XXIX. Internationale Tagung der Kronstädter Germanistik
10.04.26
Konflikt und Identität: Politische Spaltungen und kulturelle Repräsentationen im europäischen Gegenwartsdiskurs
Vom 26. bis 28. März 2026 veranstaltete die Kronstädter Germanistik die XXIX. Internationale Tagung in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (Zweigstelle Kronstadt). Das Thema der diesjährigen Auflage lautete: “Konflikt und Identität: Politische Spaltungen und kulturelle Repräsentationen im europäischen Gegenwartsdiskurs”. Gleichzeitig fand auch das Treffen einer internationalen Gruppe („Europäische Begegnungen“), betreut vom Institut für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum, statt. So bot bereits der Donnerstagabend, 26. März, die Gelegenheit zur formellen Begegnung im Rahmen eines Workshops mit Interessierten, Studierenden und Hoterusschülern zum Thema „Ost vs. West? Oder Ost vs. Ost?“, der von Dr. Frank Hoffmann geleitet wurde.
Die offizielle Eröffnung der Tagung fand am Freitag um 9.00 Uhr in der Aula Sergiu T. Chiriacescu der Transilvania-Universität statt. Dr, Delia Cotârlea und der Dekan der Philologischen Fakultät, Dr. Adrian Lăcătuș und Dr. Frank Hoffmann vom Institut für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum begrüßten die Gäste herzlich.
Den Auftakt bildete der Vortrag von Dr. Harald Roth (Potsdam), der sich mit der Rezeption des deutschen Kulturerbes in Ostmitteleuropa auseinandersetzte. Im anschließenden Podiumsgespräch mit Dr. Mirjana Stančić (Zagreb), Dr. Frank Hoffmann (Bochum), Dr. Delia Cotârlea (Kronstadt) wurde der Umgang mit Kulturerbe kontrovers diskutiert. Anschließend referierte Thomas Șindilariu über die Geschichte und gegenwärtige Situation der Minderheiten in Rumänien, wobei er insbesondere die Lage der deutschen Minderheit im Kontext der aktuellen Staatspolitik in den Blick nahm.
In den darauffolgenden Sektionen standen Fragen politischer Kommunikation und kultureller Identitätsbildung im Mittelpunkt. Dr. Doris Sava (Hermannstadt) analysierte populistische Diskurse im Kontext der rumänischen Wahlen 2024, indem der Populismus als Konfliktphänomen und Identitätsideologie belegt wurden und schlussfolgernd dessen Effekte auf der politischen Bühne durch Beispiele illustriert. Dr. Maria Muscan (Konstanza) befasste sich ebenfalls mit dem soziopolitischen Sprachgebrauch, und zwar mit den Euphemismen als Manipulationsmittel im politischen Kontext. Die politische Kommunikation durch Wortbildung wurde von der Masterandin Ronja Engel (Oldenburg/Kronstadt) in die Diskussion eingeführt, wobei die Wortbildungsstrategien der heutigen politischen Bühne diachronisch mit der deutschen Geschichte analysiert wurden. Dr. Cecilia Vârlan (Konstanza) thematisierte letztendlich die Verbindung von Stimme, Identität und performativer Unsicherheit im Spannungsfeld zwischen Literatur und Unterricht.
Parallel dazu wurde im Rahmen der Sektion III „Varia“ im Raum UII 2 ein breites Spektrum an Themen behandelt, moderiert von Dr. Ioana Andreea Diaconu. Dr. Adina-Lucia Nistor (Jassy) eröffnete die Sektion mit einem Vortrag über amische Vornamen in den USA und stellte dabei die enge Verbindung zwischen sprachlicher Praxis, religiöser Identität und kultureller Tradition dar. Im weiteren Verlauf der Sektion präsentierte Dr. Claudia Șerbu (Kronstadt) Ansätze zur Integration von NLP-Techniken. Dr. Elena Ginghină (Hermannstadt) analysierte Humor als Spiegel gesellschaftlicher Rollenbilder. Dr. Laura Manea (Kronstadt) beleuchtete die Rezeption Ingeborg Bachmanns in rumänischen und deutschen Publikationen. Die Teilnehmenden erhielten dabei auch Einblicke in Bachmanns Leben und Werk sowie in die Rezeption und Übersetzung ihrer Texte in Rumänien. Ein besonderer Fokus lag auf ihrem Roman „Malina“ sowie auf ihren sprachkritischen Reflexionen im Kontext der Nachkriegszeit.
