Zwischen Tradition und Trend
20.03.26
Wie siebenbürgische Wurzeln Instagram erobern
Das Messer klopft rhythmisch auf das Holzbrett. Zwei Zwiebeln, einige Zehen Knoblauch. Hackfleisch und eingelegte Krautblätter liegen daneben bereit, ein Topf dampft leise auf dem Herd. „Probieren geht über Studieren“, sagt Oma Anna mit leicht rollendem „r“ und lacht, als wäre das die einfachste Wahrheit auf der Welt.
Sie ist 81 Jahre alt und hat ihr Leben lang gekocht – aus dem Kopf, ganz ohne Waage und ohne Eile. Wo früher höchstens die Kinder oder Enkelkinder zugeschaut haben, tun es heute tausende Menschen auf Instagram.
Vom Küchentisch ins Internet
Wenn Oma Anna Gemüse schneidet oder in der Suppe rührt, läuft oft eine Handykamera mit. Ihre Enkelin Stefanie Hartmann hat den Account zeit.mit.oma ins Leben gerufen und teilt dort die kurzen und dennoch inhaltsreichen Videos mit ihrer Oma, die den Großteil ihres Lebens in Siebenbürgen verbracht hat. Fast 100.000 Menschen folgen inzwischen dem Alltag einer Frau, die eigentlich nur das tut, was sie immer getan hat: kochen, gärtnern, draußen sein.
Die 81-Jährige wurde in Tobsdorf geboren, etwa 14 Kilometer von Mediasch. Nach ihrer Hochzeit zog sie nach Waldhütten. Heute lebt sie – wie die meisten Siebenbürger Sachsen – in Deutschland. Doch vieles, was sie aus ihrem früheren Leben mitgebracht hat, ist geblieben: der Geschmack von Salatsuppe, der Duft von Hanklich, die Gewohnheit, jeden Tag einen langen Spaziergang zu machen und im Garten zu arbeiten. Und nun gibt es das alles auch auf Video. In den Videos kocht Oma Anna Gerichte wie Grießklößchensuppe, Paprikasch oder Palukes. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt ein Beitrag über das Einlegen von Sauerkraut. Süßspeisen dürfen ebenfalls nicht fehlen – etwa Grießkoch oder Vogelmilch. Manchmal probiert sie auch Neues aus. So kocht sie einmal Krautwickel direkt in der Suppe mit – und es ist ein Erfolg.
„Über unsere Videos habe ich eigentlich gar nicht so viel nachgedacht“, antwortet sie auf die Frage nach ihrem Motto für den Account. „Es sind ja einfache Rezepte, die eigentlich jeder kochen kann.“ Gerade diese Einfachheit spricht viele Zuschauer an. In einer Zeit, in der traditionelle Ernährung wieder mehr Wert bekommt, interessieren sich viele Menschen für Gerichte, mit denen Familien über Generationen hinweg satt geworden sind – ohne Zusatzstoffe und mit wenig Industriezucker. Oma Anna kocht ohne genaue Mengenangaben, sie verlässt sich auf Erfahrung und Gefühl. „Man darf sich ruhig an Rezepte herantasten und auch nach Gefühl kochen“, sagt sie. „Man tut das rein, man tut jenes rein. Dann probiert man: braucht es noch Salz, braucht es noch Essig?“
Zwischen Gartenbeet und Erinnerungen
Neben der Küche taucht in vielen Videos auch ihr Garten auf. Dort bewegt sie sich mit derselben Ruhe wie am Herd. Die Beete, die Tomatenpflanzen, die Kompostkammer – alles hat seinen Platz und wird genutzt.
Sieben Jahre lang arbeitete Oma Anna in einem Gewächshaus in Elisabethstadt. Viel von dem, was sie dort gelernt hat, wendet sie noch heute an. In einem Video zeigt sie, wie sie eine Kompostkammer anlegt – ganz ohne Beet und ohne gekauften Dünger. Auch Eierschalen und Bananenschalen kommen in ihrem Garten zum Einsatz.
Manchmal entstehen auch Diskussionen in den Kommentaren. Zum Beispiel, wenn die 81-Jährige erzählt, dass sie im Herbst den Boden umgräbt – so, wie sie es in Siebenbürgen gelernt hat. Einige Zuschauer schreiben, dass man das heute nicht mehr machen müsse. Oma Anna erklärt, wieso sie es trotzdem tut – und die Pflanzen wachsen augenscheinlich auch so weiter.
Für sie selbst ist Gartenarbeit nichts Schweres. „Für mich ist das, was im Garten zu tun ist, keine Arbeit“, sagt sie. „Ich bin zu jeder Jahreszeit gerne draußen“. Das ist auch deswegen so, weil sie schon als Kind mit der Arbeit im Weinberg und auf dem Hof vertraut gemacht wurde.
In manchen Videos spricht Oma Anna siebenbürgisch-sächsisch. Für einige Zuschauer klingt der Dialekt vertraut und wird verstanden, für andere ist er neu. Unter einem der Beiträge schreibt eine Frau: „Ich verstehe alles. Das macht mich richtig sentimental. Das klingt nach meiner Kindheit.“ Vielleicht ist es genau das, was diese Videos besonders macht. Sie zeigen nicht nur Rezepte oder Gartentipps – sie zeigen Erinnerungen.
