“Kunst soll immer zum Denken anregen”
21.06.26
Interview mit dem Maler Reinhardt Schuster
Einer der wichtigsten siebenbürgisch-sächsischen Künstler ist nach vier Jahrzehnten nach Kronstadt zurückgekehrt. Der aus Brenndorf stammende 89jährige Reinhardt Schuster reiste zur Vernissage seiner Ausstellung „Memento“ in die Stadt unter der Zinne. Hier hat er vor vielen Jahrzehnten Zeichenunterricht bei Hans Mattis Teutsch genommen, von hier stieg er als Jugendlicher in einen Zug, der ihn nach Bukarest fuhr, um dort seinen Traum zu verwirklichen und Künstler zu werden. Sein Traum wurde wahr. Heute hängen die Bilder von Reinhardt Schuster, die einen unverwechselbaren Stil haben, in Rumänien, Deutschland, den USA, Japan, Großbritannien, Österreich, Dänemark, Finnland, Luxemburg und in der Schweiz. Entstanden in den letzten vier Jahrzehnten, erinnern die Bilder der Ausstellung “Memento an verschiedene Ereignisse, die in diesem Zeitraum stattfanden. Die Ausstellung in Kronstadt ist bis zum 30. Juni montags bis freitags (14.00-20.00 Uhr) geöffnet, der Eintritt ist kostenlos. Partner der Ausstellung sind die „Dorfgemeinschaft der Brenndörfer“ (HOG Brenndorf) und das Begegnungs- und Kulturzentrum „Friedrich Teutsch“ in Hermannstadt. Über die Rolle der Kunst in der Gesellschaft, über die Themen seiner Werke und über seinen Lebensweg sprach mit Reinhardt Schuster die KR-Redakteurin Elise Wilk.
Herr Schuster, wie ist es, nach so vielen Jahren wieder in Kronstadt zu sein? Werden Sie während ihres Aufenthalts auch Brenndorf besuchen?
Es ist schön, hier zu sein. Ich finde, es hat sich alles zum Guten verändert. Wir werden zusammen mit meiner Frau Valentina auch Brenndorf besuchen- das Grab der Eltern und der Großmutter, das ehemalige Haus, das verkauft wrde. Es steht noch. Tatsächlich waren wir seit langer Zeit nicht mehr hier. Wir sind immer wieder nach Rumänien gekommen, aber nicht nach Kronstadt.
War Maler zu sein ein Kindheitstraum, den sie verwirklicht haben?
Ich wollte das unbedingt. Als Kind bin ich dann ständig von Brenndorf nach Kronstadt zum Zeichenunterricht mit Hans Mattis-Teutsch gependelt. Ich freue mich, dass ich ihn noch gekannt habe. Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal zu ihm ging hat er mich gefragt: “Na, hast du Talent?” Er sah aus wie ein Artzt in einem weißen Kittel. Ich habe geantwortet: “Das müssen Sie feststellen!”. Mattis-Teutsch war eine große Persönlichkeit. Er hat entsprechend unserem Alter eben nur das unterrichtet, was man Kindern beibringen kann. Aber er war ein seriöser Lehrer und wir haben bei ihm eine solide Grundlage bekommen. Dann hat mir eine Lehrerin von der rumänischen Schule aus Brenndorf gesagt, dass es in Bukarest eine Schule gibt- Școala Medie de Arte Plastice- und ich machte mich auf den Weg und fuhr hin. Ich kleine Rotznase habe es gewagt und bin nach Bukarest gefahren! Heute wundere ich mich selber darüber. Ich hatte auch keine Adresse, hatte keine Ahnung, wo ich unterkomme. Trotzdem habe ich geschafft und es war gut so.
In Bukarest haben Sie zuerst das Kunstlyzeum N. Tonitza und dann die Kunstakademie Nicolae Grigorescu absolviert. Danach sind Sie in der Hauptstadt geblieben. Warum?
Es war die einzige Möglichkeit, etwas zu erreichen. Das war der Grund, weswegen ich dort bleiben wollte. Nach dem Hochschulabschluss haben sie gesagt: “du-te acasă în provincie”. (rum. Geh nach Hause in die Provinz!) Aber ich wusste: zu Hause tut sich nichts. Alles, was wichtig für mich war, spielte sich in der Hauptstadt ab. Dann habe ich gesagt: “ich muss unbedingt in Bukarest bleiben”. Und es ist mir gelungen. Man war verpflichtet, eine Lehrerstelle anzunehmen und in Bukarest gab es das Lyzeum nr 21 mit deutscher Unterrichtssprache, wo ich zwei Jahre lang Zeichnen unterrichete. Danach war ich als freischaffender Künstler tätig und nahm an allen großen Landesausstellungen teil. Ich hatte auch Einzelausstellungen in den bekanntesten Galerien des Künstlerverbandes. Damals wurde viel im Stil des sozialistischen Realismus gemalt. Die Oportunisten haben sich also in diese Richtung bewegt und malten realistisch-sozialistische Bilder. Aber es gab trotzdem Raum für die Nonkonformisten. Der Verband der Bildenden Künstler hat immer Arbeiten von den Nonkonformisten gekauft. “Was macht ihr damit?”, habe ich gefragt. Da haben sie geantwortet: „Wir repräsentieren uns auch nach außen. Für das Ausland sind ihre Werke passend“.
