Seit 1905 über den Dächern Kronstadts
03.07.26
Die Rückkehr des Waldkafes
Es gibt Orte, die man nicht einfach nur betritt, sondern von denen man empfangen wird. Das Kronstädter Waldkafe auf dem Warthe-Hügel ist so ein Ort. Hoch über der Innenstadt, in der Closca-Straße, verbirgt sich hinter dem Gartentor der Villa Kuschmann mit der Nummer 28 ein kleines Paradies. Blumen in den verschiedensten Farben, verspielte Sitzgelegenheiten und üppiges Grün prägen das Bild. Bienen summen durch die Luft, Vögel zwitschern in den Bäumen – ein wohltuender Kontrast zum geschäftigen Treiben nur wenige Straßen weiter unten.
„Am besten ist es, wenn man alle Erwartungen schon am Tor abgibt“, sagt Mihaela Pop, die das Café heute leitet. „Egal, mit welchen Gedanken man kommt – man sollte sie draußen lassen und sich einfach auf das einlassen, was dieser Ort einem schenkt.“
Wer sich im Garten umsieht, versteht sofort, was sie meint. Das Waldkafe gleicht einem lebendigen Gemälde, dessen Perspektive sich mit jedem Schritt verändert. In die eine Richtung fällt der Blick auf die Silhouette der Zitadelle auf dem Schlossberg, in die andere auf den Schuler. Am oberen Ende des Gartens erhebt sich das alte, geschichtsträchtige Haus, während sich weiter unten das moderne Kronstadt mit dem Tractorul-Viertel ausbreitet. Kaum ein anderer Ort vereint Vergangenheit und Gegenwart, Natur und Stadt so eindrucksvoll wie dieser.
Eine Chronik aus einhundert Jahren Familiengeschichte
Das Waldkafe ist keine moderne Erfindung und auch kein künstlich geschaffener Rückzugsort für gestresste Städter. Vor rund 120 Jahren begann hier oben, am damaligen Rand von Kronstadt, tatsächlich der Wald. Alte Fotografien zeigen eine Landschaft, die mit der heutigen kaum zu vergleichen ist: Dort, wo die Forstdirektion steht – sie ist übrigens nur wenige Jahre älter als das Anwesen des Waldkafes –, erstreckte sich damals unberührte Natur.
In der Mitte des Gartens wuchs einst ein mächtiger Walnussbaum, unter dessen Krone sich die Kronstädter Gesellschaft traf. Wer die historischen Fotografien genauer betrachtet, entdeckt darauf Pfarrer, Beamte und wohlhabende Bürger, die bei der Villa Kuschmann die Sommerfrische genossen und dem Trubel der Stadt für ein paar Stunden entkamen. Im Winter konnte man von hier sogar mit den Skiern bis ins Tal fahren.
Gegründet wurde das Waldkafe 1905 von der Familie Kuschmann. Mihaelas verstorbener Ehemann Călin war der Urenkel von Walter Kuschmann, sodass sich das Anwesen bis heute im Besitz derselben Familie befindet. Bei Recherchen in den Staatsarchiven stieß eine Freundin von Mihaela auf alte Dokumente der Handelskammer. In den vergilbten Unterlagen beantragt Walter Kuschmann, damals schon in der Cloșca-Straße wohnhaft, die steuerliche Registrierung seines Betriebs. Seine elegante Unterschrift ist darauf deutlich zu erkennen.
Interessant ist auch, dass das Waldkafe ursprünglich weit mehr war als ein Ort für Kaffee und Kuchen. Die historischen Unterlagen zeigen, dass gutes Essen von Anfang an eine wichtige Rolle spielte. Die Familie Kuschmann führte außerdem in der Langgasse ein Lebensmittelgeschäft, das auch Wildbret im Sortiment hatte. Das Waldkafe war gewissermaßen die Ergänzung dazu: Die Gäste kamen dorthin, um die Aussicht zu genießen, in der frischen Waldluft zu sitzen, Wildgerichte zu essen und bei einer Tasse Kaffee ein paar unbeschwerte Stunden zu verbringen. Dass das Waldkafe heute wieder Gäste empfängt, und das an seinem ursprünglichen Standort und unter seinem historischen Namen, ist eine Besonderheit, die in Siebenbürgen nur noch selten zu finden ist.