Ein neues Leben in Rumänien planen
So wie zeit.mit.oma gibt es auch weitere Menschen, die ihre siebenbürgischen Wurzeln in den sozialen Medien teilen. Ein Beispiel ist der Instagram-Account glow.with.bille, hinter welchem Sybille Rausch steht. Die 38-Jährige wuchs in Deutschland auf, als Tochter siebenbürgisch-sächsischer Eltern. Ihr Mann wurde noch in Mediasch geboren und spricht neben deutsch auch rumänisch. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern hat die Familie vor, nach Rumänien auszuwandern.
Für 2026 ist geplant, ein Haus am Stadtrand von Hermannstadt zu bauen, das Grundstück dafür haben sie bereits gekauft. Auf Instagram erzählt Sybille von den Vorbereitungen. Sie zeigt, wie sie Rumänisch lernt, traditionelle Gerichte kocht oder nimmt ihre Zuschauer bei Besuchen in Rumänien mit.
Immer wieder bekommt sie Fragen zu ihrer Entscheidung. Viele drehen sich um Vorurteile zu Rumänien. Für sie selbst hat die Entscheidung vor allem mit Lebensqualität zu tun – sie spricht von „mehr Leben und weniger Überleben“. Von der Natur vor der Haustür, vom schnellen Internet und Städten, die modern sind, ohne hektisch zu wirken und nah am komplett anders aussehenden Landleben gelegen sind. Seit einigen Jahren, sagt Sybille, fühlt sich jeder Aufenthalt in Rumänien ein bisschen so an, „als würde das Land sie rufen“. Die Menschen, die Mentalität, die Mischung aus Tradition und Gegenwart. „Für uns ist die Entscheidung gar nicht schwer“, erklärt sie. „Wir fühlen einfach, dass es richtig ist.“
Alltag in Kronstadt
Auch der Instagram-Account vor.lauter.freude zeigt ein Leben zwischen diesen zwei Welten. Seit rund zwei Jahren berichtet dort eine deutsche Familie aus ihrem Alltag in Kronstadt. Die zweifache Mutter teilt vor allem in der Story-Funktion kleine Momente, meist mit ihren Kindern: Ausflüge in der Natur, Tage im Kindergarten, die ersten rumänischen Wörter.
Dabei zeigt sie immer wieder auch die Vorteile des Lebens als Deutsche in Rumänien auf: Einkaufen wie gewohnt bei dm, deutsche Woche bei Lidl mit Weißwurst und süßem Senf sowie deutschsprachige Angebote für Kinder sind nur einige davon. Auch kommt die einzigartige Natur Siebenbürgens in den Videos durch. So begeistern Storchennester, canyon-artige rote Felsen und Bären auf der Fogarascher Hochstraße die Follower.
„Ja, wir sind freiwillig nach Rumänien gezogen“, antwortet auch sie auf Fragen zum Land selbst. Ihr Mann habe hier in dem Werk der Firma, für die er arbeitet, eine leitende Position in Kronstadt übernommen und dadurch der Umzug (auf Zeit). „Ja, uns gefällt es sehr gut hier! Ich bin selbst überrascht, wie gut es uns gefällt“, erklärt sie weiter.
Die rumänische Kultur kommt ebenfalls nicht zu kurz in den Videos: Marktbesuche mit buntem Obst und Gemüse, Besuche in traditionellen Restaurants und Feste wie „Junii Brașovului“ sind auch auf dem Account zu finden.
Für die Zuschauerschaft öffnen solche Videos ein Fenster; sie zeigen, wie ein Alltag in Rumänien aussehen kann – jenseits von Klischees.
Tradition findet ihren Platz im digitalen Raum
Viele Nachkommen der Siebenbürger Sachsen sind heute in Deutschland aufgewachsen. Doch eine Verbindung zu Siebenbürgen bleibt oft bestehen. Bei einigen zeigt sie sich in großen Lebensentscheidungen – in einem Hausbau, einem neuen Leben zwischen zwei Ländern. Manchmal aber auch nur in kleinen Dingen: im Geschmack eines Gerichts, in einem Dialekt, der plötzlich wieder vertraut klingt. Oder in Erinnerungen an eine Küche, in der jemand „Probieren geht über Studieren“ sagt.
Der digitale Raum ersetzt keine lebendige Kultur, aber er kann sie sichtbar machen. Gerade für jüngere Generationen, die keinen direkten Zugang mehr zu Großeltern oder Heimatvereinen haben, wird Instagram zu einem Mittel, in diese Welt einzutauchen – eine Welt, die sonst mehr und mehr verloren gehen könnte. Die Frage ist längst nicht mehr, ob siebenbürgische Tradition in die Gegenwart passt – sondern wie selbstverständlich sie dort bereits angekommen ist. Diese Videos und Beiträge auf Instagram machen sichtbar, was sonst leicht verloren gehen könnte: Wissen, Gewohnheiten, Stimmen.
Und während Oma Anna am Herd steht und die Suppe abschmeckt, schaut irgendwo jemand auf sein Handy – vielleicht in Deutschland, vielleicht in Rumänien – und denkt für einen Moment an seine eigene Großmutter. Manchmal reicht genau das, um eine Brücke zwischen früher und heute zu schlagen.
Bernice Krech-Litoiu
Oma Anna mit Enkelin Stefanie: die Gesichter hinter dem Account zeit.mit.oma
Foto: privat
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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