Gab es keine strikten Vorschriften, wie man zu malen hatte?
Es gab keine Vorschriften. Wenn man nicht oportunistisch oder karrieristisch angehaucht war, konnte man existieren, auch wenn man frei war. Das war in Bukarest möglich. In der Provinz, wurde uns erzählt, war das nicht möglich. Die Künstler, die in der Provinz geblieben sind, waren eingeschränkter. Wenn man nach Vorschrift malt, dann ist man nicht mehr frei. In der Hauptstadt konnte ich mich freier bewegen, konnte mich entfalten. Auch mein Mentor Hans Mattis Teutsch war ein Nonkonformist, das hat mich stark geprägt.
Konnten Sie auch kritisch zum Regime sein?
Wenn die Ausstellung hing, kam immer irgend jemand und begutachtete die Bilder und schaute ob das zugelassen wird oder nicht. In Jahr 1981 hatte ich eine große Ausstellung in der Orizont-Galerie, eine der schönsten Kunstgalerien in Bukarest. Dort hingen Werke wie zum Beispiel das Ölbild “Satrap”. Damit war natürlich Ceaușescu gemeint. Und es waren auch andere Werke da, die sehr kritisch waren. Die Leute von der Zensur haben sie sich angeschaut, und bevor sie gegangen sind, haben sie mir ein Zeichen gemacht: „Aufpassen!“. Sie haben nicht gesagt, ich soll die Bilder weghängen. Nur, dass ich aufpassen soll! Auch bei diesen Leuten waren welche gewesen, die klug genug waren, etwas zu erkennen, aber auch klug genug, nichts zu sagen. Das war nur in Bukarest möglich.
Trotzdem Sie 1983 ausgereist.
Die Zeiten wurden immer schlimmer. Es begann eine nationalistische Bewegung. Da war es für mich als Angehöriger der deutschen Minderheit nicht leicht. Da war immer diese Ungewissheit. Es kamen immer wieder Fragen: “Wie entwickelt sich das weiter? Wird es schlimmer?” Denn immer wenn es schlechtere Zeiten gibt, dann beginnen nationalistische Tendenzen. Es war auch auf sozialpolitischer Ebene sehr bedrückend. Doch das, was am meisten erschreckt hat, war die nationalistische Bewegung. Ich und meine Frau Valentina haben lange gebraucht, bis wir uns fürs Gehen entschieden haben. Die künstlerische Amosphäre aus Bukarest war gut, ich hatte viele Freunde hier, man konnte seine Nische finden und wurde in Ruhe gelassen. Es wurde einem nicht gesagt: “Häng dei Bilder weg”. Man konnte existieren. Aber irgendwann lief nichs mehr richtig. Ich bekam dauernd Einladungen, im Ausland auszustellen, doch es wurde mir nicht genehmigt, daran teilzunehmen. Man meinte, ich würde nicht mehr zurückkommen. Im ausland auzustellen war aber für mich existenziell wichtig. Also war der einzige Ausweg die Ausreise in die BRD.
Konnten Sie sich in Deutschland leicht anpassen?
Ja. Wir kamen nach Düsseldorf und ich bekam dort eine gute Stelle. Ich unterrichtete am Lernort-Studio, einer in Deutschland einmaligen Einrichtung für Jugendluche. Dort leitete ich 19 Jahre lang den Kurs Malerei, in dem ich Zeichnen, Malerei und Exkurse in die Kunstgeschichte vermittelte. Es waren nur begabte Jugendliche dort, die wussten, dass sie weiter Malerei studieren wollen. Außerdem war ich als Künstler endlich frei. Jetzt gab es überhaupt kein Hindernis mehr. Ich konnte endlich für Ausstellungen ins Ausland fahren.
Ihre Werke wurden unter anderen auch in Japan ausgestellt. Wie war die Rezeption dort?
In Japan habe ich andere Arten von Bildern ausgestellt- viel Grafik, Zeichnungen, die sehr feinlinig sind. Und die Japaner haben darin immer die Natur erkannt. Sie haben eine sehr große Nähe zur Natur.
