“Das darf man zwar nicht schreiben, aber es war schön”
30.10.26
Presseseminar der Siebenbürgischen Zeitung in München
Es ist Samstag Nachmittag. Eine gemischte Gruppe von Leuten bekommt einen gedruckten Zettel in die Hand. Darauf steht eine Ankündigung für eine Adventsfeier. Dieser Text muss gekürzt, umgeschrieben und in eine Zeitungsannonce verwandelt werden. Diese sollte auf die Fragen „Wer? Wo? Wann?“ antworten, knapp und informativ sein und auf unnötige Details sollte man beim Verfassen verzichten.
„Hier steht: Der Nikolaus wird für glänzende Kinderaugen sorgen. Das können wir ganz wegstreichen. Denn- von wo wissen wir, dass sich alle Kinder freuen werden? Manche haben doch Angst vor dem Nikolaus“, meint SbZ-Redakteurin Doris Roth, die den Presseworkshop leitet. Außerdem erfuhren die Teilnehmer, dass man in einem Zeitungsartikel nicht schreiben sollte, dass eine Veranstaltung “schön” war. Am besten ist, die Veranstaltung so zu beschreiben, dass die Leser merken, es war schön.
Auch im Workshop davor gab es praktische Arbeiten. Jeder Teilnehmer bekam zwei Nachrichten und sollte den Protagonisten dieser Nachrichten je acht Fragen für ein potentielles Interview stellen. Alle Fragen wurden vorgelesen und in der Gruppe diskutiert.
Ein Netzwerk, auf das sich die Zeitung stützt
Unter dem Titel „Mit und für die Siebenbürgische Zeitung“ fand vom 16. bis 18. Oktober in der Münchner Bundesgeschäftsstelle des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland das Pressereferentenseminar statt, zu dem das Verbandsblatt und das Bundeskulturreferat eingeladen hatten. Drei Tage lang befassten sich etwa 30 ehrenamtlichen Pressereferenten des Verbandes und freien Mitarbeiter der Siebenbürgischen Zeitung (SbZ) mit journalistischen Grundlagen. Die Pressereferenten berichten ehrenamtlich aus den jeweiligen Landesgruppen, Kreisgruppen und Heimatortsgemeinschaften (HOG) über das Verbandsleben. Zu ihren Hauptaufgaben gehören die Berichterstattung vor Ort (sie schreiben Berichte für die Zeitung aus den lokalen Kreisgruppen, Nachbarschaften und Heimatortsgemeinschaften), Öffentlichkeitsarbeit (sie halten Kontakt zwischen der Redaktion in München und der Basis des Verbandes) und die Vermittlung von Terminen (sie liefern Informationen zu anstehenden Festen oder Kulturveranstaltungen). Die Texte und Berichte, die sie einreichen, werden von der Redaktion redigiert und veröffentlicht.
Obwohl sie keine journalistische Ausbildung haben, sind alle Pressereferenten bereit, Neues zu lernen und es macht ihnen Spaß. In den drei Tagen erfuhren sie unter anderen welche Arten von Fragen man in einem Interview stellen kann, was der Unterschied zwischen einer Nachricht und einem Bericht ist, aus welchen Winkeln man am besten Portraits fotografiert, an welchen Orten der Welt die Siebenbürgische Zeitung gelesen wird, aber auch welche Themenschwerpunkte in der Karpatenrundschau in der nächsten Zeitspanne anstehen. Während der drei Tage wurde immer wieder deutlich, wie wichtig ihre Arbeit ist, um den Kontakt zwischen den vielen Kreisgruppen und Gemeinschaften lebendig zu halten.
Journalistische Grundlagen erlernen
Zum Seminarauftakt am Freitag Nachmittag stellten Chefredakteur Siegbert Bruss und Kulturreferentin Dagmar Seck die Referentinnen und Referenten vor und führten jeweils kurz in die Themen der einzelnen Beiträge ein. Bruss stellte dann die aktuellen Aufgaben und Herausforderungen der SbZ vor. Man erfuhr interessante Fakten über die Entstehungsgeschichte, aber auch wirtschaftliche Aspekte.
