Realität und Fiktion in Joachim Wittstocks romanhafter Chronik
22.05.26
Delia Cotârlea zu „Das erfuhr ich unter Menschen”
Im Rahmen der „Deutschen Vortragsreihe“ des Demokratisches Forum der Deutschen in Kronstadt sprach Dr. Delia Cotârlea am 12. Mai im Forumsfestsaal über Faktualität, Fiktionalität und narratologische Gestaltung in Joachim Wittstocks neuestem Roman „Das erfuhr ich unter Menschen“. Die Dozentin für deutsche Literatur an der Transilvania-Universität Kronstadt widmete ihren ausführlichen Vortrag der romanhaften Chronik siebenbürgischer Schicksale.
Der 1939 in Hermannstadt geborene Schriftsteller, Dichter und Essayist Joachim Wittstock entfaltet auf über 600 Seiten ein vielschichtiges Panorama der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft des vergangenen Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht ein Sanatorium in der Inneren Stadt von Kronstadt, dessen wechselvolle Geschichte den Rahmen des Romans bildet. Das Gebäude wurde 1948 enteignet, nach der politischen Wende von 1989 rückerstattet, später verkauft und soll künftig in ein Hotel umgewandelt werden. Dieses lokale Geschehen verbindet Wittstock mit Familiengeschichten, historischen Umbrüchen und persönlichen Erinnerungen.
Der Roman behandelt nicht nur klinische Themen, sondern bietet auch ein dichtes Bild gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Wie Delia Cotârlea unterstrich, werden die Figuren von den historischen Ereignissen geprägt: Enteignung, Deportation, politische Verhaftungen und Ausreise – mitunter passen sich einige mit besonderer Leichtigkeit den wechselnden politischen Systemen an.
Wirklichkeit mit Fiktion verwoben
Im Zentrum des Vortrags stand die Frage, wie der Autor Realität und Fiktion in seinem Roman miteinander verknüpft. Die Literaturwissenschaftlerin beschrieb den Roman als Verbindung zwischen Chronik und fiktionaler Erzählung. Das Geschehen wird so dargestellt, erklärte sie, als entstehe der Bericht in unmittelbarer Nähe zu den geschilderten Ereignissen. Zugleich tritt der Autor hinter einen fiktiven Herausgeber und / oder einen allwissenden Erzähler zurück und übernimmt die Rolle eines Chronisten, wodurch man den Eindruck historischer Authentizität bekommt, obwohl der Text literarisch gestaltet ist.
Die Dozentin verwies auf Wittstocks Aussage: „Wie man bemerken wird, bieten wir nämlich nicht einen Roman im klassischen Sinn, sondern eine Schilderung im Stil des chronikalischen Realismus.“ Dieses Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion macht aber nur zum Teil den besonderen Reiz des Romans aus, denn Spannung wird gekonnt aus der epischen Gestaltung geschaffen.
Fünf Erzhählstränge, eine gemeinsame Geschichte
Ausführlich ging die Referentin auch auf die narratologische Konstruktion des Werkes ein. Der Roman besteht aus fünf miteinander verflochtenen Erzählsträngen zu den folgenden Schwerpunkten: „Sanatorium Dr. Tartler“, „Doktor Bogner im Kreis seines Umgangs“, „Bogneriana“, „Erzählbericht über Volkmar Decani“ sowie „Rätselhaft wie Schnee“. Diese polyzentrische Struktur sei chronologisch nicht linear aufgebaut und verlange vom Leser, die unterschiedlichen Handlungsebenen selbst miteinander zu verbinden.
Besondere Aufmerksamkeit schenkte Delia Cotârlea den wechselnden Erzählperspektiven zwischen persönlichen Erinnerungen und historischen Ereignissen, die ineinander eingreifen und eine vielschichtige Erzählwelt schaffen. Vor allem die Geschichte des Sanatoriums wird nicht nur chronikalisch erzählt, sondern immer wieder mit der Gegenwart des erzählenden Ichs verknüpft.
Am Ende des Romans kehrt der Erzähler zum Sanatorium zurück und schließt damit den Kreis. Der Abschied von dem Gebäude erhält symbolische Bedeutung und macht das ehemalige Sanatorium zum Ort individueller und kollektiver Erinnerung.
Auch die philosophischen und ethischen Fragestellungen des Werkes wurden besprochen sowie dessen Anspruch, eine umfassende erzählerische Welt zu entwerfen.
Maximalistischer Roman
Im letzten Teil ihres Vortrags ordnete die Literaturwissenschaftlerin den Text dem „maximalistischen Roman“ nach Stefano Ercolino zu. Die unter Umständen dissonante Vielstimmigkeit, der enzyklopädische Modus, wie auch die erzählerische Allwissenheit und hybriden Realismusformen seien deutliche Merkmale des Werkes. „Das erfuhr ich unter Menschen“ erscheine damit als postmoderner Roman mit Totalitätsanspruch, der weit über traditionelle Erzählformen hinausreiche.
Dass Joachim Wittstocks Werk stark auf realen Recherchen beruht, unterstrich am Ende des Abends auch Wolfgang Wittstock, Bruder des Schriftstellers. Er erzählte, dass der Schriftsteller sich für den Roman intensiv in Kronstadt dokumentiert, fotografiert und Gespräche mit Zeitzeugen geführt hat. Es wurde betont, dass der Blick auf das Werk als literarisches Zeitbild der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft entscheidend sei.
Die ausgezeichnete Leistung Joachim Wittstocks in diesem Roman habe bislang leider unzureichend Anerkennung erhalten, so die Referentin und sollte etwa durch die Teilnahme des Buches an der Leipziger Buchmesse 2028 gewürdigt werden, bei der Rumänien als Gastland auftreten wird.
„Das erfuhr ich unter Menschen. Romanhafte Chronik siebenbürgischer Schicksale” (Schiller Verlag, Bonn-Hermannstadt 2024, 650 Seiten) kann im LeseGarten (Kronstadt) oder im Erasmus-Büchercafe (Hermannstadt) bestellt werden.
Laura Capatana Juller
Delia Cotârlea sprach mit Begeisterung über Joachim Wittstocks Buch. Ihre intensive Beschäftigung mit dem Roman war ihrem Exemplar anzuerkennen, der mit zahlreichen Notizen und bunten Markierungen versehen ist. Foto: die Verfasserin.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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