Ihre Bilder sind nicht nur ästhethisch anspruchsvoll , sie regen auch zum Nachdenken an.
Kunst soll immer zum Denken anregen, das ist wichtig.
In Ihren Werken setzen Sie sich mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen wie die rumänische Revolution, den Terroranschlägen am 11. September 2001, den Kriegen, den Migrationswellen auseinander. Sollte Kunst mehr auf das Zeitgeschehen reagieren?
Auf alle Fälle! Wenn Kunst sich nur um sich selber dreht, dann hat sie schnell ausgedient.
Welche Themen sind immer aktuell für Sie?
Krieg ist zum Beispiel ein Thema, das leider immer aktuell sein wird. Ich kritisiere den Krieg sehr oft. “Stacheldraht deluxe” zum Besipiel thematisiert den Krieg in Ex-Jugoslavien. Man kann das Bild auch sehr abstrakt sehen- es ist schön blau, aber der Hintergrund ist traurig. Und auch Migration war immer ein wichtiges Thema für mich. Dauernd gab es Migrationswellen- von Osten nach Westen, von Westen nach Osten, das ist eine Geschichte ohne Ende. Eines meiner Werke heißt “Der Stein von Bonnetta”. Das ist ein Wortspiel zwischen der Stadt Bonn und dem Stein von Rosetta, einem der wichtigsten archeologischen Fundstücke der Menschheit. In diesem Stein ist nämlich derselbe Text in drei verschiedenen Schriftsystemen eingemeißelt. Und auch in Bonn sind zur Zeit Leute aus allen Himmelsrichtungen eingewandert und man hört alle Sprachen dieser Welt. Das waren meine Gedanken, als ich dieses Werk geschaffen habe. Ich habe auch ein Bild gemalt, das viele Koffer zeigt. Früher hieß es “Die Sachen packen”, nachher habe ich es in “Exodus” umbenannt.
Das ist sicher eine Anspielung auf den Exodus der deutschen Minderheit. Spielt Heimat eine Rolle in ihren Werken?
Ein Bild, das in der Kronstädter Ausstellung “Memento” hängt, heißt “Scholle”. Das ist eine Anspielung auf die Heimatserde. Dann gibt es noch ein anderes Bild, das zeigt ein überdimensioniertes sächsisches Bauernbrot. Die Heimat bleibt für immer irgendwo im Herzen.
Kann man ihre Werke auch in den permanenten Kollektionen von Museen aus Rumänien bewundern?
Der rumänische Staat hat schon etliche meiner Bilder gekauft, manche befinden sich im Besitz von Privatleuten. Das Kronstädter Kunstmuseum wird auch ein Bild bekommen. “Die Barrikaden”, ein Bild das die Ereignisse im Dezember 1989 in Temeswar thematisiert, sollte nach Temeswar kommen.
Dann gibt es noch ein Reliefbild zu Ehren der siebenbürgischen Pioniere der Raumfahrt- Conrad Haas und Hermann Oberth. Wer Oberth ist, weiß jeder, aber dass Carl Haas, der aus Hermannstadt stammt, um 1600 die erste Rakete erfunden hat, ist weniger bekannt. Das Bild heißt “Siebenbürgische T-Raumstation” (ein Wortspiel zwischen Traum und Raumstation). Dieses Bild gehört ins Brukenthalmuseum! Leider es nicht nach Rumänien transportiert werden. Es ist riesig, 2.65 Meter breit. Man kann es vorläufig nur auf meiner Webseite, reinhardt-schuster. info anschauen. Aber das sollte natürlich in Hermannstadt hängen.
Was erwarten Sie vom Kronstädter Publikum, die ihre Ausstellung “Memento” besuchen wird?
Dass die Bilder den Leuten interessante Denkanstöße liefern. Jeder Besucher wird die Werke durch seine eigene Erfahrung filtern und interpretieren.
Ein Besuch der Ausstellung eignet sich auch für den Kunstunterricht in Schulen. Es werden sicher auch Schüler vom Kunstlyzem “Hans Mattis Teutsch” kommen. Sie wissen, in Kronstadt gibt es ein Kunstlyzeum.
Ach? Heißt das jetzt so? Das finde ich sehr schön.
Besten Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg in Ihrem künstlerischen Schaffen!
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
Aktuell
Karpatenrundschau
19.06.26
12. Auflage des Kindergarten- und Grunschultheatertag brachte Überraschungen
[mehr...]
12.06.26
Interview mit Annika Rachor, Ifa-Kulturmanagerin in Kronstadt
[mehr...]


