Unter den Wörtern/Schreiben gegen den Krieg
22.05.26
Doppelausstellung Bachmann-Celan im Multikulturellen Zentrum der Transilvania-Uni
“Ich habe meine Jugend in Kärnten verbracht, im Süden, an der Grenze, in einem Tal, das zwei Namen hat- einen deutschen und einen slowenischen. Und das Haus, in dem seit Generationen meine Vorfahren wohnten-Österreicher und Windische-, trägt noch heute einen fremdklingenden Namen. So ist nahe der Grenze noch einmal die Grenze: die Grenze der Sprache- und ich war hüben und drüben zu Hause“. So beginnt die Prosaskizze „Biografisches“ von Ingeborg Bachmann. Die österreichische Schriftstellerin wuchs im Kärntner Gailtal auf. Die Erfahrung der geographischen und sprachlichen Grenze in dieser Region prägte ihr gesamtes Werk nachhaltig.
Auch der Dichter Paul Celan wuchs in einem Grenzgebiet auf- seine Geburtsstadt Czernowitz (damals Teil des Königreichs Rumänien, heute Ukraine) war einst ein multikultureller Schmelztiegel. Mit der sowjetischen und deutschen Besatzung verlor Celan diesen Ort unwiederbringlich. Die Erinnerung an diese verlorene Welt prägt viele seiner hermetischen und melancholischen Gedichte.
Zwei Leben, zwei Welten, zwei Ausstellungen
Die zwei zentralen Figuren des deutschsprachigen literarischen Schaffens, Ingeborg Bachmann und Paul Celan, werden symbolisch durch zwei dokumentarische Ausstellungen wieder vereint, die ihren literarischen Werdegang, ihren Lebensweg sowie ihre Liebesbeziehung zeigen, die den Ursprung einer bewegenden Korrespondenz bildete – literarische Seiten von unvergleichlicher Kraft und Sensibilität. Das Österreichische Kulturforum und das Nationale Museum für Rumänische Literatur in Bukarest präsentierten die Ausstellung „Schreiben gegen den Krieg. Ingeborg Bachmann 1926-1973“ zusammen mit der Ausstellung „Paul Celan- unter den Wörtern“, ein Projekt, das den Kontext der Werke der beiden Autoren und ihre seelische Verbundenheit beleuchtet. Die Doppelausstellung wurde am Dienstag, dem 12. Mai, im Multikulturellen Zentrum der Translivania-Universität eröffnet.
Bei der Veranstaltung boten Andrei Popov, stellvertretender Direktor und Mediensprecher beim Österreichischen Kulturforum, Adrian Lacatus, Leiter des Mulikulturellen Zentrums und Dekan der Kronstädter Philologie-Fakultät Robert Elekes, Dozent an der Germanistik-Abteilung derselben Fakultät interessante Einblicke in das Leben und Schaffen der beiden Schriftsteller.
Die Liebesbeziehung zwischen Bachmann und Celan begann im Jahr 1948. Ihre Geschichte findet 1970 ein jähes Ende, als Celan in Paris Selbstmord begeht und sich in die Seine stürzt. Für Ingeborg ist Paul die Liebe ihres Lebens, auch wenn sie ihn immer als Fremden wahrnehmen wird, manchmal sogar Angst vor ihm hat. Celan stammte aus einer jüdischen Familie und hat während des Holocausts beide Eltern verloren. Alles schien ihn von Ingeborg Bachmann zu trennen, die in einer stark nationalsozialistisch geprägten Umgebung aufgewachsen war. Da sie ihre Kindheit in Kärnten im Süden Österreichs verbrachte, hatte Bachmann wenig Kontakt mit dem Krieg und wenig Kontakt mit der Verfolgung und den Schrecken, die er mit sich brachte. Die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist geprägt von Liebe und Freundschaft, aber auch von (zu) vielen Zweifeln und Ängsten. In einem Moment der Ungewissheit über ihre gemeinsame Zukunft fragt sich Bachmann: „Sind wir nur die Geträumten?”, nur eine Illusion?