Die Wunden der Geschichte
Das Schicksal des Waldkafes spiegelt nämlich auch die wechselvolle und oft schmerzhafte Geschichte der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert wider. Es funktionierte nur bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als Ausflugslokal. Später wurde das Haus, wie so viele sächsische Immobilien, zwangskonfisziert und mit fremden Mietern zwangsbelegt. Über Jahrzehnte verfiel das Anwesen zunehmend, ehe die Familie es nach der politischen Wende wieder alleine bewohnen konnte.
Călin: Der Visionär und die Zähmung des Grüns
Dass das Café heute in neuem Glanz erstrahlt, ist das Werk von Călin. Er war die Seele, der Motor, oder wie Mihaela es ausdrückt: „die Fabrik“ des Ganzen. Pop, der mit seiner Mutter und seinen Großeltern, Thea Hortense Kuschmann und Constantin Cuza, der Schriftsteller, Dramatiker und Lehrer am Șaguna-Lyzeum war, in der Villa Kuschmann aufgewachsen war, träumte davon, das Waldkafe wieder zum Leben zu bringen. Als er und Mihaela Jahre später das Anwesen übernahmen, war es jedoch von den Spuren der Zeit gezeichnet. Der Hof und der Pavillon waren voll mit den Hinterlassenschaften von mehreren Generationen. Der Garten war kein Idyll, sondern eine „grüne Narnia“ – ein völlig verwildertes, undurchdringliches Dickicht. Călin besaß jedoch eine Vision. Das Haus selbst wurde unter seiner Regie in jahrelanger, mühevoller Arbeit restauriert.
Gemeinsam mit Vasile Bârgăuan von „Tomorrow Branding“ entwarf Călin auch das unverwechselbare Logo des Waldkafes, das heute Schilder und die Online-Präsenz des Cafés ziert: ein stilisiertes Pferdchen, das eine Kaffeetassen-Kutsche zieht. Dieses liebevolle, durchdachte Design mit dem Slogan „Vederea frumoasă“ (Die schöne Aussicht) wurde sogar bei einem internationalen Grafikwettbewerb ausgezeichnet.
Schmerz als Katalysator: Die Tore öffnen
Călin war der geborene Gastgeber. Von ihm lernte die eher zurückhaltende Mihaela, wie man Fremden die Tür mit einem echten, tiefen Lächeln öffnet, wie man geduldig zuhört und die Menschen in ihrer eigenen Welt abholt. Von 2019 bis in die Pandemie hinein öffneten die beiden das Waldkafe an Wochenenden für Besucher, danach war es wieder einige Zeit geschlossen. Als Călin nach mehreren Monaten schwerer Krankheit im vergangenen Jahr verstarb, brach für Mihaela eine Welt zusammen. Doch inmitten dieser tiefen Dunkelheit gab ihr Bruder ihr einen entscheidenden Rat: „Wirf dich mit dem Kopf voran ins Leben. Mach das Waldkafe wieder auf.“
„Ich hätte mich einsperren und in meiner Trauer versinken können“, gesteht Mihaela. „Aber dieser Garten gehört nicht mir allein. Er gehört allen, die hierherkommen. Indem ich die Tore geöffnet habe, habe ich den Schmerz verarbeitet. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“ Und so ist das Waldkafe seit dem 18. August 2025 wieder geöffnet. Dieser Schritt markiert eine fundamentale Wende in der Philosophie des Ortes und spiegelt auch ein aktuelles Thema der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft wider. „Früher, um als Gemeinschaft die schweren Zeiten zu überstehen, mussten wir die Zähne zusammenbeißen, schweigen und unter uns bleiben. Heute jedoch, um als Gemeinschaft eine Zukunft zu haben und weiterzugehen, müssen wir die Tore weit öffnen und die anderen hereinlassen.“ So gibt Mihaela wieder, was einige ortsansässige Siebenbürger Sachsen in kürzester Vergangenheit zum Ausdruck gebracht haben. Genau das tut das Waldkafe heute. Es hat sich von einem einst exklusiven, sächsischen Rückzugsort zu einem lebendigen, multikulturellen Schmelztiegel mitten in Kronstadt entwickelt.