Am Samstagvormittag wurden die Pressereferenten in die Arbeit der Redaktion der Karpatenrundschau eingeweiht. Es war eine Vorstellung der wichtigsten Meilensteine in der fast sechzigjährigen Geschichte der Zeitung- die Teilnehmer erfuhren von der ersten Nummer, die im Frühjahr 1968 erschienen ist, als in Kronstadt die erste Auflage des Schlagerfestivals Der Goldene Hirsch stattfand, von der Redaktionsarbeit zur Zeit des Kommunismus, vom Umbruch im Jahr 1990 und der massiven Auswanderung der Leser, vom kritischen Moment im Jahr 2008, als das Erscheinen der Zeitung fast eingestellt wurde, von Herausforderungen wie der Corona-Lockdown im Jahr 2020 und die Suche nach einem neuen Kollegen/einer neuen Kollegin im Jahr 2025. Ebenfalls wurden die wichtigsten Themenschwerpunkte und Prioritäten der Zeitung vorgestellt: Reportagen aus Dörfern in der Umgebung von Kronstadt, wo es neue Initiativen zum Erhal des Kulturerbes gibt, Interviews mit Rückkehrern/Einwanderern aus Deutschland, die sich ein neues Leben in Rumänien aufgebaut haben, Vorstellung von erfolgreichen Honterus-Absolventen und Social Media-Accounts mit siebenbürgisch-sächsischer Thematik und auch das Herzensprojekt der Redaktion- die Fotoreportagenreihe aus dem Szeklerland, die wir hoffentlich im nächsten Jahr auch in Buchform herausgeben werden. Ebenfalls wird geplant, zum Anlass des 60jährigen Jubiläum der Zeitung das gesamte KR-Archiv zu digitalisieren.
Nützliche Tipps für Online-Artikel, Interviews und Fotos
Günther Krauss, einer der Webmaster von www.siebenbuerger.de, gab nützliche Tipps für Online-Artikel auf dem Programm. Der stellvertretende Chefredakteur Christian Schoger referierte zum Thema „Personeninterview als journalistische Darstellungsform“. Anschließend erstellten die Teilnehmer eigene Fragen für potentielle Interviews. Anschließend vermittelten Anzeigenleiterin und SbZ-Redakteurin Doris Roth und Chefredakteur der Neuen Kronstädter Zeitung Detlef Schuller Grundlagen der Textarbeit beziehungsweise der Entstehung einer Zeitungsseite. Dabei wurde auch praktisch gearbeitet.
Am Sonntag Vormittag bot Manuel Krafft, stellvertretender Bundesjugendleiter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD), einen interessanten Vortrag zum Thema Bilder und Fotografieren an. Neben praktischen Tipps zum Fotografieren wurden rechtliche Grundlagen sowie Fragen rund um die Verwendung und Archivierung von Fotos erläutert und diskutiert- denn Bilder sind immer ein wichtiger Bestandteil der Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung. Das Seminar endete mit einer Schlussdiskussion und einer Feedback-Runde von allen Beteiligten.
Jeder Artikel ist ein Beitrag zum Erhalt der Gemeinschaft
In knapp zweieinhalb Tagen hatte man die Gelegenheit, nicht nur viel zu lernen, sondern- was auch sehr wichtig ist- Gleichgesinnte zu treffen und die Gesichter hinter den Zeitungsartikeln kennenzulernen. Die Pausen mit köstlicher Ciorbă de perișoare und hausgemachtem Kuchen, aber auch das gemeinsame Abendessen in einer bayerischen Gaststätte boten die perfekte Gelegenheit zum Austausch und zum Knüpfen von Kontakten. Dass das Presseseminar so erfolgreich war lag mit Sicherheit auch an der freundlichen und offenen Atmosphäre: auch wenn man anfangs fast niemanden kannte, wurde das Eis schnell gebrochen und niemand fühlte sich befangen, Fragen zu stellen und frei vor der Gruppe zu sprechen.
20 Ausgaben der Siebenbürgischen Zeitung erscheinen in jedem Jahr. Das wäre ohne das große und gut organisierte Netzwerk von Pressereferenten nicht möglich. Hinter jeder Nummer der Zeitung steckt enorm viel Arbeit und Hingabe. Der Großteil dieser Arbeit wird von Freiwilligen gemacht, die oft ihre Freizeit opfern um Zeitungsartikel über die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft zu schreiben. Mit ihrer Arbeit tragen sie dazu bei, dass die Gemeinschaft weiterhin besteht und zusammenhält.
Nach den drei Presseseminartagen war das folgende Feedback eines Teilnehmers besonders aussagekräftig: „Wir dürfen zwar nicht sagen, dass es schön war, denn das schreibt man ja nicht in die Zeitung, wir haben das gestern gelernt. Aber trotzdem war es schön“.
Elise Wilk
Textarbeit-Workshop mit Doris Roth. Fotos: Christian Schoger
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
Herausgeber: Demokratisches Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt
Redaktion: 500.030 Braşov, Str. GH. Baiulescu 2,
Fernruf und Telefax: 0040 -(0)268/475 841,
E-Mail:kronstadt@adz.ro
Schriftleiter: Elise Wilk.
Redaktuere:Ralf Sudrigian, Hans Butmaloiu, Christine Chiriac (Redakteurin, 2009-2014), Dieter Drotleff (Redaktionsleiter 1989 - 2007)
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