Die anschließenden Diskussionen boten Raum für Austausch zwischen den Vortragenden und dem Publikum. In der Feedbackrunde wurden zentrale Aspekte der Beiträge aufgegriffen und weitergeführt, wobei unter anderem auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Literatur und Bildung thematisiert wurde. Insgesamt erwies sich die Sektion als informativ und anregend und eröffnete vielfältige Perspektiven auf aktuelle Forschungsfragen.
Im Rahmen der Tagung wurde am Freitag eine literarisch-musikalische Performance präsentiert. Im Mittelpunkt der Darbietung standen ausgewählte Texte aus dem neuen Buch Albumbilder von Carmen E. Puchianu. Die musikalischen Elemente am Klavier, gespielt von Paul Christian, wurden eindrucksvoll kombiniert. So entstand eine dichte und atmosphärische Inszenierung.
Der Samstag begann mit einer Sektion zu historisch-literarischen Perspektiven europäischer Begegnungen. Dr. Péter Vágó (Budapest) thematisierte die Schlacht bei Mohács im Spannungsfeld von Erinnerungskultur und politischer Instrumentalisierung. Dr. Delia Cotârlea und Dr. Laura Karsch (Berlin) analysierten Formen von Erinnerung und Schweigen in literarischen Texten, während Dr. Selma Wagner (Berlin) Zugänge zur Darstellung von Vorgangsheitsformen in DaF-Lehrwerken präsentierte. Dr. Ioana Diaconu (Kronstadt) schloss die Sektion mit einer aktuellen Deutung literarischer Zukunftsvisionen des Schriftstellers Günter Grass ab.
Im parallel stattfindenden Doktorandenforum präsentierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ihre Forschungsprojekte, die sich unter anderem mit Gewaltgedächtnis, urbanen Räumen als Resonanzmedien sowie literarischen Darstellungen von Intimität und Gewalt beschäftigten. Besonders hervorgehoben wurde die Auseinandersetzung mit akademischer Identitätsbildung in mehrsprachigen Kontexten.
In der abschließenden Auswertung wurde deutlich, dass das Tagungsmotto „Konflikt und Identität“ aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurde – sowohl aus sprachwissenschaftlicher als auch aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Sicht. Die Beiträge zeigten, wie eng politische Diskurse, kulturelle Ausdrucksformen und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind.
Die XXIX. Internationale Tagung Kronstädter Germanistik erwies sich als vielseitiges Forum für den internationalen wissenschaftlichen Austausch. Die behandelten Themen unterstrichen die Aktualität und Relevanz des Tagungsmottos.
Die europäische Gruppe besuchte am Samstagnachmittag die Kirchenburg Tartlau und nahm an der Buchvorstellung des Bandes „Der Schwarze-Kirche-Prozess 1957/58. Erlebnisberichte und Dokumentation” im Festsaal des Demokratischen Forums teil.
Förderer der diesjährigen Auflage der Internationalen Tagung Kronstädter Germanistik waren die Michael-Schmidt-Stiftung und Selgros România.
Akulli Erina, Coroiu Daria, Madrea Maria Carmen, Petrescu Ruxandra Ines
Masterandinnen des Studienganges Interkulturelle Studien zur deutschen Sprache und Literatur an der Transilvania-Universität Kronstadt
Teilnehmer der Germanistiktagung in Kronstadt. Foto: privat
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
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Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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