Der schöpferische Drache
30.10.26
Raluca Țincăs Ausstellung „Balaur“ im INSPIRATIO
Wer dieser Tage durch den Hof der Schwarzen Kirche spaziert, wird mit Sicherheit auf das bunte Plakat aufmerksam, das Raluca Țincăs Ausstellung „Balaur“ in der INSPIRATIO-Kunstgalerie ankündigt. Eine Keramikmaske mit blauen Augen, eine knallrote Nase, orange Lippen und gelbe Hörner. Auf dem runden, weißen Gesicht sind Hügel und Häuser gezeichnet, Vögel und Sterne - eine ganze Landschaft, ein ganzes Universum. Schon das Plakat lädt zum Spielen, Nachdenken und Entdecken ein.
Im koketten Ausstellungsraum hängen mehrere farbenfrohe Keramikmasken mit verschiedenen Gesichtsausdrücken an den Wänden. Aus der Mythologie inspirierte Erscheinungen sind auch auf Tapisserien aus gefilzter Wolle zu sehen. Quasten und Glöckchen schmücken die Arbeiten ebenso wie archaische und folkloristische Symbole: der Lebensbaum, das schützende Auge oder die Horizontlinie – jener Ort, an dem sich Erde und Himmel berühren und an dem alte Bräuche und Überlieferungen ihren Ursprung haben. Diese Motive finden sich auch in den Ornamenten der traditionellen Pelzmäntel (Cojoace) wieder, die bei den winterlichen Maskenumzügen in der Moldau getragen werden. Dort wurden Bräuche wie die Ziegen- und Bärentänze sowie die Tradition der maskierten Volkstheater erhalten.
Raluca Țincă überträgt den Geist der Festumzüge und der Feiertage des Gebiets, wo sie aufgewachsen ist, in künstlerischer Form, interpretiert diese Motive durch eine zeitgenössische bildnerische Sprache neu. In ihren Masken begegnen sich das Groteske und das Spielerische, das Archaische und das Heimische. Was einst böse Geister und Unglück vertreiben sollte, wird bei ihr zu einer farbenfrohen, eigenwilligen künstlerischen Ausdrucksform. Es ist eine Freude, sich in diesem Spannungsfeld zwischen dem Unbeschwerten und dem Sakralen zu bewegen, zwischen Vertrautem und Beunruhigendem.
Wer bist du?
„Wer bist du, wenn du die Maske aufsetzt? Wer erlaubst du dir zu sein, wenn du den Drachen in dir befreist?“, lautet die Einladung der Künstlerin. Die Besucher sind eingeladen, sich im Ausstellungsraum eine Wollmaske aufzusetzen und dabei über ihre eigene Identität nachzudenken – vielleicht auch über das fragile Gleichgewicht zwischen dem Menschen, der sie sind, und dem urzeitlichen Wesen, das in ihnen schlummert.
„‚Balaur‘ ist mehr als nur eine Ausstellung. Es ist meine künstlerische Reife”, sagt sie. „Ich habe bemerkt, dass mein künstlerisches Schaffen sich um den Hügel mit Häusern, Zaun, Vögeln, Pferden, Hunden, Fischen, Hasen aus Vaslui kristallisiert hat“.
Die konkreten Bilder ihrer Kindheit in der bäuerlich geprägten Welt von Vaslui dienten schon immer als Inspiration und sie werden in ihren Arbeiten zu archetypischen Symbolen. Der mythische Kosmos der rumänischen Volkskunst wird in eine zeitgenössische, beinahe magische Bildsprache übersetzt.
Gleichzeitig ist die Ausstellung auch „eine persönliche Reife. Immer habe ich nach dem Sinn des Lebens anderswo gesucht: in Bukarest, im Ausland, als Künstlerin. Nun habe ich akzeptiert, dass ich eine kleine Wilde aus Vaslui bin und ich nichts anderes suchen muss.“
Kronstädter Mini-Häuser
Raluca Țircă selbst ließ den Drachen in ihr vor Jahren heraus. Damals entschied sie sich, ihre Arbeitsstelle als Tierärztin einzustellen, um Kunst zu schaffen. Schon als Kind zeichnete sie gerne, schaute ihrer Großmutter beim Flechten zu. Später dann fertige sie Schmuck aus Glas und Keramik an, bis sie 2011 nach Kronstadt zog und die bunten Häuser der Stadt für sich entdeckte. „Ceasu Rau“ war das erste Gebäude, das sie beeindruckte - das Design eines Hauses an einer Kreuzung. Auch das Blaue Haus im Honterushof und weitere Bauwerke im Stadtzentrum weckten ihr Interesse. Aus diesen Entdeckungen entstanden keramische Miniaturen und schließlich ihre inzwischen bekannte Marke „Little Houses“ (Kleine Häuser). Die stilisierten, bunten Kronstädter Häuser sind heute in Souvenir- und Manufakturläden sowie in Buchhandelsketten im ganzen Land erhältlich.
Eine Geschichte überall
„Ich bewundere den Minimalismus, aber ich brauche Farben und in jeder Ecke eine Geschichte“, erklärt die Künstlerin in ihrer Werkstatt gegenbüer der Blumenauer Kirche, in der Cantacuzino-Straße Nr. 2. In einem der Räume hat eine kleine Mäusefamilie aus Ton ihren Platz gefunden. Ihre Geschichte möchte Raluca Țircă auch für ihre Tochter aufschreiben. Zwei lustige Wollfiguren sitzen neben einem Stapel Kinderbücher - sie sind die Hauptpersonen des Buchs „Woolie“, das sie für ihren Erstgeborenen geschrieben hat. Gedanken hat sie auch in Verse zusammengefasst: Im Band „Fata Arbore“ begleiten Illustrationen von Alexandra Radu die Verse der Kunstschaffenden.
Raluca Țircă drückt sich in vielen Weisen aus, sei es durch Ton, Wolle, Papier, Fotografie oder durch Lyrik. Und immer sind ihre Arbeiten bunt und voller Leben. Sie verbindet eine unverkennbare Handschrift: die Liebe zu Farben, zu Geschichten und zu einer Welt, in der das Alltägliche und das Magische selbstverständlich nebeneinander bestehen.
„Ich mache, was ich gerade fühle, wonach mir ist“. Müsste sie allerdings von allen Ausdrucksformen wählen - ihr Favorit bleibt Ton. Mit Fliesen, Porzellan, Keramik zu schaffen, so fühlt sie sich am besten. Die Masken und Wollteppiche bei INSPIRATIO sind noch bis zum 20. November zu sehen.
Laura Căpățână Juller
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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