Kriegstagebuch erstmals veröffentlicht
Die österreichische Schriftstellerin und Dichterin Ingeborg Bachmann gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. In ihrem Werk beschäftigt sie sich mit der Rolle der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft, den Folgen von Krieg und Frieden und dem individuellen menschlichen Leid. Sie ist 1926 in Klagenfurt (Österreich) in eine Lehrerfamilie geboren. Ihr erbitterter Widerstand gegen die rechtsextremen politischen Überzeugungen ihres Vaters ist eine Konstante in ihrem Werk. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie, Germanistik und Rechtswissenschaften in Innsbruck, Graz und Wien promoviert sie mit einer Arbeit über die kritische Rezeption Heideggers. Sie lebte zwischen Österreich, Deutschland und Italien und wechselte allmählich von der Lyrik zur Prosa. Ingeborg Bachmann erhielt den Bremer Literaturpreis (1957), den Georg-Büchner-Preis für Literatur (1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1968). Sie starb 1973 bei einem tragischen Unfall, einem Brand in ihrem Haus in Rom.
Im Mittelpunkt der Ausstellung „Schreiben gegen den Krieg“ steht der Band mit demselben Namen, eine Sammlung wichtiger Texte von Ingeborg Bachmann, mit tiefen Bezügen und zeitgenössischen Bedeutungen. Die schriftstellerische Arbeit steht im Vordergrund, die ‚Politik’ der Texte genauso wie das direkte politische Engagement. Dahinter, mit Großaufnahmen visualisiert, liegt der geschichtliche Horizont der Kriegsschauplätze, gegen die sich das Werk behaupten muss. Erst im Kontext der Ausstellung publizierte Texte – wie das Kriegstagebuch aus dem Jahr 1945 -, und bisher unveröffentlichte Fotos sowie originale Tonaufnahmen von Ingeborg Bachmann aus dem Privatnachlass werden in dieser Ausstellung präsentiert.
Wichtige Lebensstationen in historischen Kontext
Paul Celan (Paul Antschel) wurde 1920 in Czernowitz in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. Er begann sein Universitätsstudium in Tours, das er 1938 abbrach; noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte er nach Rumänien zurück. Nach dem 22. Juni 1941 wurde er in den Zwangsarbeiterkommandos für jüdische Männer in Radazani, Falticeni und Tabaresti eingesetzt; seine Eltern starben in Lagern in Transnistrien, wohin sie im Juni 1942 deportiert worden waren. Im April 1945 suchte Celan Zuflucht in Bukarest, wo er bis Dezember 1947 lebte, als er Rumänien für immer verließ. Nach sechs Monaten in Wien ließ er sich in Paris nieder. Er studierte an der Sorbonne und wurde 1959 Dozent für Deutsch an der École Normale Supérieure. Als deutschsprachiger Dichter veröffentlichte Celan eine Reihe von Gedichtbänden, die ihn zu einem der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhundert machten. Außerdem übersetzte er u.a. Paul Valéry, Henri Michaux, René Char, Osip Mandelstam sowie das erste französische Buch von Emil Cioran ins Deutsche. Paul Celan wurde 1958 mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen und 1960 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Krank, beging er 1970 Selbstmord. Die in 10 Sprachen übersetzte Ausstellung „Paul Celan - unter den Wörtern“ ist eine der erfolgreichsten literarischen Wanderausstellungen in Europa. Die Ausstellung vereint Dokumente aus den Archiven des Nationalmuseums für rumänische Literatur (Sammlung Alfred Margul-Sperber) und aus dem persönlichen Archiv von Petre Solomon, das von dessen Sohn, dem Filmemacher Alexandru Solomon, zur Verfügung gestellt wurde, und versucht, das kurze Leben des Dichters, Übersetzers und Essayisten Paul Celan zu erfassen, indem sie die wichtigsten Momente seines Lebens in den historischen Kontext einbettet.
Anlässlich der Doppelausstellung wird am Montag, den 25. Mai um 18 Uhr im Multikulturellen Zentrum eine Sondervorführung des Films „Die Geträumten“ (2016) von Ruth Beckermann stattfinden. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung kann bis zum 31. Mai besucht werden.
Elise Wilk
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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