Ein Kulturcafé für die Sinne
Für Mihaela Pop war das Waldkafe nie ein Projekt, das auf Wachstum um jeden Preis ausgerichtet war. Zwar gibt es hier Kaffees der lokalen Röstereien Manole und Mabun, aromatische Tees, hausgemachte Limonaden und Patisserie aus der Bäckerei Tothek. Viel wichtiger ist ihr jedoch, was zwischen den Tischen, unter den Bäumen und auf der kleinen Bühne entsteht. „Egal, ob jemand malt, schreibt, Theater spielt oder singt – hier ist der Raum, um sich auszudrücken“, sagt sie. Etwa zwei- bis dreimal pro Woche wird das Waldkafe außerhalb der regulären Öffnungszeiten zur Bühne für Konzerte, Lesungen oder Theateraufführungen. Eine Bukarester Theatergruppe hat mittlerweile ein festes Abonnement für Auftritte im Waldkafe. Călins und Mihaelas großer Traum war es immer, den bekannten Musiker Călin Pop bei sich spielen zu hören. Dieser Traum wurde Wirklichkeit. Größen wie Hanno Hoefer, Raul Kusak und das Byron Duo standen bereits auf der Bühne des Cafés. Und im kommenden Juli steht ein besonderes Highlight an: Die renommierte Jazzsängerin Luiza Zan wird im Waldkafe auftreten. Informationen zu den Veranstaltungen finden Interessierte stets auf der Website des Cafés sowie auf dessen Instagram- und Facebook-Seiten. Da die Zahl der Sitzplätze begrenzt ist, wird um eine vorherige telefonische Reservierung gebeten. Wenn das Wetter mitspielt, verwandelt sich der gesamte Garten in einen Open-Air-Konzertsaal unter freiem Himmel. Während der Pavillon Platz für rund 70 Gäste bietet, eröffnet das weitläufige Außengelände die Möglichkeit, deutlich größere Veranstaltungen auszurichten – bei einigen Konzerten wurden an die 200 Besucher gezählt.
Hier darf die Seele atmen
Auf die Frage, was sie den älteren Kronstädtern oder den ausgewanderten Sachsen sagen würde, die das Waldkafe nur noch aus Erzählungen oder von alten Fotografien kennen, antwortet Mihaela Pop ohne langes Nachdenken: „Ich möchte ihnen sagen, dass das Gefühl von Zuhause hier noch immer da ist. Das Waldkafe ist ein Stück ihrer eigenen Biografie. Ich habe nichts verändert, was den Charakter dieses Ortes ausmacht, und ich werde es auch nicht tun. Sie sollen unbedingt herkommen, sich auf eine Bank setzen und einen Kaffee trinken. Genau so, wie man es damals getan hätte.“
Das Waldkafe ist mehr als eine charmante Adresse auf der touristischen Landkarte von Kronstadt, für deren offizielle Zertifizierung als historischen Ort Mihaela derzeit kämpft. Es ist ein Ort, an dem aus historischem Unrecht, familiären Umbrüchen und tiefem, persönlichen Schmerz etwas Neues, Schönes und Verbindendes gewachsen ist. Das Grün ist gezähmt, die Tore stehen offen – und die Seele darf hier aufatmen.
Bernice Krech-Lițoiu
Die Villa Kuschmann im 20. Jahrhundert. Foto bereitgestellt von Mihaela Pop
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
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