Zwischen Königskrone und Glaubenssuche
30.10.26
Eugenia Johrend: „Die spirituelle Reise einer Königin – Maria von Rumänien. Königin und Bahá’í“
Eine Königin, die sich für verwundete Soldaten einsetzt, bei politischen Verhandlungen für ihr Land eintritt und schließlich in einer neuen Religion eine geistige Heimat findet: Maria von Rumänien war eine Frau, deren Leben weit über die repräsentativen Pflichten einer Monarchin hinausging. In „Die spirituelle Reise einer Königin“ (Erzählverlag) widmet sich Eugenia Johrend einer Persönlichkeit, deren öffentliche Verantwortung eng mit ihrer persönlichen Suche nach Sinn verbunden war. Das Buch ist die erste deutschsprachige Biografie, die Marias spirituelle Entwicklung und schließliche Hinwendung zum Bahá’í-Glauben ausführlich behandelt. Johrend stützt sich auf historische Korrespondenzen, Tagebucheinträge und erstmals ins Deutsche übertragene Dokumente aus dem Internationalen Bahá’í-Archiv in Haifa.
Eine Kindheit zwischen Europa und ein Leben im Zeichen der Pflicht
Maria wurde 1875 als Prinzessin Marie von Edinburgh geboren. Als Enkelin der britischen Königin Victoria und des russischen Zaren Alexander II. wuchs sie in einer von dynastischen Verbindungen geprägten Welt auf. Mit der Heirat des späteren Königs Ferdinand I. von Rumänien begann für Maria ein neuer Lebensabschnitt in einem ihr fremden Land. Ihre privilegierte Herkunft bewahrte sie jedoch nicht vor Einsamkeit und eingeschränkter persönlicher Freiheit. Ihre Ehe beruhte weniger auf romantischer Leidenschaft als auf Pflicht und einer allmählich gewachsenen Freundschaft; aussereheliche Liebschaften beider Partner belasteten das gemeinsame Leben. Johrend zeichnet nach, wie Maria dennoch eine eigenständige Rolle entwickelte: Durch ihre kommunikative Stärke und ihr Gespür für Menschen gestaltete sie ihren Platz in einer von strengen Regeln bestimmten Welt selbstbewusst.
Mitgefühl als politische Kraft
Eine entscheidende Bewährungsprobe brachte der Erste Weltkrieg. Rumänien litt schwer unter den Kriegsfolgen, und Maria stellte sich an die Seite der Bevölkerung: Sie besuchte verwundete Soldaten, unterstützte Lazarette und arbeitete selbst als Krankenschwester. Dieser Einsatz prägte ein neues Bild von Monarchie, das nicht auf Zeremonien, sondern auf praktischer Hilfe beruhte. Johrend verbindet diesen Abschnitt mit Marias späterer spiritueller Entwicklung, da ihr soziales Engagement lange vor ihrer Begegnung mit dem Bahá’í-Glauben, der für Frieden zwischen allen Menschen einsteht, sichtbar war. Auch politisch gewann Maria an Bedeutung. Nach dem Krieg setzte sie sich bei den Friedensverhandlungen in Paris für die Interessen Rumäniens ein, was wesentlich zur Entstehung von Großrumänien beitrug. Neben ihrer öffentlichen Rolle beleuchtet das Buch Maria als Mutter – insbesondere die enge Beziehung zu ihrer Tochter Ileana, die oft die Einzige zu sein schien, die sie wirklich verstand.
Martha Root und die Begegnung mit dem Bahá’í-Glauben
Den Schwerpunkt des Buches bildet Marias Hinwendung zum Bahá’í-Glauben, der im 19. Jahrhundert von Bahá’u’lláh begründet wurde und die Einheit der Menschheit sowie den Weltfrieden betont. Im Januar 1926 suchte die amerikanische Bahá’í-Lehrerin Martha Root den Kontakt zur Königin und ließ ihr religiöse Schriften zukommen. Nach intensiver Lektüre lud Maria Root in den Bukarester Cotroceni-Palast ein. Aus diesem Treffen entwickelte sich ein langjähriger geistiger Austausch. Maria nutzte ihre internationale Bekanntheit, um die Lehren zu verbreiten – unter anderem durch Veröffentlichungen in nordamerikanischen Zeitungen. Kriegserfahrungen, politische Verantwortung und persönliche Enttäuschungen hatten ihren Blick geprägt; die Idee einer gemeinsamen geistigen Grundlage der Menschheit bot ihr Orientierung jenseits dynastischer Pflichten. Die Autorin behandelt auch Marias spätere Lebensjahre bis zu ihrem Tod 1938 und beleuchtet die geplante, aber nicht wie erhofft zustande gekommene Pilgerfahrt ins Heilige Land.
Eine Biografie mit vielen Quellen – und einer besonderen Perspektive
Zu den Stärken des Buches gehört seine breite Quellenbasis. Besonders die Dokumente aus dem Bahá’í-Archiv in Haifa erweitern die Perspektive auf Königin Maria und ordnen ihr Leben zugleich in die rumänische Geschichte ein. Die ausführliche Wiedergabe der Originaltexte vermittelt einen unmittelbaren Eindruck von Marias Gedankenwelt, kann den Lesefluss jedoch stellenweise erschweren. Wer eine rein modern erzählte Biografie erwartet, dürfte sich gelegentlich mehr zusammenfassende Einordnungen oder auch genauere Erläuterungen der Glaubenssätze der Bahá’í-Religion wünschen.
Fazit: Eine Königin, die mehr suchte als Macht und Anerkennung
„Die spirituelle Reise einer Königin“ zeigt eine Frau zwischen königlicher Herkunft und persönlicher Einsamkeit, öffentlicher Verantwortung und spiritueller Suche. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen Marias Einsatz für Menschen in Not und ihrer Hinwendung zu einer Religion, die Frieden und Einheit betont. Das Buch richtet sich damit an alle, die sich für europäische Geschichte, das rumänische Königshaus, Frauengeschichte oder den Bahá’í-Glauben interessieren.
Bernice Krech-Lițoiu
Die Kronstädter Wochenschrift "Karpatenrundschau" erscheint als Beilage in der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien".
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