Von Wegen, Umwegen und Abwegen
23.01.26
zu Alfred Schadt: Vom Alter, Abschiednehmen und Erinnern. Gedanken eines 75jährigen
„Unglaublich, dass sie sich in ihrem Alter wagt, so etwas zu machen”, lautet ein Kommentar unter einem Youtube-Video, das eine fallschirmspringende Rentnerin zeigt. Das Video habe ich mir angesehen, um mir selbst Mut zu machen, aus einem Flugzeug zu springen. „So will ich auch sein, wenn ich alt werde”, schreibt jemand anderes. Ich mag von älteren Menschen zu lesen, die jung geblieben sind. Oder Videos über sie zu schauen. Wie etwa von einem 100jährigen, der Marathon läuft oder einer Oma im Glitzer-T-Shirt und mit knallrosa gefärbten Haaren, die bei Partys auf Ibiza Musik auflegt. Diese Geschichten beweisen: das Leben ist längst nicht vorbei, wenn man ein gewisses Alter erreicht.
Ein fast interaktives Buch
Während ich den neuen Band von Alfred Schadt, „Vom Alter, Abschiednehmen und Erinnern. Gedanken eines 75jährigen” lese, der im lezten Jahr erschienen ist, erinnere ich mich an ein Straßencafe in Genova vor ein paar Jahren, wo ich mich mit einer italienischen Freundin getroffen hatte. Am Nebentisch saß eine fröhliche Runde von Frauen um die 80, alle elegant gekleidet und mit Perlenketten um den Hals. Sie hatten zum Kaffee auch je ein Glas Prosecco bestellt. Fast zwei Stunden lang unterhielten sie sich lebhaft über die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. „Das ändert sich nicht”, habe ich damals erleichtert bemerkt. „Auch mit 80 kann man noch ausgehen und Spaß mit seinen Freundinnen haben, wenn man das Glück hat, noch gesund zu sein”.
Dann musste ich an eine Reise nach Jordanien denken und an unseren Reiseleiter, der erklärte, dass es in seinem Land keine Altersheime gäbe, da alle älteren Leute von der Familie aufgenommen und bis zu ihrem letzten Tag gepflegt werden. Und wiedrum an Japan, wo vereinsamte Rentner in winzigen Wohnblockwohnungen mit einem Roboter namens Paro zusammenleben, der ein Haustier ersetzen soll.
All diese Erinnerungen und Gedanken kommen deshalb, weil das Buch von Alfred Schadt mit seinen knapp 70 Seiten etwas bewirkt, was nur wenige Bücher schaffen: es tritt in Dialog mit dem Lese rund schafft somit ein fast interaktives Erlebnis.
Man liest und erkennt in den Gedanken des Autors die eigenen Gedanken und Fragen. Man fühlt an manchen Stellen, dass man ein Buch über sich selbst liest, und das obwohl es über persönliche Erfahrungen des Autors spricht. Und wiederum an anderen Stellen muss man an seine eigenen Erfahrungen denken und merkt dass man sich, auch als jüngerer Leser, schon mehrmals im Leben dieselben Fragen gestellt hat: Ab wann bin ich alt? Wie werden alte Menschen in 100 Jahren aussehen? Wie lange kann man das Altern verzögern? Wird man in 50 Jahren einen 70jährigen von einem 30jährigen unterscheiden können? Wer bin ich? Was bleibt von mir? Woran werden sich die Menschen erinnern? Und indem er versucht, selbst auf diese Fragen zu antworten, schreibt der Leser sein eigenes Buch im Kopf.
Ein Buch, das Fragen aufwirft
In drei Kapiteln (Alter, Abschiednehmen, Erinnern), einem Epilog und einer Erzählung macht sich der Autor Gedanken zu Alter, Abschiednehmen und Erinnern und ergänzt diese Gedanken mit Zitaten aus Literatur, Kunst und Kultur. Dabei begleiten wir ihn auf eine Zeitreise durch sein eigenes Leben zwischen zwei Welten: Siebenbürgen und Deutschland.
Alfred Schadt wurde nach Rückkehr seiner Eltern aus der Russland-Deportation in
Bartholomae geboren und wuchs in der Stalinstadt der 50er Jahre auf. Nach dem Besuch der deutschen Abteilung des Șaguna-Lyzeums folgte ein Studium deutscher und rumänischer Philologie in Hermannstadt. 1972 erfolgte die Auswanderung nach Deutschland und ein Studium der Germanistik und Anglistik in Konstanz und Bristol. Nach mehreren Jahrzehnten als Lehrer an der Evangelischen Internatschule Schloss Gaienhofen zog er 2015 nach Berlin und leitete zehn Jahre lang die Redaktion der Neuen Kronstädter Zeitung. „Vom Alter, Abschiednehmen und Erinnern” ist das dritte Buch von Schadt nach Verba volant. Scripta manent. Erinnerungen” und „Kronstadt zwischen altvertraut und fremd“.
Auch wenn seine Erlebnisse individuell waren, werden sich sicherlich viele Leser in den Erfahrungen des Autors wiederfinden. Zum Beispiel, wenn er zugibt, dass er die Siebenbürgische Zeitung von hinten nach vorne liest und mit den Todesanzeigen beginnt, die er aufmerksam studiert. „Sind es Hochbetagte, habe ich ja noch viel Zeit, bei Jüngeren ist es Bedauern, bei Gleichalterigen jedoch ist e sein tiefer Schrecken, ganz besonders, wenn es auch noch ein mir bekannter Name ist”. Wie vielen Lesern wird es wohl auch so ergehen?
Wie wird man alt in einer Welt, die das Alter mit allen Mitteln bekämpft?
Eins ist klar. So wie auch der Autor bemerkt, altert man heute anders als die Generation zuvor. Wenn man das Rentneralter erreicht hat sind die Lebensziele alles andere als vorbei. Der Ruhestand sollte man als Chance sehen, aktiv Neues auszuprobieren. In einer Welt, wo man mit allen Mitteln versucht, das Alter zu bekämpfen, wo sich die Regale der Drogeriemärkte mit Anti-Aging Produkten füllen, Pharma-Industrie und Schönheitschirurgie die ewige jugnd versprechen und Sprüche entstehen wie „60 ist das neue 40” oder „Das Alter ist nur eine Zahl” verschwindet das klischeehafte Bild der alten Leute mit Krücke, die über Rückenschmerzen jammern, nach und nach. In Zukunft wird es höchstwahrscheinlich weniger Socken strickende und marmeladenkochende Großmütter geben. Sondern fallschirmspringende und marathonlaufende Personen, deren Alter man nur schwer einschätzen kann. Wie wird man in dieser Welt alt werden? Höchstwahrscheinlich wird das hohe Alter noch immer eine Zeit sein, in der Bilanz gezogen wird, in der man über sein bisheriges Leben viel öfter nachdenkt. In denen man sich immer mehr Fragen stellt. So wie Alfred Schadt: „Welches waren die entscheidenden Verkehrsknotenpunkte, an welchen Ampeln habe ich nicht gehalten? Man blickt auf die Wege, Umwege und Abwege die man gegangen ist, und stellt fest, dass vieles, was bisher endlos schien, nun endgültig vorbei ist“.
Das Buch „Vom Alter, Abschiednehmen und Erinnern“, Berlin 2025, 71 Seiten, 5,00 Euro, zzgl. Versandkosten, kann bei Alfred Schadt, Giselherstraße 19, 16321 Bernau, Telefon: (0160) 4375767, oder E-Mail: schadtalfred@gmail.com, bestellt werden.
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
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Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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