickt bekommen, die Leute wollten alle einen Batull haben.
Dann habe ich eine Baumschule in Deutschland gesucht und gefunden. Dort gab es einen Pomologen, der sich auskannte. Er hat sich darauf eingelassen und 200 Bäumchen gemacht. Es gibt dort bei Bremen immer noch welche. Inzwischen kosten sie 90 Euro, weil sie älter sind. So hat das angefangen.
Warum ich mich mit dem Batull beschäftigt habe, hat aber vor allem mit meiner Großmutter und ihrem Garten in Brenndorf zu tun. Es gab Sommeräpfel und Herbstäpfel und all diese verschiedenen Sorten. Und eben auch einen Batull. Der Name ist mir natürlich in Erinnerung geblieben. Was dann passiert ist: Meine Oma ist zehn Jahre nach uns ausgewandert, 1987. Wenn sie gewusst hätte, dass zwei Jahre später der Eiserne Vorhang fällt, hätte sie es vielleicht noch ausgehalten und wäre in ihrem Haus, in ihrem Garten und mit ihrem Hund geblieben. Meine Oma hat noch lange gelebt, ungefähr 20 Jahre. Sie hat nächtelang geweint. Sie hat diesen Garten vermisst. Dadurch, dass sie immer wieder richtig gejammert hat, ist mir das so in Fleisch und Blut übergegangen.
Oft habe ich gedacht: „Jetzt hör doch endlich mal auf. Man kann doch nichts dagegen machen.“ Tatsächlich wurden die Bäume nach der Auswanderung ihrer Besitzer gleich abgeholzt oder verarbeitet. Das Leiden meiner Oma hat mich aber sehr bewegt. So wurde aus einer persönlichen Erinnerung ein kleines Projekt.
Was hat Ihnen das Honterus-Lyzeum fürs Leben mitgegeben und was bedeutet es heute für Sie?
Vor allem ein breites Allgemeinwissen und eine sehr gute sprachliche Ausbildung. Wir lernten in zwei Sprachen und ab der siebten Klasse auch Latein. Wir haben viel gelernt und uns gegenseitig zum Lernen angespornt. Den Schwächeren wurde geholfen. Im Nachhinein glaube ich, dass wir es mit einer Eliteschule zu tun hatten. Nicht, weil sie so genannt wurde, sondern wegen des Niveaus und der zweisprachigen Ausbildung.
Wenn ich hier auf dem Kirchhof stehe und das altehrwürdige Gebäude, die rumänische und die europäische Fahne sehe, bedeutet mir das sehr viel. Auch Johannes Honterus ist für mich heute besonders wichtig. Durch mein späteres Theologiestudium in Hermannstadt ist mir seine Bedeutung noch bewusster geworden. Er hat die Reformation in Siebenbürgen entscheidend geprägt und damit auch die Geschichte der Siebenbürger Sachsen.
Ich glaube, die Schule wird weiterbestehen. Und ich hoffe, dass sie weiterhin so europäisch bleibt. Für die junge Generation wünsche ich mir, dass sie im Sinne der europäischen Werte die Zukunft Rumäniens mitgestalten kann. Darauf setze ich große Hoffnung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Brunhilde Böhls auf dem Honterushof, 2026. Foto: Bernice Krech-Lițoiu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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